The Project Gutenberg eBook, Der Mann im Mond, by Wilhelm Hauff


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Title: Der Mann im Mond

Author: Wilhelm Hauff

Release Date: September 13, 2004  [eBook #13451]

Language: German

Character set encoding: ISO-646-US (US-ASCII)


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM MOND***


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DER MANN IM MOND

oder Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme

Nebst der Kontrovers-Predigt ueber H. Clauren und den Mann im Mond

von WILHELM HAUFF







INHALT.


ERSTER TEIL.

Der Ball
Ida
Schoene Augen
Der Fremde
Die Kirche
Das Souper
Das Urteil der Welt
Der Kotillon
Die Beichte
Das Dejeuner
Der Brief
Operationsplan
Die Mondwirtin
Der polnische Gardist
Der Hofrat auf der Lauer
Der selige Graf
Gute Nachricht
Der lange Tag
Der Tee
Das Staendchen
Die Freilinger
Feindliche Minen
Geheime Liebe
Emils Kummer
Der selige Berner
Entdeckung


ZWEITER TEIL.

Die Heilung
Neue Entdeckung
Das _Tete-a-tete_
Das Unkraut im Weizen
Das Unkraut waechst
Truebe Augen
Die Graefin agiert
Eifersucht
Der neue Nachbar
Trau--schau--wem?
Der Gram der Liebe
Feine Nasen
Der Herr Inkognito
Emil auf der Folter
Der Rittmeister
Unschuld und Mut
Noch einmal zieht er vor des Liebchens Haus
Das Duell
Fingerzeig des Schicksals
Licht in der Finsternis
Reue und Liebe
Versoehnte Liebe
Die Freiwerber
Fortsetzung der Freier
Die Soiree
Die Braut
Praeliminarien
Zuruestungen
Hochzeit
Der Schmaus
Schluss
Nachschrift
Kontrovers-Predigt



ERSTER TEIL.



DER BALL.

UEber Freilingen lag eine kalte, stuermische Novembernacht; der Wind
rumorte durch die Strassen, als sei er allein hier Herr und Meister
und eine loebliche Polizeiinspektion habe nichts ueber den Strassenlaerm
zu sagen. Dicke Tropfen schlugen an die Jalousien und mahnten die
Freilinger, hinter den warmen Ofen sich zu setzen waehrend des
Hoellenwetters, das draussen umzog. Nichtsdestoweniger war es sehr
lebhaft auf den Strassen; Wagen von allen Ecken und Enden der Stadt
rollten dem Marktplatz zu, aus welchem das Museum, von oben bis unten
erleuchtet, sich ausdehnte.

Es war Ball dort, als am Namensfest des Koenigs, das die Freilinger,
wie sie sagten, aus purer Gewissenhaftigkeit nie ungefeiert
vorbeiliessen. Morgens waren die Milizen ausgerueckt, hatten praechtige
Kirchenparade gehalten und kuemmerten sich in ihrem Patriotismus wenig
darum, dass die Dragoner, welche als Garnison hier lagen, sie laut
genug bekrittelten. Mittags war herrliches Diner gewesen, an welchem
jedoch nur die Herren Anteil genommen und solange getrunken und
getollt hatten, bis sie kaum mehr mit dem Umkleiden zum Ball fertig
geworden waren.

Auf Schlag sieben Uhr aber war der Ball bestellt, dem die Freilinger
Schoenen und Nichtschoenen schon seit sechs Wochen entgegengeseufzt
hatten. Schoen konnte er diesmal werden, dieser Ball; hatte ihn doch
Hofrat Berner arrangiert, und das musste man ihm lassen, so viele
Eigenheiten er sonst auch haben mochte: einen guten Ball zu
veranstalten, verstand er aus dem Fundament.

Die Wagen hatten nach und nach alle ihre koestlichen Waren entladen;
die Damen hatten sich aus den neidischen Huellen der Pelzmaentel und
Schals herausgeschaelt und sassen jetzt in langen Reihen, alle in
unchristlichem Wichs, an den Waenden hinauf. Es war der erste Ball in
dieser Saison. Der Landadel hatte sich in die Stadt gezogen, Kranke
und Gesunde waren aus den Baedern zurueckgekehrt; es liess sich also
erwarten, dass das Neueste, was man ueberall an Haarputz und Kleidern
bemerkt und in feinem, aufmerksamem Herzen bewahrt hatte, an diesem
Abend zur Schau gestellt werden wuerde. Daher fuellte die erste halbe
Stunde eine Musterung der Coiffueren und Girlanden, und das Bebbern
und Wispern der rastlos gehenden Maeulchen schnurrte betaeubend durch
den Saal. Endlich aber hatte man sich satt geaergert und bewundert und
fragte ueberall, warum der Hofrat Berner das Zeichen zum Anfang noch
nicht geben wolle.

Das hatte aber seine ganz eigenen Gruende; man sah ihm wohl die Unruhe
an; aber niemand wusste, warum er, ganz gegen seine Gewohnheit,
unruhig hin- und herlaufe, bald hinaus auf die Treppe, bald herein
ans Fenster renne. Sonst war er Punkt fuenf Uhr mit seinem Arrangement
fertig gewesen und hatte dann ruhig und besonnen den Ball eroeffnet;
aber heute schien ein sonderbarer Zappel das freundliche Maennchen
ueberfallen zu haben.

Nur _er_ wusste, warum alles warten musste; keinem Menschen,
soviel man ihn auch mit Schmeichelwoertchen und schoenen Redensarten
bombardierte, vertraute er ein Sterbenswoertchen davon; er laechelte
nur still und geheimnisvoll vor sich hin und liess nur hie und da ein
"werdet schon sehen"--"man kann nicht wissen, was kommt" fallen.

Wir wissen es uebrigens und koennen reinen Wein darueber einschaenken:
Praesidents Ida war vor wenigen Stunden aus der Pension zurueckgekommen;
er, der alte Hausfreund, war zufaellig dort, als sie ankam; er hatte nicht
eher geruht, bis sie versprochen hatte, das ganze Haus in Alarm zu
setzen, das Blondenkleid, in welchem sie bei Hofe war praesentiert
worden, ausbuegeln zu lassen und auf den Ball zu kommen. Wie spitzte
er sich auf die langen Gesichter der Damen, auf die freundlichen Blicke
der Herren, wenn er die wunderschoene Dame in den Saal fuehren wuerde;
denn _kennen_ konnte sie im ersten Augenblicke _niemand_.

Wo hatte nur das Maedchen die Zeit hergenommen, so recht eigentlich
bildhuebsch zu werden? Als sie vor drei Jahren abreiste, wie
besorglich schaute da der gute Hofrat dem Wagen nach! Er hatte sie
auf dem Arm gehabt, als sie kaum geboren war; bis zu ihrem
vierzehnten Jahre hatte er sie alle Tage gesehen, hatte sie frueher
auf dem Knie reiten lassen, hatte sie nachher, trotz dem Schmollen
der Praesidentin, zu allen tollen Streichen angefuehrt. Er liebte sie
wie sein eigenes Kind; aber er musste sich vor drei Jahren doch
gestehen, dass ihm angst und bange sei, was aus dem wilden Ding werden
solle, das man da in die Residenz fuehre, um sie menschlich zu machen.

Denn wollte man ein Maedchen sehen, das zur Jungfrau und fuers Haus
voellig verdorben schien, so war es Praesidents Wildfang; einen solchen
Unband traf man auf zwanzig Meilen nicht. Kein Graben war ihr zu
breit, kein Baum zu hoch, kein Zaun zu spitzig; sie sprang, sie
klimmte, sie schleuderte trotz dem wildesten Jungen; hatte sie doch
selbst einmal heimlich ihren Damensattel auf den wilden Renner ihres
Bruders, des Leutnants, gebunden und war durch die Stadt gejagt, als
sollte sie Feuer reiten! Dabei war sie mager und unscheinbar, scheute
vor jeder weiblichen Arbeit, und der einzige Trost der gnaedigen Mama
war, dass sie Franzoesisch plappere wie ein Staerchen und dass, trotz
ihrem Umherrennen in der Maerzsonne, ihr Teint dennoch trefflich
erhalten sei.

Aber jetzt--!

Nein, was war mit diesem Maedchen in den kurzen drei Jahren eine
Veraenderung vorgegangen! Wenigstens um einen Kopf war sie gewachsen,
alles an ihr hatte eine Rundung, eine zarte Fuelle bekommen, die man
sonst nicht fuer moeglich gehalten haette; das Haar, das sonst, wie oft
man es auch kaemmte und an den Kopf hinsalbte, der wilden Hummel in
unordentlichen Straengen und Locken um den Kopf flog, war jetzt der
herrlichste Kopfputz, den man sich denken konnte. Die Augen waren
glaenzender, und doch fuhren sie nicht, wie ehemals, wie ein
Feuerraedchen umher, alles anzuzuenden drohend. Die Wangen bedeckte ein
feines Rot, das bei jedem Atemzug in alle Schattierungen von zartem
Rosa bis ins Purpurrot wechselte; das liebe Gesichtchen war oval und
hatte eine Wuerde bekommen, ueber die der staunende Hofrat laecheln
musste, so sehr er sie bewunderte.

Dieses Goetterkind, diesen Ausbund von Liebenswuerdigkeit, erwartete
der Hofrat; dem guten alten Junggesellen pochte das Herz beinahe
hoerbar, wenn er an sein Gold-Idchen dachte. Wie musste sie erst im
Ballkleide aussehen, wenn sie ihn in dem Reiseueberroeckchen und in der
Haube _a la jolie femme_ beinahe naerrisch machte; wie musste
sie erst strahlen, wenn sie, wie sie ihm versprochen, die Haare nach
dem allernagelfunkelneuesten Geschmack, die schoene Stirne und
den schlanken Hals, die wie aus Wachs geformten Partien, welche
die handbreiten Bruesseler Kanten umziehen sollten, mit dem
Amethystschmuck schmueckte, den sie von ihrer Pate, der Fuerstin
Romanow, geschenkt bekommen hatte. Ihm, ihm hatte sie mit all jener
Herzlichkeit, mit der sie frueher versprochen, einen Spaziergang mit
ihm zu machen oder ihn, den Einsamen, zu besuchen, wenn er krank war,
jetzt als Koenigin des Festes die erste Polonaese zugesagt.--

Immer verdriesslicher wurden die Damen, immer ungestuemer mahnten die
Herren den alten _Maitre de plaisir_; schon seit einer halben
Stunde stimmten die Musikanten, dass man vor dem Quieken der
Klarinette, vor dem Brummen der Baesse sein eigenes Wort nicht hoerte,
--er gab nicht nach. Da rasselte ein Wagen ueber den Marktplatz her und
hielt vor dem Fluegeltor des Museums.

"Das sind sie," murmelte der Hofrat und stuerzte zum Saal hinaus; bald
darauf oeffneten sich die Fluegeltueren, und der kleine freundliche Alte
schritt am Arm einer jungen Dame in den Saal.

       *       *       *       *       *




IDA.

Aller Augen waffneten sich mit Lorgnetten und Brillen. Wer konnte das
wunderschoene Maedchen sein, so hoch und schlank mit dem koeniglichen
Anstand, mit dem siegenden Blicke, mit der kraeftigen Frische des
jugendlichen Koerpers? Sie nickte so bekannt nach allen Seiten, als
kaeme sie alle Tage auf Freilinger Baelle und Assembleen; und doch
kannte sie niemand. Doch ja! Da kommt ja auch der alte Praesident,
wahrhaftig! Es kann niemand anders sein als Praesidents Ida!

Aber wie herrlich war dieses Knoespchen aufgegangen! "Welcher
Anstand!" bemerkten die Herren. "Welche Figur! Welcher Nacken!
Wahrhaftig, man moechte ein Mueckchen oder noch etwas Wenigeres sein,
nur um darauf spazieren zu gehen." "Welcher Schmuck, welche Spitzen,
welche Stickerei an dem Kleid!" bemerkten die Damen und wuenschten
sich weit weg; denn wie sollten sie ihre Faehnchen, die sie doch ihr
gutes Geld gekostet, ihre Blumen, die sie selbst gemacht und fuer
wundervoll gehalten hatten, neben diesen italienischen Rosen und
Astern, die eben erst aus den Gaerten der Hesperiden gepflueckt zu sein
schienen, neben diesen Kanten sehen lassen, von welchen die Elle
vielleicht mehr wert war als eines ihrer Ballkleider, nebst
Schneiderskonto und Fasson! Nein, Berner, der arge Berner, haette
ihnen keinen schlimmern Streich spielen koennen, als diese Ida gerade
heute einzufuehren. Aber man musste sich Gewalt antun; der Praesident
machte das erste Haus in der Stadt, war der gewaltige Herrscher der
Provinz, eine glaenzende Aussicht auf _Thes dansants_, Soupers,
Hausbaelle und dergleichen eroeffnete sich vor den schnell berechnenden
Blicken der Damen; wehe _der_, die dann nicht mit Ida bekannt
war oder sie sogar kalt empfangen hatte! Man wusste, dass dies der Herr
Papa Praesident nie verzeihen wuerde; man nahm sich zusammen, und in
kurzem war die Gefeierte von allen jungen und alten Damen umringt,
welche Glueck wuenschten, alte Bekanntschaft erneuerten und nebenbei
dies und jenes von dem hoffaehigen Anzug spickten. Alle redeten zumal,
keine wurde verstanden, und die Herren fluchten und schimpften ein
Donnerwetter ueber das andere, dass sich eine so dichte Wolke vor diese
kaum aufgegangene Sonne gedraengt und sie ihrem Anblick entzogen habe.

Jetzt zog Hofrat Berner das weisse Sacktuch, schwenkte es in der Luft
und gab dem Kapellmeister und Stabstrompeter der Dragoner das
Zeichen, und eine herrliche Polonaese begann. Im Nu stoben die
Glueckwuenschenden auseinander und machten Raum fuer die Assessoren,
Leutnants, Sekretaere, jungen Kaufherren, Jagdjunker, die
gluecklicherweise noch nicht versagt waren und sich jetzt um einen
Walzer, eine Ekossaese oder gar den Kotillon mit Ida die Haelse brechen
wollten. Sie aber lachte, dass die Schneeperlen der Zaehne durch die
Purpurlippen heraussahen, behauptete, sich immer nur auf eine Tour zu
versagen, huepfte dem Hofrat entgegen und reichte ihm die kleine Hand.

Selig, geruehrt, begeistert stellte er sich mit seinem holden
Engelskinde an die Spitze der Kolonne und marschierte unter den
mutigen, lockenden Toenen der Polonaese stolzen Schrittes gegen das
wohlunterhaltene feindliche Tirailleurfeuer, das von vorn, von den
Flanken, ueberallher aus den Muendungen der Lorgnetten auf seine
Taenzerin spruehte. Aber diese,--war sie kurzsichtig, hatte sie statt
des Korsettchens einen Kuerassierpanzer von feinstem Stahl mit der
Musketenprobe um das Herzchen, oder war sie das Feuer so gewohnt wie
die alte Garde, die, Gewehr im Arm, im Paradeschritt durch das
Kartaetschenfeuer marschierte? Ich weiss nicht; aber sie schien gar
nicht auf die schrecklichen Ausbrueche der gebrochenen Herzen, auf die
Knallseufzer der Verwundeten zu hoeren; das Plappermaeulchen ging so
ruhig fort, als ginge sie, drei Jahre juenger, mit dem guten
Hofraetchen im Wald spazieren.

Da kamen alle die Streiche, die der leichte Springinsfeld
losgelassen, alle jene tausend Suiten des kleinen Uebermuts aufs
Tapet. Lust und Lachen blitzte wie ehemals aus ihrem Auge, wenn sie
sich erinnerte, wie sie einem Spanferkel Kindszeug angezogen und es
dem Hofrat als Findling vor die Tuere gelegt, wie sie dem Oberpfarrer
die Waden voll Stecknadeln gesetzt, dass sie aussahen wie der Ruecken
eines Stachelschweines, alles, ohne dass er es merkte; denn er trug
_falsche_. Der Hofrat wollte seinen Ohren nicht trauen. Es war
ja dasselbe lustige, naive Ding wie frueher und doch so wunderherrlich,
so gross, mit so unendlich viel Anstand und Wuerde! Er haette sie auf
der Stelle am Kopf nehmen und recht abkuessen moegen wie frueher,
wenn sie einen rechten Ausbund von Schelmenstreich gemacht hatte.

Es ging ueber seine Begriffe! "Wie koennen Sie nur so hartherzig sein,
Idchen," sagte er, "und nicht einen Blick auf unsere jungen Herren
werfen, die zerschmelzen wie Wachs am Feuer? Nicht einmal einen Blick
fuer alle diese Exklamationen und Beteuerungen, welche Sie doch gehoert
haben muessen?"

"Was gehen mich Ihre jungen Herren an?" plapperte sie mit der groessten
Ruhe fort. "Die sind hier wie ueberall, unverschaemt wie die
Fleischmuecken im Sommer. Das koennte kein Pferd aushalten, wollte man
darauf achten. Sie pfeifen in der Residenz ebenso, das wird man
gewohnt; so von Anfang macht es ein wenig eitel. Wenn man aber sieht,
wie sie dieser und jener dasselbe zufluestern, vor der Ursel ebenso
wie vor der Baerbel sterben moechten, so weiss man schon, was solche
schnackische Redensarten zu bedeuten haben."

Die muss eine gute Schule durchgemacht haben, dachte der Hofrat.
Siebzehn Jahre alt und spricht so mir nichts dir nichts von der
Farbe, als waere sie seit zwanzig Jahren in den Salons von Paris und
London umhergefahren! Er aergerte sich halb und halb ueber Mamsell
Neunmalklug und Uebergescheit; denn es waren just keine unebenen
jungen Maenner, die ihre Seufzer so hageldick losgelassen hatten, und
ihn, der in seiner Jugend wohl so zwanzig Amouren und Amuerchen gehabt
hatte, konnte nichts mehr aergern als ein fuehlloses Herz.

Aber dieser Aerger konnte bei seinem Idchen nicht in ihm aufsteigen.
Wenn er in ihr volles, gluehendes Auge sah, wenn er den suessgewoelbten
Mund betrachtete, da dachte er: Nein, dir traue dieser und jener,
aber ich nicht! Weiss ich doch von frueher her, wie du gerne Flausen
machst und dem guten, ehrlichen Berner gerne ein X fuer ein U
unterschiebst. Jetzt willst du dein Schach verdeckt spielen und mir
irgendeinen blauen Dunst vorschwefeln, und das Herzchen ist am Ende
doch in der Residenz geblieben, und Fraeulein Stahlherz ist nur darum
so sproede gegen die Freilinger Stadtkinder. Aber basta! der Hofrat
Berner hat auch gelebt und geliebt und wettet seinen Kopf: dieses
Auge weiss, was Liebe ist, diese frischen Purpurlippen haben schon
gekuesst, aber anders als nur solche Hofratskuesse!

Der gute Alte aeusserte etwas von diesen Gedanken gegen Ida; sie aber
sah ihm ganz ruhig ins Gesicht und versicherte laechelnd: gefallen
habe ihr schon mancher, geliebt habe sie aber bis diese Stunde noch
keinen Mann als ihren Vater und ihn.

       *       *       *       *       *




SCHOENE AUGEN.

"Aber sagen Sie, Idchen," fragte der Hofrat, als er sie wieder an
ihren Platz gefuehrt hatte, "ist das etwa ein Cousin oder dergleichen,
der da mit Ihnen kam?"

"Ich kam mit Papa," antwortete die Gefragte, "und sonst war niemand
dabei. Wen meinen Sie denn?"

"Nun, der Bleiche dort kam ja doch wohl mit Ihnen; es kennt ihn
niemand im Saal, und mit Ihnen trat er herein, sonst muesste er ja--Sie
wissen, dass das Museum geschlossene Gesellschaft ist--sonst muesste er
ja eingefuehrt sein. Sehen Sie, der dort!" Er zeigte hin. An eine
Saeule gelehnt, stand unbeweglich mit uebergeschlagenen Armen eine
schlanke Gestalt. Noch konnte Ida das Gesicht nicht sehen, nur die
glaenzenden schwarzen Locken des Haares fielen ihr auf; sie wollte
sich eben besinnen, wo sie schon solche gesehen habe, da wandte jener
sich um, und unwillkuerlich schrak Ida zusammen. Gespensterhafte
Blaesse lag auf diesem feinen, schoenen Gesicht, geheimer Gram oder
verschlossenes Kaempfen mit finsterem Leiden schien das muntere,
jugendliche Leben aus diesen tiefen, im schoensten Ebenmass geformten
Zuegen hinweggewischt zu haben, und ein gemischtes Gefuehl draengte sich
bei seinem Anblick auf, neugieriges Mitleid schien sich mit
zweifelhafter Furcht streiten zu wollen.

Kaum hatte des Fremden gluehendschwarzes Auge Ida getroffen, als sie
ihren Blick abwandte. Ueberraschung und Verlegenheit machten sie stumm
auf einige Augenblicke; von dem Diadem auf der schoenen Stirne, ueber
den Liliensamt der bluehenden Wange bis herab auf den jungfraeulichen
Alabasterbusen flog ein brennendes Rot, das der Hofrat nicht
unbemerkt liess. Er wollte sie eben mit dem pfiffigsten Gesicht nach
der Ursache ihres Rotwerdens fragen; aber eine Unzahl Herren draengte
sich zu, um sie um einen Tanz zu bitten; Vettern und Basen freuten
sich, sie wiederzusehen, und gafften das Wunderkind an. Der Hofrat
aber, welchem daran lag, die Spur, die er aufgefunden zu haben
meinte, zu verfolgen, machte seine Bewegungen wie ein geuebter
Feldherr; er fragte sie so laut als moeglich, ob es ihr jetzt, wie sie
gewuenscht, gefaellig sei, zu ihrem Herrn Vater zu gehen, der im
dritten Zimmer sich zu einem Whistchen gesetzt habe, und
Pfiffkoepfchen verstand gleich, wo der gute Alte hinaus wollte; sie
beurlaubte sich also mit grosser Hast von dem ungeheuern
Kometenschweif, in welchem sie als Kern gesessen, und ging mit Berner
durch den Saal.

Und jetzt nahm sie Berner ins Gebet; zuerst setzte er die
Daumenschrauben des Spottes an, dann untersuchte er die vermeintliche
Herzenswunde seines Gold-Idchens mit der langen Sonde des vaeterlichen
Ernstes, indem er ihr vorwarf, sehr unklug getan zu haben, ihre
Residenzliebhaber mit nach Freilingen zu nehmen. Sie aber lachte dem
Ratgeber, welcher meinte, seine Sache recht gut gemacht und sie ganz
im Netz zu haben, ins Gesicht und witschte ihm aus.

"Sie geben sich vergeblich Muehe, Hofraetchen," kicherte das lose Ding,
"ganz vergebliche Muehe; ich habe diesen Menschen in meinem ganzen
Leben, auf Ehre, noch nie gesprochen; doch gesehen"--setzte sie
ernster werdend hinzu--"gesehen habe ich ihn, und deswegen kam ich
auch vorhin etwas in Verlegenheit."

"Was da! Zwischen sehen und sehen ist ein grosser Unterschied",
antwortete Berner mit einem voellig unglaeubigen Kopfschuetteln. "Da
muessen Sie ihm doch ein wenig gar scharf in die Augen gesehen haben?"

"So hoeren Sie mich doch, Sie boeser Mann!" unterbrach ihn Ida. "Wer
wird denn auch gleich auf den Schein hin verdammen? Ich sage noch
einmal, ich weiss nicht, wer er ist; aber das innigste Mitleid habe
ich mit ihm. Als wir gestern durch den Lanzinger Wald kamen, fuhren
wir einer Equipage vor, die ganz langsam im Schritt hinging. Es war
ein prachtvoller Landau mit einem grossen Bock, worauf ein alter
Diener in reicher Livree sass; am Wagen zogen vier Postpferde; das
Dach war zurueckgeschlagen, und es sass niemand darin als ein grosser
Hund. Sie wissen, wie man auf der Reise ist, man interessiert sich um
die Mitreisenden, besonders wenn man glaubt, auf einerlei Station mit
ihnen zu wohnen oder zu speisen. So dachte ich mir jetzt, die
Reisenden, denen der Wagen gehoert, seien vorausgegangen und lassen
ihn langsam nachfahren. Ich sah daher alle Augenblicke aus unserem
Wagen, ob ich noch keine reisenden Englaenderinnen oder Franzoesinnen
gewahr werden koennte; aber immer vergebens. Endlich, als wir um eine
Waldecke bogen, sah ich auf einmal einen Mann, der unter einer Eiche
sass und zu dem Wagen gehoeren musste."

"Und war es derselbe, der dort an der Saeule steht?" fragte der
Hofrat.

"Derselbe; er war auch ganz schwarz gekleidet wie jetzt, sein Hut lag
neben ihm im Gras, seinen Kopf stuetzte er in die hohle Hand. Das
Geraeusch unseres Wagens, der jetzt, weil es bergauf ging, auch
langsam fuhr, schien ihn aufzuschrecken; ohne aufzusehen, ging er mit
gesenktem Haupt bis an unsere Wagentuere. Da richtete er sich auf, und
Sie koennen sich meinen Schrecken denken, Hofrat, als ich das naemliche
geisterbleiche Gesicht sah, das auch Ihnen aufgefallen ist. Er musste
heftig geweint haben; denn Traenen hingen in den langen schwarzen
Wimpern und gaben dem gluehendschwarzen, sinnigen Auge einen ganz
eigenen Reiz."

"So, so? Einen ganz eigenen Reiz!" antwortete laechelnd der Hofrat.
"Wer hat denn meinem Maedchen erlaubt, ueber Maenneraugen Betrachtungen
anzustellen? Hat sie das auch bei Madame La Truiaire in der Residenz
gelernt?"

Das lustige Amorettenkoepfchen, das sich da, es wusste nicht wie,
verbebbert hatte, schlug die Augen nieder und sagte: "Legen Sie nicht
alles so boes aus, Bernerchen! Sie verstanden ja doch sonst Ihre Ida
nicht immer falsch.

"Sehen Sie, was die Augen betrifft, da habe ich nun einmal meinen
eigenen Geschmack. Schoene blaue oder schwarze Augen, mitunter auch
recht glaenzendbraune, sehe ich an jedermann gern. Daher sind mir auch
alle jungen Herren so zuwider, weil sie selten schoene Augen haben;
sie haben ihnen durch die Lorgnetten, Brillen und Gott weiss, durch
was sonst, den schoensten Glanz benommen und stieren uns an wie
gestochene Boecke; desto mehr freue ich mich, wenn ich einmal eine
solche Ausnahme treffe. Eine ganz eigene Freude macht mir auch das
Aufschlagen der Augen, das man unter Tausenden kaum einmal so recht
anmutig, sinnig und wie man es gern haben moechte, trifft. Beides sah
ich nun an dem Fremden; darum hat er mir auch so ge--"

Da hatte sich das schnelle Schnaebelchen schon wieder verplappert! Der
Hofrat horchte noch immer; aber Idchen blieb still, biss die Lippen
zusammen und spielte mit dem Amethystkreuz am Kollier, das unter dem
Tanzen sich zwischen den Schneehuegeln hinabgeschoben hatte und ganz
gluehend heiss geworden war.

"Ei, ei!" warnte der Hofrat, "ich habe da in zwei Minuten Dinge
gehoert, wovor einem die Haut schaudern koennte; nimm dich um Gottes
willen in acht, Kind, wenn du deine Augenbeobachtungen anstellst! Ich
weiss es aus meiner Jugend, dass in gewissen Augen Haekchen sitzen, die
uns, wenn man allzu tief schaut, festhalten, dass an kein Entrinnen zu
denken ist. Hast du nie etwas von der Augensprache gehoert?"

"Doch," entgegnete der kleine Uebermut; "ich glaube sie auch zur Not
zu verstehen."--

"Ist gar nicht vonnoeten; man spricht sie zwar vom Rhein bis zum
Mississippi, vom Don bis zum Ohio; lerne aber nie mehr als etwas
kauderwelsch parlieren! Denn wer sich so gar gelaeufig ausdrueckt und
mit zwanzig zumal in dieser Sprache spricht, gilt nicht mit Unrecht
fuer eine Erzgeneralkokette."

"Nun, fuer eine solche werden Sie mich doch nicht halten?" sagte Ida
etwas empfindlich.

"Dazu kenne ich mein suesses Maedchen zu gut," entgegnete der Hofrat
traulich und drueckte ihr das weiche Samthaendchen; "was aber den
bleichen Patron dort drueben betrifft, so kann er ueber allerlei
geweint haben; er kann zum Beispiel seine Mutter, seine Schwester
oder gar sein Maedchen verloren haben."

"Mei--nen Sie?" antwortete Ida gedehnt und unmutig. "Doch nein, da
wuerde er ja nicht auf den Ball gehen," setzte sie freudig hinzu; "da
wuerde er zu Haus trauern und nicht die Freude aufsuchen."

"Oder," fuhr jener fort, "es gingen ihm vielleicht seine Wechsel aus,
und er hat im Augenblick kein Geld, um seine Reise weiter
fortzusetzen."

"Nicht doch," fiel sie ein, "wie moegen Sie nur diesem interessanten
Gesicht einen so gemeinen Kummer andichten. Sieht er nicht nobler aus
als alle unsere Assessoren, Leutnants und so weiter zusammen? Und er
sollte mit vier Postpferden in einem herrlichen Landau fahren und
weinen, weil er kein Geld hat? Pfui!"

"Ei, wie sich der kleine Advokat vereifert und verdisputiert! Das
Maeulchen geht ja, als sollte es einen Prozess vor den Assisen fuehren!
UEbrigens wollen wir bald sehen, wer der Patron ist; habe ich doch den
Ball arrangiert und daher auch das Recht, Fremden, die sich
eindraengen, auf den Zahn zu fuehlen."

"Nun ja, tun Sie das, liebes Hofraetchen; aber ja recht artig und
delikat," setzte das erroetende Maedchen mit den suessesten
Schmeichelworten hinzu; "wer so tiefen Kummer hat, wie jener zu haben
scheint, muss unter Fremden wie unter Freunden zart behandelt werden!"

       *       *       *       *       *




DER FREMDE.

Unterdessen hatten sich mehrere Herren an Berner gewendet, um zu
erfahren, wer der Fremde sei; allen war es aufgefallen, wie er schon
seit einer Stunde sich nicht vom Platz bewegte und, an seine Saeule
gelehnt, so wenig Interesse an dem glaenzenden Ball zu nehmen schien.
Der Hofrat ging zu ihm hin und kehrte bald zurueck. "Wer ist es? Wie
heisst er?" fragten zehn, zwanzig zumal. "Was hat er gesprochen?"

"Nichts hat er gesprochen," antwortete Berner, "sondern mir nur diese
Karte gegeben."

Die Karte ging jetzt von Hand zu Hand, es war aber nichts darauf zu
sehen als ein schoen gestochenes Wappen und der Name Emile, Comte de
Martiniz. "Ein Graf also?" Die Neugierde war nur halb gestillt; die
Freilinger, denen die Erscheinung eines fremden Grafen auf ihren
Baellen etwas Seltenes sein mochte, gingen kopfschuettelnd umher; sie
haetten gar zu gerne gewusst, woher er komme, wohin er gehe, warum er
nicht tanze. Man betrachtete das fremde Wundertier von allen Seiten;
doch der Hofrat, der so viel Takt hatte, dass er in des Fremden Seele
fuehlte, wie peinlich eine so kleinliche Neugierde sein muesse, gab das
Zeichen, und die Galoppade, von zwanzig Trompeten vorgetragen,
rauschte durch den Saal hin und rief zum Tanze.

Walzer um Walzer waren getanzt; noch immer stand die fremde
gebietende Gestalt unbeweglich an die Saeule gelehnt. Es war, als
haette er sich nur in Schwarz und Weiss geteilt und kenne keine andere
Farbe. Sein Haar, sein Auge war so dunkel als das feine glaenzende
Tuch seines Kleides; das blendend bleiche Gesicht, wunderschoene
Waesche, welche durch ihre Weisse, durch ihre zierlichen Faeltchen den
Freilinger Damen schon von weitem Bewunderung einfloesste,
kontraktierten sonderbar mit jener dunkeln Farbe; nur die feinen
Lippen schmueckte ein gesundes, freundliches Rot. Er schien ganz ohne
Teilnahme in das bunte Gewuehl hineinzustarren; aber dennoch begegnete
nicht leicht einer diesem scharfen Blick, ohne das eigne Auge
ueberrascht vor diesem furchtbaren Ernst, dieser spruehenden Glut
niederzuschlagen.

Wie es aber zu gehen pflegt, die Damen fingen nachgerade an, nicht
viel von dem Fremden zu halten, weil er nicht tanzte, die jungen
Herren machten sich ueber ihn lustig, und beide Teile hatten so viel
an der neuen Erscheinung der wunderlieblichen Ida zu schauen, zu
bekritteln, zu bewundern, dass man bald nicht mehr an jenen dachte.
Nur Idas Blicke streiften oefter nach jener Saeule hinueber; ein Blick
zu ihm schien sie fuer das Geschwaetz der Freilinger Stutzer, die ihr
heute unendlich fade vorkamen, zu entschaedigen. Doch betrachtete sie
ihn immer nur von der Seite; denn wenn Auge auf Auge traf, so trieb
es ihr unwiderstehlich die Glut ins Gesicht, und sie war froh, dass
die Musik so laut war; denn sie meinte in solchen Momenten, man muesse
ihr siedendes, gluehendes Blut an ihr Herzchen pochen hoeren. Waren es
die Traenen, die sie gestern in diesen dunklen Wimpern sah, war es der
wehmuetige Ernst auf seinem Gesicht, was sie so ruehrte? Hatte der
Hofrat recht mit den Haekchen, die in gewissen Augen sitzen, und hatte
sie zu tiefe Beobachtung angestellt und war geangelt worden und gef--
Nein! laechelte sie schelmisch vor sich hin, gefangen? Da hat es keine
Not! Es ist ja nur das natuerliche Mitleiden, was mich immer nach ihm
hinsehen heisst.

Elf Uhr war vorueber; es sollte noch eine Ekossaise vor dem Souper
getanzt werden. Stuermisch draengten sich die Herren um das Wunderkind;
aber Trotzkoepfchen Ida blieb fest dabei, diesmal auszusetzen, und
liess die Herren ablaufen. Der Hofrat setzte sich zu ihr, und
unwillkuerlich waren sie wieder mitten im Gespraech ueber den Fremden.

"Ach, sehen Sie nur," sagte Ida mit der himmlischen Gutmuetigkeit
ihres Engelkoepfchens, "sehen Sie nur, ich meine, er wird zusehends
immer blaesser; wenn er nur nicht krank wird." Der Hofrat fand ihre
Bemerkung richtig, er zeigte ihr aber, wie dieser feste, heldenmaessige
Koerper nicht so leicht von einem Krankheitsanfall gestoert werden
koenne; aber Ida wurde immer unruhiger, sie sah, wie Martiniz die
Lippen zusammenpresste, als wolle er einen Schmerz verbeissen; der
Ernst in seinem Gesicht wurde nach und nach zur Trauer, das
Wehmuetige, der traenenschwere Truebsinn in seinem Auge wurde immer
unverkennbarer.

"O Gott, sehen Sie ihn nur an, guter Berner, ist mir doch, als sollte
ich zu ihm gehen und fragen: Was fehlt dir, dass du nicht froehlich
bist mit den Froehlichen? Wie gern wollte ich alles tun, dir zu
helfen."--

Der Mensch denkt's, Gott lenkt's!!!

Auch der Hofrat wurde jetzt unruhig; denn mit einem Ruck hatte sich
der bleiche Fremde aufgerafft und stand nun in seiner ganzen Groesse,
in gebietender und doch grazioeser Haltung da; aber sein Auge heftete
sich furchtbar starrend nach der Saaltuere. Berner wollte eben
aufstehen und zu ihm hin--

Da oeffnete sich die Tuer, ein alter, reichgekleideter Bedienter,
derselbe, welchen Ida gestern gesehen, trat ein, ging auf den Fremden
zu und neigte sich schweigend vor ihm. Dieser riss eine Uhr heraus,
warf einen Blick auf sie und einen zweiten voll Wehmut auf Ida
herueber und verliess langsamen Schrittes den Saal.

Ehe noch der Hofrat seiner Nachbarin seine Vermutungen ueber diesen
sonderbaren Abzug mitteilen konnte, war die Ekossaise zu Ende. Der
Praesident kam und fuehrte sein liebes, holdes, wunderherziges
Toechterchen zur Tafel.

       *       *       *       *       *




DIE KIRCHE.

Der alte Kuester am Muenster zu Freilingen sass in dieser Nacht nach
seiner Gewohnheit noch lange in seinem kleinen Stuebchen; der
Abendsegen war schon vor einer Stunde seiner Ehehaelfte vorgelesen, er
hatte sich jetzt hinter die alte Chronik gesetzt und las mit
brummender Stimme halblaut vor sich hin, wie man den herrlichen,
vierhundert Schuh hohen Muensterturm erbaut und wie solches viel Zeit
und Geld gekostet habe. Eben wollte die Alte den weiss- und
blaugestreiften Umhang der zweischlaefrigen Himmelbettlade
auseinanderschlagen, um ihren Ehezaerter zu ermahnen, sein gewohntes
Lager zu suchen, als man stark an den Fensterladen des niedern
Parterrestuebchens pochte. "Macht auf, Meister Kuester! Seid so gut und
macht auf!" rief eine tiefe, aber bescheidene Stimme draussen. "Wird
wohl ein Bote von einem Kranken sein," naeselte der Kuester, "der die
Sakramente noch will." Er legte die Brille ins Chronikbuch, dass die
Stelle nicht verblaettere; denn er hatte von dem Kalk gelesen, den man
mit Wein angemacht habe, und hatte dabei unmutig an das Duennbier
gedacht, das seine Ursula ihm, einem Nachkommen dieser Weinmaurer,
tagtaeglich vorsetzte. Draussen schob er die maechtigen Schloesser und
Riegel der Haustuer auf, und herein trat ein kleiner aeltlicher Mann in
reichbordiertem Bedientenrock. "Was soll's so spaet?" fragte der
Kuester.

"Kamerad," antwortete der Bediente, indem er den Kuester aus dem
kalten Hausgang in die waermere Stube hineinzog, "Kamerad, wollt Ihr
mir und noch jemand einen Liebesdienst erweisen?" Zugleich legte er
einen blanken, harten Taler auf den Tisch.

Der Kuester wog den Taler in der Hand, liess ihn wieder auf den Tisch
fallen, dass es einen wohllautenden Klang gab, und sagte: "Wenn's
nichts gegen Amt und Gewissen ist, warum nicht!"

"So nehmt Eure Schluessel," fuhr der andere fort, "und schliesst die
Muensterkirche auf!"

"Jetzt in dieser Stunde?" rief der Alte mit Entsetzen. "Jetzt in
dieser stuermischen Nacht? Geht nicht, Kamerad, so wahr ich--nein, es
geht nicht, mich bringt kein Hund hinueber!"

"Beileibe," rief die Kuesterin aus dem Bette und riss den Umhang
zurueck, dass man das ganze Paradiesgaertlein ihres gebluemten Bettes
uebersehen konnte, "fuehre uns nicht in Versuchung! Alter, lass dich
nicht betoeren! Wer weiss, was draussen lauert?"

"Haette nicht geglaubt, dass Ihr, ein so stattlicher Mann, unter dem
Weiberregimente stuendet," sprach der alte Diener. "Glaubt mir, es ist
auch ein Gottesdienst, wenn Ihr mitgeht, und bringt Euch guten Lohn."
Noch einmal wog der Kuester den Taler auf der Fingerspitze und schien
sich zu besinnen. "Es wird zwar gleich zwoelf Uhr brummen, und da ist
es gar nicht geheuer drueben in der Kirche; denn ich weiss, was ich
weiss, und habe gesehen, was ich gesehen habe; aber weil Ihr sagt, es
sei ein Gottesdienst, so kommt!" Indem hatte er schon die Laterne
zurechtgemacht. Er hing noch einen warmen Mantel um und ergriff die
gewichtigen, wunderlich geformten Schluessel.

"Ei du meine Guete, laesst er sich doch verblenden vom Mammon," seufzte
die Alte im Bette. Der Kuester aber trat zu ihr mit dem groessten seiner
Schluessel: "Du schweigst, Ursel! Der Herr da soll sehen, dass
unsereiner nicht unterm Pantoffel steht," brummte er und verliess mit
dem Diener das Haus.

Die Nacht war grimmigkalt, der Himmel jetzt ganz rein, nur einzelne
dunkle Woelkchen tanzten im Wirbel um den Mond. Schweigend schritten
die beiden durch die Nacht der Kirche zu. Wenige Schritte, so standen
sie am Portal des Muensters. Der Kuester schrak zusammen, als dort aus
dem Schatten eines Pfeilers eine hohe, in einen dunklen Mantel
gehuellte Gestalt hervortrat. Es war jener Fremde, der Idas Interesse
in so hohem Grade erregt hatte.

"Schliess auf, schliess auf," sprach Martiniz, "denn es ist hohe Zeit!"
Indem er sprach, fing es an zu surren und zu klappern, dumpf rollte
gerade ueber ihnen im Turme das Uhrwerk, und in tiefen, zitternden
Klaengen schallte die zwoelfte Stunde in die Luefte.

"Schliess auf!" schrie Martiniz, "schnell auf! Dort kommt er schon um
die Ecke!"

Seufzend ging die hohe Tuere auf; in einem Sprung war jener in der
Kirche. Der Kuester schloss behutsam wieder hinter sich ab und ging
dann voraus mit der Laterne; stille folgten ihm die Fremden. In
wunderlichen Schatten und Figuren spielte das schwache Licht der
Laterne an den hohen Saeulen des Doms, nur auf wenige Schritte
verbreitete es Helle und verschwebte dann in matte Daemmerung, bis es
sich in der tiefen Nacht des Gewoelbes verlor. Manchmal schien es, als
schritten hohe Gestalten in weiten, schleppenden Gewaendern hinter den
Saeulen ihnen nach. Scheu blickte Emil von Martiniz nach allen Seiten
und ging dann schneller hinter dem Kuester her. Dumpf schallten ihre
Schritte auf dem hohlen Boden, unter welchem eine alte Gruft sich
befand, und ein vielfaches Echo gab diese Toene aus allen Ecken
zurueck.

So waren sie bis an den Altar gekommen. Martiniz setzte sich dort auf
die Stufen; das Gesicht, das bei dem Schein der truebe brennenden
Laterne auch viel bleicher erschien, stuetzte er auf die Hand, dass die
glaenzend rabenschwarzen Ringellocken darueber herabfielen. Der Diener
winkte dem Kuester, zog ihn auf eine Bank an der Seite zu sich nieder
und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, dass er schweigen und sich
ganz ruhig verhalten moechte.

Tiefe Stille herrschte mehrere Minuten in den grossen dunklen Hallen,
tiefe Stille draussen in der Nacht. Nur vom Altar her hoerte man ein
leises Wispern; Martiniz schien zu beten. Bald aber erhob sich lauter
die Nachtluft und wehte um die Kirche. Je lauter es wurde, desto
unruhiger wurde Emil. Er seufzte, er blickte einigemal auf und
lauschte nach der Seite hin, wo der Luftzug staerker wehte.

Naeher und naeher heulte der Wind, die Fenster bebten, das Licht der
Laterne wehte seine Schatten her und hin, die alten verblichenen
Banner, die an der Mauer hingen, rollten sich auf und bewegten ihre
zerfetzten Bilder an der schwach beleuchteten Wand.

Jetzt brauste der Sturm auf in gewaltigen Stoessen. Krachend stuerzte
ein Fenster des Chors auf die breiten Quader des Bodens, dass der
Schall durch die Halle toente und--mit fuerchterlichem Lachen des
Wahnsinns fuhr der am Altar auf und sprang die Stufen hinan. Gellend
toenten diese hohlen Toene der Verzweiflung durch die Gewoelbe. "Er kann
nicht herein, er kann nicht herein zu mir," schrie er, "darum hat er
die Wolken aufgezaeumt, auf dem Sturmwind reitet er um die Kirche, ca
ca! Holla, Antonio--wie schaeumt das Purpurblut deiner Wunde! Rase,
tobe durch die Luefte, du kannst doch nicht herein zu meiner
Freistatt!"

Der Sturm legte sich, ferner und ferner rollte der Wind, und saeuselnd
zog die Nachtluft durch die Kirche. Der Mond schien freundlich durch
die hellen Scheiben, und mit des Sturmes Toben schien auch der Sturm
in Emils Brust gewichen zu sein. "Seht Ihr," sprach er wehmuetig und
zeigte an die vom Mond beschienenen Fenster hinauf, "seht Ihr, wie er
so ernst und zuernend auf mich herabsieht! Kannst du denn nicht
vergeben, Antonio?"

Immer leiser wurde seine Klage, bis er weinend am Altare niedersank.
Jetzt stand der alte Diener, dem waehrend der schrecklichen Szene die
Traenen in den grauen Wimpern gehangen, von seinem Sitze auf und
unterstuetzte seinen Herrn. Er wischte ihm den kalten Schweiss von der
Stirne und die Traenen aus dem gebrochenen Auge und floesste ihm aus
einer kristallenen Phiole mildernde Tropfen ein.

Der Ohnmaechtige richtete sich wieder auf, huellte sich tiefer in
seinen Mantel und schritt durch die Kirche.

Der alte Diener aber trat zu dem Kuester. "Ich danke, Alterle," sagte
er, "du hast jetzt gesehen, dass wir nichts Unrechtes in deinem
Gotteshaus gemacht haben; dafuer halte aber reinen Mund! Und wenn du
niemand ein Sterbenswoertchen hoeren laessest von dem, was du hier
gesehen und gehoert hast, so kommen wir vielleicht morgen und manche
Nacht wieder, und du sollst pflichtgemaess deinen Harten haben."

"Das kann sich unsereiner schon gefallen lassen," antwortete der
Kuester im Weitergehen; "so viel merke ich, dass Euer Herr entweder
nicht richtig unter dem Hut ist, oder dass er mit dem Gottseibeiuns
hier Versteckens spielt. Nun, hier, denke ich, soll er ihn nicht
holen; kommt nur morgen nacht wieder! Was das Stillschweigen
betrifft, so seid ausser Sorgen, von mir erfaehrt es kein Mensch, vor
allem meine Ursel nicht: denn ich denke: was sie nicht weiss, macht
sie nicht heiss."

Der alte Diener lobte den Entschluss des Kuesters und nahm am Portal
mit einem Haendedruck von ihm Abschied. "Ist doch schade um ein so
junges schoenes Blut," brummte dieser vor sich hin, indem er seinem
Haeuschen zuschritt; "so jung und hat schon Affaeren mit Herrn Urian.
Nun, er soll ihn immer noch ein Halbjaehrchen reiten; um die harten
Taler kann man zur Not so guten Wein kaufen, als die Freilinger
Maurermeister hatten, um den Kalk zu meinem Muenster festzumachen."

       *       *       *       *       *




DAS SOUPER.

Es schlug ein Uhr, als der Fremde und sein Diener von dem Muenster
zurueck ueber den Marktplatz gingen. An den Fenstern des erleuchteten
Museums draengten sich Gestalten an Gestalten geschaeftig hin und her,
verworrenes Gemurmel vieler Stimmen toente herab auf den stillen
Platz, hie und da zeigten laute Ausbrueche der Froehlichkeit, mit
Trompeten vermischt, dass eine Gesundheit oder ein Toast ausgebracht
worden sei.

"Robert!" begann der Graf, "ich will noch einmal hinaufgehen; die
suessen Toene der Floeten, die klagenden Klaenge der Hoerner haben etwas
Beruhigendes fuer mich, und mitten im Gewuehl der froehlichen Menge
vergesse ich vielleicht auf Augenblicke, dass ich unter den
Gluecklichen der einzige Unglueckliche bin."

Umsonst bat der alte Robert seinen Herrn, er moechte doch seine
Gesundheit bedenken und sich jetzt zur Ruhe legen; er schien es gar
nicht zu hoeren, schweigend warf er in der Haustuere den Mantel ab, gab
ihn dem Alten und eilte die Treppe hinan. Kopfschuettelnd folgte ihm
der Diener; hatte er doch seit einer langen, traurigen Zeit nicht
bemerkt, dass sein armer Herr Freude an rauschender Lustbarkeit hatte;
es musste etwas Eigenes sein, das ihn noch einmal dahinauf zog; denn
wenn er sich sonst auch in das froehlichste Gewuehl gestuerzt hatte, so
war er doch immer nach einem halben Stuendchen wieder zurueckgekommen.
Und heute hatte er ihn sogar an die Stunde mahnen muessen; heute ging
er zu einer Zeit, wo er sonst, erschoepft von Kummer und Unglueck, dem
Schlaf in die Arme geeilt war, noch einmal auf den Tanzboden. "Gott
gebe, dass es zu seinem Heil ist!" schloss der treue Diener seine
Betrachtungen und wischte sich die Augen.

Der Saal war noch leer, als Emil oben eintrat, nur die Musikanten
stimmten ihre Geigen, probierten ihre Hoerner und liessen die Schlegel
dumpf auf die Pauken fallen, um zu sondieren, ob das tiefe C recht
scharf anspreche; mittendurch netzten sie auch ihre Kehlen mit
manchem Viertel; denn ein ellenlanger Kotillon sollte den Ball
beschliessen. Loeffel- und Messergeklirr, das Jauchzen der Anstossenden
toente aus dem Speisesaal. Ein schwermuetiges Laecheln zog ueber Emils
blasses Gesicht; denn er gedachte der Zeiten, wo auch er keiner
froehlichen Nacht ausgewichen war, wo auch er unter frohen, guten
Menschen den Becher der Freude geleert und, wenn kein liebes Weib,
doch treue Freunde gekuesst hatte und mit froehlichem Jubel in das
allgemeine Millionenhallo und Welthurra der Freude eingestimmt hatte;
unter diesen Gedanken trat er in den Speisesaal. In bunten Reihen
sassen die froehlichen Gaeste die lange Tafel herab; man hatte soeben
die hunderterlei Sorten von Gefluegel und Braten abgetragen und
stellte jetzt das Dessert auf. Gewiss, man konnte nichts Schoeneres
sehen, als die Praezision, mit welcher die Kellner ihr Dessert
auftrugen; die Bewegungen auf die Flanken und ins Zentrum gingen wie
am Schnuerchen, die schweren Zwoelfpfuender der Torten und Kuchen, das
kleinere Geschuetz der franzoesischen Bonbons und Gelees werde mit
Blitzesschnelle aufgefahren; in prachtvoller Schlachtordnung, vom
Glanz der Kristalluesters bestrahlt, standen die Guss-, Johannisbeeren-,
Punsch-, Rosinentorten, die Apfelsinen, Ananas, Pomeranzen, die
silbernen Platten mit Trauben und Melonen. Aber Hofrat Berner hatte
sie auch eingeuebt, und den ungeschicktesten Kellnerrekruten schwur er
hoch und teuer, in acht Tagen so weit bringen zu wollen, dass er,
einen bis an den Rand gefuellten Champagnerkelch auf eine
spiegelglatte silberne Platte gesetzt, die Treppe heraufspringen
koenne, ohne einen Tropfen zu verschuetten, was in der Geschichte des
Servierens einzig in seiner Art ist. Wenn die Festins, die er zu
arrangieren hatte, herannahten, hielt er auf folgende Art voellige
UEbungen und Manoeuvres: Er setzte sich in den Salon, wo gespeist
werden sollte, liess eine Tafel zu dreissig bis vierzig Kuverts decken,
und wie den Rekruten ein fingierter Feind mit allen moeglichen
Bewegungen gegeben wird, so zeigte er ihnen auch Praesidenten,
Justizraete, Kollegiendirektoren, Regierungsraete und Assessoren mit
Weib und Tochter, Kind und Kegel und mahnte sie, bald diesem ein
Stueck Braten, jener eine Sauciere zu servieren, bald einem Dritten
und Vierten einzuschenken und dem Fuenften eine andere Sorte
vorzusetzen; da sprangen und liefen die Kellner sich beinahe die
Beine ab; aber--probatem est--wenn der Tag des Festes herannahte,
durfte er auch gewiss sein zu siegen. Wie jener grosse Sieger, der nur
mit feierlichem Ernst die Worte sprach: "Heute ist der Tag von
Friedland!" oder "Sehet die Sonne von Austerlitz!" so bedurfte es von
seinem Munde auch nur einiger ermahnenden, troestlichen Hindeutungen
auf fruehere Bravouren und gelungene Affaeren, und er konnte darauf
rechnen, dass keiner der zwanzig Kellnergeister ueber den andern
stolperte oder ihm die Aalpastete anstiess, aber dass sie mit Sauce und
Salat einander anrannten, purzelten und auf den Boden die ganze
Bescherung servierten.

Mit dieser Praezision war also auch heute die Tafel serviert worden;
der Nachtisch war aufgetragen, die schweren Sorten, als da sind
Laubenheimer, Nierensteiner, Markobrunner, Hochheimer, Volnay, feiner
Nuits, Chambertin, beste Sorten von Bordeaux, Roussillon wuerden
weggenommen und der zungenbelebende Champagner aufgesetzt. Hatte
schon der aromatische Rheinwein die Zungen geloest und das
schwaerzliche Rot des Burgunders den Liliensammet der jungfraeulichen
Wangen und die Nasen der Herren geroetet, so war es jetzt, als die
Pfroepfe flogen und die Damen nicht wussten, wohin sie ihre Koepfe
wenden sollten, um den schrecklichen Explosionen zu entgehen, als die
Lilienkelche, bis an den Rand mit milchweissem Gischt gefuellt,
kredenzt wuerden, wie auf einem Basar im asiatischen Russland, wo alle
Nationen untereinander plappern und maulen, gurren und schnurren,
zwitschern und naeseln, plaerren und jodeln, brummen und rasaunen, so
schwirrte in betaeubendem Gemurmel, Gesurre und Brausen in den
hoechsten Fisteltoenen bis herab zum tiefsten, dreimalgestrichenen C
der menschlichen Brust das Gespraech um die Tafel.

       *       *       *       *       *




DAS URTEIL DER WELT.

Aber der groesste Teil der Konversation, wenigstens am untern Ende des
Tisches, galt Praesidents Ida. Dort gingen die zahnlosen Maeulchen der
Tanten und Muetter wie oberschlaechtige Muehlen, und die Posaunen-
Seraph-Gesichter der Toechter nickten ihren Konsens aus den kleinen
Kalmueckenaeuglein. Wie hatte doch das Maedchen vor Gott gesuendigt und
gefrevelt dadurch, dass es so wunderhuebsch geworden war! Waere sie
zurueckgekommen wie eine wilde Hummel oder wie so manche, die man als
Gagak in die Residenz schickt, um sie Bildung und Blumenmachen lernen
zu lassen, und die als Gagak wiederkehrt, da haette es geheissen: "An
der ist Hopfen und Malz verloren, mich dauern nur die Eltern." Jetzt,
wo sie mit ihrem Tannenwuchs, mit ihrer unnachahmlichen Grazie
bescheiden und doch voll so erhabener Wuerde hereintrat, das
strahlende Diadem in den geschmackvoll geordneten Ringellocken und
Loeckchen, im feuerspruehenden Auge Geist und Liebe, verschmolzen mit
schuldloser, anspruchsloser Natuerlichkeit, die Wangen von Gesundheit
geroetet, in den feinen Gruebchen den kleinen, kleinen Schelm, den Mund
so wuerzig, so kusslich, die aphroditische Schwanenbrust mit dem
fuerstlichen Schmuck, mit dem Pariser Hofkleid umschlossen--Nein! das
Maedchen durfte nicht schoen, durfte nicht unschuldig und tugendhaft
sein--"Ha, ha, ha, Frau Oberforstmeisterin!" lachte die
Kammerdirektorin, ohne darauf zu achten, dass sie die acht
unschuldigen Ohren ihrer erwachsenen Toechterlein beleidigen koennte--
"Tugendhaft? Wir kennen die Residenztugend noch aus unserer Zeit! Da
muessten sich die Steine umgekehrt haben, die Garde-Ulanen-Rittmeister
muessten ihre engschliessende Uniform ausgezogen und die Herren
Archidiakonen und Superintendenten um ihr ehrbares Kostuem ersucht
haben, muessten in schwarzen Maentelein, weissen Beffchen, kurzen Hoeschen
und seidenen Waedchen, die Bibel unter dem Arm, einhergehen, wenn man
bei siebzehnjaehrigen Maedchen Tugend finden sollte in Sodom!"

"Wahrhaftig, Sie haben recht," schnatterte es ueber die Tafel herueber.
"Und die geruehmte Schoenheit? Ist alles Lug und Trug; das kann man
alles dort ums liebe Geld haben; meinen Sie denn, diese Locken dort,
die Zoepfe seien echt? Bewahre! Man hat ja gesehen, was fuer Haar
Mamsell Sausewind in die Residenz nahm; wo sind die gelben Zaehne
hingekommen? Meinen Sie etwa, ein so herrlicher Mund voll, wie jene
hat, schiebe sich im sechzehnten, siebzehnten Jahre noch nach? Lauter
Seehund, nichts als Seehund."

"Ja, Frau Gevatterin," unterbrach eine dritte, "und die handbreiten
Bruesseler Kanten, der Amethystschmuck, mit welchem man meinen Torweg
pflastern koennte--von der Fuerstin Romanow soll er sein! Ha, ha, ha,
man hat auch seine Nachrichten; die Fuerstin, Gott halte sie in Ehren,
ist eine splendide Frau; auch reich, steinreich, gebe alles zu--aber
so einem naseweisen Kind, das kaum hinter den Ohren trocken ist,
dieses Diadem, diese Ohrenringe, dieses Kollier, dieses Kreuz zu
schenken--nein, dazu ist die Frau Fuerstin Hoheit doch zu vernuenftig.
Haben Sie aber nie von ihrem Neffen, dem Prinzen Ferdinand, gehoert?
Soll ein splendider, artiger Herr sein, der Prinz, und wenn man nur
gegen ihn gefaellig ist, ist er es wohl auch wieder, ha, ha, ha--"

Und der ganze Zirkel lachte und stiess an auf den gefaelligen,
splendiden Prinzen.

Nein, wahrhaftig, es war nicht zum Aushalten; ein schoenes,
engelreines Geschoepf, voll Milde, Sanftmut und Mitleiden so
schonungslos zu verdammen! Emil hatte in einer Fenstervertiefung, wo
er sich hingestellt hatte, um die Tafel zu uebersehen, alles mit
angehoert; er haette moegen der Frau Gevatter den einzigen Zahn, den sie
noch hatte, mit welchem sie aber nichtsdestoweniger den Ruf einer
jungen Dame tapfer benagte, ein wenig einschlagen; er rueckte, nur um
die giftigen Bemerkungen nicht zu hoeren, um ein Fenster weiter
hinaus. Aber hier kam er vom Regen in die Traufe. Frau von
Schulderoff setzte dort ihrem Sohn, dem Dragonerleutnant, weitlaeufig
auseinander, dass er, um den gesunkenen Glanz ihres Hauses wieder auf
den Strumpf zu bringen, notwendig eine gute, sehr gute Partie machen
muesse, und dazu sei die Ida ganz wie gemacht.

Dem jungen Schulderoff, der neben dem gesunkenen Glanz seines Hauses
bei Juden und Christen einige tausend Taelerchen mehr stehen hatte,
als sein Gageabzug auf siebzig Jahre wahrscheinlicherweise aufwiegen
konnte, schien mit dem Vorschlag ganz zufrieden; nur das Wie wollte
ihm nicht recht einleuchten.

Aber die gnaedige Mama wusste Rat. "Erstens; recht oft mit ihr getanzt,
namentlich im Kotillon recht oft geholt! Das heisst Attention
beweisen; das Maedchen wird dann mit dir aufgezogen, sie wird
aufmerksam auf dich. Zweitens: morgens zehn Uhr im kurzen Galopp am
Haus vorbei! Dort verlierst du, im Staunen ueber sie, die
Reitpeitsche; du voltigierst ja so gut, haeltst also nicht an, sondern
herab vom Gaul, Peitsche ergriffen, wieder hinauf, einen Feuerblick
dem Fraeulein zugeworfen, und davon im gestreckten Galopp! Wenn nur
ihr Herzchen aus Angst fuer dich einmal schneller pulsiert, dann hast
du sie schon im Sack. Drittens: in einer schoenen Nacht mit der ganzen
Regimentsmusik vors Haus! Einige mutige Stuecke, einige zaertliche
Arien aufgespielt, und sie kommt hinter die Jalousien, darauf wette
ich meinen ganzen Schmuck, der jetzt zufaellig bei Levi ist. Einige
Kameraden tun dir schon den Gefallen und gehen mit; sie rufen:
'Schulderoff! Schulderoff! Wo steckst du denn? Ach siehe, der arme
Junge weint.' 'Ach, lasst mich, tapfere Kameraden,' antwortest du,
'mir ist so weh und so wohl in ihrer Naehe.' So kommt es in allen
Ritterbuechern, wo der Adel noch allein liebte und die dummen
Buergerlichen noch kein Geld hatten."

"Auf Ehre, Mama, Sie haben recht," antwortete der Leutnant und
wichste sich den Schnurrbart; "sehen Sie, dann kann ich auch so angr--"

Emil wurde, er wusste nicht warum, ganz bange ums Herz, als er den
Eroberungsplan des Wildfangs hoerte; er rueckte um einige Fenster
weiter hinauf und war dort dem Gegenstand nahe, den die Schmaehsucht
der Weiber zu zerreissen, der Eroberungsgeist der Schulderoffs zu
gewinnen suchte.

Obenan sass der Praesident; die feierliche Geschaeftsmiene war zu Hause
geblieben; er hatte den freundlichen, gefaelligen Gesellschaftsmenschen
angezogen und tafelte, zum grossen Trost der juengern Glieder seines
Kollegiums, wie ein Junger.

Das behagliche runde Gesicht durchblitzte oft schnell wie ein Gedanke
ein satirisches Laecheln, wenn er und der Hofrat Ida zum suessen
bruesselnden Schaumwein noetigten.

Es war nicht moeglich, etwas Liebreizenderes zu sehen, als das
Maedchen, eine ewig junge Hebe, zwischen den alten, froehlichen Herren.
Es war jetzt ganz das waehlige, mutwillige Kind wieder wie vor drei
Jahren, wenn es dem Papa oder dem alten Hagestolz Berner auf dem
Schosse sass; Madeirasekt und Xeres hatten ihr, weil Berner keinen der
schweren Weine ueber die Purpurbarrieren ihrer Lippen gelassen hatte,
alles Blut in die Wangen getrieben; es zischte und gischte in ihren
Adern so warm und wohltuend, dass das Auge von Lust und Liebe strahlte
und die rosige Tiefe des Schelmengruebchens alle Augenblicke sich
zeigte. Der Champagner, den sie auf den Trimadeira setzte, war auch
nicht aus seinen Kreidebergen geholt worden, um ein froehlichgluehendes
Engelskoepfchen abzukuehlen und einen in ewigwechselnder Wonne Flut und
Ebbe wogenden Busen zur Ruhe zu bringen. Wusste sie doch selbst nicht,
was sie so froehlich machte! Die Rueckkehr ins Vaterhaus allein war es
nicht, auch nicht, dass die Blicke der jungen Freilinger Stadtkinder
alle auf sie flogen; es war noch etwas anderes; war es nicht ein
bleiches, wunderschoenes Gesicht, das sich immer wieder ihrer
Phantasie aufdraengte, das sie wehmuetig durch Traenen anlaechelte? Warum
musste er aber auch gehen, gerade als es zur Tafel ging, wo sie ihn
haette sehen und sprechen koennen!--

"Ei, Kind," sagte der Praesident und weckte sie aus ihren Traeumen, "da
sitzest du schon eine geschlagene Glockenviertelstunde, starrst auf
den Teller hin, als laesest du in der Johannisbeermarmelade so gut als
im Kaffeesatz deine Zukunft, und laechelst dabei, als machten dir alle
ledigen Herren, unsern Hofrat mir eingeschlossen, ihr Kompliment!"

Die Glutroete stieg ihr ins Gesicht; sie nahm sich zusammen und musste
doch wieder heimlich laecheln ueber den guten Papa, der doch auch kein
Spuerchen von ihren Gedanken haben konnte. Aber als vollends der
Hofrat ihr von der andern Seite zufluesterte: "Der alte Herr hat
fehlgeschossen; wir alle koennten uns den Ruecken lahm komplimentieren
und die Knie wund liegen, mein stolzes Trotzkoepfchen goennte keinem
einen halben Blick oder ein Viertelchen von dem Engelslaecheln, das
hier in den Teller ging. Aber da darf nur so ein interessanter
Fremder in einem Landau weinen, so ein Signor Bleichwangioso--"

"Ach, wie garstig, Berner! An den habe ich gar nicht mehr gedacht!"
rief sie, aergerlich, dass der Kluge ins Schwarze geschossen haben
sollte. Jener aber wischte seine Brille ab, schaute auf Idas
silbernen Teller und deutete lachend auf den Rand--

"Gar nicht mehr an ihn gedacht? Welcher Graveur hat denn da
gekritzelt, Fraeulein Luegenhausen? He!"

Nun, da hatte sich das Maedchen wieder vergaloppiert, hatte, ohne dass
sie es im geringsten wusste, unter ihrer Gedankenreihe das
Dessertmesser in die Hand bekommen, auf dem Teller herumgekritzelt,
und da stand mit huebschen, deutlichen Buchstaben: _Emil v.
Mart_--

"Nein, wie einem doch der Zufall bei boesen Leuten Streiche spielen
kann!" replizierte sie mit der unverschaemtesten Unbefangenheit,
kratzte, indem sie sich selbst ueber ihre furchtbare Kunst, zu
verdrehen, wunderte, in aller Geschwindigkeit ein Schnirkelchen hin,
wies dem kurzsichtigen Hofrat den Teller und sagte: "Sehen Sie! Da
war irgend einmal eine reisende Prinzess hier, welcher man auf Silber
servierte, und um den merkwuerdigen Tag ihrer Anwesenheit zu
verewigen, schrieb sie die paar Worte hieher: _Emilie v. Mart._,
heisst offenbar: Emilie, am fuenften Maerz."

"Gott im Himmel, was haettest du fuer einen Rechtskonsulenten und
Rabulisten gegeben!" antwortete Berner und setzte vor Schrecken den
frischeingeschenkten Kelch, den er schon halbwegs gehabt, wieder
nieder. "Habe ich nicht gesehen, wie du das Ding da kritzeltest; und
jetzt taete es not, ich deprezierte den falschen Verdacht?" Doch
Engelskoepfchen Ida sah ihm so bittend ins Auge, dass er unwillkuerlich
wieder gut wurde; in den suessesten Schmeicheltoenen bat sie ihm die
Unart ab, versprach, sich nie mehr aufs Leugnen zu legen, wenn er
gelobe, dem Papa nichts zu sagen, der sie wenigstens acht Tage lang
mit ihrer Silberschrift necken wuerde. Er gelobte, mahnte aber, jetzt
sich zum Kotillon zu ruesten. "Nur noch ein Viertelstuendchen!" bat
Ida, weil sie dem widerwaertigen Kreissekretaer habe zusagen muessen.
Aber das Straeuben half nichts; die Hoerner erklangen im Tanzsaal, und
die Tafel ruestete sich, aufzubrechen. Da stand der Praesident auf.
"Noch einen Kelch, meine Damen!" rief er ueber die Tafel hin, "noch
einen echten Toast aus den guten alten Zeiten: die Glaeser hoch--der
Liebe und der Freude!" Die Trompeten schmetterten ihren Freudenruf
unter den Jubel; aber mitten durch das Geschmetter, durch das
donnerschlagaehnliche Wirbeln der Pauken, mitten in dem schrankenlosen
Hallo der bechampagnerten Gaeste war es Ida, als hoerte sie hinter sich
tief seufzen, und als sie, von einer ploetzlichen Ahnung ergriffen,
sich schnell umsah, begegnete sie Emils Auge, der wehmuetig,
traenenschwer in das Gewuehl der Freude schaute. Alles Blut jagte die
UEberraschung dem Maedchen aus den Wangen, es hatte keinen Atem mehr,
und doch konnte es um keinen Preis ihr Auge wieder von ihm abwenden.
Doch ehe sie noch ihrer Verlegenheit Meister werden konnte, gerade
als sie der schoene junge Mann anreden zu wollen schien, riss ihn das
Gedraenge der Aufstehenden aus ihrer Naehe; der Kreissekretaer kam mit
seinem widrigen, sauersuessen Gesicht, schaetzte sich gluecklich, den
Kotillon errungen zu haben, und fuehrte seine Taenzerin im Triumph
durch die dicken Reihen seiner Neider. Sie aber folgte ihm, noch
immer ueber diese Erscheinung, ueber die Gewalt dieser dunkeln
Flammensterne sinnend. "Wahrhaftig!" sagte sie zu sich. "Der Hofrat
hat doch recht, es muss Menschen geben, die Haekchen im Auge haben, von
welchen man sich gar nicht losreissen kann, und dieser muss einen von
den grossen Angelhaken haben."

       *       *       *       *       *




DER KOTILLON.

In rauschenden Toenen klangen die Hoerner und Trompeten durch den Saal;
in verschlungenen Gruppen, bald suchend, bald fliehend, huepften die
Paare den froehlichen Reigen, und Idas liebliche Gestalt tauchte auf
und nieder in der Menge der Tanzenden wie eine Nixe, die neckend bald
dem Auge sich zeigt, bald in den Fluten verschwindet. Oft, wenn der
Augenblick es gestattete, wagte sie einen Viertelsseitenblick ueber
den Saal hinueber nach ihm, zu welchem ein unerklaerbares Etwas sie
noch immer hinzog, und wenn die Floeten leiser fluesterten, wenn die
weichen, gehaltenen Toene der Hoerner suesses Sehnen erweckten, da
glaubte sie zu fuehlen, dass diese Toene auch in seiner Brust
widerklingen muessen. In glaenzender Kette schwebten jetzt die Maedchen
in der Runde, bis die Reihe sich loeste und sie den Saal
durchschwaermten, um selbst sich Taenzer zu suchen. Emil stand wieder
an seine Saeule gelehnt. Kaum den Boden beruehrend, schwebte eine zarte
Gestalt, auf dem Amorettengesichtchen ein holdes, verschaemtes
Laecheln, auf ihn zu--es war Ida. Laechelnd neigte sie sich, zum Tanze
ihn einzuladen; er schien freudig ueberrascht, eine fluechtige Roete
ging ueber sein bleiches Gesicht, als er das holde Engelskind
umschlang und mit ihr durch den Saal flog.

Aber aengstlich war es Ida in seinen Armen; kalt war die Hand, die in
der ihrigen ruhte, schaurige Kaelte fuehlte sie aus des Fremden Arm,
der ihre Huefte umschlang; in sie eindringen, scheu suchte ihr Auge
den Boden; denn sie fuerchtete, seinem Flammenblicke zu begegnen.
Jetzt erst fiel ihr auch ein, dass es sich doch nicht so recht
schicke, den ganz fremden Menschen, der ihr von niemand noch
vorgestellt war, zuerst zum Tanze aufgefordert zu haben.

Aber ein freudiges Gefluester des Beifalls begleitete sie durch die
Reihen; bedeutender schien des Fremden edles Gesicht, von der
Bewegung des Tanzes leicht geroetet, bedeutender erschien seine edle
Gestalt, sein hoher koeniglicher Anstand, und dem schoenen Mann
gegenueber erschien auch Ida in noch vollerem Glanz der Schoenheit. Mit
dankendem Blick schied er, als er sie an den Platz zurueckfuehrte;
wieviel stiller Gram, wieviel Wehmut lag in diesem langen Blick! Ja,
wenn sie sich den Ausdruck seines Auges noch einmal zurueckrief,
wieviel Dank lag darin, wieviel Lie--

Sie drueckte geschwind die Augen zu, um nur den Gedanken zu entgehen,
die sie unablaessig verfolgten; sie tanzte rascher und eifriger, nur
um sich durch den raschen Wirbel zu zerstreuen; aber da wisperte von
der einen Seite der Xeres, von der andern kicherte der Champagner ihr
ins Ohr: er liebt dich, du bist es ja, nach welcher er immer sieht,
wegen dir ist er noch einmal auf den Ball gekommen.--Der Kotillon
hatte jetzt seine glaenzendste Hoehe erreicht; eine Tour, die in
Freilingen noch nie getanzt worden, sollte eingeschoben werden. Die
Dame, welche die Reihe traf, setzte sich, von ihrem Taenzer gefuehrt,
auf einen in die Mitte des Kreises gestellten Sessel; mit einem
seidenen Tuche wurden ihr die Augen verbunden und dann Taenzer
jeglicher Gattung zur blinden Wahl vorgefuehrt. Die Ausgeschlagenen
stellten sich als Gefangene und besiegt hinter den Stuhl, der
Erwaehlte flog mit der von der Binde erloesten Taenzerin durch den Saal.
Die Tour an sich war gerade nicht so kuehn erfunden, um durch sich
selbst sehr bedeutungsvoll zu werden; sie ward es aber dadurch, dass
der Vortaenzer, ein gerade von Reisen zurueckgekommener Herr aus
Freilingen, behauptete, in Wien werde diese Tour fuer sehr
verhaengnisvoll gehalten; denn es gelte dort bei dieser blinden Wahl
das Sprichwort: "Der Zug des Herzens sei des Schicksals Stimme," und
mehr denn hundertmal habe er den Spruch bei dieser Tour eintreffen
sehen. Die Freilinger Schoenen machten zwar Spass daraus und
behaupteten, die Wiener Damen werden unter dem Tuch hervorgesehen
haben; doch mochten sie aberglaeubisch genug sein und wuenschen, des
Schicksals Stimme moechte dem Zug ihres Herzens nachgeben und ihnen
den schoenen Major oder den Jagdjunker mit dem Stutzbaertchen oder
einen dergleichen vor die blinden Augen fuehren.

Auch an Ida kam jetzt die Reihe, sich niederzusetzen; der sauersuesse
Kreissekretaer fuehrte sie zum Stuhl, fragte mit schalkhaft sein
sollendem Laecheln, das aber sein Gesicht zur scheusslichen Fratze
verzog, ob er den Herrn Hofrat Berner bringen solle, band ihr das
Tuch vor die Augen, und in wenigen Augenblicken standen schon drei
arme Unglueckliche, von der sproeden, blinden Mamsell Amor-Justitia
verschmaeht, hinter dem Stuhl. Es war ihr wohl auch der Gedanke an
Martiniz durch das Koepfchen gezogen; aber sie hatte sich selbst recht
tuechtig ausgescholten und vorgenommen, ihr Herzchen moege sie ziehen,
wie es wolle, das Schicksal moege noch so gebietend rufen, sie lasse
drei ablaufen und den vierten wolle sie endlich nehmen.

"Numero vier, gnaediges Fraeulein!" meckerte der Kreissekretaer. Sie
liess die Binde loesen, sie schlug die Augen auf und sank in Emils
Arme, der sie im schmetternden Wirbel der Trompeten, im Jubelruf der
Hoerner im Saal umherschwenkte; die Sinne wollten ihr vergehen, sie
hatte keinen deutlichen Gedanken als das immer wiederkehrende: "Der
Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme." Ach! so haette sie durch
das Leben tanzen moegen; ihr war so wohl; so leicht; wie auf den
Fluegeln der Fruehlingsluefte schwebte sie in seinem Arme hin, sie
zitterte am ganzen Koerper; ihr Busen flog in fieberhaften Pulsen, sie
musste ihn ansehen, es mochte kosten, was es wollte. Sie hob das
schmachtende Gesichtchen. Ein suesser Blick der beiden Liebessterne
traf den Mann, der ihr in wenigen Stunden so wert geworden war; das
edle Gesicht lag offen vor ihr, wenige Zoll breit Auge von Auge, Mund
von Mund; ach, wie unendlich huebsch kam er ihr vor, wie fein alle
seine Zuege, wie schmelzend sein Auge, sein Laecheln; sie haette moegen
die paar Zoellchen breite Kluft durchfliegen, ihn zu lieben, zu kue--

Klatsch, klatsch, mahnten die ungeduldigen Herren, indem sie die
glacierten Handschuhe zusammenschlugen, dass die zarten Naehte
sprangen; will denn dies Paar ewig tanzen? Ach, ihr Kurzsichtigen,
wenn ihr wuesstet, wieviel namenlose Seligkeit in einer solchen kurzen
Minute liegt, wie die Pforten des Lebens sich oeffnen, wie die Seele
hinter die durchsichtige Haut des Auges heraufsteigt, um
hinueberzufliegen zu der Schwesterseele--wahrlich, ihr wuerdet diesen
Moment des suessesten Verstaendnisses nicht durch euer Klatschen
verscheuchen.

Der Ball war zu Ende; der Hofrat nahte, Ida den Schal anzulegen und
das waermende Maentelchen umzuwerfen; er nahm dann ihren Arm, um sie
zur Abkuehlung noch ein wenig durch den Saal zu fuehren. "Sie haben mit
ihm getanzt, Toechterchen?"--"Ja," antwortete sie, "und wie der
tanzt, koennen Sie sich gar nicht denken; so angenehm, so leicht, so
schwebend!"--"Idchen, Idchen!" warnte der Hofrat laechelnd. "Was
werden unsere jungen Herren dazu sagen, wenn Sie sie ueber einem
Landfremden so ganz und gar vergessen?"--"Nun, die koennen sich
wenigstens ueber das Vergessen nicht beklagen; denn ich habe nie an
sie gedacht! Aber sagen Sie selbst, Hofrat, ist er nicht ganz, was
man interessant nennt?"--"Ihnen wenigstens scheint er es zu sein,"
antwortete der neckische Alte.--"Nein, spassen Sie jetzt nicht! Ist
nicht etwas wunderbar Anziehendes an dem Menschen, etwas, das man
nicht recht erklaeren kann?" Der Hofrat schwieg nachdenklich.
"Wahrhaftig, Sie koennen recht haben, Maedchen," sagte er; "habe ich
doch den ganzen Abend darueber nachgesonnen, warum ich diesen Menschen
gar nicht aus dem Sinne bringen kann."

"Aber noch etwas," fiel Ida ein; "wissen Sie nicht, wo er so
ploetzlich mit dem alten Diener hinging?"--"Das ist es eben!" sagte
jener. "Eine ganz eigene Geschichte mit dem Grafen da; kommt auf den
Ball, tanzt nicht, geht fort, bleibt ueber eine Stunde aus, kommt
wieder--und wo blieb er? Wo meinen Sie wohl? Er war im Muenster!!"

"Jetzt eben, in dieser Nacht?" fragte Ida erschrocken und an allen
Gliedern zitternd.

"Heute nacht, auf Ehre! Ich weiss es gewiss; aber reinen Mund gehalten,
Gold-Idchen! Morgen komme ich dem Ding auf die Spur."

Der Wagen war vorgefahren; der Praesident kam in einer Weinlaune.
"Hofraetchen," rief er, "wenn du nicht anderthalbmal ihr Vater sein
koenntest, wollte ich dir Ida kuppeln!"

"Haette ich das doch vor dem Ball gewusst!" jammerte der Hofrat; "aber
da gab es allerlei interessante Leute usw." Erroetend sprang Ida in
den Wagen, auf den losen Hofrat scheltend, und umsonst gab sich Papa
auf dem Heimweg Muehe, zu erfahren, was jener gemeint habe.
Trotzkoepfchen haette moegen laut lachen ueber die Bitten des alten
Herrn; es biss die scharfen Perlenzaehne in die Purpurlippen, dass auch
kein Woertchen heraus konnte.

Nicht mehr so froehlich als in frueheren Tagen und dennoch gluecklicher,
legte Ida das Lockenkoepfchen auf die weichen Kissen. Es war ihr so
bange, so warm; mit einem Ruck war der seidene Plumeau am Fussende des
Bettes, und auch die duenne Seidenhuelle, die jetzt noch uebrig war,
musste immer weiter hinabgeschoben werden, dass die wogende,
entfesselte Schwanenbrust Luft bekam.

Aber wie, ein Geraeusch von der Tuere her? Die Tuere geht auf, im matten
Schimmer des Nachtlichtes erkennt sie Martiniz' blendendes Gesicht;
sein dunkles, wehmuetiges Auge fesselt sie so, dass sie kein Glied zu
ruehren vermag, sie kann die Decke nicht weiter heraufziehen, sie kann
den Marmorbusen nicht vor seinem Feuerblick verhuellen; sie will
zuernen ueber den sonderbaren Besuch, aber die Stimme versagt ihr.
Aufgeloest in jungfraeuliche Scham und Sehnsucht, drueckt sie die Augen
zu; er naht, weiche Floetentoene erwachen und wogen um ihr Ohr, er
kniet nieder an ihrem braeutlichen Lager, "der Zug des Herzens ist des
Schicksals Stimme," fluestert er in ihr Ohr; er beugt das gramvolle,
wehmuetige Gesicht ueber sie hin, heisse Traenen stuerzen aus seinem
gluehenden Auge herab auf ihre Wangen, er woelbt den wuerzigen Mund--er
will sie kue--

Sie erwachte, sie fuehlte, dass ihre eigenen heftigstroemenden Traenen
sie aus dem schoenen Traume erweckt hatten.

       *       *       *       *       *




DIE BEICHTE.

Am andern Morgen sehr frueh stand der Hofrat schon vor des Praesidenten
Haus und zog die Glocke. Er musste ja sein holdes Idchen fragen, wie
es zum erstenmal wieder in Freilingen geschlafen habe. Nebenbei hatte
er so viel zu fragen, so viel mitzuteilen, dass er nicht wusste, wo ihm
der Kopf stand. Nur soviel war ihm klar, als er den hellpolierten
Handgriff der Glocke in der Hand hielt, dass er um keinen Preis von
dem interessanten Herrn von gestern zuerst sprechen werde; sie soll
mir daran, sagte er, sie soll mir beichten. Er tat sich auf seinen
Witz nicht wenig zugut und laechelte noch still vor sich hin, als er
die breite Treppe hinanstieg.

Der Praesident sei schon in die Session gefahren, gaben ihm die
Bedienten auf seine Anfrage zur Antwort, aber gnaediges Fraeulein nehme
ihn vielleicht an, obwohl ihre Toilette noch nicht fertig sei.

Man meldete ihn; er wurde sogleich vorgelassen. In ihrem kleinen,
aufs geschmackvollste dekorierten Boudoir sass Ida auf einer Estrade
am Fenster, das Lockenkoepfchen in die Hand gestuetzt. War es doch, als
sei das Maedchen in dieser Nacht noch tausendmal schoener geworden! Der
Hofrat bekam ordentlich Ehrfurcht vor ihrer Schoenheit; es lag so viel
Schmachtendes in ihrem Auge, so viel ernste Sanftmut auf dem lieben
Gesichtchen, das ihn begruesste, dass er gar nicht wusste, woher dies
alles das Wunderkind gestohlen hatte.

Er sagte ihr auch, wie schoen er sie finde; sie aber lachte ihm
geradezu ins Gesicht; sie finde, dass sie weit bleicher aussehe als
sonst, der Ball koenne einesteils daran schuld sein, sagte sie; dazu
komme, dass sie heute nacht so dumm getraeumt habe und alle Augenblicke
aufgewacht sei. Sie wollte bei dieser Behauptung recht ernst
aussehen; aber das kleine Schelmchen flog ihr doch beinahe unmerklich
um den Mund, als wuesste es, was dem huebschen Engelskind getraeumt habe.

Der Hofrat sprach vom gestrigen Ball, von Herren und Damen, von allen
moeglichen Schoenen; aber er haette sich lieber die Zunge abgebissen,
ehe er von Martiniz zuerst angefangen haette, obgleich er wohl sah,
dass Ida darauf warte.

Er sah sich daher, als alle Taenze und Touren bekrittelt waren und das
Gespraech zu stocken drohte, im Zimmer umher. "Nein," sagte er, "wie
wunderschoen Ihnen Papa das Boudoir da dekorieren liess, die bronzierte
Lampe am gewoelbten Plafond, die freundliche Tapete! Wie werden sich
Ihre Besucher erfreuen, wenn man sich nicht mehr um den Rang auf dem
Sofa streiten darf! denn jener von hellbraunem Kasimir, der sich an
drei Waenden hinzieht, den eleganten Teetisch von Zedernholz in der
Mitte, kann ja eine ganze Legion von Daemchen in sich aufnehmen. Der
franzoesische Kamin mit dem deckenhohen Spiegel scheint aber nicht
sehr warm geben zu wollen; doch Hoffart muss schon auch ein wenig
Schmerz leiden. Die geschmackvolle Etagere dort haben Sie gewiss
selbst erst aus der Residenz geschickt; denn hier wuesste ich niemand,
der solche Arbeit lieferte."

Das ging ja dem alten Herrn aus dem Mund wie Wasser; schade nur, dass
er den tauben Waenden predigte; denn Ida schaute stillverklaert durch
die Scheiben und hatte weder Augen noch Ohren fuer ihren alten Freund.
Dieser sah sich um, sah das Hinstarren des Maedchens, folgte ihrem
Auge und--drueben in der ersten Etage des ehrsamen Gasthofes
"Zum goldenen _Mond_" hatten sich die rot und weissen Gardinen
aufgetan, und im geoeffneten Fenster stand--nein, er machte es gerade
zu, als der Hofrat hinsah, und liess die Gardine wieder herab; das
selige Kind drehte jetzt das Koepfchen, und ihr Blick begegnete dem
lauernden Auge des Hofrats. Die Flammenroete schlug ihr ins Gesicht,
als sie sich so verraten sah; aber dennoch sagte Trotzkoepfchen kein
Wort, sondern arbeitete eifrig an einer Zentifolie. Nun, dachte der
Alte, wenn du es durchaus nicht anders haben willst,--auf den Zahn
muss ich dir einmal fuehlen, also sei's!

"Sie haben brave Nachbarschaft, Ida," sagte er, "da koennen Sie Ihre
astronomischen Beobachtungen nach den Glutsternen des Herrn von
Martiniz recht kommode anstellen; ich habe zu Haus einen guten
Dolland, er steht zu Diensten, wenn Sie etwa--"

"Wie Sie nur so boes sein koennen, Berner!" klagte das verschaemte
Maedchen. "Wahrhaftig, ich habe bis auf diesen Augenblick gar nicht
gewusst, dass er nur im Mond logiert; und dass ich gestern diesen Mann
schon wegen seines Aeusseren gehaltvoller gefunden habe als unsere
jungen Herren hier, um die ich nun einmal kein Floeckchen Seide gebe,
--ist das denn ein so schweres Verbrechen, dass man es noch am andern
Tage buessen muss? Ist es denn so arg, wenn man Mitleiden hat mit einem
Menschen, der so ungluecklich scheint?"

"Nun, da bringen Sie mich just auf den rechten Punkt," sagte der
Hofrat; "dass der junge Herr im Mond drueben gestern nacht in der
Muensterkirche war, habe ich Ihnen gesagt; aber was er dort tat, das
wissen Sie nicht,--und was bekomme ich, wenn ich es sage?"

"Nun, was wird er viel dort getan haben?" antwortete Ida, vergeblich
bemueht, ihre Neugierde zu bekaempfen. "Er hat sich wahrscheinlich die
Kirche zeigen lassen, wie die Fremden auf der Durchreise immer tun?"

"Durchreise? Als ob ich nicht wuesste, dass Herr von Martiniz die drei
Zimmer Ihnen gegenueber auf vier Wochen gemietet hat--"

"Auf vier Wochen?" rief Ida freudig aus, erschrak aber im naemlichen
Augenblick ueber die laute Aeusserung ihrer Freude. "Vier Wochen?"--
setzte sie gefasster hinzu. "Wie freut mich das fuer die gute
Mondwirtin! Sie muss immer Schelte hoeren von ihrem Mann, dass ihre
_Table d'hote_ nicht so gut sei wie im _Hotel de Saxe_, und
kein Mensch bleibe recht lange; da hat sie nun doch einen Beweis fuer
sich."

"Die arme Mondwirtin," spottete der Hofrat, "die gute Seele! Muss sie
jetzt auch noch zur Entschuldigung dienen, wenn man seine Freude
nicht recht verbergen kann! Und, um aufs vorige zurueckzukommen, Sie
glauben also, der Mann im Monde da drueben habe sich als
durchreisender Fremder unsern Muenster zeigen lassen und dazu die
glueckliche Stunde nachts von zwoelf bis ein Uhr gewaehlt, habe den
Kuester mit seiner Laterne alles beleuchten lassen, nur um die
Finsternis desto deutlicher zu sehen?"

Der kleine Schalk lachte verstohlen auf seine Arbeit hin und liess den
Hofrat immer fortfahren--

"Heute in aller Frueh war ich beim Kuester, dem ich vorzeiten einmal
einen Prozess gefuehrt und ein Kind aus der Taufe gehoben hatte; gewiss,
ohne diese Empfehlung waere ich bei dem Alten nicht durchgedrungen.
'Gevatter!' sagte ich zu ihm, 'Er kann mir wohl sagen, was der
Fremde, der Ihn gestern nacht noch besuchte, im Muenster getan hat.'
Der Mann wollte im Anfang von gar nichts wissen; ich rief aber meinen
alten Balthasar,--Sie kennen ihn ja, wie geschickt er ist, alles
aufzuspueren,--diesen rief ich her und konfrontierte beide; der
Balthasar hatte den Bedienten des Fremden in des Kuesters Haus gehen
und beide bald darauf mit dem Fremden im Muenster verschwinden sehen.
Er gab dies zu, bat mich aber, nicht weiter in ihn zu dringen, weil
es ein furchtbares Geheimnis sei, das er nicht verraten duerfe. So
neugierig ich war, stellte ich mich doch ganz ruhig, bedauerte, dass
er nichts sagen duerfe, weil es ihm sonst eine Bouteille Alten (seine
schwache Seite) eingetragen haette; da gab er weich und erzaehlte--"

"Nun, fahren Sie doch fort!" sagte Ida ungeduldig, "Sie wissen von
frueher her, dass ich fuer mein Leben gerne Geschichten hoere, namentlich
geheimnisvolle, die bei Nacht in einer Kirche spielen."

"So, so? Man hoert gerne Geschichten von interessanten,
geheimnisvollen Leuten? Nun ja, hoeren Sie weiter! Der Kuester, der fuer
seine Muehe einen harten Taler bekam, fuehrte gestern nacht einen
Herrn, der bleich wie der Tod, aber so vornehm wie ein Prinz
ausgesehen haben soll, in den Muenster. Dort habe sich der Fremde auf
die Altarstufen gesetzt und in voller Herzensangst gebetet. Dann sei
ein Sturm gekommen, wie er fast noch nie einen gehoert; er habe an den
Fenstern geruettelt und geschuettelt und die Scheiben in die Kirche
hereingeschlagen; der Herr aber habe wunderliche Reden gefuehrt, als
reite der Teufel draussen um die Kirche und wolle ihn holen.

"Der Kuester glaubt auch daran wie ans Evangelium und weint wie ein
Kind um den bleichen jungen Mann, der schon so frueh in die Hoelle
fahren solle. Dabei verspricht er aber ganz getrost, wenn der Herr
alle Nacht bei ihm einkehre und sich in den Schutz seines Muensters
begebe, solle ihm vom Boesen kein Haar gekruemmt werden. Sehen Sie, das
ist die Geschichte; da werde jetzt einer klug daraus! Was halten Sie
davon?"

In aengstlicher Spannung hatte Ida zugehoert; in hellem Wasser
schwammen ihr die grossen blauen Augen, die volle schoene Schwanenbrust
hob sich unter der durchsichtigen Chemisette, als wolle sie einen
Berg von sich abwaelzen; die Stimme versagte ihr; sie konnte nicht
gleich antworten.

"O Gott!" rief sie, "was ich geahnt, scheint wahr zu sein: der arme
Mensch ist gewiss wahnsinnig; denn an die toerichte Konjektur des
Kuesters werden Sie doch nicht glauben?"

"Nein, gewiss glaube ich an solche Torheiten nicht; aber auch was Sie
sagen, scheint mir unwahrscheinlich; sein Auge ist nicht das eines
Irren, sein Betragen ist geordnet, artig, wenn auch verschlossen."

"Aber haben Sie nicht bemerkt," unterbrach ihn Ida, "nicht bemerkt,
wie unruhig er wurde, wie sein Auge rollte, als es elf Uhr schlug?
Gewiss hat es eine ganz eigene Bewandtnis mit dieser Stunde, und
irgend eine Gewissenslast treibt ihn wohl um diese Zeit, Schutz in
dem Heiligtum zu suchen, das jedem, der muehselig und beladen koemmt,
offen steht."

"Ihr Frauen habt in solchen Sachen oft einen ganz eigenen Takt,"
antwortete der Hofrat, "und sehet oft weiter als wir; doch will ich
auch hier bald auf der Spur sein; denn mich peinigt alles, was ich
nur halb weiss, und mein Idchen weiss mir vielleicht auch Dank, wenn
ich mit dem Herrn Nachbar Bleichwangioso aufs reine komme; das
greifen wir so an: Der Mondwirt ist mein spezieller Freund, weil ich
gewoehnlich abends mein Schoeppchen bei ihm trinke und mir seit zehn
Jahren das Essen von ihm holen lasse. Ich speise nun die naechsten
paar Tage an seiner Tafel, und er muss mein Kuvert neben das seines
bleichen Gastes setzen lassen; bekannt will ich bald mit ihm sein,
und habe ich ihn nur einmal auf einem freundschaftlichen Fuss, so will
ich den alten Diener aufs Korn fassen. Natuerlich holt man weit aus
und faellt nicht mit der Tuere ins Haus; aber ich habe schon mehr
solche Kaeuze ausgeholt, es ist nicht der erste."

       *       *       *       *       *




DAS DEJEUNER.

"Das ist herrlich," sagte Ida und streichelte ihm die Wangen wie
ehemals, wenn er ihr etwas geschenkt oder versprochen hatte. "Das
machen Sie vortrefflich; zum Dank bekommen Sie aber auch etwas
Extragutes, und jetzt gleich!" Sie stand auf und ging hinaus; dem
Hofrat pupperte das Herz vor Freude, als er das wunderherrliche
Maedchen dahingehen sah; die zarten Fuesschen schienen kaum den
tuerkischen Fussteppich zu beruehren, der einfache, blendendweisse
Batistueberrock verriet in seinem leichten Faltenwurf das Ebenmass
dieses herrlichen Gliederbaues, diese frische, jugendliche
Kraeftigkeit! Er versank in Gedanken ueber das holde Geschoepf, das
allen Lockungen der Residenz Trotz geboten, sich das jungfraeuliche
Herz frei bewahrt von Liebe und jetzt, als sie in ihre kleine
Vaterstadt zurueckkommt, am ersten Abend einen Mann findet, den sie--
nein! sie konnte es nicht leugnen, es war ja offenbar, dass sie ihm
mit der hohen Glut der ersten jungfraeulichen Liebe zugetan sei. Aber
wie? Durfte er, der gereifte Mann, diese Neigung, die doch
wahrscheinlicherweise kein vernuenftiges Ende nehmen konnte, durfte er
sie unterstuetzen? Konnte nicht der landfremde, wie es schien, sogar
gemuetskranke Mensch alle Augenblicke wieder in seinem Landau sitzen
und weiterfahren? Doch der Karren war jetzt schon verfahren.--

Ida trat ein, das Gesichtchen war hochgeroetet, sie trug einen
silbernen Teller mit zwei Bechern, ein Kammermaedchen folgte mit
allerlei Backwerk. "Schokolade mit Kapwein abgeruehrt," sagte Ida
laechelnd, indem sie ihm einen Becher praesentierte; "ich kenne den
Geschmack meines Hofraetchens gar wohl, darum habe ich dieses
Fruehstueck gewaehlt, und--denken Sie, wie geschickt ich bei Madame La
Truiaire geworden bin,--ich habe ihn ganz allein selbst gemacht,
Gesicht und Arme gluehen mir noch davon; versuchen Sie doch, er ist
ganz delikat ausgefallen."

Sie lueftete, ohne sich vor dem alten Freund zu genieren, das leichte
UEberroeckchen; eine himmlische Aussicht oeffnete sich, der weisse
Alabasterbusen schwamm auf und nieder, dass der Hofrat die alten Augen
in seine Schokolade heftete, als solle er sie mit den Augen trinken.
"Hierher sollte einer unserer jungen Herren kommen," dachte er,
"Kapweinschokolade in den Adern, ein solches Himmelskind mit dem
offenen leichten Ueberroeckchen vor sich--ob er nicht rein von Sinnen
kaeme!" Beinahe ebenso grossen Respekt als vor ihren entfesselten
Reizen bekam er aber vor der Kochkunst des Maedchens. Die Schokolade
war so fein, so wuerzig, das rechte Mass des Weines so gut beobachtet,
dass er bei jedem Schlueckchen zoegerte zu schlucken.

Idchen aber schien ihre Schokolade ganz vergessen zu haben; denn ein
neues Schauspiel bot sich ihren Augen dar. Der wohlbekannte Diener
des Fremden fuehrte ein Paar prachtvolle Pferde vor das Portal des
goldenen Mondes. Sie selbst war soviel Reiterin, dass sie wohl
beurteilen konnte, dass besonders das eine Pferd, ein majestaetischer
Stumpfschwanz, Tigerschimmel, von unschaetzbarem Wert sei. Auch
Berner, der in allen Saetteln gerecht war, stimmte bei und pries die
einzelnen Schoenheiten des Schimmels, besonders auch das elegante,
geschmackvolle Reitzeug.

Ida wagte voll Erwartung kaum Atem zu holen; der Mondwirt, ein
stattlicher Vierziger, trat gravitaetisch aus dem Torweg und
bekomplimentierte sich mit dem alten Diener um die Ehre, die Zuegel
des Tigerschimmels zu halten. Als aber dieser sich dieses Geschaeft
nicht nehmen liess, hielt er den Steigbuegel. Emil von Martiniz, in
einem eleganten Morgenueberrock, trat jetzt aus der Halle, gefolgt von
dem Oberkellner; er streichelte den schlanken Hals seines Schimmels
und warf ueber ihn weg oft seine Blicke zu dem Fenster gegenueber, wo
Ida neben dem Hofrat sass.

Indem toente der Hufschlag eines in kurzem Galopp ansprengenden
Pferdes die Strasse herauf; es kam naeher, es war der junge Dragoner-
Freier, Leutnant von Schulderoff. Er hatte die gute Uniform an und
von einem seiner Kameraden eine prachtvolle Tigerdecke entlehnt und
langte jetzt in vollem Wichs vor des Praesidenten Haus an.

Nach Vorschrift der gnaedigen Mama liess er jetzt mit einem Blick auf
die Holdselige seine Reitpeitsche fallen; im Nu war der geuebte
Voltigeur herab von seinem Rappen; aber gerade, als er wieder
aufspringen wollte, scheute sein Ross an denen, die vor dem goldenen
Mond standen, machte einen Seitensprung und dann im Karriere davon,
gerade auf einen Kirchplatz zu, wo viele Kinder, die gerade aus der
Schule kamen, ihre unschuldigen Spiele trieben. Der Mondwirt, der bis
letzt noch immer den Buegel gehalten, flog rechts, der alte Diener
links, und _ventre a terre_ flog Martiniz mit Windeseile dem
Rappen nach, ueberholte ihn noch drei Schritte vor einem Haufen
Kinder, die keinen Ausweg mehr hatten und klaeglich schrien, riss sein
eigenes Ross herum, packte mit Riesenkraft den Ausreisser und brachte
ihn zum Stehen. Alles dies war das Werk eines Augenblicks. Der
liebende Dragoner hinkte auf seinen Freiersfuessen dem Rappen nach,
murmelte einige Flueche, die wie ein Dank lauten sollten, sass auf und
jagte davon. Martiniz aber ritt, ohne auf den tausendstimmigen
Beifall, der ihm von der Menge, die sich versammelt hatte, zugejubelt
wurde, zu achten, zurueck, gruesste ehrerbietig an des Praesidenten Haus
hinauf und zog, gefolgt von dem alten Diener, auf seinem Morgenritt
weiter.

Ida hatte in dem schrecklichen Moment das Fenster aufgerissen; sie
hatte die Gefahr der armen Kleinen, hatte mit steigender Angst den
gefaehrlichen Moment gesehen, wo Martiniz in gestreckter Karriere sein
Pferd herumriss, auf die Gefahr hin, zu ueberstuerzen; sie haette moegen
mit jener Menge laut aufjauchzen und konnte sich nicht enthalten, als
er vor ihrem Fenster vorbeikam, seinen Gruss so freundlich als moeglich
zu erwidern. Dieser Moment war entscheidend; in der Angst, die sie
fuehlte, ward sie sich bewusst, wie teuer ihr der Mann war, der dort
hinflog. Das gepresste Herz, die stuermisch wogende Brust rang nach
einem Ausweg. Der Hofrat wollte seinen alten Sarkasmus wieder spielen
lassen; aber er draengte ihn zurueck, als ihn das Maedchen so bittend
ansah, als sie seine Hand drueckte und die hellen, vollen Traenen aus
den sanften Augen herabfielen. "Ich bin ein rechtes Kind, nicht wahr,
Hofrat? Aber ueber solche Szenen kann ich nicht anders, muss ich
unwillkuerlich weinen. Lachen Sie nur nicht ueber mich! Es wuerde mir
gerade jetzt recht wehe tun."

"Gott bewahre mich, dass ich lache," entgegnete der Hofrat; "wenn
eines im hoechsten Fieberparoxismus ist, wie Sie, Goldkind, so lacht
man gewoehnlich nicht." Er dankte ihr fuer ihre Schokolade, nahm Stock
und Hut und liess das Maedchen mit ihrem siebzehnjaehrigen, von dem Keim
der ersten Liebe stuermisch bewegten Herzchen allein.

       *       *       *       *       *




DER BRIEF

Als Hofrat Berner nach Tisch wieder in des Praesidenten Haus kam, um
ihn, da er ihn heute frueh verfehlt hatte, zu besuchen, traf er Ida
wieder so vergnuegt und froehlich wie immer. Das ewige Aprilwetter!
dachte er, auch bei ihr bleibt es nicht aus; wenn wir morgens weinen,
so darf man gewiss sein, dass uns auch der Abend noch traurig oder doch
ernst findet; aber das weint und lacht, klagt und tollt durcheinander
wie Heu und Stroh. Er setzte sich zum Praesidenten, der gewoehnlich vor
dem Kaffee noch ein halbes Stuendchen tischelte; gegenueber hatte er
das liebe Aprillen-Kind und noetigte sie durch sein beredtes
Mienenspiel, wodurch er sie an heute frueh erinnerte, alle Augenblicke
zum Lachen oder Rotwerden.

"Apropos! Sie kommen gerade recht, Berner," sagte der Praesident,
"haette ich doch beinahe das Beste vergessen. Sie koennen mir durch
Ihre Umgaenglichkeit und Gewandtheit, durch die viele freie Zeit, die
Sie haben, einen sehr grossen Gefallen tun. Ich bekam da heute vom
Minister-Staatssekretaer ein Brieflein, worin mir unter den groessten
Elogen der ganz sonderbare Auftrag wird, neben meinem Amt als
Praesident auch noch den gehorsamen Diener anderer Leute zu spielen.
Da haben Sie," fuhr er fort, indem er einen Brief mit dem grossen
Dienstsiegel hervorzog, "lesen Sie einmal vor! Aber da, die
Elogenstelle bleibt weg; ich kann das Ding fuer meinen Tod nicht
leiden, wenn man einen so ins Gesicht hinein lobt."

Berner nahm den Brief, der, weil in solchen Faellen der Staatssekretaer
von Pranken selbst schrieb, ein wenig schwer zu lesen war, und
begann:

"--Naechstdem wurde mir hoeheren Orts der Wink gegeben, dass, da ein
sicherer Graf von Martiniz den Kreis Ew. Exzellenz bereisen werde,
ihm aller moegliche Vorschub und Hilfe zuteil werden soll. Besagter
Herr von Martiniz wurde unserem Hofe durch den ---schen _Ministre
plenipotentiaire_ aufs angelegentlichste empfohlen. Er hat im
Sinn, bei uns, aller Wahrscheinlichkeit nach in Ihrem Kreise, sich
bedeutende Gueter zu kaufen, ist ein Mensch, der seine drei Millionen
Taler hat und vielleicht noch mehr bekommt, und muss daher womoeglich
im Lande gehalten werden. Ew. Exzellenz koennen, wenn solches gelingen
sollte, auf grossen Dank hoehern Orte rechnen, da, wie ich Ihnen als
altem Freunde wohl anvertrauen darf, im Fall er sich im Lande
ansiedelte und sein Vermoegen hereinzoege, die Hand der Graefin Aarstein
Exzellenz demselben nicht vorenthalten werden wird."

Im Anfang dieses Brief es war Ida bei dem Namen Martiniz hoch
erroetet; denn sie begegnete dem Auge des Hofrats, der ueber den Brief
weg zu ihr hinueber sah; als die Stelle von den drei Millionen kam,
wurde die Freude schwaecher; ein dreifacher Millionaer war nicht fuer
Idas bescheidene Wuensche; als aber die Hand der Graefin Aarstein nach
ihrem sanften, liebewarmen Herzen griff, da wich alles Blut von den
Wangen des zitternden Maedchens, sie senkte das Lockenkoepfchen tief,
und eine Traene, die niemand sah als Gott und ihr alter Freund, stahl
sich aus den tiefsten Tiefen des gebrochenen Herzens in das
verdunkelte Auge und fiel auf den Teller herab.

Sie kannte diese Graefin Aarstein aus der Residenz her. Sie war die
natuerliche Tochter des Fuersten .....; von ihm mit ungeteilter
Vorliebe erzogen, mit einem ungeheuern Vermoegen ausgestattet, lebte
sie in der Residenz wie eine Fuerstin. Sie war einmal einige Jahre
verheiratet gewesen; aber ihre allzu vielseitige Menschenliebe hatte
den Grafen Aarstein genoetigt, seine Person von ihr scheiden und ihr
nur seinen Namen zurueckzulassen. Seitdem lebte sie in der Residenz;
sie galt dort in der grossen Welt als Dame, die ihr Leben zu geniessen
wisse; wenn man aber nur eine Stufe niederer hinhorchte, so hoerte man
von der Graefin, dass sie dieses angenehme Leben auf Kosten ihres Rufes
fuehre, zehn Liebeshaendel, zwanzig Prozesse auf einmal, Schulden so
viel als Steine in ihrem Schmuck habe und eine Kokette sei, die sich
nicht entbloede, mit dem Geringsten zu liebaeugeln, wenn seine Formen
ihr gefielen.

So war Graefin Aarstein. Ein unabweislicher Widerwille hatte schon in
der Residenz die reine jungfraeuliche Ida von dieser ueppigen Buhlerin
zurueckgeschreckt; so oft sie zu ihren glaenzenden Soirees geladen war,
wurde sie krank, um nur diese frivolen Augen, diese bis zur Nacktheit
zur Schau gestellten Reize nicht zu sehen; und diese Frau, deren
Geschaeft ein ewiges Gurren und Lachen, Spotten und Persiflieren war,
sie sollte der ernste, unglueckliche junge Mann mit dem ruehrenden Zuge
von Wehmut, dem gefuehlvollen, sprechenden Auge--

Berner hatte schweigend den Brief noch einmal ueberlesen und legte ihn
dann mit einem mitleidigen Blick auf Ida zurueck. "Nun, was sagen Sie
zu dem sonderbaren Auftrag?" fragte der Praesident. "Wahr ist es, der
Martiniz ist nach dieser Beschreibung ein Goldfisch, den man nicht
hinauslassen darf, ja, ja,--man muss negoziieren, dass er in unserem
Kreise bleibt. Da koennte er zum Beispiel Woldringen kaufen: um
zweimalhunderttausend Taelerchen ist Schloss, Gut, Wiesen, Feld, Fluss,
See, Berg und Tal, alles, was man nur will, sein; und dieser Preis
ist ein Pappenstiel. So, so? Die Aarstein also? Nicht uebel gekartet
von den Herren. Sie soll enorme Schulden haben, die am Ende doch der
Fuerst uebernehmen muesste; die bekommt der Herr Graf in den Kauf. Du
kennst die Aarstein, Ida? Sahst du sie oft?"

"Nie!" antwortete Ida unter den Loeckchen hervor und sah noch immer
nicht vom Teller auf.

"Nie?" fragte der Praesident gereizt. "Ich will nicht hoffen, dass die
gnaedige Graefin meine Tochter nicht in ihren Zirkeln sehen wollte; hat
sie dich nie eingeladen, wurdest du ihr nicht vorgestellt?"

"O ja," sagte Ida, "sie schickte wohl zwanzigmal, ich kam aber nie
dazu, hinzugehen."

"Was der T--! Ich haette geglaubt, du waerest ein vernuenftiges,
gesittetes Maedchen geworden; wie kannst du solche Sottisen begehen
und die Einladungen einer Dame, die mit dem fuerstlichen Hause so nahe
liiert ist, refuesieren?"

"Man hat mich deswegen bei Hof nicht weniger freundlich aufgenommen,"
antwortete Ida und hob das von Unmut geroetete Gesichtchen empor; "man
hat sich vielleicht gedacht, dass es der Ehre eines unbescholtenen
Maedchens wohl anstehe, so fern als moeglich von der Frau Graefin zu
bleiben."

"So sieht es dort aus?" fragte der Praesident kopfschuettelnd. "Nun,
nun! Heutzutage setzt man sich, wenn man ein wenig Welt hat, darueber
weg. Ich mag dir hierueber nichts sagen, ihr jungen Maedchen habt eure
eigenen Grundsaetze; nur waere es wegen der jetzigen Verhaeltnisse
besser gewesen, du haettest sie oefter gesehen; denn wenn sie sich hier
in der Gegend ankaufen, nach Freiling kommen sie doch auch alle Jahre
ein paar Mal. Wir machen das erste Haus hier, du sollst in Zukunft
die Dame des Hauses vorstellen; wie kannst du nun die Graef in
Martiniz empfangen, wenn du in der Residenz sie so ganz
negligiertest?"

"Nun, Graefin Martiniz ist sie ja noch nicht," meinte der Hofrat und
laechelte dabei so geheimnisvoll, dass es sogar dem Praesidenten
auffiel.

"Nun, Er spricht ja so sicher ueber diesen Punkt," sagte dieser, "als
kenne Er den Grafen Martiniz und seine Herzensangelegenheiten aus dem
Fundament."

"Seine Herzensangelegenheiten nun freilich nicht," laechelte Berner;
"aber den Grafen hatte ich die Ehre gestern kennen zu lernen--"

"Wie," unterbrach ihn der Praesident, "er ist schon hier? Und wir
schwatzen schon eine Stunde von ihm, und Sie sagen nichts--"

"Fraeulein Tochter ist nicht minder in der Schuld als ich," entgegnete
jener; "sie kennt ihn sogar genauer als ich."

"Ich glaube, Ihr seid von Sinnen, Berner, oder mein Laubenheimer hat
Euch erleuchtet. Du, Idchen, du kennst ihn?"

"Nein--ja--" antwortete Ida, noch hoeher erroetend. "Ich habe mit ihm
getanzt, das ist alles."

"Er war also gestern auf dem Ball? Schon bei Jahren, natuerlich, ein
aeltlicher Mann? Schon in unserem Alter, Berner?"

"Nicht so ganz," sagte dieser mit Hohn, "er mag so seine drei- bis
vierundzwanzig Jaehrchen haben. Uebrigens koennen Exzellenz seine
Bekanntschaft recht wohl machen; er logiert drueben im Mond."

Der Praesident war zufrieden mit diesen Nachrichten; er sann nach, wie
der junge Mann am besten zu halten sein moechte; denn er trieb alles
gerne nach dem Kanzleistil. Freund und Tochter, die er zu Rate zog,
rieten, ihn einzuladen und ihm so viel Ehre und Vergnuegen als moeglich
zu geben. Der Hofrat nahm es ueber sich, die Sache einzuleiten, und
der Praesident ging um ein Geschaeft leichter in sein Kollegium.

       *       *       *       *       *




OPERATIONSPLAN.

Als er weg war, sahen sich Ida und Berner eine Zeitlang an, ohne ein
Wort zu wechseln. Der Hofrat, dem das lange Schweigen peinlich wurde,
zwang sich, obgleich ihm die wehmuetige Freundlichkeit in Idas
Gesicht, ihr traenenschwerer Blick bis tief ins Herz hinein wehe tat,
zum Laecheln. "Nun, wer haette es," sagte er, "wer haette es dem
leidenden Herrn von gestern nacht angesehen, dass er drei Millioenchen
habe? Wie dumm ich war, dass ich glaubte, er weine in seinem Landau,
weil er keine Wechselchen mehr habe! Wer haette es dem truebseligen
Schmerzenreich angesehen, dass er bald eine so glaenzende, lustige
Partie machen wuerde!"

Ida schwieg noch immer; es war, als scheute sie sich vor dem ersten
Wort, das sie vor dem Freund, der ihr Herz so tief durchschaut hatte,
auszusprechen habe.

"Oder wie?" fuhr er fort. "Wollen wir eine Allianz schliessen, mein
liebes Aprillen-Wetterchen, dass die Graefin Aarstein ihre Schulden
nicht zahlen kann, dass--"

"O Berner, verkennen Sie mich nicht," sagte Ida unter Traenen; "es ist
gewiss nur das reine Mitleiden, was mich noetigt, auszusprechen, was
sonst nie gesprochen worden waere. Sehen Sie, dieses Weib ist die
Schande unseres Geschlechts! Sie ist so schlecht, dass ein ehrliches
Maedchen erroeten muss, wenn es nur an ihre Gemeinheit denkt. Pruefen Sie
den jungen Mann da drueben, und wenn er ist, wie er aussieht, wenn er
edel ist und trotz seines Reichtums ungluecklich, so machen Sie, dass
er nicht noch ungluecklicher wird; suchen Sie ihn aus den Schlingen,
die man um ihn legen wird, zu reissen--"

"Das kann niemand besser als mein Idchen," entgegnete jener und sah
ihr recht scharf in das Auge; "wenn mich nicht alles truegt, haengt das
Goldfischchen an einem ganz anderen Haken als dem, womit ihn der
Minister koedern will; nur nicht gleich so rot werden, Kind! Ich will
alles tun, will ihm sein Leben angenehm machen, wenn ich kann, will
ihm die Augen auftun, dass er sieht, wohin er mit der Aarstein kommt,
will machen, dass er sich in unserer Gegend ankauft und seine drei
Millionen ins Land zieht, will machen, dass er mein Maedchen da lie--"

"Still, um Gottes willen," unterbrach ihn die Kleine und prusste ihm
das kleine, weiche Patschhaendchen auf den Mund, dass er nicht weiter
reden konnte. "Wer spricht denn davon? Einen Millionaer mag ich gar
nicht; es waere ganz gegen meine Grundsaetze; nur die Schlange im
Residenzparadies soll ihn nicht haben; vom uebrigen kein Wort mehr,
unartiger Mann!--"

Verschaemt, wie wenn der Hofrat durch die glaenzenden Augen
hinabschauen koennte auf den spiegelklaren Grund ihrer Seele, wo die
Gedanken sich insgeheim draengten und trieben, sprang sie auf und an
den Fluegel hin, uebertoente die Schmeichelworte des Hofrats mit dem
rauschendsten Fortissimo, drueckte sich die weichen Knie rot an dem
Saitendaempfer, den sie hinauftrieb, um die Toene so laut und schreiend
als moeglich zu machen, um durch den Sturm, den sie auf den
Elfenbeintasten erregte, den Sturm, der in dem kleinen Herzchen
keinen Raum hatte, zu uebertaeuben.

Verzweiflungsvoll ueber den halloenden Schmetter dieses Furioso
enteilte der Hofrat dem Salon. Aber kaum hatte er die Tuere
geschlossen, so stieg sie herab aus ihrem Tonwetter; die gellenden
Akkorde loesten sich auf in ein suesses, fluesterndes Dolce, sie ging
ueber in die schoene Melodie: "Freudvoll und leidvoll"; mit Meisterhand
fuehrte sie dieses Thema in Variationen aus, die aus ihrem innersten
Leben herauf stiegen; durch alle Toene des weichsten Moll klagte sie
ihren einsamen Schmerz, bis sie fuehlte, dass diese Toene sie viel zu
weich machen, und ihr Spiel, ohne seine Dissonanzen aufzuloesen,
schnell wie ihre Hoffnung endete.

       *       *       *       *       *




DIE MONDWIRTIN.

Im Goldenen Mond drueben ging es hoch her. Drei Zimmer in der Beletage
vorn heraus hatte schon lange Zeit kein Fremder mehr gehabt. Die
Mondwirtin hatte daher alles aufgeboten, um diese Zimmer so anstaendig
als moeglich zu dekorieren; das mittlere hatte sie durch einen
eleganten Armoir zum Arbeits-, durch ein grosses Sofa zum
Empfangzimmer eingerichtet. Das linke nannte sie Schlafkabinett, das
rechte, weil sie ihren ganzen Vorrat ueberfluessiger Tassen und eine
bronzierte Maschine auf einen runden Tisch gesetzt hatte, das
Teezimmer. Auch an der _Table d'hote_, wo sonst nur einige
Individuen der Garnison, einige Forst- und Justizassessoren,
Kreissteuereinnehmer und dergleichen, selten aber Grafen sassen, waren
bedeutende Veraenderungen vorgegangen. Zum Dessert kam sogar das
feinere Porzellan mit gemalten Gegenden und die damaszierten
Strassburger Messer, die sonst nur alle hohen Festtage aufgelegt
wurden.

Dass ihr angesehener Goenner und spezieller Freund, der Hofrat Berner,
jetzt im Mond statt zu Haus essen wollte und augenscheinlich dem
Grafen zu Ehren, zog einen neuen Nimbus um die Stirne des letzteren
in den Augen der Frau Mondwirtin. Sie war ganz vernarrt in ihren
neuen Gast. Schon als er in dem herrlichen Landau mit den vier
Postpferden, den aus Leibeskraeften blasenden Schwager darauf,
vorfuhr, als der reichbordierte Bediente dem jungen Mann heraushalf,
sagte sie gleich zu ihrem Ehezaerter: "Gib acht, das ist was
Vornehmes."

Als sie aber dem Brktzwisl,--so nannte sich der gute alte Diener,--
die Kommoden in den drei Zimmern oeffnete, ihm die Kleider und Waesche
seines Herrn aus den Koffern nehmen, sortieren und ordnen half, da
schlug sie vor Seligkeit und Staunen die Haende zusammen. Sie hatte
doch von ihrer Mutter gewiss recht feine, sanfte Leinwand zum
Brauthemdchen bekommen; aber das war grober Zwillich gegen diese
Hemden, diese Tuecher--nein, so etwas Extrafeines, Schneeweisses
konnte es auf der Erde nicht mehr geben wie dieses.

Es ist kein uebles Zeichen unserer Zeit, wo der Edelmann seinen Degen
abgelegt hat und Grafen und Barone im naemlichen Gewand wie der
Buergerliche erscheinen, dass die Frauen dem Fremden, der zu ihnen
kommt, nach dem Herzen sehen, das heisst nach seiner Waesche. Ist sie
grob, unordentlich oder gar schmutzig, so zeigt sie, dass der Herr aus
einem Hause sein muesse, wo man entweder seine Erziehung sehr
vernachlaessigte, oder selbst _malpropre_ und unordentlich war.
Wo aber der blaeuliche oder milchweisse Glanz des Halstuches, die
feinen Faeltchen der Busenkrause und des Hemdes ins Auge fallen, da
findet gewiss der Gast Gnade vor den Augen der Hausfrau, weil sie
immer dieses Zeichen guter Sitte ordnet und aufrecht erhaelt.

Auch die Freilinger Mondwirtin hatte diesen wahren Schoenheitssinn,
diese angeborene Vorliebe fuer schoenes Linnenzeug in ihrer oft
schmutzigen Wirtschaft noch nicht verloren; daher der ungemeine
Respekt vor dem Gast, als sein Diener ihr die feinen Hemden
dutzendweis, bald mit gelockten, bald mit gefaeltelten Busenstreifen,
bald mit, bald ohne Manschetten aus den geoeffneten Koffern
hinueberreichte. Und als er vollends an die Unzahl von Hals- und
Sacktuechern kam, wovon sie jedes zum hoechsten Staat in die Kirche
angezogen haette, da vergingen ihr beinahe die Sinne. "Ach, wie
fuerstlich ist der Herr ausgestattet! Das hat gewiss die gnaedige Frau
Mama ihm mitgegeben?"

"Der tut schon lange kein Zahn mehr weh," gab Brktzwisl zur Antwort.

"Ist sie tot, die brave Frau, die so schoene Linnen machte?" sagte die
mitleidige Mondwirtin. "Aber die gnaedigen Fraeulein Schwestern haben--"

"Hat keine mehr. Vor einem Jahre starb die Graefin Crescenz."

"Auch keine Schwester mehr? Der arme Herr! Aber auf solche exquisite
Prachtwaesche verfaellt kein junger Herr von selbst. Ich kann mir
denken, der gnaedige Herr Papa Exzellenz--"

"Ist schon lange verstorben," entgegnete das alte Totenregister mit
einem Ton, vor welchem der Wirtin die Haut schauderte.

"Der arme junge Herr!" rief sie, "was hat er jetzt von seinem schoenen
Linnenzeug, wenn er nach Haus kommt und trifft keine Mutter mehr, die
ihn lobt, dass er alles so ordentlich gehalten, und keine Fraeulein
Schwester, die ihm das Schadhafte flickt und ordnet. Jetzt kann ich
mir denken, warum der gnaedige Herr immer so schwarz angezogen ist und
so bleich aussieht,--Vater tot, Mutter tot, Schwester tot, es ist
recht zum Erbarmen."

"Ja, wenn's das allein waere!" seufzte der alte Diener und wischte
sich das Wasser aus dem Auge. Doch, als haette er schon zu viel
gesagt, zog er murrend den zweiten Koffer, der die Kleider enthielt,
heran und schloss auf. Die Wirtin haette fuer ihr Leben gerne gewusst,
was sonst noch fuer Unglueck den bleichen Herrn verfolge, dass der
Verlust aller Verwandten klein dagegen aussehe. Aber sie wagte nicht,
den alten Brktzwisl, dessen Name ihr schon gehoerig imponierte,
darueber zu befragen; auch schloss der Anblick, der sich jetzt darbot,
ihr den Mund.

Die schwarze Kleidung hatte ihr an dem ernsten, stillen Gast nicht so
recht gefallen wollen; sie hatte sich immer gedacht, ein buntes Tuch,
ein huebsches helles Kleid muessten ihn von selbst freundlicher machen.
Aber da blinkte ihr eine Uniform entgegen--nein! Sie hatte geglaubt,
doch auch Geschmack und Urteil in diesen Sachen zu haben. Sie hatte
in frueherer Zeit, als sie noch bei ihrer Mutter war, die Franzosen im
Quartier gehabt, schoene Leute, huebsch und geschmackvoll gekleidet;
spaeter, als sie schon auf den Mond geheiratet hatte, waren die Russen
und Preussen dagewesen, grosse stattliche Maenner wie aus Gusseisen.
Freilich hatten sie nicht die lebhaften Manieren wie die frueheren
Gaeste; aber die knappsitzenden Spenzer und Kutkas waren denn doch
auch nicht zu verachten. Aber vor der himmlischen Pracht dieser
Uniform verblichen sie samt und sonders zu abgetragenen Landwehr- und
Buergermilizkamisoelern. Sie hob den Uniformsfrack vom Sessel auf,
wohin ihn Brktzwisl gelegt hatte, und hielt ihn gegen das Licht;
nein, es war nicht moeglich, etwas Schoeneres, Feineres zu sehen als
dieses Tuch, das wie Samt glaenzte, das brennende Rot an den
Aufschlaegen, die herrliche Posamentierarbeit an der Stickerei und den
Achselschnueren.

"Das ist die polnische Garde bei uns zu Haus in Warschau," belehrte
sie der alte Diener, dem dieser Anblick selbst das Herz zu erfreuen
schien. "Moechte man da nicht gleich selbst in die mit Seide
gefuetterten Aermel fahren und das spannende Jaeckchen zuknoepfen? Und,
weiss Gott! So wie mein Herr gewachsen, war keiner unter allen! Der
Schneider wollte sich selbst nicht glauben, dass die Taille so fein
und schmal sei, gab noch einen Finger zu und brachte unter Zittern
und Zagen, es moechte zu eng sitzen, sein Kunstwerk; aber Gott weiss,
wie es zugeht, sie war zwar ueber seine breite Heldenbrust gerade
recht, aber hier in den Weichen viel zu weit, und dabei ist an kein
Schnueren zu denken, mein Herr verachtet diese Kunststuecke. Der
Schneider machte einen Sprung in die Hoehe vor Verwunderung; er konnte
es rein nicht begreifen. Die andern Herren beim Regiment liessen sich
Korsette machen mit Fischbein, schnuerten sich zusammen, dass man haette
glauben sollen, der Herzbuendel wolle ihnen zerspringen, und dennoch
rissen die Knoepfe alle drei Tage, wenn sie nur ein wenig mehr als zu
viel gegessen hatten--mein Herr war immer der Fixeste, gedrechselt
wie eine Puppe, und alles ohne ein Lot Fischbein, so wahr ich lebe!"

"Es ist unbegreiflich, was es fuer herrliche Leute unter den Militaers
gibt," unterbrach ihn die Wirtin, andaechtig staunend.

"Und dann, Madame, lassen Sie ihn erst noch die Galabeinkleider da
anlegen, den Federhut aufsetzen, seine goldenen Sporen mit den
silbernen Raedchen an den feinen Absaetzchen,--denn Fuesschen hat er
trotz einer Dame,--lassen Sie mich ihm den St. Wladimir in Diamanten
auf die Brust haengen, den Ehrensaebel, den sein Herr Vater vom Kaiser
bekommen und den er aus hoher Gnade als Andenken tragen darf, um den
Leib schnallen--Frauchen, wenn ich ein Maedchen waere, ich floege ihm an
den Hals und kuesste ihm die schwarzen Locken aus der schoenen Stirne.
Und dabei war er so froehlich, die Wangen so rot, das Auge so freudig
blitzend, und alles hiess ihn nur den schoenen, lustigen Martiniz. Das
alles ist jetzt vorbei," setzte der treue Brktzwisl seufzend hinzu,
indem er die Staatsuniform der Wirtin abnahm und in die Kommode
legte, "da liegt das schoene Kleid, nach dem Zehntausend die Finger
leckten; so liegt es seit drei Vierteljahren, und wie lange wird es
noch so liegen!"

"Aber sagen Sie doch, lieber Herr Wiesel,--Sein Vorderteil kann ich
nicht aussprechen,--sagen Sie doch, warum dies alles? Warum sieht
Sein Herr so bleich und traurig? Warum kleidet er sich wie ein junger
Kandidat, da er unsere ganze Garnison in den Boden glaenzen koennte?
Warum denn?"

Der Alte sah sie mit einem grimmigen Blick an, als wollte er ueber
diesen Punkt nicht gefragt sein. Aber die junge, reinliche,
appetitliche Wirtin mochte doch dem tauben Mann zu zart fuer eine
derbe Antwort vorkommen. "Bassa manelka!" sagte er unfreundlich.
"Warum? Weil--ja, sehen Sie, Madame, weil, weil wir, richtig--weil
wir als Zivil reisen," und nach diesem war auch kein Sterbenswoertchen
mehr aus ihm herauszubringen.

       *       *       *       *       *




DER POLNISCHE GARDIST.

Dies alles hatte die Wirtin dem Hofrat erzaehlt, der sich in dem
schoenen Speisesaal wohl eine Stunde frueher als die uebrigen Gaeste zur
Abendtafel eingefunden hatte, um so allerlei Nachrichten, die ihm
dienen konnten, einzuziehen. Er hatte sie ganz aussprechen lassen und
nur hie und da seinen Graukopf ein wenig geschuettelt; als sie zu Ende
war, dankte er fuer die Nachrichten. "Und ihn selbst, Ihren
wunderlichen Gast, haben Sie noch nicht gesprochen oder beobachtet?
Ich kenne Ihren Scharfblick; Sie wissen nach der ersten Stunde
gleich, was an diesem oder jenem ist, und auch ueber Leben und Treiben
fangen Sie hie und da ein Woertchen weg, aus dem sich viel schliessen
laesst."

Die Geschmeichelte laechelte und sprach: "Es ist wahr, ich betrachte
meine Gaeste gern, und wenn man so seine acht oder zehn Jaehrchen auf
einer Wirtschaft ist, kennt man die Leute bald von aussen und innen.
Aber aus dem da droben in der Beletage werde ein anderer klug. Mein
Mann, der sich sonst auch nicht uebel auf Gesichter versteht, sagt:
'Wenn es nicht ein Polack waere, so musste er mir ein Englaender sein,
der den Spleen hat.' Aber nein, wir hatten auch schon Englaender, die
den Spleen faustdick hatten, tage-, wochenlang bei uns; aber die
seien griesgraemig, unzufrieden in die Welt hinein; aber die Frauen,
nehmen Sie nicht uebel, Herr Hofrat, haben darin einen feinern Takt
als mancher Professor. Der Graf sieht nicht spleenigt und griesgraemig
aus, nein, da wette ich, der hat wirkliches Unglueck; denn die Wehmut
schaut ihm ja aus seinen schwarzen Guckfenstern ganz deutlich heraus.
Denke ich den Nachmittag, du gehst einmal hinauf und sprichst mit
ihm, vielleicht, dass man da etwas mehr erfaehrt als von dem alten
Burrewisl. Im Teezimmer sitzt mein stiller Graf am Fenster, die
Stirne in die hohle Hand gelegt, dass ich meine, er schlaeft oder hat
Kopfweh. Drueben spielte gerade die Fraeulein Ida auf dem Fluegel so
wunderschoen und ruehrend, dass es eine Freude war. Dem Grafen musste es
aber nicht so vorkommen; denn die hellen Perlen standen ihm in dem
dunklen Auge, als er sich nach mir umsah."

"Wann war denn dies?" fragte der Hofrat.

"So gegen vier Uhr ungefaehr; wie ich nun so vor ihm stehe und er mich
mit seinem sinnenden Auge mass, da muss ich feuerrot geworden sein;
denn da fiel mir ein, dass doch nicht so leicht mit vornehmen Leuten
umzugehen sei, wie man sich sonst wohl einbildet; er ist auch nicht
so ein Herr Obenhinaus und Nirgendan wie unsere jungen Herren, mit
denen man kurzen Prozess macht; nein, er sah gar zu vornehm aus. 'Ich
wollte nur gefaelligst fragen, ob Ew. Exzellenz mit Ihrem Logis
zufrieden seien?' hub ich an.

"Er stand auf, fragte mich, ob ich Madame waere, holte mir,--denken
Sie sich, so artig, als waere ich eine polnische Prinzess,--einen Stuhl
und lud mich zum Sitzen ein. Es ist erstaunend, was der Herr
freundlich sein kann; aber man sieht ihm doch an, dass es nicht so
recht von Herzen gehen will.

"An dem Logis hatte er gar nichts auszusetzen, und auch die Strasse
gefiel ihm. Das Gespraech kam auf die Nachbarschaft und auch auf
Praesidents Haus; ich erzaehlte ihm von dem wunderschoenen Fraeulein, die
erst aus der Pension gekommen, und wie sie so gut und liebenswuerdig
sei, von dem alten Herrn drueben, und dass die gnaedige Frau schon lange
tot sei, und ich hatte mich so ins Erzaehlen vertieft, dass ich gar
nicht merkte, wo die Zeit hinging, und statt ihn auszufragen, hatte
ich die Gelegenheit so dumm verplaudert!"

"Schade! Jammerschade!" lachte Berner ueber die sprachselige Wirtin.

"Und wie gut der Herr ist! Denken Sie sich nur, hinten im Garten, wo
es nun freilich zu jetziger Jahreszeit nicht mehr schoen ist, sitzt
mein Luischen,--das Dingelchen ist jetzt acht Jahre und schon recht
vernuenftig,--sitzt es im Garten und weiss nicht, dass ein so vornehmer
Herr hinter ihm steht. Ich war in der Kueche und sah alles mit an;
mein Luischen kann allerhand schnackische Lieder, auch ein
schwaebisches, ich weiss nicht, wer sie es gelehrt hat; wie nun der
Graf hinter ihr steht, faengt der Unband an zu singen:

  "''n bissel schwarz und 'n bissel weiss,
    'n bissel polnisch und 'n bissel deutsch,
    'n bissel weiss und 'n bissel schwarz,
    'n bissel falsch ist mei Schatz!'

"Ich glaube, ich muss vor Scham in den Wurstkessel springen, dass mein
Kind so ungebildetes Zeug singt; was musste nur der Graf von meiner
Erziehung denken! Ihm aber schoss das helle, klare Schmerzenswasser in
die Augen; er bog sich nieder, nahm das Dingelchen auf den Arm,
herzte und kuesste es; dass mir bruehsiedheiss wurde, und fragte, wo sie
das Liedchen her habe.

"Das Kind weiss vor Schrecken gar nicht zu antworten; mein Herr Graf
aber langt in die Tasche, kriegt einen blanken Taler heraus und
verspricht, wenn es das Verschen noch einmal deutlich sage und
zweimal singe, so bekomme es den Taler. Ich haette ihm befehlen moegen,
wie ich haette moegen, es haette nicht gesungen. Der Taler aber tat
seine Wirkung; sie sagte ihr Spruechlein ganz mir nichts dir nichts
auf und sang nachher das 'bissel polnisch und 'n bissel deutsch', wie
wenn es so sein muesste. Den Taler bekam es richtig; er liegt in der
Sparbuechse, in ein Papier geschlagen, und darauf steht deutlich, dass
sie es in zwoelf Jahren noch lesen und einmal ihren Kindern noch
zeigen kann: _Den 12. November 1825 bekommen vom polnischen
Gardeoffizier, Grafen von Martiniz._"

       *       *       *       *       *




DER HOFRAT AUF DER LAUER.

Die Gaeste waren nach und nach alle zur Abendtafel herbeigekommen.
Madame trennte sich von dem Hofrat mit dem Versprechen, ihm naechstens
wieder zu erzaehlen. Der Hofrat sann nach ueber das, was er gehoert; die
Szenen und Winke, die ihm Madame Plappertasche vorgesetzt hatte,
gingen ihm wie ein Muehlenrad im Kopfe herum; sinnend kam er an seinen
Platz und setzte sich nieder. "Vater tot, Mutter tot, Schwestern tot,
und dennoch hatte der alte Diener gesagt: 'Ja, wenn es dies
_allein_ waere!', Was konnte ihm denn sonst noch gestorben sein?
Etwa eine Gel--Nein! Geliebt konnte er nicht haben; denn wie koennte
er nach drei Vierteljahren,--so lange hatte der Diener gesagt, sei er
traurig,--wie koennte er nach so kurzer Frist schon wieder um eine
Graefin Aarstein auf die Freite gehen? Unmoeglich!--Haette, wenn jenes
doch der Fall waere, haette Ida auf ihn einen solchen Eindruck--"

Ja, was wollte er eigentlich, der gute Hofrat? Ida hatte bestimmt auf
ihn einen grossen Eindruck gemacht, das war auf dem Ball ganz und gar
sichtbar; denn er schaute ja nur nach ihr und immer wieder nach ihr,
und sein ernstes Gesicht, wie klaerte es sich auf, als sie ihn im
Kotillon holte! Heute frueh, hatte er nicht einen Feuerblick gegen sie
heraufgeworfen, als haette er eine Congrevesche Batterie hinter den
Wimpern aufgefahren? War es ihm selbst nicht, als sollte die
Schokolade in seiner Hand, von diesen Brennspiegeln getroffen,
anfangen zu sieden?

Heute abend, wer hatte denn da hinter den roten Gardinen auf des
Maedchens gefuehlvolles Spiel gelauscht als er? Wer war so geruehrt
davon, dass ihm die hellen Traenen hervorperlten, als der gute Graf
Martiniz? Und Idchen--nun, die war ja rein weg in den Mondgast
verschossen. "Die Aktien stehen gut!" lachte der Hofrat in sich
hinein und rieb sich unter dem Tisch die Haende; "bin neugierig, ob
diesmal der alte vergessene Hofrat nicht weiter kommt mit seinem
guten, ehrlichen Hausverstand als der Herr Minister-Staatssekretaer
Superklug und Uebergescheit in der Residenz mit seinen diplomatischen,
extrafeinen Kniffen; mir muss das Goldfischchen in das Netz, mir muss--"

"Wenn ich nicht irre, mein Herr, so hatte ich gestern schon das
Vergnuegen--" toente dem alten Traeumer, der ueber seinen staatsklugen
Plaenen die Tafel, Nachbarschaft und alles vergessen hatte und jetzt
erschrocken auffuhr und sich umsah, ins Ohr--es war Martiniz, der
sich unbemerkt neben ihn gesetzt hatte. Er haette vor Schrecken in den
Boden sinken moegen; denn sein erster Gedanke war, dieser muesse seine
Gedanken erraten haben, besonders da er sich nicht mehr deutlich
erinnern konnte, ob er nicht etwa, was ihm oft passierte, laut mit
sich selbst gesprochen habe.

Die Naehe des Fremden uebte eine beinahe magische Gewalt auf den Hofrat
aus, die sinnende, kluge Miene, das neben seinem schwaermerischen
Glanz Verstand und Nachdenken verratende Auge imponierte ihm, jedoch
auf eine Weise, die ihm nicht unangenehm war; es war ihm, als muesse
er sich vor dem jungen Manne recht zusammennehmen, um nirgends eine
Bloesse zu geben oder einen seiner Plaene zu verraten. Die gewoehnlichen
Fragen, wie sich der Gast hier gefalle, Komplimente ueber seine
Reitfertigkeit, mit welcher er heute frueh einem Kinde das Leben
gerettet, und dergleichen, waren bald abgemacht, ohne dass er ueber des
Fremden Gesinnungen naehern Aufschluss bekommen haette. Es kam an die
Gegend des Freilinger Kreises, es wurde gelobt, gepriesen, einzelne
Gueter, die durch Lage und Ertrag sich auszeichneten, naeher
beschrieben; aber auch hier ging der Gast nicht ein; er verlor kein
Woertchen, als wolle er sich nur um einen Taler Land mieten oder
kaufen.

Der Hofrat haute sich jetzt einen neuen Weg ins Holz, er lobte die
Residenz, das angenehme Leben dort, die Schoenen der Stadt und des
Hofes; jetzt musste er etwas sagen, es musste sich zeigen, ob er die
Aarstein--Der Gast sprach von der Residenz, von den schoenen Anstalten
dort, von der Militaerverfassung, schien namentlich ueber die
Kavallerie sich gerne genauere Aufschluesse geben zu lassen, aber
kein Woertchen ueber die Damen. Endlich, der Hofrat hatte gerade
eine trefflich bereitete _Ortolane a la Provencale_, seine
Leibspeise, am Mund und einen tuechtigen Biss hineingetan, da wandte
sich Martiniz zu ihm herueber und fragte, ob er nicht in der Residenz
die schoene Ar--- schnell wie der Wind fuhr Berner mit seiner Ortolane
auf den Teller, wischte den Mund ab und war ganz Ohr; denn jetzt
musste ja die Graefin aufs Tapet kommen--"ob er nicht die schoene
Armenanstalt kenne, die er in solcher Vollkommenheit nirgends gesehen
habe."

Dem Hofrat war es auf einmal wieder froh und leicht um das Herz; denn
solange er ja ueber das Verhaeltnis des Polen zur Graefin Aarstein
nichts Gewisses wusste, durfte er immer der Hoffnung Raum geben. Als
die Abendtafel zu Ende war, rief Martiniz nach Punsch und lud seinen
Nachbar ein, mit ihm noch ein Stuendchen zu trinken. Berner sagte zu
und hat es nie bereut; denn hatte ihm der interessante junge Mann
zuvor durch seine aeussere Persoenlichkeit imponiert, so gewann er jetzt
ordentlich Respekt vor ihm, da jener, wie es schien, von dem Punsch,
dem die Mondwirtin eine eigene geheimnisvolle Wuerze zu geben
verstand, aufgetaut, eine so glaenzende Unterhaltungsgabe entwickelte,
wie sie dem Hofrat, obgleich er in seinem Leben vieles gesehen und
gehoert hatte, selten vorgekommen war. Wie freudig war aber sein
Erstaunen, als er nach einer Viertelstunde schon bemerkte, dass er und
sein Nachbar die Rollen getauscht zu haben schienen. Der kluge Alte
bemerkte naemlich bald, dass der Graf auf allerlei Umwegen sich immer
nur einem Ziele, naemlich Ida, naehere. Er konnte dieses Flankieren dem
Ulanenoffizier gar leicht verzeihen; hatte er doch nicht den Dienst
der schweren Kavallerie gelernt, die, wenn "Marsch, Marsch" geblasen
wird, im Karriere gradaus sprengt, das feindliche Viereck durch ihre
eigene Wucht und Schwere im Chok zu zerdruecken. Der Ulan umschwaermt
seinen Feind, sticht nach ihm, wo er eine Bloesse entdeckt, und sucht
auf gefluegeltem Ross das Weite, wenn der Feind sich zu einer Salve
sammelt. So der Garde-Ulan Martiniz. Aber der tapfere Pole mochte
sich tummeln, wie er wollte, seine Angriffe so versteckt machen, als
er wollte, sein Gegner durchschaute ihn; auf Idchen ging es los, und
dem alten Mann pochte das Herz vor Freude, als er es merkte: auf
Idchen ging es los, sie wollte der Pole rekognoszieren.

Er glaubte den Hofrat drueben am Fenster gesehen, auch gestern auf dem
Ball ein engeres Verhaeltnis bemerkt zu haben; er pries des Maedchens
koeniglichen Anstand, der sie vor den uebrigen Freilinger Damen so hoch
erhebe; er lobte die Zurueckhaltung, mit welcher sie die ungestuemen
Herren zurueckgewiesen habe, pries ihr Spiel und ihren Gesang, womit
sie unbewusst sein einsames Zimmer erheitert habe--eine schoene Roete
war durch das warmgewordene Gespraech auf den Wangen des jungen Mannes
aufgegangen, jener Zug von Unglueck und Wehmut, der sich sonst um
seinen schoenen Mund gelagert hatte, war gewichen und hatte einem
feinen, holden Laecheln Platz gemacht, das Auge strahlte von freudigem
Feuer; er ergriff das Glas, als er ausgesprochen hatte, und zog es
bis zum letzten Tropfen so andaechtig aus, als haette er in seinem
Herzen einen Toast dazu gesprochen.

       *       *       *       *       *




DER SELIGE GRAF.

"Herzensjunge! liebstes, bestes Graefchen! Soehnchen! Goldpolaeckchen!"
alle Schmeichelnamen haette der Hofrat ausschreien, den trefflichen
Redner an sein Herz reissen und mit vaeterlichen Kuessen bedecken moegen
--aber das 'ging nicht; ein Diplomat vom Fach--und das war er ja bei
seinen jetzigen Negoziationen durch und durch--durfte seine Freude
ueber eine glueckliche Entdeckung, ueber einen unverhofften, koestlichen
Fund nicht laut werden lassen; er schluckte alle jene Ausbrueche des
Vergnuegens wieder hinunter, fasste den Grafen nur mit einem recht
zaertlichen, seligen Blick und bestaetigte weitlaeufig sein treffendes
Urteil. Er beschrieb ihm das Maedchen, wie er es, seit es den ersten
Schrei in die Welt getan, kenne, wie es frueher ein lustiger,
froehlicher Zeisig war, wie es jetzt zur ernsten Jungfrau
herangewachsen sei; ihre Anmut, ihre Geschicklichkeit in Sprachen und
allen Dingen, die ein Maedchen zieren, als da sind: Stricken, Naehen,
Schneidern, Sticken, Kochen, Fruechteeinmachen, Backen, Blumenmachen,
Zeichnen, Malen, Tanzen, Reiten, Klavier- und Gitarrespielen; wie es
in der Residenz trotz der hohen Stellung, die es in der Gesellschaft
eingenommen, doch immer seinem Sinn fuer reine Weiblichkeit gefolgt
sei, wie es seinen reinen, keuschen, kindlichen Sinn auf dem Boden,
wo schon so manches gute Kind ausgeglitscht sei, bewahrt habe.

"Es ist mir unbegreiflich," setzte er, von dem Eifer, der ihn
beseelte, fortgerissen, hinzu, "rein unbegreiflich, wie dieses, fuer
alles Schoene und Gute gluehende Herz sich in der Residenz so vor aller
Liebe bewahrt hat. Unsere jungen Herren schreien gewoehnlich bei
solchen Maedchen ueber Eiskaelte und Phlegma; aber Gott weiss,
_diesem_ Maedchen kann man dieses nicht nachsagen. Aber unsere
jungen Herren sind meistens selbst daran schuld. Kraft- und marklos
schlendern sie einher auf den Baellen, stehen sie scharweise zusammen,
gucken durch Glaeser von Nr. 4 und 5, die fuer Blinde scharf genug
geschliffen waeren, nach den Reizen der Ballschoenen, lassen ganze
Reihen sitzen und tanzen nicht, und geben sie sich auch einmal zu
einem Walzerchen und Kotilloenchen her, so meint man, sie wollen den
letzten Atem ausschnaufen, so wogt es in den ausgedoerrten
Herzkammern. Kann solche Lumperei einem jungen, schoenen, in der Fuelle
der Kraft strotzenden Maedchen, das zwei solcher Flederwische an die
Wand schleuderte, gefallen? Kann man es einem folgen Engelskind, das
sich so gut wie jede andere abends im Bettchen mit verschlossenen
Augen und verstohlenem Laecheln sein Ideal vormalt und vortraeumt, kann
man es ihr verargen, wenn sie solche Vogelscheuchen gering achtet und
kalt abweist?

"Ein solches Maedchen soll dann kalt sein wie Eis, soll kein Feuer im
Leib haben! Habe ich doch ueber mein Goldmaedchen gestern abend solche
Urteile hoeren muessen; geschossen haette ich mich um sie, waere ich nur
dreissig Jahre juenger gewesen. Sie haette kein Feuer? Habe ich nicht
gesehen, wie sie heute frueh, als Sie, Herr Graf, das Kind retteten,
das Fenster aufriss und beinahe hinaussprang aus purem Mitgefuehl! Und
dies es Maedchen haette kein Feu--"

"Das hat sie getan?" fragte der glueckliche Martiniz, bis an die Stirn
erroetend. "Sie hat das Fenster ein wenig geoeffnet und herausgesehen?"

"Was oeffnen und heraussehen! Dazu braucht man zwei Minuten; aber
aufgerissen hat sie das Fenster, dass sie mir den Schokoladebecher
beinahe aus der Hand schlug, sie war in zwei Sekunden fertig! Sehen
Sie, so ist das Maedchen; Feuer und Leben, wo es etwas Schoenes,
wahrhaft Freudiges, Erhabenes gilt, schwaermerisch empfindsam, wenn
sie wahre Leiden der Seele sieht aber kalt und abgemessen, wenn die
leere, schale Alltaeglichkeit sich ihr aufdraengen will."

Mit einem Feuerblick an die Decke, die Rechte auf das lautpochende
Herz gelegt, trank Graf Martiniz wieder einen stillen Toast, der
nirgends widerklang, als in seinem tiefen Herzen; aber dort traf er
so viele Anklaenge, dass dieses wehmuetige, traurige Herz, das solange
nichts kannte--als die Wehmut und den Kummer heimlicher Traenen, im
stillen, aber vollen Jubel aufschwoll und sich stolz wie vor Zeiten
unter dem Ordensband hob, das es von aussen zierte.

Er sagte dem Hofrat, dass er, wenn es moeglich waere, waehrend seines
hiesigen Aufenthalts gerne von einem Empfehlungsschreiben an den
wuerdigen Herrn Praesidenten Gebrauch machte, das er heute durch den
Gesandten seines Herrn von dem Minister-Staatssekretaer bekommen habe.
Der Hofrat versprach freudig, ihn dort einzufuehren und seine Abende
im Umgange mit diesem trefflichen Menschen erheitern zu helfen. Bei
sich lachte er aber ueber den Staatssekretaer, der seine Sachen so
geschickt einzufaedeln wisse; der Graf soll dem Lande bleiben mit
seinen drei Millioenchen, aber die Graefin soll ihn nicht bekommen,
dafuer steht der Hofrat Berner. Auch trank er jetzt im stillen ein
Toastchen und liess mit einem freundlichen, wohlwollenden Seitenblick
die kuenftige Frau Graefin leben. Vivat hoch! scholl es in allen
Winkeln. seines alten treuen Herzens, hoch und abermal h--

Da brummte in dumpfen Toenen die Glocke vom Muensterturme elf Uhr. Mit
wehmuetigem Blick sprang Martiniz auf, stammelte gegen den
erschrockenen Hofrat eine Entschuldigung hervor, dass er noch einen
Besuch machen muesse, und ging. Berner konnte sich wohl denken, wohin
der unglueckliche Junge ging. Mitleidig sah er ihm nach und lehnte
sich dann in seinen Stuhl zurueck, um ueber das, was diesen Abend
besprochen worden war, nachzudenken; der Graf hatte einen tiefen
Eindruck auf ihn gemacht; es hatte ihm nicht leicht ein junger Mann
so wohl gefallen wie dieser; so viel Grazie und Feinheit des Umgangs,
so viele Bildung und Kenntnisse, so viel anspruchslose Bescheidenheit
bei drei Millionen Talern; so hohe maennliche Schoenheit und doch nicht
jenes eitle, gefallsuechtige Sichzeigenwollen, das schoenen jungen
Maennern oft eigen ist--nein, es ist ein seltener Mensch und gewiss
beinahe so viel wert als mein Idchen, dachte er; wenn die beiden erst
einmal ein Paar--Die Mondwirtin unterbrach ihn; mit zorngluehendem
Gesichte setzte sie sich hastig auf den Sessel, den Martiniz soeben
verlassen hatte. "Nein, da traue einer den Maennern!" wuetete sie,
"haette ich doch mein Leben eingesetzt fuer diesen Herrn Grafen, haette
geglaubt, er waere ein unschuldiges, reines Blut und kein so Bruder
Liederlich, die an jede Schuerze tappen--"

"Nun, was ist denn geschehen?" unterbrach sie der aus allen Himmeln
gefallene Hofrat. "Was haben Sie denn, das Sie so aufbringt,
Frauchen?"

"Was ich habe? Moechte da einem nicht die Galle ueberlaufen? So ein
schoener, reicher Herr, wo es sich manche Dame zur Ehre rechnen wuerde,
in naehere Bekanntschaft--geht auf naechtlichen, liederlichen Wegen,
glaubt, es sei hier in Freilingen auch so eine grossstaedtische
Nachtpromenade; tief in seinen Mantel gehuellt, ist er zum Torweg
hinausgewischt mit dem alten Kuppler, dem Brktzwisl. Will haben, man
solle das Haus offen lassen bis ein Uhr! Aber die Tuere schlage ich
ihm vor der Nase zu; ich brauche keinen solchen Herrn im Hause, der
bei Nacht und Nebel nicht weiss, wo er steckt."

"Habe ich doch Wunder geglaubt, was es gibt," sagte der Hofrat,
wieder freier atmend; "da duerfen Sie ruhig sein. Der geht nicht auf
schlimmem Wege; er macht noch einen durchaus ehrbaren Besuch; ich
weiss wo, darf es aber nicht sagen."

Die Wirtin sah ihn zweifelhaft an. "Ist es aber auch so?" sprach sie
freundlicher. "Ist es auch so, und machen Sie mir keine Flausen vor?
Doch Ihnen glaube ich alles aufs Wort, und ich aergere mich nur, dass
ich gleich so Schlimmes dachte, aber die Welt liegt jetzt im argen,
unsern jungen Herren ist nicht mehr ueber die Strasse zu trauen. Sagen
Sie ihm aber um Gottes willen nichts! Ich glaube, er koennte mich mit
einem einzigen Blick verbrennen; es war ja lauter christliche Liebe
zu meinem Nebenmenschen."

Der Hofrat laechelte fein, indem er ihr die Hand zum Versprechen und
zugleich zum Abschied bot, er jagte ihr alle Roete auf die huebschen
Wangen, sie wusste nicht, wo sie hinsehen, ob sie lachen oder zuernen
solle; denn schon im Fortgehen begriffen, wisperte er ihr ins Ohr:
"Es war all nichts als lauter christliche, nebenmenschliche--
Eifersucht!"

       *       *       *       *       *




GUTE NACHRICHT.

Man haette glauben sollen, das Haus des Praesidenten sei ein grosser
Vogelbauer geworden, in welchem Nachtigallen, Kanarienvoegel, Staerchen
und alle Gattungen gefiederter Bewohner waeren. Es huepfte etwas Treppe
auf, Treppe ab; ein suesses Stimmchen hoerte man bald in gehaltenen,
wehmuetigen Toenen singen, bald in froehlichen, scherzenden Rouladen
jauchzen und jodeln wie die Kanarienhaehnchen, bald zwitschern und
plaudern wie Staerchen; aber Haehnchen, Nachtigallen und Staerchen, sie
alle waren in _einer_ Person, Idchen, das vor Freude, vor
Sehnsucht, vor Langeweile und Geschaeftigkeit Treppe auf- und abflog,
mit allen Menschen anband, alle auslachte, alle begruesste und neckte,
allen zugleich befahl und schalt.

Graf Martiniz hatte dem Vater eine Karte und den Empfehlungsbrief des
Staatssekretaers geschickt; der alte Herr war mit beidem zu ihr
gekommen und hatte sie foermlich um Rat gefragt, was nun zu beginnen
sei: nach seiner Ansicht,--wenigstens war es vor zwanzig Jahren noch
so,--musste man den Fremden zum Mittagessen bitten, zwei Tage nachher
zum Tee, nach zwei Tagen wieder zum Nachtessen, und vor seiner
Abreise musste ihm ein kleiner Hausball gegeben werden.

Das selige Maedchen drueckte die Augen zu und biss die
_Purpurlippen_ zusammen, um ihre Freude nicht zu verraten; nach
ihrer Ansicht--und das war endlich doch die vernuenftigste--sollte man
ihn auf Mittag zu einer Suppe laden, nachmittags setzte er sich dann
zu ihr ans Klavier, abends trank er mit ihr Tee, und dann konnte ja
ein kleiner Hausball mit einem Souper den seligsten Tag ihres Lebens
schliessen; doch nein; sie nahm sich zusammen und erklaerte ihm, wie
sie das in der Residenz ganz anders gelernt habe.

"Es wuerde dem guten Grafen ein wenig kleinstaedtisch vorkommen,
wollten wir ihn gleich von vornherein zum Mittagessen einladen. Wir
muessen einen Bedienten hinueberschicken und ihm sagen lassen, dass wir
ihn zur Teestunde erwarten, da wird er dann nicht fehlen; wir bitten
Direktors Pauline und Fraeulein Sorben, den Hofrat, meinetwegen einen
oder den andern Ihrer jungen Raete dazu. Ich mache die Honneurs beim
Tee, und um neun Uhr marschieren die Herrschaften wieder ab. Dem
Grafen sagen Sie, Sie wuenschen ihn oefter bei uns zu sehen und
namentlich um die Teestunde. Ist er einigemal dagewesen, so bittet
man ihn, einmal beim Nachtessen zu bleiben; nachher koche und backe
ich eines Tages recht flott und anstaendig, Sie, lieber Papa, geben
ihm morgens nur so en passant einen Besuch heim und lassen fallen,
ob er nicht einmal, etwa heute, eine Suppe mit uns essen wolle; es
waere unartig, es auszuschlagen. Die Idee mit dem Hausball ist
recht huebsch, uebrigens darf nur _er_ allein merken, dass es _ihm_
zu Ehren geschieht; wir wuerden uns laecherlich machen, wollten wir den
Leuten sagen, dass wir dem Grafen Martiniz einen Ball geben; es kann
ja heissen, Papa gebe mir einen Einstand in sein Haus."

Papa Praesident war alles zufrieden, nur wollte ihm die neue Sitte,
dass man sich stelle, als sei alles Natur, was doch nur immer wieder
die alte Kunst ist, nicht recht einleuchten. Er hatte ihr die
Schluessel des Hauses und alle Gewalt im Boden und Keller uebergeben,
und das Maedchen rumorte jetzt als taetige Hausfrau in dem grossen
Gebaeude umher, als sollte sie zwanzig Wagen voll Gaeste empfangen. Sie
sollte ihn sehen, sie sollte ihn sprechen, er musste, wenn er nur
halbwegs so artig war, als er aussah, jetzt alle Wochen wenigstens
viermal herueberkommen--Nein, es war nicht zu sagen, wie himmlisch
selig das Maedchen war! Um zehn Uhr hatte es angefangen zu tollen und
zu rumoren, und schon um zwoelf Uhr war das Teezimmer bereitet, wie es
heute abend sein musste. Erschoepft von den Haushaltungsgeschaeften,
warf sie sich in ein Sofa; sie machte die Augen zu, um sich den Abend
schon recht selig zu traeumen, sie besann sich, wie man ihm den Abend
recht schoen mache, dass er recht oft wiederkomme, sie suchte ihre
beste Musik zusammen, um ihn zu erheitern und die Schwermut von
seiner Stirne zu bannen, so--o, es musste einen herrlichen Abend
geben; da fiel ihr auf einmal die Graef in Aarstein ein, und alle
Freude, aller Jubel war wieder hinweggeflogen; Traene auf Traene stahl
sich aus dem Auge, sie klagte alle Menschen an und war auf sich, auf
die Welt bitterboese. Aber Berner, der nachmittags nur im Flug ein
wenig bei ihr einsprach, verscheuchte diese Wolken. Er war zwar
zu vorsichtig, um ihr den tiefen Eindruck zu schildern, den sie
auf den geliebten Fremden gemacht hatte; aber das sagte er mit
triumphierender Miene, dass sie vor der Aarstein nicht bange haben
solle; er habe gute, koestliche Nachrichten, die dies vollkommen
bestaetigen. Weg war er, ehe sie ihn noch recht fragen konnte, und sie
hatte doch so viel, so unendlich viel zu fragen. Er hatte ihr nur von
der Aarstein gesprochen und wollte sich nichts weiter merken lassen,
der gute Hofrat! Aber wo ist ein Maedchen, das die Flamme der ersten,
reinen Liebe im Herzen traegt, wo ist ein solches Engelskind, das
nicht in ein paar Stunden die groessten Fortschritte in der Kunst zu
schliessen und zu berechnen gemacht haette? Man sprach so viel von
magnetisierten Schlaeferinnen und Clairvoyantes, man schrieb viele
gelehrte Buecher ueber solche seltene Erscheinungen, und wie gewoehnlich
liess man, was am naechsten lag, unbeachtet! Das sind ja die
eigentlichen Clairvoyantes, die Maedchen mit der ersten, kaum
erkannten Sehnsucht in der Brust; wohl haben sie die Augen
niedergeschlagen, aber dennoch sehen sie weiter als unsereiner mit
der schaerfsten Brille; die Liebe hat sie magnetisiert, hat ihnen das
Auge des Geistes geoeffnet, dass sie in den Herzen lesen. So auch Ida;
sie merkte dem Hofrat wohl an, dass er mehr wisse, als er sagen wolle;
mit der Graefin war es nichts, aber ebensogut musste er wissen, dass es
auch mit keiner andern etwas sei, sonst haette er nicht so vergnuegt,
nicht so schelmisch gelaechelt. Er wusste,--das sah die neue
Clairvoyante jetzt hell und klar,--er musste sogar wissen, dass
Martiniz _sie_--

O! wer das Maedchen jetzt gesehen haette, wie es das Koepfchen in die
Ecke des Sofas barg, wie alles Blut nach dem vom suessen Schauer der
ersten Liebe bebenden Herzen hinauf und hinab wogte, wie der
jungfraeuliche Busen zitterte und huepfte, wie ein nie gekanntes Gefuehl
wie eine Mitternachtssonne in den Naechten des Nordpols im Tiefsten
ihres Innern mit ihren zuckenden, blitzenden Strahlen aufging!
Wahrlich, es liegt eine ruehrende Zaubermacht in einem solchen
Gesichtchen voll stiller Seligkeit, es ist der Lichtpunkt des
jungfraeulichen Lebens, zu dem sie einen kurzen Weg hinauf, von
welchem sie lange, oft traurige Stufen hinabsteigt!

       *       *       *       *       *




DER LANGE TAG.

Aber der Nachmittag war auch gar zu lange, die Stunden gingen so
traege hin! Sie konnte sich ordentlich ueber sich selbst aergern, dass
sie schon heute frueh das Teezeug geruestet hatte; sie fing an zu
arbeiten, zehnerlei nahm sie vor und legte es ebenso schnell zurueck.
Sie hatte ein Bukett von Phantasieblumen angefangen, sie hatte sonst
mit Lust und Liebe daran gearbeitet, aber nein! Es war doch auch gar
zu langweilig; erfunden war etwas bald, man malte seine Gedanken
recht artig aufs Papier, aber bis man alle die Blaetter und Blaettchen
zusammenband--zurueckgelegt bis auf weiteres! Sie naehte so
wunderhuebsche Tapisserien; sie machte ihre Kreuzstiche so fein und
gleich, als habe sie in den besten Fabriken gelernt, und alles ging
ihr so schnell von der Hand, dass es eine Freude war. Ihre Freundinnen
in der Residenz hatten sich immer Stuecke von Paris und London kommen
lassen; da waren die schoensten Girlanden von Rosen, Astern, alle
moeglichen Blumen und Farben; in der Mitte war leerer Raum gelassen,
dass die Damen nach ihrem Belieben hinein naehen konnten, was sie immer
wollten; natuerlich stachen meistens die schoenen Pariser Girlanden
sonderbar ab gegen die Dessins der Residenzdamen; Ida hatte immer nur
ihr leeres Stickstramin vorgenommen, hatte sich selbst mit geuebter
Hand Zeichnungen entworfen und war noch vor ihren Freundinnen fertig,
die Idas Arbeit fuer Zauber, fuer nicht moeglich gehalten haetten, wenn
sie nicht unter ihren Augen entstanden und vollendet worden waere. Sie
hatte noch in der Residenz ein prachtvolles Fusskissen fuer Papa
angefangen; sie nahm es jetzt auch wieder vor; aber sie konnte sich
selbst nicht begreifen, wie sie frueher so langweilige Arbeiten
machen, Stich ueber Stich und immer wieder Stich um Stich machen
konnte--zurueckgelegt bis auf weiteres! Sie zeichnete mit schwarzer
Kreide so fein, so gefaellig fuer das Auge, dass sie der Stolz ihres
Zeichenlehrers war; auch hier war ihre Geduld unermuedlich gewesen;
wenn andere ihre Kopien kaum durchgezeichnet und, mit den ersten
Schatten versehen, schon weggeworfen oder dem Zeichenmeister zur
Vollendung auf einen Geburts- oder Namenstag uebergeben hatten, so
hatte Ida fortgemacht, und man sah allen ihren wunderlieblichen
Bildern an, dass sie _con amore_ ausgefuehrt waren; denn hatte sie
einmal etwas angefangen, so musste es auch vollendet werden. Sie hatte
eine angefangene _Madonna della sedia_ mitgebracht; sie oeffnete
jetzt die Mappe, breitete das Bild, das schon in seinen Umrissen viel
versprach, vor sich aus, spitzte die Kreide, nahm sich vor, mit recht
viel Geduld zu zeichnen, aber bald gab die Kreide keine Farbe, bald
wurden die Striche zu dick und mussten verwischt werden; sie wurde von
neuem gespitzt, aber--war die Spitze zu fein oder die Zeichnerin zu
ungeduldig oder die Kreide zu grobkoernig?--alle Augenblicke brach
sie unter dem Messer ab, und Finger bekam man so schwarz, dass sie
kaum mehr rein gemacht werden konnten; sie entsetzte sich wie Lady
Macbeth vor ihren eigenen Haendchen, packte die Madonna schnell ein
und legte sie _ad acta_. Sie setzte sich vor ihre Kommode, zog
alle Schubfaecher heraus, wuehlte in Blonden und Baendern und besah sich
Stueck vor Stueck, auch der Schmuck wurde hervorgezogen und gemustert;
aber hatte sie dies alles nicht hundertmal gesehen und wiedergesehen?
Schnell Schmuck, Baender und Blonden in die Faecher und zugeschlossen!
Alle diese Herrlichkeiten wollten das unruhige Herzchen nicht
zerstreuen.

Endlich, endlich schlug es fuenf Uhr, und sie konnte sich jetzt doch,
ohne sich von ihrem Zoefchen auslachen zu lassen, zum Tee anziehen.
Sie studierte jetzt recht ernsthaft, was sie waehlen sollte; einen
vollen Anzug oder ein Hausneglige? In der Residenz haette sie, ohne
sich zu besinnen, das erstere gewaehlt. Dort fing ja der Tag
eigentlich erst abends recht an, und zur zweiten Toilette konnte sie
dort kein Neglige waehlen; aber hier in Freilingen, wo Morgen Morgen,
der Mittag Mittag, der Abend nur Abend war, hier schien ein Neglige
fuer den Abend ganz am Platz, um so mehr, da die paar Fraeulein, die
sie geladen hatte, wahrscheinlich recht geputzt kommen wuerden. Sie
waehlte daher ein feines Hausneglige, ein allerliebstes weisses
Batistueberroeckchen, das nach einem Muster, wie man es hierzulande
noch nie gesehen hatte, gemacht war; und wie gluecklich hatte sie
gewaehlt! Das knappe, alle Formen hervorhebende Ueberroeckchen zeigte
den in jugendlicher Frische bluehenden Koerper; den Teint hob zwar
keine Perle, kein Steinchen, aber er war so schneefrisch, so zart, so
blendend weiss, dass er ja gar keines Schmuckes bedurfte. Aber das Haar
wurde dafuer so sorgfaeltig, so glaenzend als moeglich geordnet. Die
seidenen Ringelloeckchen schmiegten sich eng und zart um Schlaefe und
Stirne, die Pracht ihrer Haarkrone war so entzueckend, dass sie sich
selbst gestand, als sie beim Glanz der Kerzen in den Spiegel blickte,
als sie ihre hoeher geroeteten Wangen, ihr glaenzendes Auge sah, mit
Lust und heimlichem Laecheln sich gestand, heute ganz besonders gut
auszusehen.

Und nun musterte sie noch einmal mit Kennerblicken den Teetisch. Der
grosse Luester verbreitete eine angenehme Helle ueber das ganze Zimmer.
Die Sitze waren im Kreise gestellt; ihr Platz neben dem Sofa; neben
ihr musste der Graf sitzen; die silberne Teemaschine, den Hahn ihr
zugekehrt, dampfte und sang lustige Weisen, die Tassen standen in
voller Parade, die goldenen Loeffelchen alle rechts gekehrt. Die Vasen
mit Blumen von ihrer eigenen Arbeit nahmen sich gar nicht uebel
zwischen dem Backwerk und den Kristallflaschen mit Arrak und kaltem
Punsch aus. Die kleineren Partien, als Zucker, geschlagener Rahm,
kalte und warme Milch, Zitronen, waren in ihren silbernen Huellen
gefaellig geordnet,--es fehlte nichts mehr als--weil es einmal in
Freilingen Ton war, beim Tee zu arbeiten--eine geschickte Arbeit fuer
sie; auch diese war bald gefunden, und kaum hatte sie einige Minuten
in Erwartung gesessen, so fuhr ein Wagen vor.

"Wenn dies Marti--" doch nein, er konnte es nicht sein, die paar
Schritte aus dem Goldenen Mond herueber machte er wohl ohne Wagen; die
Fluegeltuere rauschte auf--Fraeulein von Sorben! "Wenn nur die andern
auch bald kaemen," dachte Ida, indem sie das Fraeulein empfing; denn
diese war nicht die angenehmste ihrer Freilinger Bekannten; sie war
wenigstens acht Jahre aelter als Ida, spielte aber doch immer noch das
naive, lustige Maedchen von sechzehn Jahren, was bei ihrer stattlichen
Korpulenz, die sich fuer eine junge Frau nicht uebel geschickt haette,
schlecht passte. Sie musste uebrigens von Praesidents mit Schonung und
Achtung behandelt werden, weil sie einigermassen mit ihr verwandt
waren und ihr Oheim in der Residenz eine der wichtigsten Stellen
bekleidete. Sie flog, als sie eingetreten war, Ida an den Hals,
nannte sie Herzenscousinchen und gab ihr alle moegliche suesse,
verbrauchte Schmeichelnamen. Nachdem sie ihr Haar vor dem deckenhohen
Spiegel ein wenig zurecht geordnet, die Falten des Kleides
glattgestrichen hatte, fragte sie, wer heute abend mit Tee trinken
werde. Kaum hatte Ida zoegernd, als wuerde er dadurch entheiligt, den
Namen Martiniz ausgesprochen, so machte sie einige muehselige
_Entrechats_ und kuesste Ida die Hand: "Wie danke ich dir fuer
deine Aufmerksamkeit, dass du mich zu ihm eingeladen hast! Du
bemerktest gestern gewiss auch, wie er mich mit seinen schwarzen
Kohlenaugen immer und ewig verfolgte? Und heute frueh, ich hatte mich
kaum frisieren lassen, war schon mein guter Graf zu Pferd vor meinem
Haus, das macht sich herrlich, so ein kleiner Liebeshandel _en
passant_. Lache mich nur nicht aus, Herzenscousinchen! Aber du
weisst, junge Maedchen, wie wir, plaudern gern, und die andern nehmen
es nicht so genau, wenn eine eine Eroberung gemacht hat."

Ida hatte zwar auch die Kohlenaugen leuchten sehen, aber nicht nach
der alten, gelblichen Cousine; sie stand noch neben ihr vor dem
Trumeau, sie warf einen Blick in das helle, klare Glas und ueberzeugte
sich, dass Emil nicht nach der Cousine geschaut haben koenne. Das "mein
guter Graf" und das "wir jungen Maedchen" aus dem Munde der alten
schnurrenden Hummel kam ihr so possierlich vor, dass sie, statt in
Eifersucht zu geraten, des heitersten, froehlichsten Humors wurde. "O
du Glueckliche," sagte sie boshaft, "wer auch so im Flug Eroberungen
machen koennte!"--"Es gehoert nichts dazu, mein Kind, als Routine,
nichts als eine gewisse Gewandtheit, die man freilich so schnell
nicht erlernt; die Gewohnheit, der Geist muss sie geben. Du bist
huebsch, Cousinchen, du bist gut gewachsen, an Anstand, an schoenen
gesellschaftlichen Formen fehlt es dir auch nicht,--ehe drei Jaehrchen
ins Land kommen, angelst du Grafen, als haettest du von Jugend auf
gefischt."

Ida brach, weil sie das Lachen nicht mehr halten konnte, in lauten
Jubel aus. "Das waere schoen, das waere herrlich, Grafen fangen!" rief
sie, nahm ihre naive Lehrerin unter dem Arm und flog mit ihr im
rasenden Schnellwalzer um den Teetisch.

Von Anfang liess sich die Sorben diese rasche Bewegung gefallen,
obgleich ihr, da sie bei ungemeiner Korpulenz bis zum Ersticken
geschnuert war, der Walzer nicht sehr behagte; aber sie wusste, wenn
man nur erst aufhoere zu tanzen, so werde man gleich unter das alte
Eisen gezaehlt, und gab sich also alle Muehe, leicht zu tanzen. Als
aber das Teufelskind, dem der Schelm aus Augen, Mund und Wangen
hervorsah, immer rasender walzte, immer rascher im Wirbel tollte, da
stoehnte sie: "Ich kann nicht mehr--o--hoe--re auf!" Aber Idchen riss
sie noch einmal herum und liess sie dann, weil sie das Geraeusch der
Kommenden hoerte, atemlos und bis zum Tod gepresst vor der Fluegeltuere
stehen, die in diesem Augenblicke von zwei Lakaien aufgerissen wurde.

       *       *       *       *       *




DER TEE.

Martiniz und der Hofrat traten ein. War es Emils hoher, kraeftiger
Tannenwuchs, war es die ungezwungene Grazie seiner wuerdigen Haltung,
war es das Geistvolle seines sprechenden Auges, war es der wehmuetige
Ernst, der auf diesem schoenen Gesichte lag und ihm einen so
unendlichen Liebreiz gab, waren die Traeume der Ballnacht wieder
aufgestiegen, um suesse Erinnerungen zu fluestern?--Ida stand
versteinert, als sie den Grafen erblickte. Ach, sie haette viel darum
gegeben, in diesem Augenblicke nicht die Hausfrau machen zu duerfen!
Sie haette ganz von ferne ihn betrachten und selig sein wollen. Hofrat
Berner stellte ihn mit einem vielsagenden Blicke seiner Ida vor; aber
diese haette sich in diesem wichtigen Moment selbst Schlaege geben
moegen; so links, meinte sie, so albern hatte sie sich noch nie
benommen. Was musste er nur von ihr denken? War sie doch gerade
aus der Residenz gekommen, wo ihre Erziehung nach allen Regeln
vollendet worden war, hatte sich in allen Zirkeln, in den feinsten
Salons ohne Aengstlichkeit bewegt, und hier stand sie erroetend, mit
niedergeschlagenen Augen--und stammelte recht kleinstaedtisch "von der
Ehre, die Seine Exzellenz ihrem Hause erzeige".

Aber bei dem feinfuehlenden Manne, der schon frueher ihren Anstand,
ihre Wuerde, ihre Erhabenheit ueber jedes Verlegenwerden bewundert
hatte, erhoehte gerade diese suesse Verlegenheit den Wert des Maedchens.
Mit unendlicher Gewandtheit wusste er sie aus der peinlichen
Verlegenheit dieser ersten Minuten herauszufuehren; in wenigen
Augenblicken war sie wieder das frohe, unbefangen scheinende Maedchen
wie frueher und konnte die Albernheit ihrer Cousine beobachten. Diese
war, als die Fluegeltuere aufging, dagestanden wie Frau von Loth bei
Sodom, als sie in Steinsalz verwandelt wurde, starr, steif, atemlos,
nur die beiden ungeheuern Fleischmassen ihres aufgepressten Busens
arbeiteten, von dem rasenden Schnellwalzer in Aufruhr gebracht, noch
immer fort. Als ihr Martiniz vorgestellt wurde, war sie noch nicht zu
Atem gekommen; sie liess also nur einen Liebesblick auf ihn
hinueberspazieren und verneigte sich hin und wieder. Als sie aber
wieder Atem geschoepft hatte, fing sie in ihrer naivsten Manier an zu
kichern und erzaehlte, dass sie fuer ihr Leben gern tanze und dass es ihr
und dem kleinen Herzenscousinchen unwiderstehlich in die Fuesse
gekommen sei. Sie plapperte fort und fort, aber leider schien ihr nur
der Hofrat zuzuhoeren; denn Martiniz, der neben Ida Platz genommen
hatte, war mit dieser schon in so tiefem Gespraech, dass er auf das
Geschnatter der Dicken nicht hoeren konnte. Sich so vernachlaessigt zu
sehen, konnte das fuenfundzwanzigjaehrige Kind nicht dulden; sie erhob
also ihre Stimme noch lauter und wurde sogar witzig; aber der Graf,
dachte sie, nein, einen so verschaemten Anbeter hatte sie noch nicht
gehabt, nicht einmal die Augen wagte er zu ihr aufzuschlagen; aber
der Graf, denken wir, _wie_ konnte sie auch nur verlangen, dass
er zu ihr aufsehe? Hatte er denn jetzt nicht gerade alle Augen noetig,
um die unnachahmliche Grazie zu sehen, mit welcher das Engelskind Ida
ihren Tee machte? Wie appetitlich sah es aus, wenn sie in die Tassen
warmes Wasser stroemen liess, um sie in dem Guempchen zu reinigen; wie
allerliebst drehte sie den Hahn in der Maschine auf und zu, wie
verbindlich wusste sie die Tasse zu reichen; ach, er haette sich auch
die Butterbroetchen, den Zucker, den Arrak und alle andren Beduerfnisse
viel lieber von ihr reichen lassen als von den fuenf reich galonierten
Dienern, die solches umherboten! Mit welchen Augen hing er an ihr, an
allen ihren Bewegungen! Und Ida haette nicht das pfiffige Maedchen sein
muessen, wenn sie nicht in diesem sprechenden Auge das Gefuehl bemerkt
haette, das fuer sie in seiner Brust lebte.

Die Gesellschaft war nach und nach groesser geworden; der Praesident
hatte einige seiner jungen Assessoren und Raete mitgebracht, einige
junge Damen von Idas Bekanntschaft hatten sich eingefunden, und die
Freilinger mussten sich alle, mit Ausnahme der Sorben, die sich
schrecklich ennuyierte, gestehen, dass sie selten einen so geselligen,
interessanten Abend verlebt hatten. Es kam dies wohl daher, dass der
Praesident, der Hofrat und Idchen alles aufboten, um ihren neuen Gast
zu erheitern; dadurch werde das Gespraech allgemein und anziehend. Es
ist eine alte Erfahrung, dass der allgemein anerkannte Wert des
Geliebten ihn in den Augen seines Maedchens noch unendlich reizender
macht, ihm noch eine erhabenere Stellung in ihrem Herzen gibt; so
ging es auch Ida. Der Umfang des Wissens, den Martiniz im Gespraech
mit den Maennern an den Tag legte, seine interessanten Mitteilungen
von seinem Vaterlande, von den vielen Reisen, die er gemacht hatte,
seine feine Gewandtheit, womit er auch die Damen in das Gespraech zog,
die verbindliche Artigkeit, womit er jeder zuhoerte und ihr Urteil
weiter auszufuehren und unbemerkt so zu drehen wusste, dass es wie etwas
Bedeutendes klang, sein glaenzender, lebhafter Witz, den ihm das immer
rascher fortrollende Gespraech entriss--dies alles gewann ihm die
Achtung der Maenner, riss die Herzen der Damen zu dem glaenzenden
Fremden hin.

Und Ida--sie war ganz weg! Seine Reden hatten allen, seine
Feuerblicke nur ihr gegolten; ihr Herzchen pochte stolz und froh; wo
die Sorben und die andern Freilingerinnen seinen kuehnen Ideen nicht
mehr folgen konnten, da fing fuer sie erst die rechte Strasse an, sie
plauderte, wie ihr das Rosenschnaebelchen gewachsen war, lachte,
scherzte in Witz und Schwank, dass dem Praesidenten vor Freuden das
Herz aufging, wie gebildet, wie gesellschaftlich sein Kind geworden
war. Er nahm sich in seinem Entzuecken vor, gleich morgen ein
Belobungsschreiben an Madame La Truiaire zu schreiben, die ihm eine
so glaenzende Weltdame mit ungetruebter Unschuld und Natuerlichkeit
erzogen habe. Die gute Madame La Truiaire aber hatte _dieses_
Wunder nicht bewirkt; zwar galt Ida von Sanden in den ersten Haeusern
der Residenz fuer eine sehr feine und anstaendig erzogene junge Dame;
doch war sie dort ernst, zurueckhaltend, so dass, wer sie nicht naeher
kannte, ueber ihren Geist wenig oder gar nicht urteilen konnte; nein,
eine andere Lehrmeisterin, die reine Seligkeit der ersten erwiderten
Liebe, hatte sie so freudig, so selig gemacht, hatte alle Pforten
ihres tiefen Herzens aufgeschlossen und den Reichtum ihres Geistes
ans Licht gelockt.

Der Hofrat war ein feiner Menschenkenner; von Anfang, als das
Gespraech noch nicht recht fortwollte, hatte er alles getan, um es ins
rechte Geleis zu bringen. Nachher aber hatte er sich zurueckgezogen
und nur beobachtet. Da entging ihm denn nicht, dass der Graf, je
laenger er mit dem suessen Zauberkind sprach, je tiefer er ihm in das
geistvolle Veilchenauge sah, je mehr sich vor ihm diese zarte
Maedchenhaftigkeit, dieser reiche Geist, diese hohe Herzensguete
entfaltete, immer maechtiger zu ihr hingezogen wurde; wie gestern, als
er ihm von des Maedchens gebildetem Geist, seinen stillen Tugenden
erzaehlte, so verschwand auch jetzt nach und nach die Wehmut aus
seinen Zuegen; eine rosige Laune, die diesem Gesicht unendlichen Reiz
gab, ging an ihm auf; er konnte, was der Hofrat bei diesem
Ungluecklichen nicht fuer moeglich gehalten haette, sogar recht herzlich
lachen; er konnte--Nein, der alte Mann war selbst verliebt in ihn, er
sah ja vor Seligkeit und Liebe aus wie ein verklaerter Cherub.

Kam uebrigens der Graf dem Hofrat wie ein Cherub vor, so sah in ihm
die Sorben den leibhaftigen Satan. Hatte sie sich doch alle
erdenkliche Muehe gegeben, ihm ihre Neigung zu ihm zu zeigen. Hatte
sie nicht die kleinen Kalmuckenaugen aufgerissen, dass ihr das Wasser
daran aufstieg, nur um ihm das Feuer zu zeigen, das fuer ihn strahle?
Hatte sie nicht alle naiven Kuenste aufgeboten, um seine
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Aber jetzt sah sie klar: die
kleine, unzeitige Kokette, ihre Cousine, hatte ihr den herrlichen
Mann weggeschnappt. Sie warf allen Hass auf diese; hatte sie sich doch
vorhin so kindisch gestellt, als koennte sie nicht fuenfe zaehlen. Sie
selbst--o, sie haette sich koennen auf den Mund schlagen fuer die
Dummheit--ja, sie selbst hatte offenbar das Maedchen, das eigentlich
noch ein Backfisch war, dazu aufgereizt, den Grafen zu fangen. Waere
sie mit ihrer Anleitung zur Routine zurueckgeblieben, das Kind haette
nie daran gedacht, ihr Auge zu dem schoenen Fremden zu erheben. So
dachte die Sorben.

Ihr pomeranzenfarbiger Teint roetete sich vor Zorn, sich so
hintangesetzt zu sehen; hatte ja doch, wenn sie recht darueber
nachdachte, der Graf sogar ihrer gespottet, als sie glaubte, etwas
recht Witziges gesagt zu haben. Es war davon die Rede gewesen, dass
jetzt alles Fraeulein heisse, was man sonst wohl auch schlechthin
Mamsell genannt habe. Man sprach her und hin darueber, und um Ida
einen Stich zu geben, die zwar von vaeterlicher Seite von altem Adel
war, aber eine Buergerliche zur Mutter gehabt hatte, warf sie die
witzige Bemerkung ein: Die Fraeulein kommen ihr gerade vor wie die
Spitzen. Es heisse alles Spitzen, und doch sei ein so grosser
Unterschied zwischen den echten und unechten, dass jedes Kind die
Feinheit der echten von den groeberen unterscheiden koenne. Sie hatte
triumphierend ueber ihr Bonmot im Kreise umhergesehen; die Antwort des
Grafen machte sie aber stutzen. "Sie haben recht, gnaediges Fraeulein,"
hatte er gesagt, "und die echten unterscheiden sich, wenn ich nicht
irre, hie und da auch durch ihre Farbe von den unechten; wenigstens
habe ich mir sagen lassen, dass die ganz echten gelblichbraun
aussehen." Hatte er auf ihre braeunliche Haut anspielen wollen? Die
Herren, und namentlich der Hofrat, hatten so hoehnisch dabei
ausgesehen. Das Betragen des Grafen, der sie ueber Ida gaenzlich zu
ignorieren schien, bestaetigte die Meinung. Sie kochte Rache in ihrer
Brust und schwur sich mit den fuerchterlichsten Eiden, dass der
Backfisch seine Eroberungen nicht weiter fortsetzen solle. Sie war
auch die erste, welche aufstand, und weil es schon ziemlich spaet war,
folgten die uebrigen. Nein, es war ihr unertraeglich! An der Tuere
noch musste sie mit ansehen, wie der Graf, welcher sich auch
verabschiedete, mit seinen Blicken Ida beinahe verzehren wollte. Sie
musste hoeren, wie er versprach, recht oft herueberzukommen.
Verachtungsvoll wandte sie ihrer Cousine, die ihre Freundinnen zum
Abschied kuesste, den Ruecken, stuermte die Treppe hinab und setzte sich,
mit der ganzen Welt zerfallen, in ihren Wagen.

"Herrlicher Mensch, der Martiniz," sagte der Praesident, als die
Gesellschaft auseinander gegangen war, zu Ida und dem Hofrat, die
noch bei ihm sassen; "scharmanter Mensch! Wie gewandt, wie fein!
Schade nur, dass er sich nicht aufs diplomatische Fach gelegt hat! Wie
er alles so artig zu geben weiss; wie er allem, auch dem Trivialsten,
was unsere Damen sagten, mit einer Engelsgeduld zuhoerte und gutmuetig
ein glaenzendes Maentelchen umhing, wenn sie etwas Dummes plapperten.
Er waere eine wahre Zierde des Landes, wenn er sich bei uns ankaufte.
Die Graefin Aarstein mag ich ihm auch ganz wohl goennen, moechte
uebrigens wissen, wie weit er mit ihr steht--"

Ida, die dem Lob des Geliebten mit niedergeschlagenen Augen und
fliegender Brust zugehoert hatte, fuehlte bei den letzten Worten nicht
nur einen Stich ins Herz, sondern auch einen leisen Druck auf ihr
Fuesschen. Sie merkte gleich, woher dies kam, und begegnete dem
listigen Auge des Hofrats, der ihr Trost zuwinkte und den alten Papa
ueber seine Fehlschuesse auszulachen schien. Ja, es stieg reiner, suesser
Trost in ihr auf. Zwar sie hatte schon von der hohen Verstellungsgabe
der Maenner gehoert und gelesen; sie wusste das Sprichwort solcher
Reisenden: "Ein ander Staedtchen, ein ander Maedchen". Sie erinnerte
sich an die ueppigen Reize der Aarstein, an ihre Verfuehrungskunst, die
schon so manches junge unerfahrene Maennerherz betoerte, an ihre
wichtigen Verbindungen mit dem Hof, an ihre eigene, nicht ganz streng
stiftsfaehige Geburt. Aber was wollte sie denn? Sie wollte ja gar
nicht an das Glueck denken, Hand in Hand mit diesem Manne durchs Leben
zu gehen, sie wollte ja nur geliebt sein, und dass sie es war, sagte
ihr scharfes Auge, ihr Herz, das jeden Ton der Liebe verstanden
hatte. Aber konnte dieses alles nicht dennoch Verstellung sein? Wer
sagte ihr, dass dieser fremde Mann sie nicht betr--

Nein, betruegen konnte dieses edle, reine Gesicht nicht, die Glut
dieser Augen konnte nicht taeuschen! Froh dieser Ueberzeugung, die sie
waehrend des Auskleidens gewann, huepfte sie in ihr Schlafzimmer und
machte dort vor dem Spiegel einen komischen Knix. "Habe die Ehre,
mich zu empfehlen, Frau Exzellenz, Graefin von Aarstein," sprach die
Mutwillige, "hier steht eine junge Dame, die sich mit Ihnen in den
Kampf um den schoenen Polacken einlassen will, welchen Eure Exzellenz
als Sattelpferd an Ihren Triumphwagen spannen moechten. Ich bin zwar
weder so dick, noch so geschminkt als Sie; aber dennoch wagt es meine
Wenigkeit, gegen Hoechstdieselben zu streiten." Noch einen Knicks und
dann Unterroeckchen und Struempfchen herunter und mit einem Satz in das
weiche Bettchen! Dort streckte sie das Engelskoepfchen noch einmal aus
der Decke hervor, warf ein Kusshaendchen nach dem Goldenen Mond hinueber
und fluesterte: "Gute Nacht, mein armer Emil, schlafe sanft und traeume
suess, traeume auch ein ganz klein wenig von Ida!" Sie schloss selig die
Augen und legte sich zurecht, wollte eben hinueberwandern in das
unbekannte Land der Traeume; da schuettelte sie ein jaeher Schrecken
wieder auf und jagte sie aus dem Bette.--

       *       *       *       *       *




DAS STAENDCHEN.

Dem Oberleutnant von Schulderoff hatte die Demonstration seiner
gnaedigen Frau Mama zu wohl gefallen, als dass er sich durch den
ersten, ziemlich bedeutenden Durchfall, den er ueberall lieber als vor
Praesidents Haus erlebt haette, abschrecken liess.

Im Gegenteil, wenn er recht darueber nachsann, so schien ihm die Sache
eine gluecklichere Wendung genommen zu haben, als er dachte. Schon oft
hatte er ja von dem zarten Mitleiden der Maedchen gelesen, und dass aus
Mitleid leicht Liebe werde, hatte er an sich selbst erfahren. Einer
seiner Kameraden hatte einen Hund gehabt, eine prachtvolle englische
Dogge. Dieser war der Fuss abgefahren worden, und,--wie es mit den
Invaliden zu gehen pflegt,--der Herr Bruder wollte Diana dem Schinder
geben. Schulderoff aber bat, von Mitleiden ergriffen, um ihr Leben,
erhielt sie als Geschenk, und jetzt laeuft sie auf allen Vieren so gut
als zuvor. Ihr Herr aber liebt sie, wie man nur einen Hund lieben
kann, und das alles aus Mitleiden! So konnte auch ihr Mitleiden bald
in Liebe verwandelt werden. Dass sie aber Mitleiden fuehle, war gar
keine Frage. War sie nicht, als er die verdammte Maehre nicht
mehr erreichen konnte, ganz bleich mit dem Kopf zum Fenster
hinausgefahren, als wollte sie durch die Tafelscheiben brechen? Hatte
sie nicht seinem Ross mit einem Jammerblick nachgesehen, der ihm
deutlich sagte, dass sie den innigsten Anteil an seiner Fatalitaet
nehme?

Der erste Coup war solchergestalt ungluecklich und dennoch gluecklich
ausgefallen; der zweite sollte um so brillanter werden. Mama hatte
auf Nr. 2 im Eroberungsplan die ungemeine Nachtmusik mit den
Regimentstrompetern angegeben, sie hatte ihm noch einmal eingepraegt,
wie er sich dabei zu gebaerden habe, und endlich schritt man an das
grosse Werk.

Schulderoff hatte einige Kameraden, denen auch Rollen von diesem
neuen Don Juan zugeteilt worden waren, in ein Weinhaus gefuehrt, wo
sie sich guetlich taten, bis der entscheidende Moment kam. Je naeher es
aber an zwoelf Uhr ging, desto besorgter sahen sich die Freunde an;
denn Schulderoff hatte, sie wussten nicht wie, einen kapitalen Hips
bekommen, dass er allerlei tolles Zeug untereinander vorbrachte. Aber
die Kaelte draussen konnte ihn schon zur Besinnung bringen; man brach
also Schlag zwoelf Uhr auf, rief die Regimentsmusik aus einem
Bierhaus, wo sie sich versammelt hatte, und fort ging es vor des
Praesidenten Haus. Da man voraussetzen konnte, dass Ida schon sanft
entschlafen sei, so werde zum ersten Stueck kein Adagio gewaehlt,
sondern das rauschendste Fortissimo, das unter den Dragonern
_Tagwache_ oder Reveille genannt wurde, weil die achthundert
Dragoner alle Morgen mit diesem Stueck aus ihrem sanften
Morgenschlummer trompetet wurden. Zu dieser Reveille setzten die
zwanzig Trompeter ihre Hoerner, Posaunen und Trompeten an, der
Stabstrompeter oder--wie er sich lieber nennen liess--Kapellmeister
winkte, und in rauschendem Geschmetter, als wollten sie den juengsten
Tag anblasen, toente die Reveille durch die stille Mitternacht zu dem
einsamen Bettchen Idas und weckte sie aus suessen Traeumen. Diese Art
von Attention war ihr so ungewohnt, dass sie von Anfang glaubte, es
brenne irgendwo im Staedtchen; als sie aber nachher deutlich einige
Walzer unterschied, so war kein Zweifel mehr, dass es eine Nachtmusik
sei, die ihr gelte.

Es war kalt; sie huellte sich froestelnd wieder in ihre seidene Decke
und dachte unter den lockenden Toenen nach, ob wohl Martiniz auf so
unzarte Weise ihr eine Aufmerksamkeit erweisen wolle. Nein, der
Unglueckliche musste ja der Zeit nach jetzt in der Kirche sein; und er,
der sich in allem so zartfuehlend, so sinnig bewies, er konnte nicht
diese Trompeten zu Organen waehlen, um seine Empfindungen
auszudruecken; in Walzerchen und Polonaisechen, in diesem rauhtoenenden
Deideldum und Schnirkeldum konnte Emil seine Liebe nicht ausdruecken.

Jetzt schwieg die Musik; sie hoerte Stimmen auf der Strasse.

Die Offiziere hatten Schulderoff in den Schein einer Strassenlaterne
an eine Mauer gelehnt. Verabredeterweise fingen sie nach dem dritten
Walzer an: "Herr Bruder Schulderoff! Wo steckst du denn? Ich glaube,
die Liebe hat den armen Kerl ganz voll gemacht."

"Ach, Kameraden, mir ist so weh, so weh!" stammelte der begeisterte
Liebhaber, dem nur noch ein Teil seiner Rolle beifiel, und zwar
gerade der Teil, welchen er in seiner jetzigen Lage mit grosser
Wahrheit spielte. "Blast, blast!" rief er dann und focht mit den
Armen in der Luft. "Blast! O waeren das die schwedischen Hoerner und
ging's von hier gerade ins Feld des Todes!"

"Wie der Herr Leutnant befehlen," antwortete der Stabstrompeter.
"Frisch auf, Nr. 62, die Galoppade!" Und jetzt ging der Tanz von
neuem los, dass alle Hunde in der Nachbarschaft laut wurden und die
Nachbarn sich beklagten, dass man ihre Nachtruhe stoere. Ida war kein
Woertchen des Gespraeches entgangen, und sie schaemte sich ordentlich,
dem Herrn von Schulderoff, der ihr gerade nicht von der
empfehlendsten Seite bekannt war, diese Musik zu verdanken. Es schlug
ein Uhr, als die Kuenstler abzogen, und von Idas Augen war aller
Schlaf gewichen. Sie warf sich hin und her; aber es wollte ihr nicht
gelingen, den mohnbekraenzten Gott, den Schulderoff so unzarterweise
verscheucht hatte, zurueckzurufen. Sie ging noch einmal die Bilder
dieses Abends und der letzten Tage durch; durfte sie auch mit Recht
hoffen, dass sie ihm nicht gleichgueltig--

Der Ball? Es ist wahr, er hatte immer nach ihr gesehen; aber das
bewies nur, dass auch sie immer nach ihm gesehen hatte; konnte ihm
nicht ihr wiederholtes Hinsehen aufgefallen sein? Konnte er nicht
deswegen so oft nach ihr gesehen haben?--Bei dem Souper, ja, da war
er hinter ihr gestanden, hatte, als sie anstiessen auf Liebe und
Freude, tief geseufzt; aber durfte sie dies auch auf sich beziehen?
Konnte ihn, der so ungluecklich schien, nicht so manches seufzen
machen?--Nachher bei dem Kotillon,--ja, er erroetete, als sie ihn zum
Tanz aufzog; aber etwa nur wegen ihr? Nicht, weil sie die einzige
war, die es wagte, ihn aufzuziehen?--Heute abend, als er beim Tee
neben ihr gesessen, da hatte er oft sonderbare Winke ihr
zugefluestert: einmal, als man ihn fragte, was ihm an der hiesigen
Gegend so anziehend sei, hatte er ihre Hand unter dem Tische gefasst,
sie gedrueckt und ihr zugefluestert: "Ich weiss wohl, darf es aber nicht
sagen." Was konnte er damit gemeint haben? Es war wohl blosse
Galanterie gegen sie, als Dame des Hauses.

Schelmchen Ida wusste es wohl, was es war; aber sie belog sich selbst,
um immer wieder aufs neue zu zweifeln und zu hoffen. Sie laechelte
sich selbst aus ueber ihren Zweifel. "Nein, der Hofrat muss mir
beichten," sagte sie zu sich und klopfte auf die seidene Decke, "der
muss beichten; hat er doch so geheimnisvoll getan, als habe der Graf
sein ganzes Herz gegen ihn ausgeschuettet; da will ich schon erfahren,
ob er mich lie--"

Einige rasche, volle Griffe auf einer Gitarre unterbrachen ihr
Selbstgespraech; sie setzte sich im Bettchen auf, sie lauschte; ein
suesses, melancholisches Adagio wurde gespielt; Ida hatte selbst etwas
Weniges klimpern gelernt, sie kannte hinlaenglich die Schwierigkeit
dieses Instruments, wenn es ohne Begleitung der Stimme oder eines
andern Instruments die Gefuehle in wohlgerundeten vollen Saetzen
ausdruecken sollte; aber so hatte sie dieses Instrument nie spielen
gehoert. Es graute ihr vor diesen fliessenden Laeufen, wenn sie daran
dachte, wie schwer sie seien, und diese vollen, runden Klaenge, diese
melodischen Klagen, die den aermlichen sechs Saiten entlockt wurden!
Wer konnte nur in Freilingen so hinreissend, so suess spielen? Sie
huschte schnell in die Pantoeffelchen, zog die seidene Mantille um und
schlich sich ans Fenster; sollte Mart--

Ja, weiss Gott! Seine Zimmer waren noch hell erleuchtet, die Gardinen
waren herabgelassen; aber deutlich konnte sie den Schatten eines an
den Fenstern Auf- und Abwandelnden erspaehen. Es war Martiniz; und
jetzt gewann sein Spiel erst volle Bedeutung, jetzt verstand sie
seine fluesternden Klagen, seine sehnenden Uebergaenge, die suesse
Melancholie seiner Moll-Akkorde. Er schwieg, er stand--sie sah
deutlich seinen Schatten--er stand ihr gegenueber am Fenster. Ein
bedeutungsvolles Vorspiel begann. "O, wenn er auch singen koennte, wie
koestlich, wie wunderschoen waere es!" dachte Ida, huellte sich tiefer in
ihr Maentelchen und setzte sich ans Fenster; ihr Herzchen pochte voll
Erwartung.--Er sang; eine tiefe, volle, klare Maennerstimme trug eines
jener polnischen Nationallieder vor, wie sie schon mehrere gehoert
hatte und die jedes fuehlende Herz durch ihre Innigkeit, durch ihre
sanften Klagen so tief ansprechen; er sang,--sie verstand kein
Silbchen von den polnischen Woertern; aber dennoch fasste sie den Sinn
so gut als irgend eine polnische Schoene; ach, es waren ja die Toene,
die man auf der ganzen Erde versteht, die Klagen der Liebe, die sich
nach dem geliebten Gegenstande sehnt, die um Erwiderung fleht, die
ihren Schmerz in den fluesternden Toenen der Wehmut ausweint. Traenen
stuerzten dem liebenden Maedchen aus den Augen; sie schlich sich zurueck
zu ihrem einsamen Lager; Emils Toene begleiteten sie. Die
geheimnisvolle Stille der Nacht, das raetselhafte Leiden des
interessanten, ungluecklichen Mannes, sein Liebe atmender Gesang, der
ja ihr allein in der schweigenden Mitternacht galt, dies alles
erfuellte sie mit einer nie gekannten Sehnsucht, es war ein
unaussprechliches, aber suesses Gefuehl der Wehmut und des Glueckes; ja,
sie war geliebt--diese liebewarmen Toene wisperten es ihr in die
Seele--sie war geliebt, wahr und innig, wie auch sie liebte; sie
presste ihre weichen Haendchen auf das lautpochende Herz, auf die
entfesselte Brust, wo es siedete und brannte, als habe das dunkle
Feuerauge des Geliebten das wallende Blut wie duerren Zunder
angezuendet. Verschaemt, als koenne er durch die finstere Nacht, durch
ihre dichten Jalousien zu ihr heruebersehen, verhuellte sie das
pochende Herzchen, zog die Decke bis an den Mund herauf, presste die
AEuglein zu und fluesterte hinueber in die weichen Toene seiner Laute
noch ein herzliches: "Schlaf wohl!"

       *       *       *       *       *




DIE FREILINGER.

Die Leute in Freilingen sind wie ueberall; es vergingen keine acht
Tage, so wusste jedes Kind, dass Praesidents Ida und der reiche Pole ein
Paar seien. Die Freilinger aergerten sich nur darueber, dass man ihnen
Sand in die Augen streuen wolle; dass die beiden Leutchen einander
vorher schon gekannt hatten, war am Tage; denn wie sollte Martiniz an
gleichem Tage mit ihr ankommen, was sollte er ueberhaupt in dem
obskuren Freilingen so lange tun, als weil er Ida liebte, die, Gott
weiss durch was fuer Kunstgriffe, den Goldfisch in ihr Netzchen gelockt
hatte? Papa-Praesident--nun, dem schwefelte man etwas Blaues vor, dass
der Herr Graf doch mit Ehren ins Haus kommen konnte; was da beim Tee
vorging, das wusste freilich jedermann, weil man hie und da so ein
paar Respektspersonen dazu einlud; aber was vormittags im Zimmer,
nachmittags im Garten, abends nach dem Tee vorging, das wusste
niemand; beten werden sie nicht mit einander, sagten die Leute; da
spricht man wohl immer von dem Hofrat Berner, der sei ja hinten und
vorn dabei, dass ja nichts Unrechtes geschehen koenne; aber man wusste
ja von frueher her, wie er dem Maedchen alle losen Streiche durch die
Finger sah; jetzt wird es nicht viel anders sein, da sie groesser ist.
So urteilte die Welt; sie urteilte aber noch weiter: das Maedchen, die
Ida, tut jetzt so juengferlich und so zimperlich, als waere sie in der
Residenz eine Vestalin geworden, und vorher war sie wild,
ausgelassen, trotzig; das muesste ja ein Gott sein, der aus einer
solchen Hummel ein reputierliches Maedchen ziehen wollte. Aber in
allen Instituten ist man seit neuerer Zeit viel pfiffiger geworden;
da sagt man den Maedchen: Ihr koennt alles tun; aber haltet Mass und
treibet es fein! Daher kommt es, dass jetzt lauter Tugendspiegel aus
den Instituten kommen. Sonst kamen sie ein wenig affektiert, ein
wenig frei nach franzoesischem Schnitt und Ton; jetzt weiss man das
ganz anders; sittsam, keusch, ehrbar, alles, was sie sein sollten,
sind sie, da fehlt sich's nicht, vollkommen, wenn man es so von der
Seite sieht. Kommt aber so ein Pole, so ein Graf Weissnichtwoher und
Baron Nirgendan, so bewahrt man den Schein, und damit holla! So
urteilten die Freilinger von dem edelsten, besten Maedchen, das in
ihren Mauern war; so urteilten sie, und wie das Boese ueberall
schneller um sich greift als das Gute, so wusste und glaubte schon
nach acht Tagen die ganze Stadt, was ein paar Muhmen bei einer Tasse
Kaffee ausgeheckt hatten. Auch ueber den harmlosen Martiniz erging das
naemliche Gericht.

Leute wie die Freilinger koennen nichts weniger leiden, als wenn
Menschen unter ihnen umherwandeln, von denen sie nicht alles vom A
bis zum Z wissen, woher und wohin, was sie fuer Plaene haben usw. Kauft
einer nicht ein Pferd oder ein Paar Ochsen oder ein paar Hufen
Landes, so ist er ein unertraeglicher Geheimniskraemer, der allein das
Vorrecht haben wolle, dass die Leute nicht wissen sollen, was an ihm
ist. Dieser Pole vollends versuendigte sich auf die impertinenteste
Art an Freilingen. Er schien kein Frauenzimmer zu bemerken als Ida;
und doch gab es viele, die ihm ihre Aufmerksamkeit da und dort
bezeigt hatten; er war reich, gab viel Geld aus, und doch konnte
niemand sagen, was er denn eigentlich im Staedtchen zu tun habe; schon
sein ernstes, bleiches Gesicht war ihnen wie ein verschlossenes Buch,
das sie gar zu gerne durchblaettert haetten. Das ist ein Bruder
Liederlich, sagten die einen, man sieht es ihm an der Farbe an, ein
Mensch ohne ein Fuenkchen Lebensart; sonst wuerde er wenigstens seine
Tischnachbarn mit seinen naeheren Verhaeltnissen bekannt machen, wuerde
auch in andere anstaendige Zirkel kommen als nur zu Praesidents. So
urteilten sie von Martiniz, zuckten die Achseln, wenn sie von ihm und
seinem Verhaeltnis zu Ida sprachen; darin waren sie aber alle
einverstanden, dass der Praesident von seinen Verhaeltnissen doch etwas
wissen muesse; denn er laechelte so geheimnisvoll, wenn man ihn wegen
des Fremden anbohrte.

Alt und jung kannte bald den fremden Grafen, und ueberall kursierte er
unter dem Namen "der Mann im Mond"; denn sein geisterhaft bleiches
Gesicht, sein Aufenthalt im Goldenen Mond hatte dem Volkswitz Anlass
zu diesem Spottnamen gegeben, und selbst Ida, als sie es erfuhr,
nannte ihn nie anders als den "Mann im Mond".

       *       *       *       *       *




FEINDLICHE MINEN.

Wie es uebrigens zu gehen pflegt: die aergsten Feinde Idas und des
Grafen liessen sich oeffentlich am wenigsten ueber dies Verhaeltnis aus.
Frau von Schulderoff und Fraeulein von Sorben fuehlten sich bis zum Tod
beleidigt; aber sie hielten oeffentlich an sich und schwiegen.

Beide hatten sich vorher wenig gesehen; denn sie waren etwas ueber den
Fuss gespannt; der Leutnant Schulderoff hatte einmal einen ganzen
Winter hindurch dem Fraeulein die Cour gemacht; das Verhaeltnis hatte
sich aber aufgeloest, man wusste nicht wie. Jetzt, da sie in
_einem_ Spital krank waren, jetzt naeherten sie sich wieder, und
obgleich das Fraeulein in ihrem Herzen der Frau von Schulderoff schuld
gab, sie habe den Sohn aus ihren Netzen gezogen, so vergass sie doch
einstweilen diese Kraenkung, um diese neuere besser zu tragen oder zu
raechen. Die Frauen sehen in solchen Sachen feiner und viel weiter als
jeder Mann an ihrer Statt; so hatte die Sorben bald weggehabt, dass
das Unglueck des Leutnants vor dem Hause des Praesidenten, von dem die
ganze Stadt sprach, wohl nicht so zufaellig sei, als man es erzaehlte;
sie hatte durch ihre Kundschafter bald weggehabt, dass die Nachtmusik,
von den zwanzig Regimentstrompetern aufgefuehrt, nicht den Grafen,
sondern Leutnant Schulderoff zum Urheber habe, der, wie die Juden die
Mauern von Jericho, so die Steinwaelle und Gusseisentore von Idas
Herzen mit Zinken und Posaunen habe niederblasen wollen.

Dies alles fuehlte sie recht gut und kalkulierte, was sie _nicht_
wusste, so richtig zusammen, dass sie ueber den ganzen Roman des Herrn
von Schulderoff Rechenschaft geben konnte. Die Mama des verunglueckten
Liebhabers, der seit der Nachtmusik nur noch sproeder behandelt worden
war,--mochte sie nun ahnen, dass die Sorben auch ein wenig verletzt
sei, oder mochte sie nur einen gewissen Verwandtschaftsneid zwischen
dem Fraeulein und Ida voraussetzen,--sie besuchte von freien Stuecken
die Sorben, teilte ihr mit, was sie wusste, und liess sich mitteilen,
was das Fraeulein im stillen erlauscht und erspaeht hatte. Uebrigens
lebte auch sie in der festen Ueberzeugung, Martiniz und Ida haben sich
schon lange gekannt und er sei ihr nach Freilingen nachgefolgt; denn
von den naechtlichen Leiden des ungluecklichen Grafen ahnte niemand
auch nur ein Silbchen, so verschwiegen war der Kuester des Muensters in
dieser Sache.

Unbegreiflich war und blieb es uebrigens sowohl der Frau von
Schulderoff, als der Sorben, warum der Graf, der doch sein eigener
Herr schien, nicht schon lange bei dem Praesidenten um Idas Hand
gefreit habe; sie, die sich kein anderes Hindernis dachten, sie, die
nur einen Grund sehen wollten, waren einig darueber, dass es dem Grafen
entweder nicht recht ernst sei, oder dass es sonst irgendwo ein
Haekchen haben muesse. So hatten beide Damen schon seit vielen
Nachmittagen und Abenden, die sie bei Kaffee oder Tee miteinander
zubrachten, kalkuliert, und immer schien es ihnen, sie haben noch
nicht das Rechte getroffen; da traf es sich, dass ein Kammerherr, den
Frau von Schulderoff kannte, durch Freilingen kam und der gnaedigen
Frau, bei welcher Fraeulein Sorben gerade auf Kaffee war, waehrend man
umspannte, einen Besuch machte.

Wessen das Herz voll ist, des geht der Mund ueber. Der Kammerherr
hatte kaum seine Tagesneuigkeiten vom Hof ausgepackt, als Frau von
Schulderoff auch auf Ida und den Grafen kam und den Kammerherrn
fragte, ob sie wohl schon in der Residenz liiert gewesen seien.

Der Kammerherr horchte hoch auf bei dem Namen des Grafen Martiniz.
"Wie ist mir denn?" sagte er. "Ist das nicht der polnische Graf mit
den drei Millioenchen, der unsere Graefin Aarstein--Ja, wahrhaftig!
Jetzt faellt es mir erst ein--in dieser Gegend, sagte man, werde er
sich ankaufen, und darum ist er wohl hier. Nein, meine Gnaedigen, mit
Fraeulein Ida von Sanden war der Pole in der Residenz nicht liiert;
denn er war noch nie in der Residenz, wird aber dort jeden Tag
erwartet; das Verhaeltnis, das er hier angeknuepft hat,--da koennen Sie
sich auf Ehre darauf verlassen,--ist nur so _en passant_, weil
er vielleicht nichts zu tun hat; nein, der ist nicht fuer die Sanden!"

Die beiden Damen warfen sich bedeutende Blicke zu, als sie diese
Nachrichten hoerten. "Sie sprachen vorhin von der Graefin Aarstein,"
sagte die Schulderoff, "darf man fragen, wie diese--"

"Die Aarstein will ihn heiraten," warf der Kammerherr leicht hin,
"sie hat es jetzt genug, die Witwe zu spielen; der Hof wuenscht sie
wieder vermaehlt zu sehen, und zwar soll es, weil der Fuerst
ueberdruessig ist, ihre enormen Schulden zu bezahlen, etwas Reiches
sein. Da kommt wie ein Engel vom Himmel dieser Pole ins Land, um sich
hier anzukaufen; er ist von seinem Gesandten der Regierung aufs
dringendste empfohlen; denn man macht hauptsaechlich wegen seines
Oheims, der Minister in ....schen Diensten ist, ein grosses Wesen aus
ihm; kaum hoert die Aarstein von den drei Millionen und dem alten
Oheim, der ihm einmal ebensoviel hinterlaesst, so erklaert sie mit
schwaermerischer Liebe--Sie kennen ihr liebevolles, ahnendes Herz---:
'Diesen und keinen andern!' Man ist hoeheren Orts schon gewoehnt, ihrem
Trotzkoepfchen nachzugeben, und diesmal traf es ja ueberdies ganz
herrlich mit allen Plaenen zusammen; kurz, die Sache ist eingeleitet
und, so viel ich weiss, schon so gut als richtig."

"_Est-il possible, est-il croyable?_" toente es von dem Mund der
erfreuten Damen; die Sorben aber traute doch nicht so ganz. "Ich kann
Sie versichern," sagte sie zum Kammerherrn, "Fraeulein von Sanden, die
Sie aus der Residenz kennen muessen, ist sehr liiert mit dem Grafen,
und ich fuerchte, ich fuerchte, die Graefin kommt nicht zum Ziel!"

"Nicht zum Ziel?" lachte der Kammerherr. "Nicht zum Ziel? Das waere
doch kurios; man spricht ja in allen Cercles von dieser Verbindung;
die Graefin nimmt zwar noch keine Gratulationen an; aber ihr Laecheln,
mit dem sie es ablehnt, ist so gut als Bestaetigung; und wenn er auch
nicht wollte, er muss sie heiraten; denn er kann doch nicht unsern Hof
vor den Kopf stossen. Was wird er aber nicht wollen? Bedenken Sie, die
Graefin ist so gut als anerkannt von unserem Hof, hat unleugbar mehr
Gewicht als alle uebrigen zusammen, ist schoen, bluehend, macht das
beste Haus; er waere ja ein Narr, wenn er nur den leisesten Gedanken
haette, sie auszuschlagen. Und Fraeulein Ida? Nun, das soll mich doch
wundernehmen, wenn die sich endlich einmal hat erweichen lassen.
Unsere Herren in der Residenz knieten sich die Knie wund vor diesem
Marmorengel, aber alles soll umsonst gewesen sein; zwar erzaehlte man
sich allerlei von dem Rittmeister von Sporeneck; sie sollen aber
gebrochen haben, weil sie seine Liaison mit der Aarstein erfuhr. Nun,
Glueck auf! Wenn der Graf _die_ zahm gemacht hat, dann passt er zu
der Graefin; und ich sehe nicht ein, was dieses Verhaeltnis schaden
koennte; die Graefin Aarstein wird als Gemahlin des Polen ihre
Liebhaber nebenher auch nicht aufgeben. Doch was schwatze ich! Ihr
Onkel, Fraeulein von Sorben, kann Ihnen ueber diese Sache die beste
Auskunft geben; denn ich muesste mich sehr irren, wenn er nicht die
Hand dabei im Spiel hat." Der Reisewagen fuhr vor; der Kammerherr
empfahl sich und liess die beiden Damen in frohem Staunen und
Verwunderung zurueck.

"Arme Ida!" sagte die Sorben spoettisch. "So viel Routine hast du denn
doch noch nicht, dass du Geschmack daran finden koenntest, die Nebenbei
des Grafen Martiniz zu spielen. Nein, wie das Daemchen, das also in
der Residenz die Sproede so schoen zu spielen wusste, aufschauen wird,
wenn der gute _Mann im Mond_, den sie schon ganz sicher in
Ketten und Banden hat, wenn der amoroso Bleichwangioso auf einmal
morgens verschwunden ist, am naechsten Posttag aber ein Paket einlaeuft
mit Karten, worauf _Graf Martiniz mit seiner Gemahlin, verwitwete
Graefin von Aarstein_, deutlich zu lesen ist."

"Nicht mit Gold ist sie zu bezahlen, diese Nachricht," bemerkte die
Schulderoff mit triumphierender Miene, "und um so mehr wird sie sich
aergern, dass es die Graefin Aarstein ist; denn diese hat ihr ja, wie
Sie hoerten, auch den herzigen Jungen, den Sporeneck, abgespannt--"

"Sie kennen den Sporeneck, gnaedige Frau?" fragte die Sorben, und ihr
gelbliches Gesicht schien tief ueber etwas nachzusinnen.

"Wie meinen Sohn," versicherte jene; "wie oft war er aus Besuch bei
uns in Schulderoff, als er in Garnison in Tranzow lag! Mich nimmt es
nicht wunder, wenn er Ida kirre gemacht hat; denn wo lebt ein
Maedchen, das er, wenn er es einmal auszeichnete, nicht fuer sich
gewann!"

"Herrlich, das muss uns dienen," fuhr das Fraeulein fort; sie setzte
auseinander, dass ihr scheine, als habe der Graf doch etwas zu tief
angebissen bei Praesidents und als wolle er vor der Hand nicht an die
Graefin denken; da wolle sie nun ihren Onkel, den geheimen Staatsrat
von Sorben, gehoerig praeparieren, und sie stehe davor, dass der Graf
die laengste Zeit im Mond logiert haben werde. Am besten waere es, wenn
man die Aarstein selbst in Freilingen haben koennte; doch sei dies bei
dieser Jahreszeit nicht wohl moeglich; darum solle auch Frau von
Schulderoff Schritte tun. Sporeneck werde ihr schon die Gefaelligkeit
erweisen, auf einige Tage hieherzukommen; seine Sache sei es, den
Grafen recht eifersuechtig zu machen. Habe man diesen nur erst dahin,
dass er nicht so ganz auf die Scheinheiligkeit Idas baue, so sei auch
im uebrigen bald geholfen.

Frau von Schulderoff umarmte die Rednerin stuermisch und ergaenzte den
Plan vollends--"und wenn der Graf aus dem Netz ist, wenn man dann
fuehlt, dass man sich doch ein wenig sehr prostituiert hat, dann ist
auch mein Leutnant wieder gut genug; aber dann soll er mir sie auch
nicht nehmen, die stolze Prinzessin, als bis der Herr Papa-Praesident
mit seinen Friedrichsdors herausrueckt und unsern Schulderoff wieder
flott macht; um die zimpferliche Schwiegertochter bekuemmere ich mich
dann nicht so viel; die mag sehen, wie sie mit meinem Monsieur
Tunichtgut auskommt."

Der Traktat, der noch einige geheime Artikel enthielt, war gemacht
und beschworen. Schon nach zwei Stunden ging eine Depesche von
Fraeulein von Sorben an ihren Onkel in die Residenz ab, worin mit
bewunderungswuerdiger Klarheit dargetan war, wie die Tochter des
Praesidenten einen jungen Polen in ihre Netze zu ziehen suche, dass man
schon von einer Heirat zwischen beiden spreche, und dass sie nur
bedaure, dass dadurch der Residenz ein glaenzendes Haus entzogen werde;
denn Ida scheine darauf zu bestehen, dass der polnische Graf sich in
Freilingen niederlasse.

Der Brief, das wusste sie, konnte seine Wirkung nicht verfehlen. Wenn
auch der Oheim-Geheime Rat nicht daran gedacht haette, bei der
eingeleiteten Heirat zwischen Martiniz und der Graefin Aarstein seine
Hand im Spiel zu haben, so haette ihn doch der letzte Punkt des
Briefes dazu vermocht, alles aufzubieten, um die Niederlassung des
Grafen in Freilingen zu hintertreiben. Der Gedanke, dass ein grosses
Haus mehr in die Residenz kommen koennte, war begeisternd fuer ihn.
Unter allen Sterblichen schaetzte er die am hoechsten, welche Haeuser
machten; darunter verstand er freilich nicht Zimmerleute oder Maurer,
sondern die, welche ihm Schildkroetensuppen, fette Austern, feine
Ragouts, gute fremde Weine vorsetzten, die, welche regelmaessig einmal
in der Woche des Abends Tueren und Tore oeffneten, um frohe Gaeste bei
sich zu sehen, hohe Spiele arrangierten, koestliche Baelle zu geben
wussten. Solche Haeusermacher liebte der alte Sorben; denn er war ein
altes Weltkind und ein feiner Schmecker aller Delizen, sie mochten
tot oder lebendig, vier- oder zweifuessig sein, mochten dem Gaumen oder
der Nase, dem Ohre, dem Auge oder dem Tastsinne schmeicheln--er war
ein Kenner, und daher musste es in seinen Wuenschen liegen, ein
Dreimillionen-Graefchen in die Residenz zu bekommen.

So hatte ihn seine gewandte Nichte, ohne dass er es merkte, bei allen
fuenf Sinnen zumal nur durch ein paar kleine Worte gefasst, und sie
durfte ueberzeugt sein, er fange Feuer. Aus dem Freiherrlich
Schulderoffschen Palais, das fuer jetzt, in Ermangelung eines bessern,
nur aus einigen Mansardenstuebchen bestand, lief ein Brief ab, der
keinen geringeren Hagelslaerm, kein schwaecheres Hallo in die Residenz
machen sollte als die zwanzig Trompeter letzthin, als sie die
Reveille vor Idas Fenster bliesen. Er war an Se. Freiherrliche
Gnaden, den Herrn Rittmeister von Sporeneck, bei Husaren Nr. 3,
ueberschrieben und lautete wie folgt:

                                          "_Freilingen_, 11. Dez. 1825.
"Herr Bruder!

"In meiner Garnison dahier geht es eigentlich noch immer so ledern zu
wie vordem. Das halbe Dutzend Reitpeitschen habe ich erhalten und
sende hier den Betrag. Sie sind recht schwank und sehen flott genug
aus. Den Saebel erwarte ich noch bestimmt vor Neujahr; vergiss nicht,
dass der Korb, wie bei den badischen Dragonern, doppelt sei. Dahier
hat sich vor kurzem auch etwas zugetragen, was Dir, Herr Bruder,
vielleicht auch interessiert; die junge Sanden ist mit einem Galan
hier angekommen, der ihr jetzt taeglich und stuendlich die Cour
schneidet. Begreife uebrigens nicht, wie sie dazu kommt, da man hier
allgemein sagt, sie habe _Dich_ sehr schnoede abgewiesen. Auf
Ehre, Herr Bruder, es tut mir leid; aber ein Kerl wie Du, der seine
vierundzwanzig Liebschaften des Monats hat, sollte nicht so von sich
sprechen lassen. Solltest Du wegen dieser Affaere, was ich fuers beste
hielte, selbst einige Woertchen entweder mit dem neuen Courtisan, oder
mit dem Fraeulein selbst sprechen wollen, so steht Dir mein Logis zu
Dienst. Der junge Herr ist ein Pole, Graf von Martiniz, soll schwer
Geld haben und scheint meines Erachtens der angefuehrte Teil; denn sie
hat ihn in der Kuppel, dass er weder links noch rechts kann. Lebe
wohl, gruesse alle Kameraden bei Nr. 1, 2 und 3 und verbleibe in
Bruderliebe Dein
                                       "_Franz von Schulderoff_,
                                        Leutnant bei Koenigin-Dragoner."

Dies war das Schreiben, womit die Frau von Schulderoff den Rachegeist
fuer Ida beschwor. Noch war des guten, unschuldigen Kindes Himmel rein
und heiter; aber indem es in das reine Blau des Aethers hineinsah und
sich dessen freute, zog Wolke um Wolke am Horizont auf und drohte ihr
stilles Glueck zu suchen und zu zerschmettern.

       *       *       *       *       *




GEHEIME LIEBE.

Aber so gewiss die Freilinger alles zu wissen glaubten, so wussten sie
doch nichts. Es ist eine eigene Sache um die Liebe, besonders um die
erste. Es gehen so zwei Menschen neben einander hin, still vergnuegt,
still selig; sie sehen aus wie Kinder, denen etwas recht Huebsches
traeumt, und einem andern kaeme es grausam vor, sie aufzuwecken. Sie
gehen neben einander hin, sprechen von den gleichgueltigsten Dingen
und denken an das, was ihr Herz erfuellt; sie wagen es nicht
auszusprechen, und doch verstehen sie sich so gut durch die Augen;
denn sie tragen den Schluessel zu dieser Zeichensprache nebst
Woerterbuch und Formenlehre in ihrem treuen Herzen. So war es auch bei
Martiniz und Ida. Sie wussten, dass sie sich liebten; aber noch hatte
der Graf nie deutlich darueber gesprochen, noch hatte ihm Ida keine
Gelegenheit gegeben, sich zu erklaeren.

Der Hofrat Berner sah diesem allem halb freudig, halb unmutig zu. Er
liebte die beiden guten Leutchen, als waeren es seine eigenen Kinder;
darum haette er ihnen auch alles Gute und Liebe gegoennt, eben darum
konnte er aber dieses verschaemte Treiben nicht leiden. Er war so halb
und halb des Grafen Vertrauter; denn dieser hatte ihm ja alle Tage
von des Maedchens Schoenheit, seinem Reichtum an stillen Tugenden
vorgeschwatzt, hatte ihm gestanden, dass er glaube, Ida sei ihm gut;
aber dabei blieb es auch, und Berner war zu zart, bei dem Grafen den
Kuppler zu spielen. Auch Idas Vertrauter war er, er kannte ja ihr
Herzchen beinahe, seit es schlug; er wusste jede Schattierung in ihren
Lebenssternen zu deuten, er sah ganz deutlich den Schelm mit Pfeil
und Bogen in ihren klaren Pupillen, und doch wollte auch sie nicht
recht voran; doch konnte er es ihr, als einem Maedchen, weniger uebel
nehmen als ihm.

"Nein, wer mir je so etwas gesagt haette," dachte er, "dem haette ich
mit Fug und Recht unter die Nase gelacht; ein polnischer Garde-
Ulanen-Rittmeister, mit dem Rang eines Oberstleutnants in der Linie,
und wagt nicht einmal, ein Maedchenherz, das ihm gewogen ist,
anzugreifen." Er haette moegen aus der Haut fahren, wenn er daran
dachte, wie man zu seiner Zeit gelebt und geliebt habe und wie die
Welt in den letzten Jahrzehnten sich so aendern konnte. Aber wie, wenn
Martiniz aus Gewissenh--ja, das war nicht unmoeglich, es konnte
Gewissenhaftigkeit sein, dass er sich nicht erklaerte; befand er sich,
der unglueckliche junge Mann, ja doch immer noch in demselben
Zustande, wie er hier angekommen war.

Der Kuester, der jetzt regelmaessig nachmittags sein Daepschen hatte,
ohne dass seine Frau begreifen und ergruenden konnte, wo er das Geld
dazu herbringe, der Kuester hatte dem Hofrat alle morgen referiert,
wie es in der Nacht zuvor mit dem Grafen in der Kirche gegangen sei;
er hoerte zwar, dass er seit neuerer Zeit weniger stark wuete; dass er
aber desto mehr weine und jammere. Es war ein eigenes Ding mit diesem
Zustand; es war kein Zweifel, dass der Graf jede Nacht um dieselbe
Stunde davon befallen werde, und doch sah man ihm den Tag ueber keine
Spur von Wahnsinn an; nur seine zarte Blaesse, das Wehmuetige, das noch
immer in seinem Wesen vorherrschte, konnte darauf hindeuten, dass er
koerperlich oder geistig angegriffen sei.

Seinen Entschluss, den alten Brktzwisl um die Krankheit seines Herrn
zu fragen, hatte der Hofrat noch immer nicht ausfuehren koennen; je
naeher er den jungen Mann kennen lernte, je mehr Achtung er taeglich
vor seinem gediegenen Charakter, vor seinem ausgebreiteten Wissen
bekam, desto unzarter schien es ihm, auf diesem Wege in seine
Geheimnisse eindringen zu wollen.

Aber unablaessig verfolgte ihn der Gedanke, dass er vielleicht, wenn er
das Naehere ueber des Grafen Krankheit wuesste, helfen koennte. So sass er
eines Morgens in seinem Zimmer, dem man die Junggesellenwirtschaft
wohl ansah; der Kuester hatte im Vorbeigehen zum Schnapshaus ein wenig
bei ihm eingesprochen und erzaehlt, gestern nacht sei der fremde Herr
so zahm gewesen wie ein Lamm, aber geweint habe er wieder, dass ein
Toepfer die Haende darunter haette waschen koennen. Er sann hin und her,
wie man dem Geheimnis benommen koennte; da klopfte es bescheiden an
der Tuer, und der alte Brktzwisl trat zu ihm ins Zimmer.

Der Hofrat konnte den alten Diener wohl leiden; er schien so fest an
seinem jungen Herrn zu haengen, schien so vaeterlich fuer ihn besorgt zu
sein, dass man sah, er muesse ihn schon seit Kindesbeinen gekannt und
gepflegt haben; recht erwuenscht kam er daher gerade in diesem
Augenblick, wo Berner so ganz mit Gedanken an seinen Herrn erfuellt
war. Der Alte war anfangs ein wenig in Verlegenheit, was er sagen
solle; denn dass er nicht aus Auftrag des Grafen komme, hatte Berner
gleich weggehabt. Nachdem er sich in allen Ecken sorgfaeltig umgesehen
hatte, ob nicht sonst wer im Zimmer sei, trat er naeher.

"Mit Exkuese, Herr Hofrat," sagte er, "nehmen Sie es einem alten
Dienstboten, der es gut mit seiner Herrschaft meint, nicht ungnaedig,
wenn er ein Woertchen im Vertrauen sprechen moechte!"

"Wenn es keine Klagen ueber deinen Herrn sind, so rede immerhin frisch
von der Leber weg!" sagte Berner.

"Klagen! Jesus Maria, wie kaeme ich bei unserem jungen Herrn zu
Klagen; habe ich ihn doch auf den Haenden getragen, als er's
Vaterunser noch nicht kannte, und ihm gedient bis auf den heutigen
Tag, und er hat mir noch kein unschoenes Wort gegeben, so wahr Gott
lebt, Herr, und das sind jetzt fuenfundzwanzig Jahre. Nein, aber sonst
etwas haette ich anzubringen, wenn es der Herr Hofrat nicht ungnaedig
nehmen wollen. Ich weiss, Sie sind meines Herrn bester Freund in
hiesiger Stadt, ja, ich darf sagen, im ganzen Land hier, und mein
Herr hat mir dies nicht nur zehnmal versichert, ich weiss auch vom
Kuester, dass Sie schon seit dem ersten Tag unseres Hierseins etwas
wissen, das Sie keiner Seele wiedergesagt haben, was Ihnen Gott
lohnen wolle--"

"Nun ja," unterbrach ihn der Hofrat, "und Du willst mir erzaehlen, wie
Dein Herr in diesen ungluecklichen Zustand kam, dass er alle Nacht von
einer Art von Wahnsinn befallen wird, willst mich fragen, ob ich
nicht etwa helfen koenne?"

"Ja, das wollte ich," fuhr jener fort, "aber--eine Art von Wahnsinn
nennen Sie das? Ich versichere Sie, es ist ein Wahnsinn von so echter
Art, wie man sie nur im Tollhaus finden kann; aber ich will erzaehlen,
wie er dazu kam."

       *       *       *       *       *




EMILS KUMMER.

"Mein Herr war nicht von jeher so, wie Sie ihn jetzt sehen; jetzt ist
er bleich, still, finster, spricht wenig und lacht nie, geht langsam
seine Strasse, und wenn er allein ist, so weint er. Ach! Sie haetten
ihn sehen sollen, als noch die gnaedige Frau Graefin und die Fraeulein
Schwester lebten. Keinen frischeren, kraeftigeren jungen Herrn gab es
in ganz Polen nicht mehr; das sprang, ritt, tanzte, focht, liebte und
lebte, lachte und tollte, wie man nur in der Jugend sein kann. Keinen
schmuckeren Offizier habe ich mein Tage nicht gesehen, und es traten
mir immer die Traenen in die Augen, wenn er wie ein Hauptmann aus den
himmlischen Heerscharen an der Spitze seiner Schwadron zur Parade
zog, wenn die Trompeter an unserem Hotel aufbliesen, die Ulanen ihre
Faehnlein senkten und der junge Graf zu seiner Fraeulein Schwester
herauflaechelte wie verklaert und seinen Tigerschimmel dazu tanzen
liess.

"Das ging nun so seinen guten Gang, bis der Teufel den Herrn Vetter
Antonio nach Warschau fuehrte. Das war ein Schwestersohn von der Frau
Graefin Exzellenz, ein schoener, schmucker Italiener mit braunroten
Wangen, blitzenden Augen, und wenn er sprach, glaubte man, er singe.
Der war eigentlich nur so weit herausgekommen aus seinem schoenen
Land, um die Familie seiner Frau Mutter zu besuchen; aber ehe man
sich's versah, nahm er Dienste bei uns und blieb; denn er sagte, es
gefalle ihm nirgends so wie in Polen; muss auch so gewesen sein; denn
--wie sich nachher zeigte--er war zum Sterben verliebt in des Grafen
Schwester, die junge Graefin Crescenz. Im Hause hatte ihn jedermann
lieb; absonderlich aber der junge Graf, mein Herr, war ihm mit
uebermenschlicher Freundschaft zugetan und tat ihm alles, was er ihm
nur an den Augen absehen konnte.

"Das ging nun lange Zeit gut; kein Mensch merkte, dass Herr Baron
Antonio die junge Graefin liebte; denn diese hatte viele Liebhaber,
welche grosses Geraeusch und Aufsehen machten; der Italiener aber trieb
seine Sache im stillen und kam wohl baelder ans Ziel als die andern;
denn er hatte, ich stand dabei, eines Tages einen schoenen
Brillantring am Finger, der auch mir bekannt vorkam. Ploetzlich fasste
Graf Emil seine Hand und fragte: 'Wo hast du den Ring her?' Er aber
sagte laechelnd und ganz gelassen. 'Von deiner Schwester.' Nun wusste
ich, was die Stunde geschlagen hatte; der Graf sah ihn mit einem
sonderbaren Blick an, gab ihm die Hand und sprach: 'Ich habe nichts
dagegen, nur sei ihr treu!' Es verging wieder ungefaehr ein
Vierteljahr, da kam mein Herr auf einmal nach Hause, wie ich ihn noch
nie gesehen hatte; seine Augen rollten und blitzten schrecklich,
zweimal schnallte er den Saebel um, und ebenso oft warf er ihn wieder
hin. Ich fragte, was ihm waere, er aber gab mir gar keine Antwort, was
er sonst nie getan hatte. Ich habe nachher den ganzen Handel erfahren
und darf ihn wohl erzaehlen. Der Graf war an jenem Nachmittag in ein
Kaffeehaus gekommen; da kam ein Offizier zu ihm, nahm ihn auf die
Seite, zeigte ihm einen Ring und fragte, ob er ihn wohl kenne. Der
Graf besah ihn genau und erkannte, dass es derselbe Ring sei, den
seine Schwester dem Marchese geschenkt. Er aeusserte dies aber nicht
gegen den Offizier, sondern fragte nur, woher er den Ring habe. Der
Offizier sagte ihm, dass er diesen Ring an Personen gesehen habe, die
dem Grafen Martiniz nahe angingen; er sei daher gekommen, um ihm
freundschaftlich zu sagen, dass er diesen Ring auf eine Stunde von
Madame Trizka entlehnt habe, die ihn vom Italiener, seinem Vetter,
zum Praesent bekommen zu haben behaupte.

"Madame Trizka aber war die beruechtigte Kurtisane der Stadt und um
Geld zu haben. Der Herr Graf fragte den Offizier auf sein Ehrenwort,
ob alles sich so verhalte, und nahm ihn auf seine Versicherung
sogleich zum Sekundanten an. Er schickte ihn mit dem Ring an seinen
Vetter und liess ihn fragen, ob die Trizka denselben von ihm bekommen
habe. Der Italiener antwortete mit einem kalten einfachen Ja, das
meinen Herrn nur noch wuetender machte. Seiner Fraeulein Schwester
mochte er das Herzeleid nicht antun, ihr etwas von diesem Bubenstueck
zu sagen, und beschloss daher, den treulosen Vetter sobald als moeglich
aus der Welt zu schaffen.

"In einem Garten der Krakauer Vorstadt schossen sie sich gleich den
Morgen darauf. Mein Herr wurde an der rechten Schulter leicht
gestreift, er aber, der eine sichere Hand hatte und einen Rubel auf
dreissig Schritte traf, schoss den Marchese durch die Brust, dass er
keine Ader mehr zuckte. Man brachte beide in die Stadt und machte mit
dem Italiener noch einige Versuche, ihn wieder zum Leben zu bringen,
aber alles vergeblich. Es war zwar noch Leben in ihm; aber er lag
ohne Besinnung, und die Aerzte gaben gar keine Hoffnung.

"Mein Herr, der den Herrn Vetter trotz seiner Schlechtigkeit dennoch
beweinte, war so um ihn besorgt, dass er sogar nicht auf seine Rettung
bedacht war, sondern sich an das Sterbebett des Vetters bringen liess.
Dieser lag immer ohne Besinnung und, wie es schien, ohne Rettung.
Mein Herr sass bis tief in die Nacht bei ihm; am Ende gegen zwoelf Uhr
hin in der Nacht war niemand mehr zugegen als er, zwei Freunde, der
Wundarzt und ich. Mit dem Schlag zwoelf Uhr aber schlug der Italiener
seine graeulichen dunkeln Augen auf. Er richtete sich in die Hoehe und
sah sich im Zimmer um.

"Uns alle wandelte ein Grauen an; denn man konnte glauben, er sei
schon gestorben, so gestanden und glaesern war sein Blick. Endlich sah
er meinen Herrn; wuetend riss er seine blutigen Binden von der
durchschossenen Brust, dass das Blut herausstroemte. '_Maledetto
diavolo!_' bruellte er und warf dem Grafen die Binden an den Kopf,
sank zurueck auf die Kissen, und als wir hineilten, um ihn zu
unterstuetzen, hatte er seinen wilden Geist schon aufgegeben.

"Mein Herr aber war bei dem schrecklichen Fluch des Toten in Ohnmacht
gesunken. Er fiel in eine lange Krankheit, aus der er so ungluecklich
wiedererstand, wie Sie ihn jetzt sehen. Als er aber aus seinem
Wahnsinnfieber, in welchem er drei Wochen gelegen, wieder aufwachte,
da ging erst der Jammer von neuem an; denn waehrend der Krankheit war
er vollends ganz zur Waise geworden. Die junge Graefin war ein paar
Tage nach dem traurigen Vorfall ploetzlich gestorben. Man sagt arge
Sachen in Warschau von Gift und dergleichen, die aber ein alter
Diener nicht glauben darf. Die Frau Graefin Mutter, die immer gesiecht
hatte, ueberlebte sie wenige Tage; dann trug man auch sie zu Grabe.

"Der junge Herr vernahm dies alles mit grosser Fassung; als man ihm
aber einen Brief seiner Schwester brachte, da kam er ausser sich, so
dass wir fuerchteten, er komme wieder vom Verstand.

"Ich vermute, der Italiener war doch nicht so schuldig, als wir alle
glaubten; denn der Graf liess sich auf sein Grab fuehren, weinte dort
lange und rief mit flehender Stimme in die Erde hinein um Vergebung.
Als ich in der naechsten Nacht neben dem Zimmer des Herrn zum ersten
Male seit langer Zeit ruhig schlief, weckte mich ein schreckliches
Geschrei--es kam aus seinem Zimmer--ich eilte hinein, und sah ihn in
Schrecken und Wahnsinn; denn er glaubte, der Italiener sei in seinem
blutigen Hemde zu ihm gekommen, habe die Binden abgerissen, sie
ihm an den Kopf geworfen und sein _Maledetto diavolo_ dazu
geschrien. Mit dem Schlag ein Uhr hoerte auch sein Wahnsinn auf. Aber
seitdem kehrte er jede Nacht wieder. Er bekam wegen des Duells
Begnadigung, musste aber auf einige Zeit sich ausser Landes begeben.

"Diese Weisung kam erwuenscht; denn die Aerzte rieten zur Zerstreuung
durch eine Reise. Ach! wir fahren jetzt seit einem Jahr durch ganz
Europa, und dennoch kehrt sein Zustand jede Nacht wieder. Ich glaube
nicht an Gespenster, Herr; aber oft ist es mir doch auch, als habe
mein Herr recht, und der selige Herr Antonio folge uns auf den
Fersen. In Rom, wohin wir auf unserer Irrfahrt kamen, entwischte er
mir in seinem Anfall und lief in eine Kirche; wie es nun sein mag,
von da an behauptet er, der Spuk koenne nicht zu ihm herein, wenn er
am Altar sitze.

"Wer war froher als ich ueber dieses Auskunftsmittel! Aber auch nicht
jede Kirche war ihm recht; bald ist sie zu gross, bald zu klein, wie
es so mit kranken Leuten geht. Hier geht es nun unbegreiflich gut.
Die Kirche behagt ihm wie beinahe keine, und seit acht oder zehn
Tagen hat er gar nicht mehr gewuetet, sondern nur geweint."

Der alte Diener hatte, oft unterbrochen von dem Hofrat, seine
Erzaehlung beendigt. Berner konnte kaum seine Ruehrung zurueckhalten. Es
wollte ihm das Herz abdruecken, dass ein Mensch, so schoen, mit allen
Gaben des Glueckes so reichlich versehen, mit _einem_ Schlage in
so namenloses Unglueck stuerzen sollte. Er war voll Eifer zu helfen;
aber welchen Weg konnte man einschlagen, um dem Grafen seinen
schrecklichen Wahn zu benehmen? Waren nicht gewiss alle Mittel schon
versucht worden, ihn zu heilen? Er fragte den Alten, wozu er ihm
behilflich sein koennte bei dieser Sache.

Der alte Brktzwisl laechelte geheimnisvoll vor sich hin und begann
dann: "Wenn ich recht gesehen habe, so ist mein Herr auf dem besten
Wege zur Heilung, und der Herr Hofrat koennen als Arzt dabei dienen.
Vor allem muss ich um Verzeihung bitten, wenn ich etwa nicht recht
gesehen haette. Einem alten Diener, der nur fuer das Wohl seines Herrn
besorgt ist, kann man ja schon etwas zu gut halten. Der Herr Onkel
des Grafen, ein steinreicher Mann, der jetzt auch das Vermoegen des
Grafen verwaltet, hatte mich mit reichlichen Mitteln versehen, dass
ich jeden beruehmten Arzt um Rat fragen konnte. Ueberall, wohin wir
kamen und uns auch nur zwei Tage aufhielten, befragte ich gleich die
AErzte; die einen wollten dies, die andern jenes, was man schon oft
probiert hatte, die meisten aber rieten Reisen und Zerstreuung.

"In einer kleinen deutschen Stadt, wo ich gar keinen Arzt gesucht
haette, traf ich durch Zufall einen in unserm Wirtshaus. Es war ein
kleiner alter Mann mit einem klugen Gesicht, das mir sogleich
Vertrauen zu ihm einfloesste. Er gab nicht gleich eine Antwort, sondern
betrachtete den Kranken in seinem Zustand, aber von ihm ungesehen.
Den andern Tag sagte er zu mir: 'Hoere, Alter! Dein Herr ist
unheilbar, wenn ihn nicht Liebe heilt, und zwar recht innige, warme
Liebe zu einem Maedchen, das sie erwidert. Hat ihn erst einmal eine
recht gefasst, so ist es unzweifelhaft, dass sein Wahnsinn sich
zerstreut und nach und nach vergeht.'

"Diese Nachricht war mir nun von Anfang ein Donnerschlag; denn ich
wusste, wie wenig er sich aus den Frauenzimmern macht. Wenn er durch
Liebe geheilt werden soll und durch nichts anderes, so ist er
verloren, dachte ich. Denn wo soll er sich verlieben? Er ging an
keinen Ort, wo schoene Maedchen waren, in keiner Stadt wollte er ueber
einen oder zwei Tage bleiben. Kurz, dieser Rat brachte mich erst
recht zur Verzweiflung. Aber dennoch schrieb ich es treulich dem
alten Herrn Onkel.

"Diesem aber leuchtete das Ding ein. Er schrieb mir, er wolle seinem
Neffen eine rechte gute Partie suchen, und wir sollen einstweilen
hieher ins ----sche gehen.

"Hier in Freilingen geschah nun, was ich fuer meine Seele nicht fuer
moeglich gehalten haette. Er blieb vor vierzehn Tagen bis nach elf Uhr
auf dem Ball, dass ich ihn sogar abrufen musste; nach der Kirche geht
er wieder auf den Ball, was er in einem Jahre nie getan, und kommt
ganz still selig nach Haus. Gleich den andern Morgen laesst er mich das
Logis im Goldenen Mond auf vier Wochen bestellen; ich glaubte, mir
solle Hoeren und Sehen vergehen; er merkte auch, dass ich mich so
verwundere, und gab vor, dass ihm die Kirche so wohl gefallen habe.
Aber wie ich aus unserem mittleren Zimmer einmal hinausschaue, werde
ich in dem Haus drueben einen Engel gewahr, der so holdselig
herueberlaechelte, dass mir altem Kerl ganz warm ums Herz wurde. Da ging
mir denn ein Licht auf! Schon aus der Herreise hatten wir dieses
Fraeulein gesehen; auf dem Ball war sie auch gewesen, und tagelang
schaute jetzt mein Herr hinter dem Vorhang nach dem Fenster im Haus
gegenueber.

"Und das ist niemand als die wunderschoene Fraeulein Ida. Meinen Sie,
mein Herr sei frueher in Gesellschaft gegangen? Zu keiner Seele,
obgleich ich fuer jede Stadt eine Handvoll Empfehlungsbriefe hatte;
aber ich will die Tasse Tee mit Loeffel und Stiel aufessen, die er
seit einem Jahre in Gesellschaft getrunken hat, und seit er ins Haus
hinueberkommt, geht er alle Abende, die Gott gibt, zum Tee hinueber.

"Seit der Zeit laesst aber auch sein Zustand mehr und mehr nach; er
raset gar nicht mehr, er richtet sich nicht mehr auf, er bleibt ganz
ruhig am Altar setzen und weint aber nur desto mehr. Ich hatte eine
Freude, als ich dies bemerkte, dass ich dem alten Doktor auf der
Stelle mein Hab und Gut geschenkt haette; dem Engelsfraeulein aber, das
dies Wunder bewirkte, moechte ich, so oft ich es sehe, vor purer
Freude zu Fuessen fallen.

"Wenn es nun Gottes Wille waere, dass das Fraeulein meinen Herrn liebte,
ach, da waere ihm geholfen, so gewiss ich selig werden will! Und wenn
sie nicht schon einen andern hat, der kann ihr ja doch gewiss recht
sein. Lassen Sie ihn nur wieder einmal zu roten Wangen kommen, lassen
Sie ihn nur ein wenig laecheln wie frueher, lassen Sie ihn erst einmal
wieder in die Uniform schlupfen statt des schwarzen Zeugs, das er
anhat,--da muss er ja einem Maedel gefallen, und wenn sie einen
Marbelstein in der Brust haette statt eines Herzens. Ueber das Vermoegen
will ich gar nichts sagen; sehen Sie, da ist das herrlich
eingerichtete Hotel in Warschau, da sind die Gueter Ratitzka,
Martinizow, da ist Flazizhof, da--"

"Lass gut sein, Alter," bat der Hofrat, "mit _einem_ davon
koennten wir samt und sonders zufrieden sein. Was deinen Herrn
betrifft, so glaube ich selbst, dass er das Fraeulein gerne sieht; wie
das Fraeulein ueber ihn denkt, weiss ich nicht so genau, doch kann sie
ihn nicht uebel leiden. Das Ding muss sich uebrigens bald geben, glaube
mir! Hat dein Herr das Fraeulein recht von Herzen lieb, so soll er,
merke wohl auf, so soll er es ihr sagen; ich meine, ich koennte dafuer
stehen, dass sie nicht Nein sagt."

Der alte Brktzwisl war ausser sich vor Freude, als er dies hoerte.
"Nun, das muss wahr sein, wenn sich vernuenftige Menschen miteinander
besprechen, gibt es ein Stueck; mein Herr soll dran, soll Hochzeit
haben und wieder froehlich sein, und der alte Brktzwisl will kuppeln,
und all sein vierzigjaehriges Dienen soll umsonst sein, wenn er nicht,
ehe acht Tage ins Land kommen, den Herrn Grafen auf der rechten
Faehrte hat."

"Aber meinst du auch, du verdienst dir beim alten Onkel Dank, wenn du
den Herrn Neveu verheiratest? Das Fraeulein ist eigentlich doch keine
rechte Partie fuer einen polnischen Grafen--"

"Wird ihm wohl an ein paar hunderttausend Taler mehr liegen als an
der gesunden Vernunft seines Brudersohnes? Nein, der alte Graf ist
ein raesonabler, nobler Herr, der nicht auf solche Sachen viel sieht.
'Mache mir meinen Emil gesund,' hat er zu mir gesagt, als wir
abfuhren, 'bringe ihn vernuenftig zurueck _a tout prix_!' Da darf
man ja wohl auch eine Heirat dazu rechnen! Und ueberdies bekuemmern wir
uns eigentlich nicht sehr viel um den alten Herrn; der junge Graf ist
eigentlich sein eigener Herr, und der Onkel hat ihm nicht so viel zu
gestatten oder zu verbieten. Doch besser bleibt besser, und dass der
Alte mit Freuden seinen Segen gibt, dafuer stehe ich! Ach, wenn er nur
das liebe Engelskind selbst sehen koennte!" Dem alten Mann schien der
Mund zu waessern; er bat den Hofrat noch einmal, recht zu sorgen, und
ging.

       *       *       *       *       *




DER SELIGE BERNER.

Als Brktzwisl fort war, schlug der Hofrat ein Schnippchen nach dem
andern in die Luft. Er hatte sich ja seine Herzensfreude vor dem
klugen Alten nicht merken lassen duerfen, und doch haette er dem alten
verwitterten Polacken um den Hals fallen moegen, so recht ins Schwarze
seiner Seele hatte er mit seinen Plaenchen getroffen. "Ein kapitaler
Kerl, der Brktzwisl," dachte der Hofrat, "ohne den waeren wir doch
samt unserer stillen Liebe und unsern geheimen Plaenchen ganz und gar
den Katzen. Beim alten Oheim scheint er einen Stein im Brett zu haben
und nicht nur so einen Bauern oder lausigen Laufer, wie man von der
alten Tressenrockseele glauben sollte, sondern einen gewichtigen
Rochen, der dem ganzen feindlichen Hof, der Koenigin Aarstein und dem
Staatssekretaer Springer mit seinen Winkelzuegen ein verdecktes und
entscheidendes Schach geben soll!" So waren des Hofrats Gedanken; es
war ihm dabei so federleicht und stolz zu Mut wie einem Kandidaten,
der sein letztes Examen im Ruecken und vor sich die Aussicht auf eine
fette Pfarre hat, wo er mit Frauchen, Pferdchen, Kindchen, Kuehen,
Schafen und Schweinen mitten unter seiner lieben Pastoralherde
residieren kann. Ja, es war ihm sogar ein wenig goettlich zu Mut, als
haette er Stangen, Zaum und Trense der Welt unter der Faust und
regiere an geheimen Schicksalsfaeden das Los des Grafen und seiner
Ida.

Alle Leute blieben auf der Strasse stehen, als Berner vorueberkam. Man
kannte ihn sonst als einen lieben, freundlichen Mann, der gerne
jedermann gruesste und hier und dort mit einem sprach; aber heute--
nein, es sah zu possierlich aus, wie der gute alte Herr vor sich hin
sprach und laechelte, alle Maedchen in die Wangen kniff, allen Maennern
zuwinkte und ein paar Bettelbuben, die sich am Markt pruegelten,
einige Groschen schenkte, dass sie sich einen vergnuegten Tag machen
moechten. Den Praesidenten traf er auf der Treppe; er bot ihm einen
guten Morgen, schuettelte ihm recht treuherzig die Hand und dachte
sich, wie sich wohl der Alte freuen werde, wenn der polnische Freier
angestiegen komme, um sein eheleibliches Toechterchen zu freien.

"Alte Exzellenz," wisperte er ihm ins Ohr, "aus der Heirat des Polen
mit der Graefin Aarstein wird--nichts."--"Nichts?" fragte der
Praesident mit langem Gesicht. "Nichts? Hat Er Nachrichten, Berner?
Hat etwa der Hof andere Absichten mit dieser Dame?"

"Was der Hof! Was der Staatsminister!" lachte der Hofrat. "Es gibt
noch ganz andere Diplomaten, als die Herren in der Residenz! Meinst
denn du, wenn so ein echter feuriger Pole liebt, dass ihm das Feuer
aus den Kohlenaugen herauspfupfert, er werde erst vor dem
Staatssekretaer den Hut abziehen und fragen: Erlauben Sie guetigst,
wollen Ew. Gnaden mir einen Gegenstand fuer meine zaertlichen Neigungen
rekommandieren? Nein, Herr Bruder! Auf Ehre, wir haben das anders
gehalten anno achtundachtzig, und ich mag es dem guten, reichen
Jungen nicht verdenken, wenn er es auch so macht."--"Wie, so waere der
Graf in eine andere verliebt?" unterbrach ihn der Praesident.

"Verliebt, wie ich sage, und fuer die Graefin so gut wie verloren."--
"Ei, ei," sagte der Praesident mit einem klugen Gesicht, indem er die
Finger an die Nase legte; "siehst du, das habe ich mir neulich gleich
gedacht, dass das Attachement an die hohe Person nicht so gar gross
sein muesse. Du weisst von den Auftraegen, die mir in einem
Handschreiben des Staatssekretaers zukamen; ich richtete mich mit
aller Gewissenhaftigkeit nach meiner Vorschrift und bohrte ihn zuerst
ueber die hiesige Gegend an; weiss Gott, ich meine, der Mensch wird mir
naerrisch, lobt und preist die Gegend bis an den Himmel, hat in den
vierzehn Tagen, wie er mich versichert, mit seinen scharfen Augen
Lokalschoenheiten entdeckt, die ihn unwiderstehlich anziehen und
fesseln, ja sogar unser gutes, ehrliches Freilingen, das nun in
meinen Augen eben nichts Apartes hat, liebt er so, dass ihm die hellen
Traenen liefen. Nun haben wir ja den Goldfisch, denke ich, ja, ja, der
Freilinger Kreis ist nicht uebel; aber die Graefin Aarstein ist
wahrscheinlich der Koeder. Ich wende also das Gespraech auf den Hof und
endlich auch auf die Graefin; da ist er aber so kalt und gleichgiltig
wie Eis. Ich frage ihn endlich, als er gar nicht anbeissen wollte, ob
er die Graefin denn nicht kenne, und da machte er ein ganz eigenes
Gesicht, wie wenn man beim ueberzuckerten Kalmus endlich aufs
Bittere kommt, und sagte: 'Nicht anders kenne ich sie als _par
renommee._' Das ist nun freilich bei der Frau Graefin nicht das
beste, das man haben kann. Wenn er sie daher nur und zuerst von
dieser Stelle kennt, so hat der Herr Staatssekretaer schlecht
manoevriert."

"Weiss Gott, das hat er," lachte der Hofrat; "ich koennte dir Dinge
sagen--doch gedulde dich noch ein paar Wochen, und du siehest den
Herrn Grafen als Braeutigam! Eine Dame aus der Residenz ist es nicht,
an die er sein Herz verlieren wird; nichtsdestoweniger ist es ein
Landeskind unseres allergnaedigsten Herrn, und zwar ein gutes, liebes,
schoenes--"

"Nun, nun, so arg wird der Engel auch nicht sein," meinte der
Praesident, indem er sich verabschiedete; "aber ordentlich wohl ist es
mir, dass es die Graefin nicht ist, denn ich sammelte mir so unter der
Hand Nachrichten ueber sie, und die lauteten denn doch gar zu fatal."

War es dem Praesidenten ordentlich wohl, so war es dem Hofrat
ausserordentlich selig zu Mut, als er vollends die Treppe hinanstieg,
als er naeher und naeher an Idas Zimmer kam, als ihn das Maedchen
Wunderhold empfing. Er haette moegen nur gleich mit allem, was er im
Herzen und Gedaechtnis hatte, herausplatzen; aber nein! Hand auf den
Mund! So ging's nicht; vor seinem Schicksalspuppenspiel, das er jetzt
dirigierte, waere _das_ Maedchen bis in das Herz hinein erroetet
und davongelaufen. Daher liess er seine Gedanken eine kleine
Schwenkung rechts machen, um dem Maedchen mit den Plaenklern der
Neugierde und mit den schweren Kavalleriemassen der Ruehrung in die
linke Flanke zu fallen und ihr Herzchen zu nehmen. Darum erzaehlte er
ihr das Unglueck des Martiniz; aus seiner eigenen Phantasie tat er die
ruehrendsten Farben hinzu, um den tiefen Jammer des Grafen zu
schildern.

Doch das bedurfte es ja nicht; des innigliebenden Maedchens Traenen
flossen, als er noch nicht zur Haelfte fertig war. Wenn sie sich den
froehlichen, kraeftigen Juengling dachte, geliebt, geachtet von allen,
und ploetzlich so unendlich ungluecklich--ja, jetzt hatte sie den
Schluessel zu seinem ganzen Wesen, zu seinem ganzen Betragen.

Jetzt wusste sie, warum er damals, als sie ihn zuerst im Walde sah, so
bitter geweint habe; jetzt ward es ihr auf einmal klar, warum er
niemals wieder recht froehlich sein koenne. Er hatte seinen liebsten
Freund getoetet, und, wie die Erzaehlung des alten Dieners merken liess,
unschuldig getoetet; je zarter ihr eigenes Gefuehl war, desto tiefer
fuehlte sie den Schmerz in dieser fremden und ihr dennoch so
verwandten Brust.

Sie weinte lange, und ihr alter, treuer Freund wagte es nicht, dieses
Traenenopfer zu unterbrechen. Noch hatte er ihr aber nichts darueber
gesagt, wie der Graf aus seinem Wahnsinn zu retten sein moechte; so
schonend als moeglich beruehrte er diese Saite, indem er nicht
undeutlich zu verstehen gab, dass ihre Naehe wunderbar auf ihn zu
wirken scheine. Sie sah ihn lange an, als ob sie sich besaenne, ob sie
auch recht verstanden habe; eine hohe Roete flog ueber das liebliche
Gesichtchen, ein schelmisches Laecheln mitten durch die Traenen zeigte,
dass sie dies selbst wohl gedacht habe; sie schien zu zoegern, das
auszusprechen, was sie dachte, aber endlich warf sie sich an die
Brust des alten Mannes, verbarg ihr gluehendes Gesichtchen und
fluesterte kaum hoerbar: "Wenn er durch warme Teilnahme, durch lautere,
innige Freundschaft zu retten ist, so will ich ihn retten!" Sie
weinte an Berners Brust leise fort und fort; ihre Schwanenbrust hob
und senkte sich, als wolle sie alle sechsunddreissig Schnuerloecher des
Korsettchens zumal zersprengen.

Dem Hofrat aber kam dies mitten in seinem Schmerz hoechst komisch vor.
Die weint, dachte er, weil sie einen schoenen Mann und drei Millionen
verdienen soll! Er konnte sich nicht enthalten, sie, vielleicht auch
um das Maedchen wieder aufzuheitern, recht auszukichern. "Ist es doch,
als ob es Ihnen blutessigsauer wuerde, dass Sie den schoenen, edlen
Grafen aus seinem Wahnsinnsfegefeuer herauslangen sollen! Es ist ja
nicht die Rede von einem solchen leeren Schniffel und Musje
Unausstehlich, wie sie jetzt zu Dutzenden herumschlendern; nein, um
solche waere es nicht der Muehe wert, sich die Hand nass zu machen, und
wenn sie im Sumpf bis unter die Nase staeken und nicht mehr um Hilfe
schreien, sondern nur ein wenig naeseln und rueffeln koennten. Aber
nein, da ist der Ausbund von Maennerschoenheit, der Mann mit dem
interessanten, feurigen Auge, mit der zarten Blaesse, welche die
Gemueter so anzieht, mit dem feinen Baertchen ueber den Lippen, das ein
ganz klein wenig sticht, wenn er den wuerzigen Mund woelbt zum Ku--"

"Nein, es ist zu arg!" maulte Idchen und tat so ernst und
reputierlich wie eine Karthaeuserin, und doch musste das lose Ding die
Knie zusammenpressen, um nicht zu lachen. "Zu arg, nicht einmal ein
Fuenkchen Mitleiden darf man zeigen, ohne dass die boese Welt, den Herrn
Hofrat an der Spitze, gleich darueber kritisiert, ob es einem
_schoenen_ Herrn gegolten oder nicht."

"Nun, nun," lachte der Hofrat noch staerker als zuvor, "es kommt immer
besser; Sie machen ja, weiss Gott, ein Gesichtchen, als wollten Sie
mir nichts dir nichts der ganzen Welt ein Pereat bringen; aber im
Hintergrunde lauert doch der Schelm; denn mein Idchen hat es
faustdick hinter den Ohren. Ich mache gewiss nicht wie Fraeulein von
Sorben und Frau von Schulderoff, die grosse Stadtklatsche, aus jedem
Maulwurfshaufen einen Himalaya, aber--wer schaut denn immer hinter
dem Vorhang hinueber in den Mond, um den Mann im Mond, wie ihn die
boesen Stadtkinder heissen, herauszuaeugeln. Aber freilich, die jungen
Damen machen jetzt gerne astronomische Versuche, sehen nach den
schoenen Sternen, welche das schoenste Feuer haben,--da muss man ja doch
auch in den Mond sehen; aber Fraeulein Ida wird nicht, wie jener
scharfsichtige Astronom, Staedte, Festungen, ganze Waelle und
Verschanzungen darin erschauen, sondern hoechstens die Besatzung
selbst, den Gr-"

Idchen hielt es nicht mehr aus; sie wurde roeter als ein
Purpurroeschen, sie presste dem Hofrat die weiche Flammenhand auf den
Mund, dass ihm Hoeren und Sehen verging, und schmaelte ihn jetzt so
tuechtig aus, wie er frueher sie selbst geschmaelt hatte, als sie noch
ein ganz kleines unreifes Ding war. "Wie oft habe ich hoeren muessen,"
eiferte sie, "man soll die schoenen Pueppchen nicht beschmutzen, und
Sie, boeser Hochverraeter, machen ja Ihr armes Pueppchen Ida ganz
schwarz; wie oft haben Sie gesagt, man solle nicht alles
untereinander werfen, sondern jedes Ding ordentlich an seinem Platz
lassen, wo es steht, und Sie nehmen da und dort etwas, rudeln und
nudeln es recht bunt durch einander wie ein Apotheker und malen die
Leute damit an. Ist das auch recht? Kann das Ihr sonst so geordnetes
Oberbuchhaltergewissen vertragen?"

Der arme Hofrat bat nur durch die Augen um Pardon; denn der Mund war
ihm so verpetschiert, dass er nicht einmal ein Ach! oder Au!
hervorgurgeln konnte. Endlich gab sie Pardon; der Hofrat schoepfte
tief Atem und sagte endlich: "Das verdient Strafe, und die einzige
Strafe sei, dass Sie auf der Stelle ueber und ueber rot werden!" Ida
behauptete zwar, das lasse sich nicht nur so befehlen; aber es half
nichts. Der Hofrat begann: "So wissen Sie denn, dass der Graf seit
einem Jahre Europa durchfliegt, durchrennt, an keinem Orte laenger als
einen, hoechstens zwei Tage verweilt, dass er auch eigentlich hier nur
einen Rasttag halten wollte--es sind Wochen daraus geworden; ich gebe
Ihnen mein Wort: wegen Ihnen allein ist er hier geblieben." Der
Hofrat hatte seine Strafe richtig beurteilt; sie schrak zusammen, als
er es aussprach.

"Wegen mir waere er hier geblieben? Meinetwill--" sie konnte nicht
weiter; ein holdes Laecheln geschmeichelter Selbstzufriedenheit
schwebte um die roten, frischen Lippen; der zarte Inkarnat ward
ueberall zur Flamme, und wie von alters her das weibliche Geschlecht
ein tiefes Raetsel fuer den Forscher war,--war es Freude, war es
Schmerz?--das ueberraschte Herzchen machte sich in heissen Traenen Luft.
Das hatte der Hofrat nicht gewollt; er wollte wieder von neuem
anfangen, wollte die lindernden Mittel der Froehlichkeit und des
Scherzes auf die Wunde legen, die er so ganz ohne Absicht geschlagen
hatte, wollte das Maedchen aufheitern, zerstreuen; aber war es denn
moeglich, war das moeglich, wenn man _dieses_ Auge in Traenen sah?
So mit ihrem Schmerz beschaeftigt, hatte er ganz ueberhoert, dass man
schon zweimal an der Tuere geklopft habe; leise wurde sie endlich
geoeffnet, auf dem weichen Fussteppich hallte kein Schritt--Ida war es,
als wehe sie ein kuehlendes Lueftchen an, es war ihr so wunderwohl und
suess zu Mut, sie nahm das Tuch von den weinenden Augen und tat einen
lauten Schrei; denn vor ihr stand in voller Lebensgroesse Graf
Martiniz.

Auch dem Hofrat erstarb das Wort auf den Lippen vor Staunen, gerade
in diesem Augenblick den Mann zu sehen, von welchem er und Ida
gesprochen hatten. Doch der gewandte junge Mann liess sie nicht lange
in diesem peinlichen Stillschweigen; er entschuldigte sich, so
unberufen eingetreten zu sein; er habe aber niemand zum Anmelden
gefunden, und auf sein wiederholtes Pochen habe niemand geantwortet.
Er setzte sich neben Ida und fragte mit der Zutraulichkeit eines
Hausfreundes, ob er den Grund ihres Kummers nicht wissen duerfe. Ach!
er war ja der Grund dieses Kummers, ihm galten ja diese Traenen, die
aus den geheimnisvollen Tiefen des liebevollen Maedchenherzens
heraufdrangen.

Sie wollte antworten, die Stimme versagte ihr; sie wollte laecheln,
aber ihre unwillkuerlich stroemenden Traenen straften sie Luegen; er
hatte so freundlich, so zart gebeten, an ihrem Schmerz teilnehmen zu
duerfen, dass es sie immer mehr und mehr ruehrte. Mit einem
Feldherrnauge schaute der Hofrat in diese wirren Verhaeltnisse; rasch
mussten die Bloessen benuetzt werden. Der Zweck heiliget die Mittel,
dachte er, wirf sie beide in einen wirbelnden Strom, sie werden sich
eher finden, sich vereint an den Strand hinausretten. Er ergriff also
sein Huetchen, brach auf und fluesterte dem Grafen laut genug, dass es
Ida hoeren konnte, ins Ohr: "Und wenn Sie noch zehn Jahre so dasitzen
und nach ihrem Kummer fragen, sie sagt Ihnen doch nicht, warum sie
weint. Um Sie, bester Graf, weint das Fraeulein, weil sie meint, Sie
seien ungluecklich, und doch nicht helfen kann." Mit schnellen
Schritten witschte er aus dem Zimmer; es war ihm zu Mut wie einem,
der gesaeet hat und doch nicht weiss, was aufgehen wird. "Der Wuerfel
liegt," sprach er bei sich, als er die Treppe hinabeilte, "er liegt;
zaehlet nun selbst die Augen und vergleichet euer Gerad oder Ungerad!"

       *       *       *       *       *




ENTDECKUNG.

Die beiden jungen Leutchen sassen sich gegenueber wie die Oelgoetzen;
keines wagte von Anfang ein Woertchen zu sagen, selbst den Atem
hielten sie fest an sich. Dem Fraeulein hatte der Hofrat durch seinen
gewagten Scherz alles Blut aus den rosigen Wangen gejagt; es war ihr,
als staeche ihr einer einen Dolch von Eiszapfen in das gluehende Herz,
und ein anderer schuette eine Kufe des kaeltesten Wassers ueber sie
herab, und im naechsten Augenblick war ihr wieder so bruehsiedheiss zu
Mut, als ob die Feuerflammenbrandung der Lava in ihren Adern siede
und ein Rheinstrom von rotgluehendem, fluessigem Eisen durch alle ihre
Nerven sich ergoesse. Sie wusste nicht, sollte sie aufspringen und
davonlaufen, sollte sie lachen oder vor Unmut ueber diese Unzartheit
weinen; ein tiefer Seufzer entriss sich dem gepressten Herzen--

Und Martiniz--was hilft in solchen Momenten das vollendetste Studium
dessen, was wir Welt nennen? Er war auf Hofbaellen von Kaisern und
Koenigen gewesen, er hatte mit einer Fuerstin eine Polonaese eroeffnet
und ihr dabei die Schleppe von der _drap d'argent_'nen Hofrobe
abgetreten, dass ihr die Fetzen vom Leibe hingen, und hatte dennoch
dabei die Fassung behalten, obgleich die Durchlaucht einen ganzen
Kartaetschenhagel aus ihrer Augenbatterie auf ihn spielen liess. Er
hatte--doch was konnte es ihm in diesem suessen Augenblicke helfen, dass
er sich sonst nicht so leicht verblueffen liess? Der Moment riss ihn
hin; sie, die er mit aller Macht heimlicher Glut liebte, sie, die in
seinen Traeumen allnaechtlich ihm erschien und ihn zum Gott machte, sie
hatte um ihn geweint, weil sie ihn fuer ungluecklich hielt!

Und als er jetzt zu ihr hinaufblinzelte, als er die ruehrende Scham
aus dem engelreinen Gesichtchen, das holde Laecheln um den Mund,
tiefer hinab die Schneepracht des Halses, dieses Nackens, dieser
Brust ansah--er hatte auf seiner grossen Tour alle Galerien der Welt,
die Kunstschaetze der Malerei, die lockenden, majestaetischen,
niedlichen Formen der alten und neuen Bildhauerkunst gesehen, mit
wahrhaftem Kunstfleiss studiert, und was waren sie, was war Venus und
alle Grazien, was war Madonna und alle die herrlichen, heiligen
Gesichtchen aller Zeiten und Schulen gegen dieses geheimnisvolle
Amorettenkoepfchen? Es lag ein Liebreiz in diesem suessen Wesen.--Er
hoerte sie seufzen, eine grosse, helle Perle hob sich unter den
seidenen Wimpern; er ergriff ihre Hand und drueckte seinen Mund
darauf; sie zog das weiche Wunderpatschchen nicht weg.

"Koennen Sie zuernen, mein Fraeulein," hub er an, "dass ich zu so
ungelegener Zeit"--er hielt inne, um ihre Antwort zu erwarten--keine
Antwort.

"Wenn ich gewusst haette, dass ich Sie nicht heiter finden wuerde, ich
haette mir gewiss nicht die Freiheit"--noch keine Antwort.

"Sie haben einem Ungluecklichen eine Traene des Mitleids geschenkt;
zarte Herzen wie das Ihrige verstehen einen tiefen Schmerz viel
frueher als andere; moege Gott Ihnen diese Traenen des Mitgefuehls
vergelten, die mir so unendlich wohltun"--keine Antwort, nur Perlchen
um Perlchen draengt sich ueber den feinen Rand der Wimpern.

"Sie zuernen mir also dennoch," fuhr Martiniz truebe laechelnd fort;
"das beste wird sein, ich nehme mir die Freiheit, Sie ein ander Mal
zu besuchen." Er wollte seine Hand aus der ihrigen ziehen; aber Ida
hielt ihn fest.

"Herr Graf!" fluesterte sie leise bittend--

"Warum nennen Sie mich Herr Graf?" antwortete Martiniz. "Wie oft
haben Sie versprochen, Martiniz, und wenn ich recht gut bin, Emil zu
sagen?"

"Martiniz!" fluesterte sie wieder.

"O, bin ich denn nicht mehr so gut wie gestern, oder sind Sie nicht
mehr die freundliche, troestende Ida wie frueher?"

"Emil!" hauchte sie kaum hoerbar; aber in diesem einzigen Woertchen lag
ein so suesser Ton, dem alle Saiten in Emils Brust antworteten; voll
namenloser Seligkeit beugte er sich von neuem auf ihre zarte Hand;
doch er fasste sich wieder, und, es war ihm zwar sauer genug, aber
dennoch kam er halb wieder in den rechten Takt der vertrauenden
Freundschaft. Er bat sie, ihn geduldig anzuhoeren, er wolle ihr sagen,
warum er so truebe und traurig durchs Leben gehe, und vielleicht werde
sie ihn entschuldigen.

Er erzaehlte ihr die Geschichte seines ungluecklichen Hauses, wie sie
der alte Brktzwisl dem Hofrat erzaehlt hatte; aber den schrecklichen
Verdacht, den der alte Diener nur ahnte und sich selbst nicht zu
gestehen wagte, bestaetigte er. Er erzaehlte, dass, als er aus jener
langen Krankheit wieder zu voelligem Bewusstsein und dem Gebrauch
seiner Verstandeskraefte gekommen sei, habe ihm das Leben und die
ganze Erde so oede geschienen, dass er seiner Mutter und Schwester die
selige Ruhe im Grabe gegoennt, ja beneidet habe; besonders seine
Schwester habe er gluecklich gepriesen; denn, betrogen von dem Manne,
den sie liebte--wie haette sie ferner gluecklich leben koennen?

Aufs neue sei damals eine grosse Bitterkeit in seiner Seele gegen den
Italiener aufgestiegen, der nur nach dem fernen Norden gekommen
schien, um ein holdes Maedchen auf wenige Stunden gluecklich zu machen
und dann zu betruegen, einen Freund zu gewinnen und ihn dann zum
unerbittlichen Raecher zu machen. Da habe man ihm einen Brief
gebracht, den seine Schwester kurz vor ihrem Ende geschrieben habe;
er enthielt das Bekenntnis einer tiefen Schuld, einer unwuerdigen
Schande. Antonio habe lange geahnt, dass er, obgleich ihr Verlobter,
doch nicht der einzig Beguenstigte sei. Er habe sie in einem
Augenblick getroffen, der ihm keinen Zweifel ueber die Unwuerdigkeit
der Geliebten gelassen. Doch zu edel, sie der Schmach und dem
Unwillen ihrer Familie preiszugeben, habe er ihr erlaubt, seinen
Verlobungsring fortzutragen, in wenigen Wochen wolle er Warschau
verlassen und sie nie mehr sehen; ihren Ring, bei welchem sie ihm mit
den heiligsten Eiden Treue geschworen, wolle er der naechsten besten
Metze schenken.

"Dies war die einzige Strafe," fuhr Martiniz fort, "die sich der
edle, so schaendlich betrogene Mann erlaubte. Wie unselig rasch ich
handelte, wissen Sie, mein Fraeulein. Meinem Sekundanten wollte er die
Schande meiner Schwester nicht anvertrauen, eine persoenliche
Zusammenkunft mit ihm schlug ich in meiner Wut aus; so stellte er
sich denn mit seinem ganzen Unglueck, mit seinem noch groesseren Edelmut
vor die Muendung meiner Pistole. Jenen ganzen Tag, da ich die Schuld
meiner Schwester und seine Unschuld erfuhr, wuetete ich gegen mich
selbst.

"Ich wurde ruhiger, als es Abend wurde; aber zu derselben Stunde, wo
er verschieden war, fuehlte ich auf einmal seine Naehe, sein
blutbedecktes Bild stand vor mir da; meine Seele fasste das
Schreckliche nicht, ich verfiel in Wahnsinn. Seit jener schrecklichen
Stunde naht er mir alle Nacht und zeigt mir seine klaffende Wunde,
kein Raum ist ihm zu weit, kein Gebet verscheucht ihn, er wuerde mir
im frohesten Zirkel meiner Freunde erscheinen.

"Nur in eine Kirche scheint er sich nicht zu wagen, und meine letzte
Zuflucht ist, mich jede Nacht an den Altar zu retten. Mein Leben ist
fuer jede Freude verloren, mir blueht kein Fruehling mehr; die Natur ist
mir erstorben; ein rastloser Fluechtling, eile ich ueber die Erde hin,
verfolgt vom Gespenste dessen, den mein unueberlegter Rachedurst
erschlug. Ich bin Kain, der seinen edlen Bruder ermordete; ich fliehe
und fliehe, bis sich mir eine fruehe Grube oeffnet, wohin sein blutiger
Schatten nicht mehr dringt, wo ich ausruhe, ungekannt, unbeweint, der
letzte Sprosse meines Stammes, ohne Denkmal als das der Blumen, die
der Fruehling aus meiner Asche keimen laesst."--

Ohne Idas Antwort abzuwarten, hatte sich nach den letzten Worten
Martiniz erhoben und war davon geeilt. Er war von seiner eigenen
Erzaehlung so ergriffen, dass er die laute Teilnahme des geliebten
Maedchens in diesem Augenblick nicht haette ertragen koennen. Ihre zarte
stille Teilnahme, die tausend Zeichen der lautlosen Liebessprache
hatten ohnedies schon so heftig auf ihn gewirkt, dass er die rasende
Glut in seinem gepressten Herzen kaum mehr beschwichtigen, dass er sich
kaum enthalten konnte, die Traenen, die seinem Unglueck flossen, von
den zarten Wangen zu kuessen. Wie eine trauernde Andromache sass Ida,
das Engelskoepfchen auf ihr schneeweisses Haendchen gestuetzt, und liess
die Traenen herab in den Schoss rollen. Nach und nach schien sie aber
ruhiger zu werden; sie sah oft auf, und dann lag in dem schoenen Auge
etwas Schwaermerisch-Sinnendes, dass man glauben durfte, sie sinne ueber
einen grossen Entschluss nach.

So traf sie Berner, der mit einem Armensuendergesicht zur Tuere
hereinguckte. Es hatte ihm unterwegs, nachdem der erste Kitzel ueber
seinen gewagten Feldherrn-Einfall vorueber war, doch ein wenig das
Gewissen geschlagen, dass er die Leutchen so im heillosen Zappel
zurueckgelassen habe. Er musste sich gestehen, dass die Sache auf diese
Manier ebenso leicht ganz ueber den Haufen gerannt werden konnte.--
Doch, da war er ja der Mann dazu, auch die verzweifeltsten
Verhaeltnisse wieder zu entwirren. "Haben sie sich auch, wie
ungeschickte Hauderer, ein wenig verfahren," dachte er, "der alte
Berner weiss sie schon wieder ins rechte Geleis zu bringen." Als er
aber den Grafen nicht mehr traf, als er sah, dass das Maedchen so gar
bitterlich weinte und schluchzte, dass es einen Stein in der Erde
haette erbarmen moegen,--da grieselte es ihm doch den Ruecken hinauf,
eine Gaensehaut flog ueber seinen Kadaver und schnuerte ihm die Brust
zusammen.--"Sicher einen dummen Streich gemacht," brummte er vor sich
hin. Da schaute sich Ida nach ihm um. Unter den verweinten Augen
hervor traf ihn doch ein so mildes Laecheln, dass es ihm wieder wohl
und warm wurde, als haette er den besten _Extrait d'Absinthe_ vor
den Magen geschlagen.--"Habe ich ein dummes Streichelchen gemacht,
mein Kindchen?" fragte er kleinlaut, machte aber so verschmitzte,
kluge Aeuglein dazu, dass Ida, so ernst sie sein wollte, laecheln musste.
Sie gab ihm die Hand und erzaehlte ihm, wie sie von Anfang durch seine
doch etwas gar zu indiskrete Aeusserung sehr ausser Kontenance gekommen,
dass sie ihm aber jetzt nicht genug danken koenne; denn der Graf habe
ihr all sein Unglueck, sein Leiden erzaehlt, und sie sei wie von ihrem
Leben ueberzeugt, dass er von seinem Phantome koenne befreit werden.
Jetzt hatte ja der Hofrat Ida auf dem Punkte, wo er sie haben wollte;
jetzt war er mit der ganzen Geschichte auf einmal im klaren und rieb
sich unter dem Tisch vor Freuden und lauter Seligkeit die Haende. "Sie
koennen und muessen ihn retten, und darum hat mir mein Genius das tolle
Wagestueck von vorhin eingegeben. _Sie_ muessen ihn ueberzeugen,
dass alles Ausgeburt seiner Phantasie ist. Sie muessen machen, dass er
wieder den Menschen angehoert, der gute Junge, dass er bei Tag
freundlich und gesellig ist und nachts nicht mehr in die Kirche
laeuft. Ich will davon gar nicht sagen, dass es fuer seine Gesundheit
hoechst nachteilig ist, alle Nacht sich vor einem blutigen Gespenst zu
fuerchten. Aber bedenken Sie nur alle andern Unannehmlichkeiten, die
ein solcher Umstand mit sich fuehrt. Der Graf, ist er nun so recht im
Feuer, so recht, was man sagt, im Zug, gibt es dann einen
herrlicheren, angenehmeren Gesellschafter als ihn? Da ist alles
Leben, alles Feuer, das sprudelt von dem feinsten Witz, von der
zartesten Geselligkeit, und um die Zeit, wo gewoehnlich, der
Champagnerpunsch, den Sie so trefflich zu bereiten wissen, oder
Kardinal und fuer Liebhaber des Roten auch Bischof aufgesetzt werden
soll, wenn man glaubt, jetzt geht es erst recht an, da wird er nach
und nach ernster und stiller, zieht einmal um das andere die Uhr aus
der Tasche oder laesst sie in der Tasche repetieren, dass man glaubt, er
habe ein Glockenspiel im Magen, und--hast ihn gesehen--schleicht er
sich _sans adieu_ fort und eilt der Kirche zu. Der Mondwirtin
kann ich es, ob ich gleich die heiligsten, fuerchterlichsten Eide dazu
schwoere, noch immer nicht begreiflich machen, dass er nicht auf ganz
schlimmen Wegen im Dunkeln schleiche. 'Ich weiss das besser,' sagt
sie immer; 'im Dunkeln ist gut munkeln--das mache mir ein anderer
weis!' Und dann, wie unangenehm ist ein solches Verhaeltnis, wenn
der Herr Graf einmal in den heiligen Stand der Ehe sich begeben soll.
Zur Zeit, wenn da sein Weibchen ihre Tuecher und Tuechelchen, ihre
Roecke und Roeckchen abgeworfen hat, wenn sie im Hemdchen und
Nachtkorsettchen ins Bettchen schluepft--"

"Was weiss ein alter Hagestolz wie Sie?" unterbrach ihn das Fraeulein
eifrig, indem sie ihm mit dem weichen Patschchen, ueber und ueber
erroetend, eines hinter das Ohr versetzte, schelmisch laechelte und
innerlich beinahe platzte. "Was wissen Sie von Nachtkorsettchen und
Schlafhaeubchen? Solche Dinge gehoeren ganz und gar nicht in Ihr Fach,
und der Schuster, heisst ein altes Sprichwort, der Schuster bleibe bei
seinem Leisten!"

"Leider, Gott erbarm's!" seufzte und knurrte der alte Kater-Murr-Berner
mit komischem Pathos, "leider heisst es bei mir: _ne ultra crepitam_,
[Fussnote: Nicht ueber den Leist hinaus!] ich darf nichts sehen als
die huebschen Fuesschen und hoechstens, aller--allerhoechstens jahrs
einmal ein huebsches Waed--; doch um wieder auf Martiniz zu
kommen! Ich habe hin- und hergedacht, ich weiss nur ein Mittel, wie
man ihn der Welt wiedergeben kann. Wir moegen ueber die Torheit des
Gespensterglaubens an ihn hin predigen, so lange wir wollen, er gibt
uns Recht, und in der Nacht sieht er dennoch wieder sein Phantom.
Nein, man muss ihm auf ganz anderem Wege beikommen. Sie, Ida, Sie
muessen in der Stunde der Mitternacht zu ihm an den Altar gehen, bei
ihm bleiben in den Augenblicken der Angst, und ich stehe dafuer, er
wird so viel an Sie denken, dass das Bild seiner Phantasie
verschwindet." Ida straeubte sich vor diesem Hilfsmittel mit
maedchenhafter Scheu. Sie gab dem Hofrat zu bedenken, dass das sich
aufbringen heisse, was die Welt dazu sagen werde, wenn sie einem
landfremden Menschen in die Kirche nachlaufe, und dies und jenes--
aber der Hofrat, der das Maedchen von seiner Kindheit an kannte, sah
tiefer. Er sah, wie sich in ihr zwar das Maedchenhafte gegen das
Unschickliche, das nach den Begriffen der Welt darin liegen koenne,
straeube, dass aber das Edle und Grosse, das sie, nur von wenigen
gekannt, tief in der stolzen, jungfraeulichen Brust verschloss, schon
jetzt diesen Rettungsgedanken mit Waerme ergriffen haben muesse; denn
in ihrem Auge sah er jenes stille Feuer ernsten Nachdenkens, ihre
Brust hob sich stolzer, wie wenn sie eines grossen Entschlusses
maechtig geworden waere. Er troestete sie ueber den Gedanken, was die
Welt sagen wuerde; unerkannt wolle er sie in der dunklen Nacht in die
Kirche fuehren,--"und landfremd," fuhr er mit schalkhaftem Laecheln
fort, "landfremd nennen Sie diesen Menschen? Mir wenigstens ist es in
den vierzehn Tagen geworden, wie wenn ich ihn lange, lange gekannt
haette; und wer war es denn, der in jener Ballnacht, als wir den
landfremden Menschen zum allererstenmal sahen, sagte: ich _moechte
hingehen und fragen, warum bist du nicht froehlich mit den Froehlichen?
Sage mir deinen Kummer, ob ich nicht helfen kann_!"--Es ist etwas
im weiblichen Herzen, das sie in einzelnen Momenten so hoch erhebt,
dass sie Entschluesse fassen und ausfuehren, wovor ein Mann vielleicht
sich gescheut haette. Auch Idas Herz war nicht unempfaenglich fuer
solche grosse Entschluesse, die der kaeltere Beobachter mit Unrecht
Schwaermerei nennt; sie lehnte sich an die Brust des alten Freundes
und lispelte mit geschlossenen Augen kaum hoerbar, aber fest
entschlossen: "Ich will es tun, denn ich fuehle es: _der Zug des
Herzens ist des Schicksals Stimme!_"







ZWEITER TEIL.



DIE HEILUNG

Es war vierundvierzig Minuten auf Mitternacht, als aus des Praesidenten
Haus ein paar dunkle Gestalten traten; die eine, groessere, war in
einen dicken Ueberrock geknoepft, den Hut tief ins Gesicht gedrueckt;
die andere, kleinere, hatte einen Schal von dunkler Farbe um den Kopf
geschlagen, war tief in einen Karbonaro eingewickelt, der aber zu lang
schien; denn die Person, die ihn trug, musste ihn alle Augenblicke
aufnehmen. Die beiden Gestalten schlichen sich dicht an den Haeusern
hin, gingen mehrere Strassen entlang und verschwanden endlich im Portal
der Muensterkirche.

Bald darauf kam ein Mann mit einer Laterne ueber den Muensterplatz; es
war der Freilinger Kuester; er schloss schweigend die grosse, knarrende
Kirchtuere auf und winkte den beiden Gestalten, einzutreten. Die kleinere
schien zu zoegern, als scheue sie sich, in den nachtrabenschwarzen Dom zu
treten; als aber der Kuester mit seiner Laterne voranleuchtete, schien sie
mutiger zu werden und folgte; doch sah sie bei jedem Schritt unter dem
Schal hervor, als fuerchte sie, irgend etwas Greuliches hinter den
grossen Saeulen hervorgucken zu sehen.

Am Altar machten sie Halt. Der Kuester zeigte auf einen breit
vorspringenden Pfeiler, von wo aus man den Altar und einen grossen Teil
der Kirche uebersehen konnte, und die beiden Verhuellten nahmen dort
ihren Platz; die Laterne gab uebrigens so wenig Licht, dass man, ohne
naeher zu treten, die an dem Pfeiler Sitzenden von dem uebrigen Dunkel
nicht unterscheiden konnte. Indem hoerte man den Glockenhammer im Turme
surren und zum Schlag ausholen; der erste Glockenschlag von Mitternacht
rollte dumpf ueber die Kirche hin, und zugleich hallten eilende
Schritte den mittleren Saeulengang herauf dem Altar zu. Es war Martiniz
mit seinem Diener.

Blass und verstoert setzte sich jener, wie er alle Nacht zu tun pflegte,
auf die Stufen des Altars.

Zuerst sah er still vor sich hin; er weinte und seufzte, und wie in jener
Nacht, da ihn der Kuester zum erstenmal gesehen hatte, rief er mit
wehmuetiger, bittender Stimme: "Bist du noch immer nicht versoehnt? Kannst
du noch immer nicht vergeben, Antonio?" Seine Stimme toente voll und laut
durch die Gewoelbe der Kirche; aber kaum war der letzte Laut verhallt, da
rief eine silberreine, glockenhelle Stimme wie die eines Engels vom Himmel:
"_Er hat vergeben!_"

Freudiger Schrecken durchzuckte den Grafen; seine Wangen roeteten sich,
sein Auge glaenzte; er streckte seine Rechte zum Himmel hinauf und rief:
"Wer bist du, der du mir Vergebung bringst von den Toten?" Da rauschte
es an jenem vorspringenden Pfeiler, eine dunkle Gestalt trat hervor;
der Graf trat bebend einen Schritt zurueck, sein Haar schien sich
emporzustraeuben, sein Blick hing starr an jeder Bewegung des Nahenden;
die Gestalt kam naeher und, naeher, der milde Schein der Laterne
empfing sie, noch einige Schritte und--der dunkle Mantel fiel, ein
seraphaehnliches Wesen--Ida mit der Taubenfrommheit eines himmlischen
Engels schwebte auf den Grafen zu. Dieser war in ein willenloses
Hinstarren versunken; noch immer glaubte er einen Bewohner hoeherer
Raeume zu sehen, bis ihn die suesse, wohlbekannte Stimme aus der
Betaeubung weckte.

"Ich bin es," fluesterte, als sie ganz nahe zu ihm getreten war, das
mutige, engelschoene Maedchen, "ich bin es, die Ihnen die Vergebung eines
Toten verkuendigt. Ich bringe sie Ihnen im Namen des Gottes, der ein Gott
der Liebe und nicht der Qual ist, der dem Sterblichen vergibt, was er aus
Uebereilung und Schwachheit gesuendigt, wenn ernste Reue den Richter zu
versoehnen strebt. Dies lehrt mich mein Glaube, es ist auch der Ihrige;
ich weiss, Sie werden ihn nicht zuschanden machen. Du aber", setzte sie
mit feierlicher Stimme hinzu, indem sie sich gegen das Schiff der Kirche
wandte, "du, der du durch die Hand des Freundes fielst, wenn du noch
diesseits Ansprueche hast an dieses reuevolle Herz, so erscheine in
dieser Stunde, zeige dich unseren Blicken oder gib ein Zeichen deiner
Naehe!"

Tiefe Stille in dem Gotteshause, tiefe Stille draussen in der Nacht, kein
Lueftchen regte sich, kein Blaettchen bewegte sich. Mit seligem Laecheln,
mit dem Sieg der Ueberzeugung in dem strahlenden Auge wandte sich Ida
wieder zum Grafen. "Er schweigt," sagte sie, "sein Schatten kehrt nicht
wieder,--er ist versoehnt!"

"Er ist versoehnt!" jubelte der Graf, dass die Kirche droehnte. "Er ist
versoehnt und kehrt nicht wieder! O Engel des Himmels, Sie, Sie haben ihn
gebannt; Ihre treue Freundschaft fuer mich Ungluecklichen, die ebenso
hoch, ebenso rein ist als Antonios Treue und Grossmut, sie hat den
blutigen Schatten versoehnt. Wie kann ich Ihnen danken--"

"Danken Sie dem, der stark war in mir Schwachen," sagte Ida, indem sie ihm
sanft die Hand entzog, die er gefasst und mit gluehenden Kuessen bedeckt
hatte; "wollen Sie aber mir etwas mehr goennen als das Bewusstsein, dem
Freunde genuetzt zu haben, so danken Sie mir dadurch, dass Sie sich wieder
den Menschen schenken, dass Sie wieder heiter und froh sind, wie es
Menschen gebuehrt, denen Gott die schoene Erde zu einem Orte der Freude
geschenkt hat."

Sprachlos fasste er das zarte Haendchen wieder und drueckte es an sein
klopfendes Herz, sein freudiges Laecheln, ein seliger Blick sagten ihr,
dass er erfuellen wolle, was Sie ihm geheissen.

Der Hofrat war indes naeher getreten und hatte mit freudiger, zuweilen
etwas schalkhafter Miene die schoene Gruppe betrachtet. Man konnte aber
auch nichts Schoeneres sehen. Der hohe, schlanke, junge Mann mit dem
zarten, sprechenden Gesicht, aus dem jetzt alle Wehmut, alle Trauer
gewichen war, das jetzt nur Freude und Glueck aussprach, an seiner Seite
die feine Seraphgestalt mit dem lieblichen Engelskoepfchen, das aus den
sinnigen, schmelzenden Augen so freudig, so schmachtend an jenem
hinaufsah,--sie beide umstrahlt von dem ungewissen, milden Schein der
Laterne, an den Seiten und im Hintergrund der Altar und die wunderlich
geformten Bogen und Saeulen des majestaetischen Tempels. "Nun," dachte
Berner, "sei es um ein paar Wochen, dann sind wir zu guter Tageszeit
wieder hier am Altar; dort auf den Stufen steht dann der Herr Pastor
primarius, und weiter unten muessen mir die beiden Leutchen dort knien:
der Herr Pastor spricht dann den Segen, und sie sind kopu--"

Es zupfte ihn etwas am Rockschoss, er sah sich um. Der alte Brktzwisl
stand hinter ihm und wischte sich einmal ueber das andere die alten
Augen, die vor seliger Ruehrung uebergingen. "Das ist Ihr Werk, Herr
Hofrat," schluchzte er, "moege es in Zeit und Ewigkeit--"

"Sei still," fluesterte Berner, "dein Werk ist es; denn haettest du
nicht endlich geschwatzt, so spukte der Herr Antonio nach wie vor."

Der alte treue Diener nahm aber das Lob nicht an. "Nun, am Ende ist es doch
der Himmelsengel dort," schluchzte er weiter, "der es vollbracht hat, ohne
sie haetten wir anzetteln koennen, was wir haetten wollen, wir haetten doch
nichts zuwege gebracht. Morgenden Tages schreibe ich alles dem alten Herrn
Onkel, und der kann nicht anders, er muss seinen Segen zu der holdseligen,
zukuenftigen Frau Graef--" Ein Wink seines Herrn unterbrach ihn; er eilte
zu ihm hin, kuesste die Haende des Grafen und den Saum von Idas Gewand und
brachte dann, wie ihm der Graf befahl, Idas Mantel. Scherzend, als ging es
von einem Ball nach Hause, hing Martiniz dem holden Maedchen den Mantel um
und huellte ihr das Koepfchen so tief in den Schal, dass nur noch das feine
Naeschen hervorsah; der Hofrat fuehrte sie, der stillselige Graf ging neben
seiner Retterin her, und Berner wurde gar nicht eifersuechtig, dass diese
das Gesichtchen immer nur dem Grafen und viel seltener ihm zuwandte.

Brktzwisl und der Kuester, der ganz traurig schien, dass seine Talerquelle
doch endlich versiegt war, schlossen den Zug. "So Gott will," sagte zu ihm
der alte Diener, als er die Tuere schloss, "sind wir zum letztenmal nachts
da drinnen gewesen; dir soll es uebrigens dennoch nichts schaden, alter
Kauz. Wenn deine durstige Seele nach einem Glas Wein verlangt, so komme
nur zum alten Brktzwisl in den Mond; da setzen wir uns denn hinter den
Tisch, die Frau Wirtin muss alten geben, und wir trinken dann aufs
Wohlsein meines Herrn und des schoenen Fraeuleins."

       *       *       *       *       *




NEUE ENTDECKUNG.

Der alte Brktzwisl kam am andern Morgen mit einem Gesicht, aus welchem
man sich nicht recht vernehmen konnte, zum Hofrat; er wuenschte mit
freundlichem Grinsen guten Morgen und zischte doch dabei, wie wenn er
Rhabarber zwischen den Zaehnen haette, ein "wenn nur das heilige
Kreuz-Donner--" oder "wenn nur das Mohren-Kraut-Stern-Elementerchen"
um das andere heraus. Er rapportierte, dass er einen Brief von der
alten Exzellenz, dem Oheim, habe, worin ihm dies er ankuendige, dass
er seine Briefe nach Fuselbronn, einer Badeanstalt zwischen Freilingen
und der Residenz seitwaerts gelegen, zu schicken habe. "Der Kuckuck!"
rasaunte der alte treue Knecht, "haette der alte Herr nicht die
vierzehn Meilen weiter machen koennen? Jetzt waere er hier in
Freilingen und schaute das Glueck seines Herrn Brudersohnes mit
leiblichen Augen, koennte nebenbei auch den Hochzeitvater vorstellen! Was
hilft mich das, dass er wieder schreibt: 'Brktzwisl, scheue keine Kosten,
wir koennen es ja bezahlen, wenn der Himmel unserem Emil wieder gesunden
Menschenverstand verleihen will!' Was hilft mich das? In allen Nestern
von Italien, Frankreich, Schweden, Norwegen, England, Holland, wo wir
herumfuhren, habe ich keine Kosten gescheut; ich mag gar nicht denken,
was nur die Doktores kosteten, wenn ich allemal die Antwort bekam:
'Reise weiter! Zerstreuung hilft! Glueckliche Reise!'--Jetzt, wo wir
hier Zerstreuung und Freude umsonst hatten, wo ein Engelchen meinen
armen Herrn kuriert hat, jetzt soll ich keine Kosten scheuen? Was
hilft da der verfluchte Mammon? Kann ich dem Fraeulein sechs Louisdors
geben wie einem Doktor oder Professor?"

So knurrte der alte Kauz bei dem Hofrat; die Worte pullerten ihm nur so
hervor, es war ihm ganz ernstlicher Ernst mit der Sache, und er war auf
sich und die ganze Welt ergrimmt, dass er jetzt nicht _stante pede_ eine
Hochzeit herhexen konnte. Der Hofrat sah ihn ganz erstaunt an und hielt
sich den Bauch vor Lachen, so komisch kam ihm des alten Gesellen Wueten
vor. "Alter Narr!" rief er endlich, "muss man dir denn die Nase drauf
stossen und eine Brille aufsetzen, dass du findest, was du suchst?
Kannst du dich denn nicht hinsetzen und die ganze Geschichte von
den letzten vierzehn Tagen deinem alten Herrn schreiben und dabei
einfliessen lassen, dass dein Herr zum Sterben in das Maedchen
verschammeriert sei? Und wenn der Herr Onkel das weiss, nun ja--das
Fraeulein ist von gutem Adel, ich sehe nicht ein, was fuer ein
besonderes Hindernis--"

"Weiss Gott, so tu' ich," rief Brktzwisl und setzte vor Freuden den Respekt
so ganz aus dem Auge, dass er einen Katzensprung in die Luft machte; "aber
eines fehlt doch immer noch: mein Herr sollte nur erst mit dem Fraeulein
im reinen sein. Aber geben Sie acht, geben Sie acht, der macht uns einen
Streich! Er ist so bloede, so furchtsam--"

Wenn er es nur gewusst haette, der alte Brktzwisl! Sein Herr sass, indem
sein Diener von seiner Bloedigkeit perorierte, bei Ida auf dem Sofa, der
Praesident, der nur so auf ein Viertelstuendchen in seiner Tochter
Boudoir eingesprochen hatte, neben ihm. Was es doch eine eigene freie
Kunst um das Augenparlieren ist! Da schwatzten jetzt die guten Leutchen
ein Langes und Breites mit dem Herrn Papa von Bergen und liegenden
Gruenden, nebenher hielten sie sich die schoensten Reden durch
verstohlene Blicke mit einer Beredsamkeit, einem rednerischen Feuer,
von dem selbst Cicero in seiner Rednerkunst keine Aufschluesse gibt
und wovon auch kein Woertchen weder in der Syntax der deutschen
Sprachlehren, noch in den verschiedenen Rhetoriken und aesthetischen
Vorlesungen steht, die alljaehrlich von den Kathedern abgehaspelt
werden. Der Praesident taute immer mehr auf; denn Martiniz sprach von
einem bedeutenden Gueterkauf, den er in hiesiger Gegend im Sinne habe,
und der gute Praesident glaubte nicht anders, als seine Aufmunterungen
haben den Grafen auf diesen vernuenftigen Gedanken gebracht, und wenn
er es vollends dazu bringen koennte, dass der Graf die Graefin
Aarstein--er gratulierte sich schon im voraus zu einem allergnaedigsten
Handschreiben, besah laechelnd seine Brust, wo naechstdem das
Grosskreuz des Zivil-Verdienst- Ordens paradieren werde, nannte
Martiniz seinen neuen Landsmann und sein liebes Graefchen und zog
kichernd und schnalzend ueber seine vortrefflich gelungene Negoziation
zum Zimmer hinaus.

       *       *       *       *       *




DAS TETE-A-TETE.

So lange er da war, war es dem Grafen und Ida ziemlich leicht zu Mut; zwar
prickelte es beiden ein wenig aengstlich im Herzen; denn das Wiedersehen
nach einem so wichtigen Moment, wie die gestrige Mitternacht war, fuehrt
immer eine kleine, unabweisbare Verlegenheit mit sich; man ist nicht
sicher, den Ton gleich wiederzufinden, in welchem man sich verlassen hat.
Denn das ist keinem Zweifel unterworfen, dass man, wie in jedem Gespraech,
so auch in dem Fluestern der angehenden Liebe, abends waermer ist und in
einer Viertelstunde weiter kommt als den Morgen nachher, wo schon der
Verstand mehr mit der Phantasie ueber die Haushaltung rechnet. Daher
war es Martiniz auf den ersten Augenblick des Alleinseins mit Ida
bange; er war so traulich von ihr geschieden, er haette ihr gestern
abend alles, alles sagen koennen, wovon sein Herz so voll war--und
jetzt, jetzt hatte er wieder allen Mut verloren. Er hatte mit den ersten
Damen von vier grossen Reichen gescherzt und gelacht, ohne sich von den
imposantesten Schoenen verblueffen zu lassen, --wo war sein Mut, seine
Gewandtheit diesem Maedchen gegenueber? Es war aber auch unmoeglich,
bei dem Engelskind die Fassung zu behalten;--erfreute der herrliche
Tannenwuchs, das Ungezwungene, Grazioese der Haltung das Auge,
war man beinahe geblendet von dem Lilienschnee der Haut, von der
jungfraeulichen Pracht des Alabasterbusens, war man entzueckt von
dem Rosensamt der bluehenden Wangen, von den zum Kuss geoeffneten
Korallenlippen, war man wunderbar bewegt von dem lieblichen Kontrast,
den ihre brand-brand-brand- raben-raben-kohlen-tinten-schwarzen
Ringelloeckchen und orientalisch geschweiften Brauen mit den Cyanenaugen
machten, war man hingerissen von dem Zauberlaecheln, das die Gruebchen
in den Wangen, die Perlen hinter dem schoengeformten Mund zeigte, haette
man hinfliegen moegen, die zarte Taille mit dem einen Arm zu umfangen,
mit dem andern das Amorettenkoepfchen recht fest Mund auf Mund zu
druecken--o! so durfte sie ja nur das Auge aufschlagen, durfte nur jenen
Blick voll jungfraeulicher Hoheit auf den suendigen Menschen und seine
Begierden herabblicken lassen, so schlich man sich so duchs und
geschmiegt hinter die Grenzbarrieren der Bescheidenheit zurueck, als
haben einen zehn Passvisitatoren und zwanzig; Gendarmen dahinter
zurueckgedonnerwettert.

Das ist der Zauber reiner Jungfraeulichkeit. Man sage, was man will, von
Verdorbenheit der Sitten und dass kein reputierliches Frauenzimmer mehr
allein auch nur eine Meile weit reisen koenne! An den Maennern liegt es
wahrhaftig nicht, sondern an jenen selbst, die ohne den Schutz- und
Geleitsbrief jungfraeulicher Reinheit in Blick und Mienen hinausgehen. Der
Graf war kein solcher Geck wie viele unserer heutigen jungen Herren, welche
glauben, jedes Herz, das sie lorgnettieren, muesse auch unwillkuerlich von
ihrer interessanten Erscheinung hingerissen sein. Nein, seinem scharfen
Auge war es nicht entgangen, wie Ida diese saubern Herren, als sie sich mit
ihrer dreisten, handgreiflichen Unverschaemtheit an sie draengten, hatte
ablaufen lassen; wenn auch ihm keine solche Zurechtweisung bevorstand, wenn
er sich auch schmeicheln durfte, von diesem Phoenix von Maedchen vor allen
ausgezeichnet worden zu sein, wenn er sich auch eines hoeheren Wertes
bewusst war, wer stand ihm dafuer, dass nicht dieses Maedchen, das gewiss
auf ihre Freundschaft einen hohen Wert legte, sich tief beleidigt fuehlen
werde, wenn er zaertlichere Gefuehle aeusserte? Wer stand ihm dafuer--zwar
der Hofrat hatte es ihm zu dutzend Malen mit den fuerchterlichsten Eiden
geschworen, dass es nicht so sei; aber was wusste der Hofrat von den
Heimlichkeiten eines tiefen Maedchenherzens?--Wer stand ihm dafuer, dass
sie nicht schon einen anderen, wuerdigeren lie--

Nein, er konnte den Gedanken nicht ertragen; die ganze Nacht hatte es ihn
gepeinigt; die guten Betten, ueber welche er jenen Morgen der Frau
Mondwirtin viel Schoenes gesagt hatte, waren hart und schneidend wie die
Latten, auf welche er sonst seine ungezogensten Ulanen geschickt hatte;
die Kopfkissen--Jakob's Stein muss ein Eiderdunenpfuehl dagegen gewesen
sein; denn er konnte ja darauf schlafen und sogar eine Himmelsleiter
traeumen, die ihn in den Himmel--es peinigte ihn den ganzen Morgen und
Vormittag, bis er endlich den Riesenentschluss fasste, sich _Gewissheit_
zu verschaffen.

Noch auf der Treppe hatte er Loewenmut, er stieg die Stufen hinan, als
waeren es die schiefen Seiten einer feindlichen Batterie; noch so lange
der Papa dabeisass, fluesterte er sich zu, dass er mehr Mut besitze,
als er gedacht habe; ihr Blick schien ihm heute besonders glaenzend,
schien ihn selbst aufzumuntern; aber nein, es war ja nur das
gewoehnliche freundschaftliche Wohlwollen; er wuenschte den Papa zum
Henker oder in seine Kanzlei, und doch haette er ihn, als er ging,
beim Frackzipfel nehmen und festhalten moegen; jetzt Mut!--Aber es
schnuerte ihm die Kehle zusammen, er konnte nicht anfangen, alles
schien ihm zu gemein, zu trivial fuer diese Stunde--

"Warum so still und truebe, Martiniz?" fragte Ida, als der Graf immer noch
keine Worte finden konnte. "Sie sind doch wohl nicht krank?" Wie wohl tat
ihm diese Teilnahme!--Das Gespraech war eingeleitet, und dennoch konnte er
nicht weiter. Da fiel ihm auf einmal ein Gedanke ein--er beschloss ihn
auszufuehren; er nahm noch einmal das Thema von vorhin auf und ging die
Landsitze, die ihm angeboten worden waren, einzeln durch; auf allen war
Idchen bekannt, und wie unendlich huebsch stand es dem Maedchen, wenn sie
von der Landoekonomie so kunterbunt plapperte, wie ihr das Schnaebelchen
gewachsen war. Es war ihm, als saesse er schon mit ihr abends vor der
Tuere seines Schloesschens, die Kinderchen alle um ihn her im Gras, wie es
auf seines Vaters Schloss gehalten wurde, und neben ihm, neben ihm Ida als
zuechtiges, huebsches, allerliebstes Frauchen; und wie sie dann--nein, es
war zu huebsch, wenn er es sich so vorstellte,--wenn sie dann sorglich die
Kinder hineinschickte--und selbst aufstand--und ihn bei der Hand nahm--und
die andere Hand ihm auf die Stirne legte--und, ja--und dann sagte:
Maennchen, es macht hier unten schon etwas kalt, wollen wir nicht zu Bet--

"Da sitze ich schon ein gutes Halbviertelstuendchen," unterbrach Ida mit
froehlichem Lachen sein Selbstgespraech, "und sehe Ihnen zu, wie Sie so
gar nachdenklich sind, als wollten Sie die Quadratur des Zirkels
auskluegeln; wo haben Sie nur Ihre Gedanken? Gewiss sassen Sie schon auf
irgend einem Landgut und sannen nach, wie lustig Sie sich dort die Tage
vertreiben wollen."

"Ach," antwortete Emil, "so lustig wird es wohl dort nicht werden, wenn
man so allein, so ganz allein auf der Erde ist."

"Nun, das koemmt ja nur auf Sie an, Sie koennen sich die Einoede froh
machen, koennen Freunde zu sich bitten--"

"Freunde?" fragte Martiniz mit sonderbarem Ausdruck der Stimme. "Es ist
wohl etwas Gutes um Freunde; aber sie kommen und gehen, und das Herz
verlangt nach etwas Bleibendem."--

"Wer bedenkt," antwortete Ida mit geruehrtem Blick auf den jungen Mann,
"wer bedenkt, wie viel Sie schon verloren haben, wird Sie um diese
Ansicht nicht schelten; Sie haben recht, es ist nichts Bleibendes auf
der Erde."

So hatte aber der Graf auch wieder nicht gemeint. "Nein," sagte er, "es
hiesse dem Leben seinen schoensten Reiz abluegen, wollte man dies so
streng behaupten. Etwas ist, was dem Mann in jedem Wechsel bleibt. Ihnen
darf ich es sagen, was ich meine, Ihnen, die in dem ersten Augenblick dem
Ungluecklichen ihre zarte Teilnahme schenkte, die durch die zarten Bande
der Gastfreundschaft mein Herz wieder fuer die edlen Freuden der
Geselligkeit oeffnete, die, wenn alle Menschen mich verkannten oder
ueber mein Unglueck spotteten, mir treue Teilnahme und reichen Trost
gewaehrte, die mir aus glaeubiger, frommer Freundschaft selbst in jene
Schreckensstunde, die mich von den Menschen verbannte, nachfolgte, die
den Fluch von mir nahm, der mich von Land zu Land rastlos fortscheuchte,
dir, du reines, holdes, ewig heiteres Engelskind, darf ich sagen, was
mir fehlt, du hast mir ja immer geholfen, mir fehlt--sei du es mir--ein
liebes Weib--"

Mit steigendem Erstaunen war Ida der Rede Emils gefolgt--ihr Auge hing an
seinen Lippen, ihre Hand zitterte in der seinigen; denn sie meinte nicht
anders, als ein neues, noch furchtbareres Geheimnis zu vernehmen. Mit einem
Schrei der Ueberraschung, der Freude, der Verlegenheit flog sie daher vom
Stuhle auf, als er endete. "Herr Graf--Marti--" stammelte sie in steigender
Verlegenheit, ihr Gesicht brannte in den hohen Gluten braeutlicher Scham.

"Mein Maedchen, meine Ida!" fluesterte Martiniz und zog sie zu sich herab in
seine Arme; er nannte sie mit den suessesten Schmeichelnamen. "O lass mir
noch _einen_ Glauben, noch _eine_ Hoffnung, lass mir noch _einen_ Trost, den
deiner Liebe!"--"Mein Emil!" hauchte sie aus den suessen Lippen hervor--und
der Graf presste sie in stuermischem Entzuecken an die Brust; wollte eben
den ersten, heiligen Kuss reiner Lie--

Da schmetterten Posthoerner die Strasse herab; ein schwerer Reisewagen
rasselte droehnend ueber das Pflaster und hielt vor des Praesidenten Haus;
aufgeschreckt wie ein Reh flog Ida aus des Grafen Armen und riss das
Fenster auf; aber erbleichend trat sie zurueck.--"Mein Gott im Himmel!"
rief sie, "es ist die Graefin Aarstein."--Die Saat des Boesen reift
schnell.

       *       *       *       *       *




DAS UNKRAUT IM WEIZEN

Die hoellischen Latwergen und Rhabarbermueschen aus der Leumundsiederei
_Schulderoff_ und _Komp._ taten ihre Wirkung vollkommen. Kaum hatte Onkel
Sorben, eine jener Hofseelen, die durch Intrigen geboren, mit Intrigen
gross gezogen werden und sicher einmal in einer Intrige sterben, die sie
gegen den Tod oder den Meister Urian anzetteln--Onkel Sorben hatte kaum
den Brief seiner liebenswuerdigen Posaunen-Seraphs-Nichte zu Gesicht
bekommen, als er wie wuetend nach seinem Stadtwagen schrie. War doch die
Geschichte so geschickt, so fein eingefaedelt gewesen, und Geschenke--vom
Herrn eine Dose, vom Staatssekretaer ein Staatssouper, von der Graefin
ein Paar Pferde und sonst noch was, was ein alter Kauz wie er nie
verschmaeht, und dies alles sollte ihm ein so naseweises Ding, die kaum
hinter den Ohren trocken, wegliebaeugeln.

Die Roete des Zorns lag noch auf seinem Gesicht, als er bei der Graefin
vorgelassen wurde; er traf sie allein, nur der Rittmeister Sporeneck, ihr
taeglicher Gesellschafter, war dort. Der letztere hatte einen Brief in der
Hand, aus welchem er soeben etwas Unangenehmes vorgelesen haben mochte;
denn die Graefin schien mit Muehe sehr heiter zu sein; ihr kolossaler
Busen wogte ungestuem auf und ab.

"Exzellenz," kraechzte Sorben aus seiner angegriffenen Brust hervor,
"Exzellenz! Da bekomme ich soeben ganz sonderbare Nachrichten von Ihrem
Zukuenftigen aus Freilingen."--Die Graefin und der Rittmeister warfen sich
bedeutende Blicke zu; aber der graue Hofmann liess sich nicht merken, dass
er es gemerkt habe,--"ja, aus Freilingen; er soll dort _en passant_ ein
galantes Verhaeltnis mit einer jungen Dame, des Praesidenten v. Sanden
Tochter, angeknuepft haben. Solches waere nun unter andern Umstaenden
ziemlich gleichgueltig; Exzellenz werden sich aber vielleicht noch aus
dem Brief aus Warschau erinnern, dass der Herr Graf ein Schwaermer
genannt wurde, und einem solchen, wissen Sie wohl, ist nicht zu tr--"

"Nicht zu trauen, da haben Sie recht, lieber Sorben, da haben Sie recht,
und ich danke Ihnen fuer Ihren Eifer. Die Sache ist uebrigens einmal so
weit eingeleitet, dass das Graefchen daran muss, es mag wollen oder
nicht;--was schreibt sein Onkel?"

Diese Querfrage brachte den Geheimrat beinahe ganz ausser Fassung; denn
sein Gewissen sagte ihm, dass er in dieser Hinsicht ein gewagtes Spiel
spiele; als naemlich Graf Martiniz ins Land kam, als man ueberall von
seinem Reichtum sprach, der Staatssekretaer ihn fuer eine gute Prise
erklaerte und alle Segel aufspannte, um ihn fuer die Graefin zu kapern,
da wollte es Sorbens Glueckstern, dass ihm eine bedeutende Rolle zufiel.

Er hatte in Karlsbad den alten Onkel Martiniz kennen gelernt und stand
jetzt noch in einiger Korrespondenz mit ihm. Sein Geschaeft war es daher,
den alten Polen fuer die Heirat seines Neffen mit der Graefin Aarstein zu
gewinnen; er hatte sich auch nicht anders gedacht, als er werde leichtes
Spiel haben, der alte Graf wusste ja nichts von den fatalen Verhaeltnissen
der Aarstein, und--ja, es musste gehen; er schrieb dem alten Martiniz und
trug ihm gleichsam die Hand der Graefin fuer den Neffen an. Mittlerweile
hatte er, um sich bei der Graefin, die dem regierenden Hause so nahe
verwandt war, wichtig und unentbehrlich zu machen, viel von seinem grossen
Einfluss peroriert, den er auf seinen Intimus, den alten Martiniz, habe
und jedesmal, so oft auf die Heirat die Rede kam, ganz zuversichtlich
gesagt: "Es fehlt sich gar nicht, der alte Pole muss wollen, was ich
will, und damit holla!"

Das Ding hatte aber doch einen Haken; der Graf hatte seinem Karlsbader
Freund wieder geantwortet, dass diese Verbindung mit einer so erlauchten
Dame seinem Neffen wie dem ganzen Hause Martiniz nicht anders als zur
groessten Ehre gereichen koenne und dass er sich unendlich freue, die
schoene Graefin einmal als seine Schwiegerniece zu umarmen; bis hieher
war es nun ganz gut, jetzt aber kam der Haken,--was uebrigens sein Votum
in der Sache betreffe, schrieb er weiter, so muesse er sich mit Wuenschen
begnuegen; denn er habe den Grundsatz, in solche Affaeren sich auch
nicht im geringsten einzumischen; sein Neffe kenne ihn auch von dieser
Seite vollkommen und wisse, dass er ihm zu keiner Verbindung weder zu-
noch abraten werde. Er solle einmal nach Liebe heiraten, natuerlich nicht
unter seinem Stand; wenn er aber diese Grenze nicht ueberschreite, gebe
er seinen Segen zu jeder Wahl.

Das war nun ein verzweifelter Haken; Sorben hatte sich vorgestellt, der
Alte werde bei einer Graefin Aarstein sogleich mit beiden Haenden
zugreifen und sie dem Herrn Neveu als Frau Gemahlin praesentieren ohne
weitere Sperranzien; wahrhaftig, man musste im Norden noch weit, sehr
weit in der Kultur zurueck sein, dass man von einer _Heirat nach Liebe_
sprechen konnte; doch der Karren war schon einmal verfahren und konnte
auf dieser Seite nicht mehr herausgehaudert werden; der alte Herr von
Sorben dachte also: "_Vogue la galere_, der alte Narr _muss_ wollen!"
machte gute Miene zum boesen Spiel und sagte dem Staatssekretaer und
der Graefin, der alte Martiniz sei vollkommen damit einverstanden. Ein
boeses Gewissen behielt er aber bei der Sache noch immer; wenn ja das
Graefchen Goldfischchen doch nicht anbeissen mochte--Nein! Er konnte
den Gedanken nicht ausdenken, er waere ja um Ehre und Reputation
gekommen; denn auf _seine_ Nachricht von dem alten Grafen hin hatte man
sich nicht mehr geniert und von der Verbindung als von etwas, das sich
von selbst verstuende, ueberall gesprochen.

Wie jetzt die Sachen standen, ging ihm das Wasser bis an die Kehle, und
die fatale Querfrage der Graefin: "Was schreibt sein Onkel?" haette ihn
beinahe aus aller Kontenance gebracht. Doch er fasste sich und antwortete
mit der heitersten Miene von der Welt: "Der ist, wie ich schon oft gesagt
habe, durchaus damit einverstanden, und diese Verbindung liegt ganz in
seinen Wuensch--"

"Wie? Ganz in seinen Wuenschen? Damit einverstanden?--Das sind nicht die
Ausdruecke, die Sie mir frueher sagten; erinnern Sie sich, Sie sagten mir:
er schreibe, er sei von selbst auf den Gedanken gekommen, dass sein Neffe
mich--"

Hoellenangst, Hoellenpein nagte in Sorbens Brust; nein! wenn er
kompromittiert wuerde! Doch da galt kein Besinnen mehr. "Vollkommen damit
einverstanden, meine Gnaedige, so vollkommen, sage ich, dass er selbst
zuerst auf den gluecklichen Gedanken kam."

"Nun, was wollen wir weiter?" fuhr die Graefin ruhig fort. "Mein
Graefchen wird nicht ungehorsames Soehnchen spielen wollen; denn die drei
Millioenchen, die er von dem Onkel erben soll und die, wie Sie mir sagen,
wegfallen, wenn er mich nicht--"

Sorben schnitt greuliche Gesichter; es war ihm, als sollten ihm die
hellen Traenen hervorstuerzen, dass er sich so dumm verplaudert hatte,
und dennoch sollte er laecheln und freundlich sein; er grinste daher
furchtbar, wie einer, der _Asa foetida_ oder recht bitteres Salzkonfekt
im Mund hat und doch zuckerhonigsuess dabei aussehen will.

       *       *       *       *       *




DAS UNKRAUT WAECHST

Der Rittmeister hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen; aber die Miene
des alten Fuchses mochte ihm doch nicht so ganz spasshaft vorkommen, als
sie aussehen sollte. "Mir scheint es, als duerfe man die Sache nicht nur so
gehen lassen, wie sie geht, und am Ende warten, ob der Graf gehorsam sein
will oder nicht; denn hole mich der--verzeihen Sie, gnaedige Graefin--wenn
ich selbst drei Millionen haette wie der Goldfisch, der jetzt in Freilingen
vor Anker liegt, so taete ich nach meinem Sinn und nicht, wie mein alter
Oheim wollte."

"Das heisst also," rief die Graefin pikiert, "Sie wuerden Ihrem Kopf
folgen, auch zu den Fuessen des Fraeuleins Ida liegen und die Graefin
Aarstein refuesieren?"

"Wie Sie nur so reden moegen?" antwortete der Rittmeister empfindlich.
"Sie wissen ja selbst, wie ich mit Ida stehe; aber ich wollte damit
sagen, dass der Graf Sie sehen muss. Und hat er Sie nur erst einmal
gesehen, nun, so stehe ich dafuer, dass er keine weitere Vergleichung
anstellt, sondern zu Ihren Fuessen liegt."

Die Geschmeichelte schlug ihn mit der Eventaille auf die Hand und meinte
selbst, indem sie einen Blick in den deckenhohen Spiegel warf, dass dieser
Rat vielleicht so uebel nicht waere. Auch Sorben schien er das einzige
Rettungsmittel in seiner peinlichen Lage. Kommt die nur erst einmal hinter
den Polen, dachte er, dann sei ihm Gott gnaedig; denn wenn _die_ einen
lieben und von einem geliebt sein will, dann kostet es vierundzwanzig
Stunden, und er ist im Netz.

Sie hielten jetzt grossen Kriegsrat. Die Nachrichten, die der Rittmeister
von seinem Kameraden Schulderoff aus Freilingen erhalten und kaum zuvor
der Graefin mitgeteilt hatte, stimmten auf ein Haar mit dem ueberein, was
Fraeulein Sorben ihrem Onkel geschrieben hatte. Ueber den Tatbestand war
also nicht der geringste Zweifel mehr. Aber wie dem Grafen beikommen?

"Ist sie denn wirklich so huebsch?" fragte Sorben, um die feindliche
Stellung recht genau zu rekognoszieren.

"Huebsch?" lachte die Graefin bitter. "Huebsch? Nun, das muessen Sie
ihren _primo amoroso_, den Rittmeister, fragen. Wenn durch einander
gefitztes Rabenhaar, ein Maul voll gesunder Zaehne, ein paar rote
Baeckchen, eine gedrechselte Hopfenstange von Koerper, die mir die
Nerven angreift, weil man sie nicht beruehren darf, ohne fuerchten
zu muessen, dass man eines der zarten Gliederchen abknicke,"--bei der
kolossalen Riesenkuerassierfigur der Graefin war dies nicht zu
befuerchten--"wenn dies alles fuer huebsch gelten soll, so ist sie
wunderschoen! Ha, ha, ha, wunderschoen! Nun, und das--muss man ihr
lassen, viel Welt und _bon ton_ hat sie auch. Denken Sie sich, ich lasse
mich herab, sie mir letzten Winter praesentieren zu lassen, lade sie zu
meinen Soirees und Hausbaellen ein; aber siehe da, Mamsell Zimperlich
setzte mir keinen Schritt wieder ins Haus. Ob dies nicht eine Sottise
ohnegleichen ist? Und als ich mich einmal bei ihrer Frau Pate, die
einen Affen an ihr gefressen haben musste, als ich mich bei der
Fuerstin Romanow beklagte, warum die junge Dame sich so impertinent
gegen mich betrage, was meinen Sie, dass ich zur Antwort erhielt?
Denken Sie sich: das gute Kind sei zu unverdorben und keusch, als
dass sie sich in meinen Cercles gefallen koennte! Dergleichen kann
man von der Fuerstin sich sagen lassen und es ohne Replik einstecken,
aber, _ma foi_! sonst von niemand. Also zu unverdorben und keusch! Nun,
der Herr Rittmeister da wird von ihrer Keuschheit zu sprechen wissen.
Wie ist es damit? Gestehen Sie!"

Der Rittmeister versicherte zwar auf das heiligste, dass er Ida immer
nur als ein reines Kind der Natur gefunden habe; aber sein hoehnisches
Teufelslaecheln bei diesen Schwueren, die Art, mit welcher er den
Stutzbart bis an die Ohren zurueckriss und die Augen einkniff, liess
fast erraten, dass er mehr wisse und erfahren habe, als er sagen wolle.

"Nun," sagte Sorben, "wenn die Aktien so stehen, so ist es nicht schwer
zu agieren. Sie, Exzellenz, heben den Grafen durch Ihre Reize aus dem
Sattel, der Rittmeister aber Ida, und zwar dadurch, dass er den Grafen
eifersuechtig macht. Er darf nur dem suessen Schwaermer schwoeren, dass
er die Gunst des Fraeuleins Engelrein noch nie ganz genossen habe, und
dazu ein Gesicht machen, wie wir es eben gesehen haben, so muss der
gute Mann abgekuehlt sein, als sei er nie entbrannt gewesen."

"Aber wie soll dies alles geschehen? Wir koennen doch die Mamsell
Zimperlich nicht mit Extrapost kommen lassen, da sie erst vor vierzehn
Tagen die Residenz verlassen hat, und der Graf ist auch nicht so
schnell zu meinen Fuessen zitiert, als Sie sich wohl vorstellen."

"Ist gar nicht noetig," replizierte Sorben, indem er seine Karte immer
huebscher mischte, "nicht noetig. Wie waere es--ja, das waere am Ende das
beste, wenn Sie selbst nach Freilingen gingen und dort dem ganzen Spass
auf einmal ein Ende machten!"

Der Gedanke schien der Graefin nicht uebel zu gefallen. "Wahrhaftig, es
waere so uebel nicht," antwortete sie sinnend; "der alte Praesident--
wahrhaftig, ich quartiere mich selbst bei ihm ein--erst vor einem Jahr
hat er mich eingeladen, wenn ich einmal auf der Durchreise auf meine
Gueter durch Freilingen komme, bei ihm abzusteigen. Das waere ein zu
huebscher Spass, Fraeulein Ida in ihrem eigenen Hause den Galan
abzuspannen. Nein, der Einfall ist goettlich, und ich bin fest
entschlossen, ihn auszufuehren." Sorben atmete wieder freier, als er
die Graefin auf so gutem Wege sah. Jetzt konnte, jetzt musste ja noch
alles gut werden, und sein Ansehen, seine Ehre war gerettet. Er tat
sich nicht wenig auf seinen Witz zugut, mit welchem er so huebsch
die Volte geschlagen und sein zweifelhaftes Spiel korrigiert hatte.
Noch einmal riet er dringend zur Reise und empfahl sich.

Als er fort war, gestand die Graefin ihrem Cicisbeo, dass sie nach
Freilingen reisen werde, und zwar gleich morgen, aber nur unter
_einer_ Bedingung, naemlich er muesse sie eskortieren. Einmal wuerde
ihr die Reise zu langweilig ohne ihn, und dann habe sie ihn auch
hoechst noetig, um Ida bei dem Grafen aus dem Felde zu schlagen. Der
Rittmeister sagte freudig zu. Eine Reise mit einer solchen Frau war
eine herrliche Aussicht. Dass er als Reisestallmeister den Wein nicht
zu schonen habe, wusste er wohl. Nach Freilingen war es drei
Tagreisen; wie angenehm liess es sich bei der Graefin im Wagen
sitzen, wie interessant liessen sich die Verhaeltnisse weiter
spielen, wenn man abends ins Nachtquartier einrueckte.--Und dann, er
kitzelte sich schon mit dem Gedanken, sich an Ida zu raechen, in die
er--er musste es sich zu seiner Schande gestehen--bis zum Tollwerden
verliebt war und die ihm nicht einmal ein Kuesschen--nein, es war zu
unverschaemt; bei andern hatte er nach den ersten Praeliminarien
beinahe ohne Schwertstreich gesiegt, und dieses Landpomeraenzchen
hatte ihm so imponiert, dass er es nicht wagte, nachdem sie ihn
einmal mit Verachtung abgewiesen hatte, noch einmal einen Versuch zu
machen. Und diese Blame war ausgekommen, man wusste es sogar in dem
kleinen Nest Freilingen, zwanzig Meilen von der Residenz, sein Kamerad
Schulderoff, die ehrliche Haut, hatte ihn beschworen, sich zu raech--.
Es musste sein. Rache wollte er nehmen an der stolzen Jungfrau, dass
ihr die Haut schaudern sollte.

Am andern Morgen fuhr ein Reisewagen mit dem graeflich Aarsteinischen
Wappen zum Tor hinaus. Bald nachher jagte der Rittmeister von Sporeneck
mit seinem Jockei hintendrein, eine Stunde vor der Stadt gab er das
Pferd dem Jockei und setzte sich in den graeflichen Reisewagen, und
fort ging es ueber Stock und Stein, bis man den Muensterturm von
Freilingen sah. Dort stieg er aus, kuesste noch einmal eine schoene
Hand, die ihm aus dem Wagen geboten wurde, sass auf und ritt auf einem
Umweg in die Stadt, wo er sich im Gasthof zum Goldenen Mond
einquartierte.

       *       *       *       *       *




TRUEBE AUGEN.

Ida fuehlte einen tiefen Stich im Herzen, als sie die Graefin aus dem Wagen
steigen sah. "Nun adieu, Liebes- und Lebensglueck!" seufzte sie, indem sie
einen trueben Blick ueber Martiniz hinfliegen liess und zur Treppe eilte,
um den erlauchten Gast zu empfangen. "Nun adieu, Liebesglueck, wenn dieses
Weib in mein Leben greift!"

Sie zerdrueckte eine Traene des Unmuts ueber ihr Geschick und ging weiter.
So ungefaehr muss es jenen unschuldigen Tierchen zu Mut sein, wenn sie die
Riesenschlange erblicken und, von ihrem greulichen Anblick uebertaeubt,
nicht auf ihre Flucht denken, sondern in geduldiger Resignation dem
Verderben entgegengehen.

Mit jener Leichtigkeit und Grazie, die man in hoeheren Verhaeltnissen von
Kindheit an studiert, wusste die Graefin schnell ueber das Unangenehme der
ersten Augenblicke hinueberzukommen. Sie war die Freundlichkeit, die
Herzlichkeit selbst. So weit hatte es freilich Ida in der Bildung nicht
gebracht, dass sie denen, die sie nicht lieben konnte, wie ihren waermsten
Freunden begegnete. Auch war _sie_ die Ueberraschte und die Graefin die
Ueberraschende; daher war Ida etwas befangen und zeremonioes beim Empfang
der hohen Dame; aber ihr natuerlicher Takt sagte ihr, dass sie jede andere
Ruecksicht beiseite setzen muesse, um nur die im Auge zu haben, die
Graefin, die nun einmal ihr Gast war, anstaendig und wuerdig zu behandeln.

Um wie viel edler waren die Motive, welche Ida bei ihrem Betragen
leiteten, als die der Graefin! So verschieden als Natur und Kunst.
Die Aarstein wusste gegen jeden, auch wenn sie ihn bitter hasste
und ihm haette den Dolch in den Leib rennen moegen, freundlich und
leutselig zu sein. Sie konnte ihm etwas Verbindliches sagen, wenn
sie das bitterste Wort auf der Zunge hatte. Aber so sind jene
Gesellschaftsmenschen, die nichts Hoeheres kennen, als sich zu
produzieren. Wenn man in ihre Cercles tritt, glaubt man in die alten
Zeiten zu kommen, wo noch alles so bruederlich und freundlich war;
da ist alles uebertuencht, alles hat den schoenen Anstrich der
Geselligkeit; aber man soll nur einmal hinhorchen, wie es da ueber die
ehrlichen Leute hergeht, wie medisant da alles bekrittelt wird, wie da
der Bruder, der Freund gewiss sein darf, von dem, der ihm gerade noch
so schoen getan, ohne Schonung bitter bespoettelt zu werden.

Aber ist es nicht ueberhaupt in der Welt so? Sucht nicht immer einer
dem andern so viel als moeglich Abbruch zu tun? Wohl dem, der es dahin
gebracht hat, dass er ruhig in dieses boese Treiben hineinsieht und dazu
laechelt! Mit Ruhe und dem Bewusstsein, Gutes gewollt zu haben, in der
zufriedenen Brust, lache ich ueber den Spott meiner Neider, ueber die
haemischen Bemuehungen jener Falschmuenzer, die mit schnoeder
Schadenfreude aus allem, was man je gesagt und gedacht, nicht gesagt
und nicht gedacht hat, Gift saugen und in ihrer frechen Leumundsiederei
ein Gebraeu zusammenkochen, das sie gerne mir unterschieben moechten!

Sie sind zu bedauern, solche schlechte Menschen, die, von Neid und
Scheelsucht gestachelt, so ganz den wahren Lebenszweck aus dem Auge
verlieren, gluecklich und bruederlich untereinander zu wohnen! So denke
ich und viele Tausende mit mir ueber jene boesen Mensen in den
gesellschaftlichen Zirkeln und in der Welt ueberhaupt, so denken wir
und lachen; denn _das Spiel des Lebens sieht sich heiter an, wenn man
ein sicheres Glueck im Herzen traegt, und froher kehr' ich, wenn ich
es gemustert, zu meinem schoenern Eigentum zurueck_.

So dachte auch Ida, als sie an der Hand der Graefin die Treppe hinanstieg;
ein troestender Gedanke lag recht hell in ihrer Seele; sie verglich ihren
innern Wert mit dem ihres Gastes und dachte: wenn Martiniz mich liebt, wie
ich ihn liebe, in wird er diese Frau verachten, und wenn--ach, sie durfte
den Gedanken nicht recht ausdenken, ohne dass ihr das Wasser in die Augen
trat!--nun, wenn er an _sie_ verloren geht, so habe ich wenig verloren.

Es gab einen sonderbaren, aber schoenen Anblick, wenn man die beiden Damen
so nebeneinander hingehen sah. Graefin Aarstein, eine kolossale Figur,--sie
haette ohne Anstand in jedem Garderegiment dienen koennen,--voll, ueppig
gebaut, in ihren Bewegungen lag etwas Imposantes, Majestaetisches,
Gebietendes, in ihren Mienen eine Hoheit, die an Uebermut grenzte. Ihre
dunkeln Augen hatten das holde, maedchenhafte Niederschlagen schon lange
verlernt und rollten mit einem unstaeten Feuer umher, als suchten sie
luestern einen Gegenstand der Begierde oder als musterten sie alles umher,
ob auch die gehoerige Ehrfurcht gegen einen Sproessling eines so hohen
Hauses bewiesen werde. Ihr Gang war etwas schwerfaellig, weil die
korpulente Figur fuer die in die feinsten Pariser Atlasschuhe 
eingepressten Fuesse etwas zu schwer war.

Neben ihr die leichte, schlanke, sylphidenaehnliche Gestalt Idas--nein,
dieser Kontrast! Sie hielt sich zwar kerzengerade wie eine Tanne, aber
doch war das holde Lockenkoepfchen ein wenig vorwaerts gesenkt; das
sanfte Auge, oft niedergeschlagen in Demut, zeigte dennoch, wenn sie es
aufschlug, so glaenzenden Mut, so feurige Lust und Liebe, so gebietenden
Ernst, dass es durch die sanfte Beredsamkeit ueberzeugender gebot als
das Rollauge der gebietenden Graefin. Und um wie viel anziehender war das
Schelmengruebchenlaecheln des suessen Maedchens als das schrankenlose
Lachen und Gurren der Graefin, die durch ihre rauhe; tiefe Stimme jedes
Ohr verletzte. So schwebte Ida neben der Graefin hin, so wie Juno und
Hebe traten sie in das Zimmer.

Martiniz sah finster durch die Scheiben auf den Wagen hinab, der ihn
so unbarmherzig aus dem suessesten Moment seines Lebens herausgerasselt
hatte. Er verwuenschte den Gast, der gerade jetzt kommen musste, wo er
endlich seinem Herzen Luft gemacht, wo er dem Maedchen, das er liebte,
das er anbetete, seine Gefuehle gestanden hatte, wo er Gegenliebe,
suesse verschaemte Gegenliebe in ihren sanften Augen las, wo, wie von
Engeln des Himmels gesungen, "_mein Emil_" von ihren Lippen toente, wo
er, das Engelskind im Arm, die Seligkeit erwiderter Liebe in der Brust,
Himmel und Erde vergass und auf diese wuerzigen Purpurlippen, auf die
braeutlich erroetenden Wangen den ersten, seligen Ku--

       *       *       *       *       *




DIE GRAEFIN AGIERT.

Die Fluegeltueren flogen auf, und Ida, hoch erroetend beim Anblick des
Geliebten, fuehrte die Graefin herein. Sie zitterte, von so vielen
gegeneinander kaempfenden Empfindungen bestuermt; die Stimme wollte ihr
beinahe versagen, als sie den "Grafen Martiniz" der "Graefin Aarstein"
vorstellte. Sie sah die Erz-General-Kokette erroeten, sie sah, wie sie den
bildschoenen Mann mit ihren Feuerraedchen beinahe zu versengen drohte;
es zuckte ihr ganz eisig in das liebende, aengstliche Herzchen hinein,
als die Graefin sich in einer nachlaessigen Stellung auf den Sofa warf,
ihr zurief, sie moechte sich doch gar nicht genieren und ihre Arrangements
treffen, die ein so ploetzlicher Ueberfall wie der ihrige immer notwendig
mache, sie moechte sich doch durchaus nicht genieren, der Graf werde
schon die Gnade haben, sie zu unterhalten.

"Da sei Gott gnaedig," fluesterte Ida in sich hinein, indem es ihr
froestelnd und doch wieder siedheiss durch alle Glieder ging, "wenn
die so fortmacht, so muessen wir ja alle samt und sonders, den Grafen
mit eingeschlossen, zu ihren Fuessen knien."

Sie nahm ihre Schluessel und ging; aber noch in der Tuere warf sie einen
Blick auf Martiniz zurueck, so voll Liebe und Besorgnis, als muesse sie
ihn bei einem reissenden Tier allein lassen.

"Ein liebes Kind, die Ida," wandte sich die Graefin an Martiniz, der
schweigend und gedankenvoll neben ihr Platz genommen hatte, "ein liebes
Kind; schade nur, das; man sie so bald aus der Pension genommen hat, ehe
sie noch die letzte Vollendung, das freiere Sichbewegen angenommen hat.
Nun, das macht sich nachgerade immer noch, wenn auch hier nicht gerade
der Ort ist, wo sie anstaendige Vorbilder dazu haben mag; in groesseren
Staedten findet sich dies eher."

Sie hielt inne, als erwartete sie eine Antwort von dem Grafen; diesem
aber schien sein Kopf mit dem Herzen Ida nachgesprungen zu sein, und
jetzt erst, als die Graefin nicht mehr sprach, nahm er sich zusammen
und beantwortete ihre Frage durch ein leises Kopfnicken.

"Warte, ich will dich schon aufmerken lehren," dachte die Aarstein, der
die Zerstreuung des jungen Mannes nicht entgangen war. "In einer Hinsicht
ist es gut, dass das Fraeulein aus der Residenz wegkam; Sie koennen sich
gar nicht denken, unsere Herren waren ganz rabiat, als sie so lieblich
aufbluehte; die Strasse vor dem Haus der Madame La Truiaire wurde nicht
leer von den Anbetern, und natuerlich--ein solches Maedchen hat denn
doch auch ein Herzchen und fuehlt sich durch diese Aufmerksamkeit
geschmeichelt. Uebrigens, das muss man ihr lassen, mit dem groessten
Anstand wusste sie den Herren zu imponieren und sie sogar zu
verscheuchen; dass sie nun freilich bei dem Rittmeister von .......
es nicht ebenso machte, kann man ihr nicht verdenken."

"So--o?" fragte der Graf, indem ein dunkles Rot seine Wangen ueberzog.
"Der Rittm--"--"Nun ja," lachte die Graefin, "da ist es auch kein
Wunder, dass sie ihn liebte und vielleicht noch liebt; wo ist denn in
der Residenz ein Damenherz, das er zu ueberwinden sich vorsetzte und
das er nicht ueberwunden haette? Er hat zwar etwas leichte Grundsaetze,
ist aber sonst ein artiger Mensch; _au fond_ ist es uebrigens dennoch
gut, dass man das Maedchen schnell aus der Pension nahm; denn sehen
Sie--doch, da kommt sie ja selbst," lachte sie Ida entgegen, die mit
liebenswuerdiger, wirtlicher Geschaeftigkeit Tee fuer ihren Gast
brachte. Beinahe haette sie das ganze zierliche Dejeuner auf den
Boden fallen lassen; denn der Graf--was musste ihm nur begegnet sein?--
er sass da, bleich wie der Tod, den starren Blick auf sie geheftet--

"Nun, da erzaehle ich," fuhr die Graefin Satanas, die mit teuflischer
Freude das zarte Band, das diese liebenden Herzen kaum erst umschlungen
hatte, zu zerreissen strebte, "da erzaehle ich gerade dem Herrn Grafen
Ihre Affaere mit dem Rittmeister, und wie ich die arme Ida bedaure,
dass man sie so grausam herausriss aus der Wonne der ersten Lie--"

"Gnaedige Frau!" rief Ida mit den Toenen des Schreckens und setzte
die Tasse nieder, die in ihrer zitternden Hand zu klirren begann.

"Nun, so erschrecken Sie doch nicht so, dass ich aus der Schule schwatze;
das nimmt man bei uns nicht so genau; wahrhaftig, der Papa haette auch
keine ungeschicktere Zeit zu Ihrer Zurueckberufung waehlen koennen--"

"Ich muss Sie bitten, gnaedige Frau--"

"Ei, so lassen Sie doch die gnaedige Frau," fiel ihr die Aarstein ins
Wort, "ich kann das Wort Frau nicht ausstehen. Es ist mir gar nicht, als
ob ich Frau waere, und wahrhaftig, ich bin es ja eigentlich gar nicht,"
setzte sie naiv und mit einem schalkhaften Laecheln gegen Martiniz hinzu;
"ich lebte nur ein paar Wochen mit meinem Herrn Gemahl, Gott hat uns
kein Kind beschert, und da bin ich ja eigentlich so gut als Maedchen."--

Ida schlugen die Flammen ins Gesicht; solche frivole Aeusserungen mussten
ihre unentweihten jungfraeulichen Ohren hoeren, ohne dass sie diese
wegwerfende Gemeinheit bestrafen konnte; und dann das dumme Aufziehen
mit dem Rittmeister; es war ja kein wahres Wort an der Sache; sie konnte
gar nicht begreifen, was nur die Graefin damit wollte; hatte sie ihn
denn nicht so gut abgetrumpft wie jeden andern? Was musste nur Martiniz
von ihr denken! Sie nahm sich vor, bei der naechsten Gelegenheit ihn
zu ueberzeugen, dass gewiss an der Geschichte mit dem Rittmeister
kein wahres W--. Aber nein, wie sah der Graf aus! Er hatte die Lippen
zusammengekneipt, dass sie ganz weiss wurden, sein Auge rollte unstaet
umher, schien sie zu suchen, zu fassen, und doch schlug er es nieder,
so oft er ihrem Blick begegnete. Es war ihr ganz bange ums Herzchen,
als ahne sie irgend ein Unglueck; sie kluegelte hin und her, was ihm
sein koennte, und fand immer nichts.

Die Graefin zog sich letzt in ihre Zimmer zurueck, um sich umzukleiden. Ida
sah ihr mit leichterem Herzen nach; denn sie hoffte--sie gestand es sich
nur so halb und halb, dass sie es hoffte--aber sie hoffte, der Graf werde
vielleicht an dem Gespraech von vorhin fortmachen; aber sie taeuschte sich
bitter; er sagte kaum ja oder nein, wenn sie ihn etwas fragte, finster sah
er immer vor sich hin, und nach ein paar Minuten sprang er auf und ging.
Was hatte man ihm doch getan? Es war und blieb ihr unbegreiflich. Endlich
aber fiel ihr ein, der Rittm--, ja, das war es: eifersuechtig war der gute
Graf. Sie musste lachen, als ihr der Gedanke kam. Sie fuehlte sich so rein
und unschuldig, dass es ihr ein leichtes schien, den Grafen zu ueberzeugen;
aber Strafe soll er leiden, der Unartige, nahm sie sich vor; wenn er mir
die Aarstein zu viel ansieht, so will ich immer von dem Rittmeister
sprechen und ihn recht boes machen.

Das gute, froehliche Kind, wie wenig dachte sie daran, was Eifersucht
Boeses anrichten koenne, wie wenig ahnte sie, was ihrer wartete!

       *       *       *       *       *




EIFERSUCHT.

Das Gift, das die Graefin Natterzunge ausgespritzt hatte, wirkte viel
toedlicher auf Martiniz, als man haette denken sollen. Ein anderer haette
entweder der Graefin keinen Glauben beigemessen, haette gedacht: nun, das
ist so das gewoehnliche Sekkieren und wieder Sekkieren unter den Damen,
und damit holla; aber auf sein Gemuet, das kaum erst von seinem Truebsinn,
von seinem Missmut, seinem Unglauben an die Welt geheilt war, auf ihn
machte es einen viel tieferen Eindruck, dieses Maedchen, das so hoch
stand in seiner Meinung, auch dieses sollte so leicht wiegen wie alle?
Auch sie sollte so zwanzig, dreissig Liebschaeftchen und am Ende noch
eine recht tuechtige Amour mit einem leichten Rittmeister gehabt haben?

Aber wie? Wenn er sich recht fragte, was ging es denn ihn an, ob ein
Maedchen in der Residenz sich verliebt oder nicht, ob sie einem Rittmeister
viel oder wenig Gehoer gibt? Was ging es denn ihn an? Das fluesterte ihm
sein tief zerrissenes Herz zu, das, dass sie die Maske der hohen, reinen
Jungfrau so kuenstlich vorhielt, dass sie ihn beguenstigte, ja, er durfte
sagen, an sich zog, waehrend sie noch einen andern, wie es schien,
Unwuerdigen im Herzen trug; aber vielleicht, es war ja doch moeglich,
vielleicht war es doch nicht wahr, vielleicht hatte jener nur sich
eingebildet, von ihr geliebt zu werden, und er, er war vielleicht doch
ihre erste Lie--

"Bitte untertaenigst um Vergebung, wenn ich stoere," schnatterte ein
Jockei, der waehrend des Grafen Selbstgespraech ins Zimmer gekommen war;
"der Rittmeister von Sporeneck--"

Was Teufel! Hatte nicht die Aarstein jenen "Sporeneck" genannt? Sollte er
hier sein?

"--lassen sich Exzellenz zu Gnaden empfehlen," fuhr jener fort, "und ob
der Herr Graf dem Herrn Rittmeister nicht eines Ihrer Zimmer vornheraus
abtreten wollten?"

Da hatte er es ja; ein Zimmer sollte er abtreten, weil gerade gegenueber
Idas Boudoir, Besuch- und Schlafzim-- nein, er konnte es nicht tun, diese
Forderung war zu unverschaemt--gedankenlos starrte er den Bedienten an,
der ihm die Ungluecksbotschaft hinterbracht hatte. Dieser glaubte, der
Graf wolle noch weitere Auftraege von seinem Herrn und schnatterte
weiter:

"Die Zimmer im oberen Stock sind zwar auch nicht zu verachten; aber mein
Herr hat gesagt, es sei ihm nur um die schoene Aussicht, und da hat er
gemeint, Exzellenz koennten vielleicht eines von den drei--"

"Nein!--" rief der Graf mit einem so schrecklichen Ton und rollte so
finster die Augen dazu, dass dem armen Jockei ganz wind und weh dabei
wurde und er sich das Abschiedswinken des Grafen nicht zweimal
vormachen liess.

Da hat er es ja sonnenhell, dass ihm das Licht in den Augen weh tat, da
hat er es; der Rittmeister, nichts Gewisseres, war bestellt worden und
hatte jetzt noch die Unverschaemtheit, ihm ein Zimmer abzufordern, dass
er besser hinueber zu seiner Dulcinea--Nein, in diesem Tone _konnte_ es
nicht fortgehen; die Wehmut war staerker als die Bitterkeit und wurde
Herr ueber sie; er warf sich in seinen Sofa und weinte bitterlich. So
war gewiss noch kein Mensch getaeuscht worden wie er; der Zufall, der
blinde Zufall laesst ihn ein Maedchen finden, so hold, so schoen, so
ganz Unschuld und reine Jungfraeulichkeit; er muss sie lieben, und wie
gluecklich ist er in dieser Liebe! Trost, Freudigkeit, Ruhe--Dinge, die
er seit langer, langer Zeit nicht gekannt--ziehen wieder ein in sein
Herz, er fuehlt sich gluecklich, wie er selbst damals, als noch sein
Haus in Fuelle des Gluecks und der Freude prangte, sich nie gefuehlt
hatte; er sah, ja, er durfte es sich gestehen, er sah das Morgenrot der
ersten zarten, jungfraeulichen Liebe auf ihren Wangen aufgehen, und
diese Liebe galt ihm; mit einem Zauberschlag schuf sie aus ihm, dem
Ungluecklichsten der Sterblichen--den Gluecklichsten. Jetzt hatte er
ja alles, was die kuehnsten Wuensche nur verlangen moegen; Gesundheit,
Jugend, hohe Geburt, Ehre und Ansehen, Geld, dass er den Markt von
Freilingen mit Talern haette belegen lassen koennen, ohne dass er es
sonderlich gefuehlt haette; es fehlte ihm nichts mehr als das eine: ein
holdes, tugendsames Weib, und auch dieser hohe Wurf war ihm gelungen;
er hielt im seligsten Moment seines Lebens ein Maedchen im Arm, ein
Maedchen, fuer dessen Tugend er sein Leben gegeben haette. Da sendet in
dem Augenblick, wo er sein Herz hingeben will, der Himmel eine Dame,
die unwillkuerlich den Schleier ein wenig lueftet und ihn das Maedchen
ein wenig naeher kennen lehrt, die ihn merken laesst, dass dieses Auge
nicht zum erstenmal von Liebe leuchte, dieser keusche Mund nicht zum
erstenmal gekuesst werde, die, wenn man es gleich in der grossen Welt
nicht so genau nimmt, doch selbst eingestand, dass es gut sei, dass
man das Maedchen aus einem unschicklichen Verhaeltnis herausgerissen
--abscheulich! Ein Teufel in Engelsgestalt!--An eine Schlange, an eine
Kokette hat er sein Herz verloren; da, wo er schuechtern mit der
verschaemten Zartheit erster Liebe um ein einziges Kuesschen gebeten
hatte, da hatten andere geschwelgt! Er schaemte sich wie ein Primaner,
der die Rute bekommen hatte, so betrogen, so schnoede angefuehrt
worden zu sein; er goennte ihr, obgleich sein Herz dabei blutete, er
goennte ihr den Rittmeister; es reute ihn beinahe, dass er ihm sein
Logis versagt hatte, alle Zimmer haette er ihm geben sollen, er wollte
morgen in alle Weite fortziehen.--Und dennoch draengte es ihn, noch
dazubleiben; wenigstens raechen wollte er sich an ihr, er wollte
hinueber zu ihr, wollte sehen, wie sie sich jetzt gegen ihn betragen
wuerde, wollte sehen, ob sie jetzt, da der rechte Liebhaber gekommen,
ob sie jetzt noch die Stirne habe, ihn, wie bisher, an der Nase
herumzuziehen. Tausenderlei nahm er sich vor, ihr zu sagen; aber das
eine war ihm zu spitzig und schneidend; er wollte ihr nicht so arg
wehtun; dass andere war ihm zu weich, zu gefuehlvoll; er wollte ihr
nicht zeigen, wie tief sie sein Herz verletzt habe,--das beste schien
ihm, er wollte ganz und gar nichts mit ihr reden; wollte tun, als ob
gar keine Ida in der Welt sei oder als sei sie ihm wenigstens sehr
gleichgueltig, wollte ihr zeigen, dass er sie verachte.

Die Stunde, zu der man gewoehnlich beim Praesidenten Tee trank, hatte
schon geschlagen; er wischte sich daher schnell die letzte Traene, die
er der Dirne geweint haben wollte, hinweg, besorgte eilends seine 
Toilette, warf sich in die Kleider, presste das weichgewordene Herz
mit beiden Haenden zusammen und ging dann den schweren Gang hinueber
in jene Zimmer, wo er einst so unendlich gluecklich gewesen war.

       *       *       *       *       *




DER NEUE NACHBAR.

Es war, als sei ein feindlicher Daemon mit der Graefin in Praesidents
Haus eingezogen. In wenigen Stunden war alles, das ganze ruhige, stille
Leben des Hauses veraendert. Alles rannte und flog, um den hohen Gast zu
bedienen; es war ein Jagen und Treiben, ein Rennen und Laufen, dass man
glaubte, der Feind sei vor den Toren. Der Aergste war der Praesident
selbst; ganz still verklaert schluepfte er in allen Ecken des Hauses
umher, zankte und hantierte, dass die Konfusion nur noch aerger wurde
und sein Maedchen, das vor Haushaltungsgeschaeften und
Herzensangelegenheiten nicht wusste, wo ihr der Kopf stand, ihn um
Gottes willen bat, sie doch ganz allein machen zu lassen. Es war aber
auch kein Wunder, dass er sich ein wenig verrueckt gebaerdete. Der
Himmel hing ihm voller eigenhaendig-durchlauchtigster Belobungsschreiben,
voll grosser Verdienstkreuze mit breitem Band ueber die Brust, voll
Dotationen und Standeserhoehungen; jetzt war er in seinem _Esse_, jetzt
konnte er negozieren und zeigen, dass er nicht umsonst in Regensburg
und Wetzlar in seiner fruehen Jugend Diplomatie studiert hatte: Was er
mit seinen kuehnsten Wuenschen nicht fuer moeglich gehalten haette,
fuehrte ihm ganz bequem der Zufall in die Haende. Der Staatssekretaer
hatte ihm aufgetragen, dafuer zu sorgen, dass Martiniz sich ankaufe und
fuer die Idee einer Verbindung mit der Aarstein gewonnen werde; es hatte
ihm wahrhaftig schon manche Sorge gemacht, ob er diesen Ausbruch
allerhoechsten Vertrauens auch gehoerig rechtfertigen werde. Jetzt gab
der Himmel der Graefin ein, auf ihre Gueter zu reisen. Was doch nicht
der Zufall tut! Ohne daran zu denken, dass es wirklich einmal in
Erfuellung gehen koenne,--denn der gerade Weg fuehrte zwei Meilen
seitwaerts an Freilingen vorbei,--hatte er einmal in der Residenz
in einem Anfall von galanter Laune der Graefin das Versprechen
abgenoetigt, einmal auf ihrer Reise bei ihm einzusprechen. Und
wie gluecklich fuegte es sich jetzt! Sie, die beim Herrn alles galt, die
er behandelte wie seine eigene Tochter und der er alles zu Gefallen tat,
sie, nach deren Wink die ersten Chargen sich richten mussten, die, ohne
dass man es merkte, an ganz geheimen Faeden das Land regierte, sie
besuchte _ihn_.

Aber sie sollte auch gehalten werden, als waere sie in ihrem eigenen
Hause, dass sie recht viel Schoenes und Gutes hoeheren Orts von ihm und
seinem Hause sagen konnte. Kaum hatte sie geaeussert, sie finde Idas
Zimmer im ersten Stock so huebsch, so musste das Fraeulein das Feld
raeumen und in die zweite Etage wandern. Es kam dem Maedchen sauer
an, als sie so die Plaetze wechseln wusste, und in ihrem traurigen,
ahnungsvollen Herzen wollte es ihr beinahe beduenken, als sei dies eine
schlimme Vorbedeutung. Und es war ihr auch gar nicht zu verdenken; sie
hatte das Fenster mit der Estrade so gerne gehabt; dort sass sie am
liebsten, dort las, dort arbeitete sie; sie durfte ja nur das Koepfchen
ein wenig heben, Den blauseidenen Vorhang nur ein wenig aufheben, nur
einen kleinen Viertelsseitenblick hinueberwerfen, so sah sie ja auch
schon ihn; und jetzt sollte sie der verhassten Nebenbuhlerin, die ja
offenbar nur gekommen war, um den Grafen in ihre Fesseln zu schlagen,
jetzt sollte sie dem ueppigen Weib, die gewiss alle Kuenste der
Fensterkoketterie aufbieten werde, ihr heimliches Plaetzchen am
Fenster, ihr lauschiges Schlafstuebchen abtreten und dafuer, weiss
Gott wie lange, in den weiten, unheimlichen Zimmern des oberen
Stockes wohnen. Mit Seufzen richtete sie ihre kleine Haushaltung oben
ein. Der Stickrahmen, die Staffelei, die Toilette, die paar Kistchen
und Kaestchen waren bald gestellt; jetzt setzte sie einen Stuhl ins
Fenster; sie probierte, ob man nicht auch von da in den ersten Stock
des Mondes hinabsehen koenne; es ging wohl, aber sie sah nichts als
die Wolken seiner Gardinen; er musste schon herausschauen, wenn sie ihn
von diesem Platz aus zu Angesicht bekommen sollte, und das merkte sie
schon, einen steifen Hals konnte sie sich fueglich gucken, wenn sie
immer das Koepfchen hinabbog. "Doch was schadet das," laechelte sie,
"das tu' ich ihm schon zu Gef--"

Mit einem Schrei des Entsetzens sprang sie auf; hatte sie recht gesehen?
oder hatte ihr nur die Phantasie diese Gestalt--als sie von der Beletage
des Mondes zurueckkehrte und ihr Blick zufaellig an den Fenstern des
zweiten Stockes vorbeistreifte, erblickte sie--"Nein, was bin ich fuer
ein Kind," dachte sie. "Wie, waere es moeglich? Was koennte er nur hier
zu tun haben?" Sie wagte noch einen Blick--richtig; der Rittmeister von
Sporeneck lag geradeueber von ihr im Fenster und bueckte und verbeugte
sich herueber und tat und laechelte so vertraut und so freundlich, als
haette er sie jahrelang gekannt.

Voll Unmut ueber den Unverschaemten riss sie an der seidenen Schnur,
welche den Vorhang am Fenster emporhielt, und rauschend rollte derselbe
zwischen sie und den verhassten Luestling. Dieser Mann war ihr der
widerwaertigste auf der Erde; er war ein schoener, kraeftiger Soldat,
gebildet, von glaenzendem Witz, angenehm in der Unterhaltung; er wusste
den Bescheidenen zu spielen, aber nicht laenger als ein paar Tage;
dann--das Maedchen, das er belagerte, _musste_ ja in dieser Frist kirre
gemacht sein--dann kehrte er seine wahre Seite heraus; sein Auge wurde
luestern, seine Reden, lockend, schluepfrig, mussten jedes zarte,
weibliche Ohr aufs tiefste beleidigen, wenn es nicht schon ganz fuer
ihn gewonnen war. So hatte er sich auch Ida genaehert. Das unschuldige
Kind hatte Gefallen an seinen Gespraechen, die ihr ein wenig mehr
Gehalt zu haben schienen als die der uebrigen jungen Herren; sie ging
oft in seinen Witz, in seine heitere Laune ein. Er aber hatte sich ein
rasendes Dementi bei diesem Maedchen gegeben. Er hatte sie in _eine_
Klasse gerechnet mit den verdorbenen Kindern der Residenz, die, zur
Jungfrau herangewachsen, unter dem Schleier der Sittsamkeit eine kaum
verhaltene Luesternheit, ein suendiges Sinnen und Begehren verbergen.
Diese hatte er immer bald aufs Eis gefuehrt, und waren sie nur einmal
in einem Woertchen geglitscht und geschluepfert, husch--; so hatte er
auch bei Ida endlich, nachdem er alle edlern Farben hatte spielen
lassen, die herausgekehrt, die jede andere geblendet haette, aber vor
dem strengen Blick der reinen Jungfrau nicht Farbe hielt. Mit Schanden,
man sagt sogar mit einer tuechtigen Ohrfeige, war er abgezogen,
erklaerte Ida ueberall fuer ein Gaenschen, schwor ihr bittere Rache und
warf sich in die Arme der Aarstein, wo ihm ohne langweilige
Praeliminarien bald wurde, was er bei Ida durch tausend Kuenste umsonst
gesucht hatte.

"Das ist aber auch zu abscheulich," dachte Ida, "so wenig sich zu
genieren!" Denn dass die Graefin ihren Liebhaber mitgenommen, dass er
auf keinem anderen Wege nach Freilingen gekommen sei, das hatte sie
gleich weggehabt. Weiter dachte sich aber das gute unschuldige Kind
nichts dabei. Sie kannte zwar die grundlose Schlechtigkeit der Aarstein
so ziemlich, sie wusste, dass diese gekommen sei, um den Grafen zu
gewinnen; aber das ahnete sie nicht, dass man den Rittmeister nur dazu
mitgenommen haben koennte, um sie von Martiniz' Herzen loszureissen, um
sie in eben jenem Lichte zu zeigen, in welchem sie die Graefin sah.
Nein, an diesen wahrhaft hoellischen Plan dachte das engelreine
Herzchen, das allen Menschen gerne ihr Gutes goennte, nicht. Und wie
sollte sie auch daran gedacht haben? Sie glaubte ja gar nicht anders,
als die Graefin koenne von ihrer Liebe zu Martiniz auch nicht die
leiseste Ahnung haben; wusste ja sogar sie kaum seit Stunden, dass sie
ihn so recht innig liebe, hatte sie ja doch all ihre Sehnsucht, all
ihre Liebe recht tief und geheimnisvoll im Herzchen verschlossen, und
niemand koenne, glaubte sie, da hinein sehen als vielleicht hoechstens
Mart--ja, er musste ja gefuehlt haben, dass sie ihm gut sei, sonst
haette er wohl nicht jenes Gestaendnis gewagt, dass er sie lie--

Aber da schellte es schon zum zweitenmal in des Vaters Zimmer; wahrhaftig,
die Teestunde war da, und noch manches war zu ruesten; die Gedanken an Rum
und Zitrone, Zucker und Tee, Milch und Broetchen, Tassen und Loeffelchen
verdraengten alle andern; sie flog die Treppe hinab, um schnell alles zu
ordnen. Dort stand schon Papa und fluesterte ihr zu: "Schicke dich nur; es
sind allerhand Besuche da, und du koenntest leicht mehr Rum brauchen als
das Bouteillchen da!"

       *       *       *       *       *




TRAU--SCHAU--WEM?

Als Ida in das Teezimmer trat, stellte ihr der Praesident--Nein, sie
haette moegen gerade in den Boden sinken--"Siehe da, Ida," sagte er,
"ein Bekannter von dir aus der Residenz, Herr von Sporeneck, hat uns
diesen Abend mit seinem Besuch beehrt. Nun, das wird mein Kind freuen;
wenn so einer von euch Herren in unser kleines Freilingen hereinkommt,
ist es gleich ein Jubel und ein Fest fuer alle Maedchen, die nur
einmal in der Residenz waren; da werden dann allemal in Gedanken alle
Baelle und die kleinsten Touren noch einmal durchgetanzt und in der
Erinnerung viel getollt; ich kenne das," setzte der freundliche Alte
hinzu, indem er sein Toechterchen in die Wange knipp, "war auch
einmal jung und kenne das." Er ging weiter und liess den Rittmeister
vor Ida stehen.

Diese wurde bald blass, bald rot und zitterte, als sollte sie gerade
umfallen. Dieser Mensch, den sie so schnoede abgewiesen hatte, dieser
konnte es wagen, in ihres Vaters Haus zu kommen! Sollte sie ihn nicht
oeffentlich prostituieren, ihn einen impertinenten Menschen heissen und
fortschicken? Doch nein, sie wusste, wie heilig das Gastrecht ihrem
Vater war, sie wollte ihn schonen. So hing sie ihren Gedanken nach und
bemerkte nicht, wie der Rittmeister schon seit einigen Minuten neben
ihr stand und an sie hin sprach. Jetzt kam sie wieder zu sich--was
musste nur der Graf denken, wenn sie so lange bei dem Menschen stand,
mit welchem sie die Aarstein bei ihm so verdaechtig gemacht hatte!
Ihre Augen suchten den Geliebten--er sass neben der Graefin; traulich
hatte sie ihre Hand auf die seine gelegt, unverwandt sahen beide nach
ihr und dem Rittmeister herueber--die Graefin mit hoehnischer
Schadenfreude, mit triumphierendem Blick, der Graf starr und finster,
als sehe er etwas, das er gar nicht fuer moeglich gehalten haette.

Und so war es ihm auch; noch waren immer Zweifel in ihm aufgestiegen, ob
denn auch wirklich alles so sei, wie die Aarstein gesagt hatte, wie sein
Misstrauen ihm zufluesterte; zwar das Hiersein des Rittmeisters--doch er
konnte ja auch in Geschaeften an das hiesige Regiment geschickt worden
sein; dann die Zumutung, ihm ein Zimmer Ida gegenueber abzutreten--nun
ja, das war allerdings stark, und der boese Geist wollte ihm zufluestern,
dass dies schon sehr viel beweise. Aber sein besserer Sinn siegte doch
wieder; das alles bewies ja nur hoechstens, dass der Rittmeister in Ida
verliebt sei; von ihrer Seite hatte er ja keinen Beweis gesehen. Aber
recht Achtung wollte er geben auf Ida; das war sein Entschluss gewesen,
als er durch die hellerleuchtete Enfilade von Praesidents Zimmern ging.

Er war heute einer der ersten und in den hohen, weiten Zimmern beinahe
niemand, den er naeher kannte oder mit welchem er in ein Gespraech sich
haette einlassen moegen. Daher ging er allein und in tiefen Gedanken
durch die Zimmer. Da tippte es ihm leise auf die Schultern. "Wenn das
Ida" dachte er; er sah sich freundlich um--es war die Graefin. Sie
verwickelte ihn bald in ein Gespraech, aus welchem er sich nicht so
bald herauswirren konnte. Das Fatalste war, dass er dem Redegang der
Graefin Plapperinsky immer folgen musste, um nicht zerstreut zu
erscheinen, und doch ging ihm immer der Rittmeister und sein Logis im
Kopf herum.

"Nein, aber sagen Sie selbst, Graf," fuhr sie fort, nachdem sie in einer
Pause wieder Altem geschoepft hatte, "sagen Sie selbst, kann man artiger
und aufmerksamer fuer seine Gaeste sein als Ida? Denken Sie sich, meine
Coffres und Vachen waren schon in den obern Stock gebracht worden; es
wohnt sich dort ganz huebsch; zwar sind die Zimmer nicht so elegant
eingerichtet wie hier unten; doch Sie wissen selbst, auf Reisen macht
man keine so grossen Ansprueche, besonders wenn man so schnell und
unangemeldet kommt wie ich. Ich war also schon ganz zufrieden in meinem
Sinn und liess auspacken. Da kommt das gute, liebe Engelskind, denken
Sie sich, und ruht nicht eher, bis ich von ihrem schoenen Boudoir,
Schlafzimmerchen und allem hier unten Besitz nehme, und sie selbst zieht
in ihrem Edelmute hinauf in den obern Stock. Nein, sagen Sie selbst,
kann man die Gastfreundschaft weiter treiben als die gute Ida?"

"Sehr viel, sehr viel!" presste Emil heraus; es war ihm, als schnuerte
ihm etwas die Kehle zusammen, als ob eine eiskalte Hand ihm in die
Brust fuehre und das warme, liebe gluehende, treue Herz umdrehte und
schmerzlich hin- und herreisse. Jetzt war es ja sonnenklar, entschieden
war jetzt die fuerchterliche Verstellungskunst dieser----Dirne, die so
schaendlich mit ihm gespielt hatte; dass zwischen dem Logis des
Rittmeisters und ihrer ungemeinen Gefaelligkeit gegen die Graefin ein
geheimer Zusammenhang stattfand, konnte ein Blinder sehen.

Er lachte; es war das Lachen der Verzweiflung, und die ganze Hoelle
lachte aus ihm heraus. "Wahrhaftig, ein grosses Opfer," sagte er mit
schrecklicher Lustigkeit zu der Graefin, "eine ungeheure Grossmut, die
ganz allein aus der allerausgedehntesten _Naechsten_liebe
und _Gast_freundschaft hervorgeht!". Die Graefin Aarstein-Satanas
wusste wohl, dass sie sein Herz mit gluehenden Zangen zwickte, wusste
auch nur gar zu gut, woher die Logisveraenderung kam; aber so
vollstaendig, so schnell hatte sie sich ihren Sieg, ihren hoellischen
Triumph nicht vorgestellt.

Sie hatte ja nie so recht geliebt; sie wusste daher auch nicht, dass die
staerkste, gluehendste Liebe zugleich die schwaechste und empfindlichste
ist.

Jetzt kam auch der Rittmeister, der mit Empfehlungen an den Praesidenten
reichlich versehen war. Der Graf bebte zurueck vor ihm. Dieses gierige
Auge, dieses hoehnische Laecheln, diese falsche, schlaue, lauernde
Miene, so ganz ohne hoehere Bedeutung, ohne edlere Zuege--diesen
Menschen konnte Ida lieben? Er haette jedem unter die Nase gelacht, der
ihm so etwas vor zwei Tagen, als er noch an die Engelsunschuld des
lieben Maedchens glaubte, haette weismachen wollen. Er haette jeden
einen Schurken geheissen, der _dieses_ heilige, keusche Geschoepf mit
diesem Mann, in dessen Gesicht schon alle Leidenschaften gewuehlt
hatten, nur im leisesten Verdacht gehabt haette.--Jetzt musste er ja
selbst daran glauben. Wie ein Kind liess er sich von der Aarstein
leiten; sie zog ihn zu sich nieder, sie spielte die Verwunderte, den
Rittmeister hier zu sehen, sie liess manche giftige Bemerkung schluepfen
--er hoerte nichts, er sah nichts; nur ein Gedanke beschaeftigte ihn: er
wollte recht haarscharf acht geben, wenn sie kaeme, wie sie sich gegen
Sporeneck benehmen wuerde. Die Tuere ging auf, sie kam. An der Hand des
Vaters ging ihr der Geliebte entgegen, er sah, wie sie ihr Entzuecken
unterdrueckte, wie Blaesse und Roete auf ihrem Gesicht wechselten, wie
sie ganz versunken in Liebe dem Rittmeister zuhoerte, und wie gluehende
Dolche fuhr die bitterste Eifersucht durch sein Herz.--"Sehen Sie nur
hin, Graf," fluesterte ihm die Aarstein ins Ohr, "sehen Sie nur, wie
gluecklich die Leutchen dort sind! Das ist ein Erzaehlen, das ist eine
Wonne, dass man einander nach ein paar Wochen wieder hat. Dass sie sich
nicht auf der Stelle abherzen und kuessen, ist alles!"

Dem Grafen wuerde gruen und gelb vor den Augen.--Jetzt nahte Ida, der
Gesellschaft am Teetisch ihr Kompliment zu machen. Die Roete des Unmuts
und der Verlegenheit lag noch auf dem Gesichtchen und gab ihm einen so
eigenen Reiz, dass der Graf nur um so tiefer fuehlte, wie schrecklich
sich hier die Natur vergriffen und um ein so falsches, zweideutiges
Herz eine so herrliche Gestalt gezogen. Warum sie gerade ihr, die es
so gar nicht verdiente, diese sanften Taubenaugen, dieses holde
Gruebchen in den Wangen, dieses bezaubernde, huldvolle Laecheln
gegeben? Sie verneigte sich gegen die Gesellschaft; die Graefin drohte
ihr laechelnd mit dem Finger; sie erroetete von neuem. Sie musste noch
die Zuckerdose herbeiholen; sie haette einen viel naeheren Weg gehabt,
aber sie machte einen Umweg an Martiniz vorueber; er wagte nur einen
leichten Viertelsseitenblick--auf ihn war ihr strahlendes Auge
gerichtet, ihm laechelte sie, ihm fluesterte sie im Vorbeigehen kaum
hoerbar zu: "Guten Abend, Freund! Warum so ernst und duester?"

Er fuehlte den suessen Hauch an seiner Wange; ein solcher Gruss haette
ihn sonst bis in den dritten Himmel erhoben, ein solches Zauberwort
haette sonst alle Wolken von seiner Stirne gebannt und die traurigsten
Falten geebnet. Heute--er blieb starr und stumm. Nein, eine solche
Erz-General-Armee-Kokette musste es ja auf dem weiten Erdenrund nicht
geben! Ist fuenf Minuten ausser sich, weil sie den alten Liebhaber
wiedersieht, und um es doch mit dem neuen nicht zu verderben, fluesterte
sie ihm--nein! jetzt sprudelte das Mass ihrer Schuld ueber. Der reine,
wahrheitsliebende Juengling konnte ihr verzeihen, dass sie einem so
zweideutigen Menschen, wie dieser Sporeneck offenbar sein musste, ihr
Herz schenkte; er konnte ihr verzeihen, obgleich es ihm das Herz brechen
wollte, dass sie mit ihm ein so grundfalsches Spiel gespielt hatte; er
konnte es der schwachen weiblichen Natur beimessen, dass sie sich, als
der alte Liebhaber nahte, so ungeheure Bloessen gab,--er konnte dies
alles verzeihen. Dass sie aber auch jetzt noch ihr Spiel fortspielen
wollte, dass sie Zweien auf einmal gehoeren wollte, nein, das ging ueber
seine Begriffe. Er musste, seine Natur mochte sich dagegen straeuben,
wie sie wollte, es war ihm, als muesse er sie verachten. Aber sie hatte
recht, obgleich in einem andern Sinn. Seine Ehre forderte es, dass er
nicht dasass wie ein armer Suender, ueber welchen der Stab gebrochen
wurde. Wenn auch besiegt, durfte er nicht traurig aussehen. Er wollte,
er _musste_ lustig sein, und sollte sein Herz dabei aus allen Wunden
bluten.

Der Hohn gegen die ganze Welt, der in der Brust des Tiefgekraenkten
aufstieg, gab ihm Kraft dazu. Eine Lustigkeit bemaechtigte sich seiner,
die er seit Jahren nicht gekannt hatte. Er riss das Gespraech an sich, er
strahlte von Witz und Leben, dass alle weiblichen Herzen dem herrlichen
Mann, dem schoenen, witzigen Grafen zuflogen. Allen galt sein Gespraech;
sein feuriges Auge schien jeder Dame etwas Schoenes sagen zu wollen,
ausschliessend aber galt es der Graefin. Er wusste selbst nicht, was ihn
antrieb, ihr so sehr als moeglich den Hof zu machen; aber es war ein
dunkles Gefuehl in ihm, als muesse es Ida recht tief verletzen, wenn er
die Graefin so sehr auszeichne, wenn er alle Damen fuer sich gewinnen
wollte und ihr, ihr allein keinen Blick, kein Laecheln goennte, nicht
einmal zu hoeren schien, wenn sie hie und da ein Woertchen mit
einschluepfen lassen wollte.

Und in der Tat erreichte er seinen Zweck voll--kommen; er hatte es
getroffen, tief bis ins innerste Leben getroffen, dieses treue Herz, das
nur fuer ihn, mit dem Feuer der ersten jungfraeulichen Liebe nur fuer ihn
schlug! Ihr Blick hing an seinen Lippen; sie freute sich anfangs, dass
er so froehlich sei, sie glaubte nicht anders, als die paar Woertchen
die sie ihm zufluesterte, haben ihn aus seiner finstern Laune
hervorgezaubert; ihr kleines Herzchen triumphierte. Als sie aber sah,
wie er sich an alle wandte, nur an sie nicht, wie auch nicht ein Blick
der Freundin galt, wie er nur fuer die Aarstein zu leben schien, als
sie seinen schneidenden Hohn, die grelle Lustigkeit, den schillernden
Witz, der ihm sonst gar nicht eigen war, bemerkte, da ahnete ihr wohl,
dass ihm jetzt ein anderes Gestirn aufgegangen sein muesse, das seinen
Einfluss auf ihn uebe. Und wer konnte dies sein als die, die ihr von
jeher feindlich entgegengetreten war--die Aarstein! Der Glanz der
ueppigen Rose hatte ihn geblendet,--was konnte es ihm auch ausmachen,
dass er nebenbei das Veilchen zertrat? Sie klagte nicht, sie weinte
nicht; aber eine furchtbare Blaesse lag auf dem holden Engelsgesichtchen,
ein wehmuetiges Laecheln spielte um ihren Mund; sie sah ja alle die
leise geahnten Hoffnungen ihres Herzens; die sie, ach! nur in einem
einzigen seligen Augenblicke, recht klar sich gestanden hatte, sie
sah sie alle mit _einemmal_ versinken und--mit dem Freunde untergehen.
Von Anfang war es ihr noch, als flattere eine Art aengstlicher Eisersucht
in Gestalt einer Fledermaus durch den kaum daemmernden Morgenhimmel ihrer
Liebe. Dann aber war alles stille Nacht in ihr. Es blieb ihr nichts mehr
als ein grosser Schmerz. Sie fuehlte, dass sie diesen ewig, ewig in
ihrem treuen BUSEN tragen werde.

       *       *       *       *       *




DER GRAM DER LIEBE

Wie es an jenem Abend war, ebenso war es auch in den naechsten Tagen. Der
Hofrat haette vielleicht alles bald wieder ins Gleis bringen koennen; aber
das Unglueck wollte, dass er in wichtigen Angelegenheiten an demselben
Abend verreisen musste, an welchem die Graefin ankam. Die Graefin schrieb,
so oft sie es unbemerkt tun konnte, an den Rittmeister in den Mond hinueber
und spornte ihn an, Ida nur noch immer mehr zu verfolgen. Nach den letzten
Briefen schien es zwar wegen ihr selbst nicht mehr noetig zu sein, weil sie
den Grafen schon so umgarnt zu haben glaubte, dass an kein Entrinnen zu
denken sei. Dem war aber nicht also. Dem Grafen, der nur durch die Brille
der Eifersucht sah, wollte es trotz seiner Resignation fast das Herz
abdruecken, dass Ida in solchen Verhaeltnissen mit dem Rittmeister sei.
Wenn er bei Praesidents war--ach, es war ja nicht wie ehemals; sonst war
sie ihm wohl bis an die Treppe entgegengesprungen, hatte mit lachendem
Mund ihn geneckt oder ihm eine neue Schnacke aufgetischt, hatte ihn dann
unter Tollen und Lachen hereingezogen ins Zimmer; dort war dann das
Maeulchen gegangen wie ein oberschlaechtiges Muehlchen, und keine fuenf
Minuten hatte sie ruhig sitzen koennen, ohne dass sie aufgesprungen
waere, dort was zu holen, hier was zu zeigen; und welche Freude
gewaehrte es dann, das Maedchen dahinhuepfen zu sehen! Ihr Gang war
dann Tanz, alles war Leben, alles Grazie und Anmut; es war, wie wenn
ueber die ganze Gestalt ein zauberisches Laecheln gewoben gewesen waere,
und jetzt--und jetzt!

Kalt und ernst sah sie ihn an, wenn er kam; oft wollte es ihn zwar
beduenken, sie setze schon an, um ihm wie sonst entgegenzuhuepfen, da
musste sie aber wohl an den Sporenecker denken; denn sie neigte sich so
abgemessen, als waere er ihr ganz und gar fremde; oft kam es ihm sogar
vor, als liege etwas so Wehmuetiges in dem lieben Gesichtchen, das er
sich nicht anders erklaeren konnte, als dass es sie reue, ihn so am
Narrenseil gefuehrt zu haben, dass sie sich schaeme, so unverhofft
demaskiert worden zu sein. Zu Zeiten wuenschte er sich auch den Hofrat
herbei, um mit ihm ueber das Maedchen und seine grenzenlose Koketterie
zu sprechen.

Dass doch die Maenner gewoehnlich so grausam sind und nicht sehen, was
so offen vor den Augen liegt! Sie lesen in Taschenbuechern und Romanen
alle Folgen ungluecklicher, verschmaehter Liebe, alle Zeichen eines
gebrochenen Herzens; sie koennen es sich auch in der Phantasie recht
lebhaft vorstellen, wie ein gutes, liebes Engelskind mit einem vom Gram
der Liebe gebrochenen Herzen aussehen muesse, sie nehmen sich vor, das
nicht zu vergessen; aber wenn es drauf und dran kommt, wenn sie selbst
aus Uebermut oder toerichter Eifersucht ein schoenes, nur fuer sie
schlagendes Herz gekraenkt, geknickt, gebrochen haben, da merken sie es
nicht, sie koennen sogar noch ein recht unglaeubiges Hohngelaechter der
Hoelle aufschlagen, wenn man ihnen die stille Traene im trueben Auge,
den wehmuetig ansprechenden Zug um den Mund zeigt, wenn man sie
aufmerksam macht auf die immer bleicher werdenden Wangen. "Da wird man
seine Gruende haben." lachen sie und gehen ungeruehrt vorueber und
denken nicht, dass man auch ohne Doktor und Apotheker am gebrochenen
Herzen sterben koenne.

Die Eifersucht macht blind; nirgends schien dieser Ausspruch besser in
Erfuellung zu gehen als hier bei Martiniz und Ida.

Fuer ihren traenenschweren Blick, fuer ihren wehmuetigen Ernst wusste
er tausend Gruende anzugeben, wusste sich mit wieder tausend Vermutungen
zu quaelen und zu haermen; die rechten fand er nicht. Es war eine
wunderbare Veraenderung vorgegangen mit diesem Maedchen in den paar
Tagen. Sonst das Leben, die Froehlichkeit selbst, jetzt ernst und
abgemessen. Die bleicheren Wangen, das truebere Auge, das ja so
deutlich von traenenvollen Naechten, von gramerfuellten Traeumen
sprach, wollte niemand verstehen, am wenigsten der, um welchen diese
stillen Traenen flossen. Es war ihr oft zu Mut, als sollte sie nur
eben die heissen, ausgeweinten Augen zuschliessen und sich in das
Grab legen lassen; dort, wenn die Erde so kuehl um die vier Bretter und
zwei Brettchen, welche die arme Ida umschliessen, sich legen werde,
dort, wo sie nicht mehr gefoltert werde von dem Anblick, wie ihr
geliebter Juengling naeher und naeher, enger und enger in die Schlingen
jener Sirene sich verwickle,--dort, dachte sie, muesse es gut
schlummern sein. Denn das war ihr ja das aergste nicht, dass sie
zurueckgesetzt war; nicht dass sie es war, die er verliess, um sich
dem Triumphzug der allgemeinen Siegerin anzuschliessen, nicht das
brach ihr das Herz. Zwar, es hatte ihr Muehe und Traenen gekostet,
bis sie es dahin gebracht hatte, dass sie nicht mit Bitterkeit daran
dachte, dass er, als kaum das Gestaendnis seiner Liebe ueber seinen
Lippen war, schon andern Sinnes sein konnte; aber sie hatte
ueberwunden; sie war tief in sich eingekehrt; aus den geheimnisvollen,
unergruendlichen Tiefen der heiligen jungfraeulichen Brust hatte sie
Mut heraufgeholt, um den Gedanken zu ertragen, dass der, den sie
liebe, einer andern angehoeren koenne.

Aber dagegen straeubte sich mit aller Macht ihr keusches, braeutliches
Herz, dass er _jene_, auf welche die Kinder in der Residenz mit Fingern
deuteten und sich ihre Schandtaten erzaehlten, dass er an _jene_
verloren gehen sollte. Waere er ein Mann gewesen, der frech mit ihrem
armen, unerfahrenen Herzchen gespielt haette, sie haette es ertragen,
dass er bei der Graefin dafuer buessen sollte; aber Emil,--ihr feiner,
weiblicher Takt, der darin so weit und so scharf sieht, sagte ihr, dass
er noch ein Neuling in der Liebe sei, dass er sein Herz frei bewahrt,
bis sie ihn kennen gelernt habe, dass sie seine erste Neigung gewesen
sei; und doch--er, der so namenloses Unglueck schon erduldet hatte,
auch er sollte durch dieses Weib ungluecklich werden? Ach, wie oft
wuenschte sie sich ihren alten Freund, den Hofrat, herbei! Ihm haette
sie alles, alles vertraut, auch jenen Augenblick der seligen Liebe, wo
er ihr gestand, dass er sie liebe, wo er sie umschlang und an sein
pochendes Herz drueckte, wo er sie mit den suessesten Schmeichelnamen
der Zaertlichkeit genannt, wo ihr Mund sich schon zum ersten heiligen
Kuss der Liebe ihm entgegengewoelbt hatte. Dies _alles_ war ja laengst
vorueber, war begraben, tief, tief in ihrem Herzen, mit aller Hoffnung,
aller Sehnsucht, die es einst erweckt hatte; aber Berner durfte es
wissen, ihm haette sie alles gesagt und ihn dann zum warnenden
Schutzgeist fuer den Grafen aufgerufen.

Aber er war noch nicht zurueck; darum verschloss sie ihren Schmerz in die
Seele; aber mit Angst und Zittern sah sie, wie der Graf um die Aarstein
flatterte wie die Fliege um das Licht. Alle Beispiele von den sinnlichen
Lockungen dieser Sirene, die man sich in der Residenz in die Ohren
gefluestert, fielen ihr bei; wie leicht konnte er in einem unbewachten
Augenblick, hingerissen von den verfuehrerischen Reizen der ueppigen,
buhlerischen Dame Potiphar--sie erroetete von dem Gedanken und presste
die Augen zu, als sollte sie was Schreckliches sehen. Wenn etwas solches
geschah--dann war er der Graefin und dem Satan auf ewig verschrieben.

       *       *       *       *       *




FEINE NASEN.

So verdeckt hier jedes sein Spiel spielte, so geheim alle diese Faeden
gesponnen, angeknuepft und nach und nach zu einem dichten Gewebe
verschlungen werden, so merkte man doch hin und wieder, was vorging.
Fraeulein Sorben und die alte Schulderoff wurden von Tag zu Tag durch die
getreuen Rapporte des Rittmeisters von Sporeneck ueber den Stand der Dinge
belehrt. Ihre scheelblickenden Augen glaenzten vor Freude, wenn sie wieder
neues erfuhren. Der Graf war ihnen ein verlorener Posten, den Fraeulein
Ida weder mit Traenen, noch Gebet wieder heraushauen koennte.

Nichts war ihnen aber groesseres Labsal als das Fraeulein von der
traurigen Gestalt selbst, wie sie Ida nannten. Dass sie ernster,
blaesser, trueber war als sonst, war weder ihrem, noch des Rittmeisters
Scharfblick entgangen, und eine wahrhaft teuflische Schadenfreude, die
sich in einem vierstimmigen Gelaechter Luft machte, befiel sie, als
Sporeneck erzaehlte, dass er sie durch seinen Tubus, mit welchem er
hinter seinen Gardinen nach Idas Fenster visierte, bitterlich habe
weinen sehen.

Aber Fraeulein von Sorben sorgte auch dafuer, dass Ida in ihrer
Verzweiflung sich nicht dem Rittmeister in die Arme werfen konnte; sie
hatte alle ihre Geistes- und Koerperreize teils vor ihm entfaltet,
teils durchschimmern lassen, und ihrem scharfsinnigen Auge konnte es
nicht verborgen bleiben, dass er ganz bezaubert davon war. Es ist nur
schade, dass er auf die Liebe so trefflich eingeschult war, dass er
sechs oder acht der zaertlichsten Liebschaften zumal haben konnte und
jede die Betrogene war. So hatte also die beleidigte Dame dem
naseweisen Backfisch, der sich erdreistet hatte, in ihrer Gegenwart
Grafen in sich verliebt zu machen, zwei Liebhaber auf einmal
weggeputzt. "Da kann man sehen," sagte sie zu sich, "was die Routine
macht. Das armselige Ding ist kaum sechzehn Jahre gewesen, ich habe
sie noch in den Windeln gesehen, und sie will sich mir gleichstellen!
Aber das Affengesicht hat jetzt seinen Lohn, man hat dem unreifen Ding
den Mund sauber abgewischt, hat ihr die verliebten Aeugelein ausgeputzt,
dass sie sieht, dass in der ganzen Welt vierundzwanzig vor sechzehn
kommt."

Aber auch der alte Brktzwisl, die gute ehrliche Seele, hatte das Ding so
ein wenig gemerkt. Als sie damals mit einander aus der Kirche gekommen
waren--seitdem hatte der schreckliche Wahnsinn seinen Herrn kein einziges
Mal mehr befallen--damals hatte er sich ein Herz gefasst und zu dem
Grafen gesagt: "Wie doch das Fraeulein so huebsch, so tausenddonnernett
aussah am Altar. _Bassa manelka_, wie muesste sie erst aussehen bei Tag
und als Braeutchen--!" Dem Grafen schien der Gedanke nicht uebel
einzuleuchten; denn er hatte zufrieden gelaechelt und gesagt: "Nun, was
nicht ist, kann noch werden." Er aber hatte sich folgenden Tages gleich
hingesetzt und an den alten Herrn Grafen geschrieben: "So und so, und
dem gnaedigen Fraeulein und sonst auf Gottes weitem Erdboden niemand ist
man die Rettung meines Herrn schuldig. Es kann aber auch in sechs
Herrenlaendern kein solches Wunderkind mehr geben. Die selige Komtesse
war doch auch nicht, mit Respekt zu vermelden, aus Bohnenstroh; aber,
Gott weiss, sie reichte dem schoenen Fraeulein das Wasser nicht. Und
vornehm sieht sie aus, als waere sie allerwenigstens ein Stueck von
einer Prinzess. Der junge Herr ist aber auch rein in sie verschossen,
und ich meine, dass es nicht menschenmoeglich gewesen waere, ihn zu
kurieren, ausser durch so grosse Inbrunst und Liebhaberei. Das hat ja
auch schon der deutsche Doktor prophezeit, wie ich Euer Exzellenz,
meinem gnaedigsten Herrn Grafen, vermeldet habe."

So lautete die Freuden-Epistel an den alten Onkel, worin die Errettung
vom Wahnsinn gemeldet werde. Die Freude wollte dem alten Diener beinahe
die Herzkammertuere zersprengen, bis er die Buchstaben alle aufs Papier
gemalt hatte. Bisher hatte er allwoechentlich Bericht erstatten muessen.
Da hatte es denn aus Italien, Frankreich, Holland, vom Genfersee, am
Rhein, an der Seine und an der Nordsee immer geheissen: "Der Herr Graf
befindet sich noch im alten Zustande."--"Die Krankheit scheint
zuzunehmen."--"Die Aerzte wussten wieder nichts."--"Die Aerzte geben
ihn auf."

Hier, in dem unscheinbaren Staedtchen, hier endlich sollte das Heil, der
Stern des Segens aufgehen. Er konnte sich die Freude des alten Herrn
denken, der so ganz an Emil wie an einem Sohn hing; er sah schon im
Geiste, wie der Herr Graf laecheln, die Haende reiben und rufen werde.
"Nun, in Gotts Namen, macht Hochzeit!"

Aber jetzt musste der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt haben; denn
sein Herr--der sah gar nicht mehr so gluecklich und selig aus wie damals,
als jene Freudenbotschaft abging--er war niedergeschlagen, traurig;
fragte der alte Brktzwisl, dem aus alten Zeiten eine solche Frage
zustand, was ihm denn fehle, so erhielt er entweder gar keine Antwort,
oder der Graf stoehnte so schmerzlich, dass es einen Stein haette
erbarmen moegen, und sagte, dabei: "Du kannst mir doch nicht helfen,
alte Seele!"

Es wollte ihm nun gar nicht recht gefallen; er kluegelte hin und her,
was es denn wohl sein koenne, das seinen Herrn auf einmal so stutzig
und trutzig mache--da ist ein Gast drueben bei Praesidents, eine Grosse,
Dicke, so halb Jungfer, halb Frau, hat die vielleicht Unkraut gestr--

Ja, das konnte sein, das schien dem alten Brktzwisl sogar wahrscheinlich;
wenn er aber dieser nachlief und das schoene Fraeulein im Stich liess--
nein, er wollte seinem Herrn nichts Boeses wuenschen, aber da soll ihm
doch das siedende Donnerwetter auf den Leib--er schlug zu diesem
Gedanken so grimmig auf seines Herrn Rock zu, den er im Hausgang
ausklopfte, dass der Staub in dichten Wolken umherflog. "Ja, da wollte
ich," rief er in seinem Selbstgespraech weiter und klopfte immer
schrecklicher, "wenn du die dicke Trutschel nimmst und das schoene
Fraeulein, die dich aus den Klauen des schwarzen Teufels herausklaubte,
wenn du die fahren laesst, alles siedende Schwefelpech des Fegefeuers
soll dich dann kreuzmillionenmal--"

"Wen denn?" fragte eine tiefe Stimme hinter ihm. Er sah sich um und glaubte
nun gleich in den Boden sinken zu muessen. Ein grosser aeltlicher Mann, mit
seinen, klugen Gesichtszuegen, in einem schlichten Reiseueberrock, dem nur
ein vielfarbiges Band im Knopfloch einige Bedeutung gab, stand vor ihm.
"Alle guten Geister!" stammelte endlich Brktzwisl, indem er den Fremden
noch immer mit weit Aufgerissenen Augen anstarrte--"wie kommen Ew. Ex--"

"Halt jetzt dein Maul von dergleichen!" sagte der Herr mit dem Ordensband
freundlich, "ich reise inkognito und brauche diesen Firlefanz nicht; wo
ist dein Herr?"

Starr und stumm bueckte sich der alte Diener mehrere Male, fuehrte dann
den fremden Herrn den Korridor entlang zur Tuere seines Herrn, erwischte
dort noch einen Rockzipfel, kuesste diesen mit Inbrunst und sah zu
seiner grossen Herzensfreude, wie sein junger Herr mit einem Ausruf der
Freude dem Fremden in die Arme sank.

Der Fremde war aber niemand anders als----Doch gerade faellt uns ein, dass
der Herr, wie er sich gegen Brktzwisl aeusserte, inkognito reiset, und es
waere daher auch von uns hoechst indiskret, wenn wir dieses Inkognito
frueher verrieten, als der fremde Herr selbst fuer gut findet, es
abzulegen.

       *       *       *       *       *




DER HERR INKOGNITO.

Ein stiller, aber scharfer Beobachter erschien jetzt auf dem Schauplatz;
es war der fremde Herr, den der Graf unter dem Namen eines Herrn von
Ladenstein bei dem Praesidenten einfuehrte. Die Empfehlung eines
Hausfreundes, wie der Graf war, haette schon hingereicht, ihn in diesem
Hause willkommen zu machen; aber die vom Alter noch nicht gebeugte Gestalt
des alten Herrn voll Wuerde und Anstand, sein sprechendes Gesicht erwarben
ihm Achtung, und als vollends der Praesident, ein Kenner in solchen Dingen,
das Theresienkreuz auf seiner Brust wahrnahm, stieg seine Achtung zur
Verehrung. Er wusste, dass, wer dieses Zeichen trug, ein Ritter im vollen
Sinn des Wortes war und dass ein solcher sich gewiss einer Tat ruehmen
durfte, die nicht die Laune des Gluecks oder Hohe Protektion zu einer
glaenzenden erhoben, sondern die, _aufgesucht_ unter der Gefahr, hohen
Mut und tiefe Einsicht bewaehrte.

Vorzueglich Ida fuehlte sich von diesem Mann wunderbar angezogen. Seit
der Spannung zwischen ihr und Martiniz hatte sie immer mit geheimem
Widerwillen der Teestunde, sonst ihre liebste im ganzen Tag,
entgegengesehen. Der Graf kam entweder gar nicht, oder sehr spaet, oder
unterhielt er sich mit der Aarstein. Die Sorben und andere dergleichen
Fraeulein und Damen kamen ihr schal und langweilig vor, dass sie
glaubte, nicht eine Stunde bei ihnen sitzen zu koennen; der
Rittmeister, dessen Geschaefte beim hiesigen Regiment noch immer
nicht zu Ende gehen wollten, war ihr am fatalsten von allen.

Sein erstes war immer, dass er sich mit seinem Stuhl neben sie draengte
und dann so bekannt und vertraut tat, als waeren sie Zeltkameraden; er
half ihr Tee einschenken, Arak und Milch umherreichen und verrichtete
alle jene kleinen Dienste, die einem beguenstigten Liebhaber von seiner
Dame erlaubt werden. Dabei nahm er sich oft die Freiheit, ihr in die
Ohren zu fluestern, aber die gleichgueltigsten Dinge, etwa: ob sie noch
mehr Milch oder noch mehr Zucker beduerfe, sah aber dabei aus, wie wenn
er die zaertlichste Liebeserklaerung gewagt haette.

Daher kam ihr der alte Ladenstein sehr zu statten. Sie sorgte dafuer,
dass er neben sie zu sitzen kam, und nun durfte sie doch fuer diesen
Abend sicher sein, dass der Rittmeister nicht ihr Nachbar wuerde.

Und wie angenehm war seine Unterhaltung! Alles, was er sagte, war so
tief und klar gedacht, so angenehm und interessant, und trotz seines
grauen Haares, trotz seiner sechzig Jaehrchen, die er haben mochte,
war eine Kraft, ein Feuer in seinen Reden, das einem Juengling keine
Schande gemacht haette. Aber auch dem alten Herrn schien das Maedchen
zu behagen; sein ernstes Gesicht heiterte sich zusehends auf, seine
lebhaften Augen werden glaenzender--solch ein Maedchen hatte er selten
getroffen, und er war doch auch ein bischen in der Welt gewesen.
Diesen klaren Verstand, dieses richtige Urteil, diese Gutmuetigkeit
neben so viel Humor und Witz--er war ganz entzueckt. Und ueberall
war sie zu Haus; er bewunderte die wunderherrlichen Blumen, die sie
machte; man kam von diesen auf die natuerlichen Blumen, auf seltene
Pflanzen. Er beschrieb ihr eine Blume, die so wunderschoen aussehe
und die sich zu Girlanden gar huebsch ausnehmen wuerde, aber der Name
fiel ihm nicht ein. Kaum hatte er die Form der Blaetter erwaehnt, so
sagte sie ihm auch schon, dass die Blume _Calla aethiopica_ heissen
muesse, weiss bluehe und auch aethiopische Drachenwurz genannt werde. Er
bekam ordentlich Respekt vor dem holden Kind, das so gelehrt sein konnte;
aber da war nicht jenes Prahlen mit Kenntnissen, das man bei gelehrten
Damen so oft findet. Nein, als die Blume abgemacht war, sprach sie auch
kein Woertchen mehr von Botanik, und es war, als habe sie nie davon
gesprochen.

Er kam auf die neueste Literatur und pochte da an; wahrhaftig, sie hatte
alles gelesen, und zwar nicht nur, was man so aus Leihbibliotheken
bekommt oder in einem Almanach findet; nein, sie hatte interessante
Geschichtswerke gelesen und eigentlich studiert. Aber auch daraus machte
sie nichts Grosses. Je wichtiger das Werk war; desto bescheidener war
ihr Urteil, und dabei tat sie so unbefangen, als ob jedes Maedchen
dergleichen gelesen haette. Und als sie auf auslaendische Literatur
kamen, als sie von Lord Byron, seinen herrlichen Gedichten und seinem
ungluecklichen Ende sprachen, als der alte Herr mit dem Theresienkreuz
ihn dennoch gluecklich pries, weil sein Geist sich hoeher als alle
andern geschwungen, weil er den Menschen und die ganze Natur so tief
erkannt habe, da antwortete ihm--nein, es ging ueber seine Begriffe--
antwortete ihm die kleine Wetterhexe mit Byrons eigenen Worten, als
haette sie seinen Manfred eben erst gelesen:

    "The tree of knowledge is not that of life." [1]

Er war ganz selig, der alte Herr; ein solches Maedchen hatte er in
vielleicht zwanzig Jahren nicht gefunden. Und das schnepperte und bepperte
mit seinem lieben huebschen Schnaebelchen so unschuldig in die Welt hinein,
das blickte ihn mit seinen frommen Taubenaugen, in welchen doch wieder ein
wenig der lose Schalk sass, so wundervoll an! Er war ganz weg und dankte
dem Grafen tausendmal, als sie wieder in den Mond zurueckgekommen waren,
dass er ihn mit einem so interessanten Geschoepf bekannt gemacht habe.

    [Fussnote 1] Erkenntnisbaum ist nicht des Lebens Baum.

       *       *       *       *       *




EMIL AUF DER FOLTER.

Dieser sah ihn wehmutig an und seufzte. "Glauben Sie mir," sagte er, "auch
ich war einst erfuellt von diesem Himmelskind; auch mir war sie eine
Erscheinung wie aus Jenseits, wie des grossen Dichters Maedchen aus der
Fremde; ich sah, wie sie mit ungetruebtem Frohsinn und dennoch mit einer
Wuerde, einer Hoehe jedem eine Gabe reichte; mir, waehnte ich, mir habe
sie der Gaben schoenste aufbewahrt--ach! da gewahrte ich, dass schon ein
anderer diesen Kranz zerpflueckt--"

"Nein, ich kann's nicht glauben," rief der ehrwuerdige Theresienritter;
"dieses Maedchen kann nicht so niedrig denken, kann nicht das tiefe,
herrliche, jungfraeuliche Herz an einen Windbeutel verlieren, wie der
Sporeneck ist, dessen seichtes Wesen, dessen Gemeinheit ihr ja gleich den
ersten Augenblick nicht verborgen bleiben konnte!"

"Aber, mein Gott," rief Emil ungeduldig, "habe ich Ihnen nie gesagt, was
mich die Graefin merken liess, was ich mit eigenen Augen sah? Nehmen Sie
doch nur zum Beispiel, dass sie ihm gleich in den obern Stock nachzog,
um ihn recht vis-a-vis zu haben--"

"Beweist viel, recht sehr viel, und doch wieder nichts, gar nichts; denn
ein so kluges Maedchen wie die Ida traegt ihre Liebe nicht so schamlos
zur Schau."

"Aber die Graefin sagt mir ja, die Graefin--"

"Eben die Graefin sagte dir alles, Freundchen, und eben der Graefin traue
ich nicht; dazu habe ich meine vollkommen gegruendeten Ursachen. Ich habe
sechzig Jahre in der Welt gelebt, du erst deine zwanzig; darum darf ich
auch meinem Blick trauen; denn ich bin unparteiisch und schaue nicht durch
die gruene Konversationsbrille der Eifersucht. Ich habe diesen Abend Dinge
gesehen, die mir gar nicht gefielen; doch der Erfolg wird lehren, dass ich
recht hatte."

So sprach der alte Theresier mit dem Grafen; doch auf ihn schien es wenig
Eindruck zu machen; denn er murmelte. "Weiss alles, und ist alles gut,
wenn nur der verdammte Rittmeister nicht waere!"

       *       *       *       *       *




DER RITTMEISTER.

Was doch oft an einem kleinen, unscheinbaren Zufall das Glueck der
Menschen haengt! So fragte an diesem Abend der Kellner die beiden
Fremden, ob sie unten an der Tafel oder hier oben in ihren
Appartements speisen wollen. Der Graf, der seit des Hofrats Reise
abends selten mehr hinabgekommen war, stimmte dafuer, auf dem Zimmer zu
speisen, indem er die schlechte Unterhaltung unter den Offizieren,
Assessoren, Ober- und Unterjustizleuten versprach. Der aeltere Herr
aber redete ihm zu; man sehe und hoere doch manches unter den Gaesten,
was zum Nachdenken oder zur Augen- und Ohrenweide dienen koenne;--sie
gingen. Gerade an diesem Abend hatte der Rittmeister von Sporeneck
einige Freunde der Garnison zu sich auf ein Abendbrot in den Mond
gebeten.

Sie hatten schon auf seinem Zimmer mit Rheinwein angefangen und waren
bereits ganz kordial. Der Rittmeister hatte auch alle Ursache, ein
kleines Sieges- und Jubelfest zu veranstalten. Die Graefin hatte ihm, wie
gewoehnlich, durch ihre Zofe, die mit seinem Bedienten in telegraphischer
Verbindung stand, geschrieben, dass Idas Niederlage jetzt vollkommen sei.
Der Graf sei nie so warm gegen sie gewesen wie diesen Abend, und sie sehe
naechstens einer Erklaerung von seiner Seite entgegen. Das hatte der
Rittmeister seinen Vertrauten, dem Leutnant von Schulderoff und einigen
anderen, vorgetragen; man stiess an auf das neue graefliche Paar und auf
den galanten Hausfreund, und so kam man auch, weiss nicht wie, darauf, ob
man nicht den Grafen auch einmal ein wenig schrauben sollte. Sie stimmten
alle darin ueberein, dass dies sehr dienlich waere, um Unterhaltung fuer
den heutigen Abend zu haben, und sie machten sich auch gar kein Gewissen
daraus. "Ja, wenn er Soldat waere, dann waere es etwas anderes; einen
Kameraden schraubt man nicht gerne; aber solch ein ziviles Graefchen, das
in der Welt umherreist, um den Damen schoen zu tun und sein Geld auf die
langweiligste Manier totzuschlagen--nun, das kann man mit gutem Gewissen."

Mit diesem loeblichen Vorsatz hatten sich die Marssoehne nicht weit von
der Stelle placiert, wo Martiniz gewoehnlich zu sitzen pflegte, und
harrten, ob er nicht komme. Er kam und mit ihm der andere Gast, aber
diesmal ohne Ordensband; denn er hatte nur einen unscheinbaren Oberrock
an. Martiniz und der aeltere Herr unterhielten sich fluesternd mit
einander; um so lauter waren die Kriegsgoetter; die Pfropfen der
Champagnerbouteillen fingen an zu springen, und in kurzem waren die
Herren allesamt kreuzfidel und erzaehlten allerlei Schnurren aus ihrem
Garnisonsleben. Die uebrigen Gaeste hatten sich nach und nach verlaufen.
Das Kapitel der Hunde und Pferde war schon abgehandelt, und der
Rittmeister hielt es jetzt an der Zeit, die _Schraube anzuziehen_.
Er gab also Schulderoff einen Wink, und dieser ergriff sein
Champagnerglas, stand auf und rief: "Nun, Bruder Sporeneck, eine
Gesundheit recht aus dem Herzen--deine Ida!"

 Auf flogen die Dragoner von ihren Sitzen, tippten die feinen Lilienkelche
aneinander und sogen den weissen Gischt mit einer Wollust aus, als haette
die Gesundheit ihnen selbst gegolten. Martiniz biss die Lippen zusammen
und sah den Theresienritter an.

"Auf Ehre, ein Goetterkind, Herr Bruder," fuhr Schulderoff fort; "ich
waere selbst imstande gewesen, sie zu lieben, haette ich nicht deine
fruehern Rechte gewusst und mich daher bescheiden zurueckgezogen."

"Auf Ehre, ich haette es ihr wohl goennen moegen," antwortete der
grossmuetige Liebhaber; "wenn man so einen Winter allein zubringen soll,
ist es fuer ein junges, warmes Blut immer fatal, wenn es sich nicht
Luft machen soll. Einen braven Kerl, wie du bist, haette ich ihr zum
Intermezzo wohl gewuenscht; waere mir lieber gewesen, als hoeren zu
muessen, dass mir so ein fremder Gelbschnabel ins Nest habe sitzen
wollen."

Das Herzblut fing dem Grafen an zu kochen. In solchen Ausdruecken von
einem Maedchen reden zu hoeren, das er liebte und ehrte--es war beinahe
nicht zu ertragen; doch hielt er an sich; denn er wusste, wie schlimm
es ist, in einem fremden Lande ohne ganz gegruendete Ursache Haendel
anzufangen.

"Hattest du bange?" lachten die Reiter den Rittmeister an.

"Nicht im geringsten," replizierte dieser; "ich kenne mein Taeubchen zu
gut, als dass ich haette eifersuechtig werden sollen; wenn auch zehn
solcher Wichte ins Nest gesessen waeren, sie haette sich doch von keinem
andern schnaebeln lassen als von ihrem Haehnchen."

Allgemeines Gelaechter applaudierte den schlechten Witz. Der Graf--es war
ihm kaum mehr moeglich, anzuhalten; er sah voraus, es werde so kommen, dass
ihm nur zwei Wege offen stehen wuerden, entweder sich zu entfernen, oder
loszubrechen.

       *       *       *       *       *




UNSCHULD UND MUT.

Das erstere war jetzt nicht mehr moeglich; seine Wuerde als Abkoemmling so
tapferer Maenner liess einen solchen Rueckzug nicht zu, und was wuerden
seine Ulanen gesagt haben, wenn er so vom Kampfplatz sich weggestohlen
haette? Die naechste schickliche Gelegenheit musste entscheiden.

"Nun, Bruederchen," sagte ein anderer zum Rittmeister, "wir sind hier so
ziemlich unter uns;--gib weich, beichte uns ein wenig! Wie stehst du mit
der kleinen Praesidentin?" Der Rittmeister spielte von Anfang den Zarten,
Zurueckhaltenden; endlich aber auf vieles Zureden gab er wirklich weich
und --ruehmte sich heimlich von ihr erhaltener Beguenstigungen, die
Emils Blut zu Eis erstarren liessen. Ploetzlich aber, wie eine
Erleuchtung von oben, trat ihm das Bild des unschuldigen, engelreinen
Kindes mit ihrem sanften Blick, mit ihrem keuschen, jungfraeulichen
Erroeten vor das Auge--Nein! nein! rief es mit tausend Stimmen in ihm,
es kann ja nicht wahr sein, so weit verfehlt sich der Himmel nicht,
dass er die heiligste Unschuld auf die Zuege einer Metze malte. Er
stand auf und stellte sich dicht vor den Rittmeister. "Von wem sprechen
Sie da, mein Herr?" fragte er ihn. Der Rittmeister konnte sich nichts
Erwuenschteres denken, als dass endlich die Engelsgeduld von dem
zivilen Graefchen gewichen sei. Er wollte ihn mit _einem_ Blicke
einschuechtern und setzte daher an, die Augen recht an ihn hinrollen zu
lassen; da kam er aber an den Falschen.

Er begegnete einem jener Glutblicke, die dem Grafen so eigen waren;
Hoheit, Mut, Zorn--alles spruehte auf einmal wie mit einem Feuerstrom
aus diesen Augen auf ihn zu, dass er die seinigen betroffen
niederschlug. "Was faellt Ihnen ein? Was kuemmert Sie unser Gespraech?
Es ist hier niemand, der darnach zu fragen haette."

"Sie haben," fuhr der Graf mit grosser Maessigung fort, "Sie haben dem
ganzen Zimmer hier mit vernehmlicher Stimme Ihre Sottisen erzaehlt; es
hat also auch jeder das Recht, zu fragen, von wem Sie sprachen,
und _ich frage_ jetzt!"

"Mein Herr, das kommt mir schnackisch vor," lachte, der Rittmeister; "es
kann doch wahrhaftig jeder von seinem Schaetzchen reden, ohne dass ein
anderer sich dareinzulegen haette. Wenn Sie uebrigens durchaus uns mit
Ihrer Gesellschaft beehren wollen--Kellner, noch einen Kelch hierher
fuer den Herrn da!"

"Ist unnoetig," rief der Graf, "es ist mir durchaus nicht um Ihre werte
Gesellschaft zu tun, sondern nur die Frage, die ich an Sie tat, moechte
ich gerne beantwortet haben."

"Nun ja," schnarrte Sporeneck, "wenn Sie sich durchaus in meine
Herzensangelegenheiten mischen muessen, was ich uebrigens nicht sehr
delikat finde,--ich habe von Fraeulein Ida von Sanden, meiner
Nachbarin, gesprochen."

"Und von dieser Dame wagen Sie auf so freche Weise zu sprechen, wie Sie
vorhin taten?"

"Wer will es mir wehren?" lachte der Rittmeister und mass den Grafen von
oben bis unten, wobei er uebrigens sich huetete, seinem Auge zu begegnen.
"Wer will es mir wehren? Ein jeder kann zu seinem Heu Stroh sagen!"

"Sie beharren also auf dem, was Sie von der Dame aussagten!"

"Dame hin oder her," antwortete der Rittmeister, "Sie fangen an,
anmassend zu werden; ich werde vor Ihnen und zehn solcher--Polacken
behaupten, was ich sagte."

"Nun ja," sagte der Graf, indem er sich stolz aufrichtete und an die
uebrigen Offiziere, die bisher mit gespannter Aufmerksamkeit zugehoert
hatten, wie der Graf geschraubt wuerde, sich wandte, "nun ja, so, muss
ich nur _Sie_ bedauern, meine Herren, dass Sie sich auf diese Art
unterhalten lassen von diesem erbaermlichen Luegner."

"Donner und alle Teufel!" fuhr der Rittmeister auf, "wie kommen Sie mir
vor, Herr! Ich glaube, Sie haben Platz zwischen den Rippen fuer blaue
Bohnen."

"Tun Sie, was Ihnen beliebt," sagte der Graf, "ich wohne hier und bin auf
Nr. 2 zu finden." Er ging, der alte Theresienritter mit ihm. "Das ist
spassig," lachte der Rittmeister, obgleich es ihm nicht recht frei von
der Brust wegging, "das ist spassig, dass ich in Freilingen einen kleinen
Gang zu machen habe!"

Die Dragoner sassen noch ganz verdutzt ueber den schnellen Ausgang der
Schrauberei. "Hol' mich der Teufel" sagte ein alter Leutnant, "das
Kerlchen nahm sich doch so uebel nicht bei der Sache; er hat einen
verfluchten Anstand, und es ist, als waere er schon mehr dabei gewesen!"

Man beriet sich jetzt, was zu tun sei; man verteilte die Rollen.
Schulderoff sollte des Rittmeisters Sekundant sein; den alten Leutnant
bestimmte man, Martiniz denselben Dienst zu leisten, wenn er nicht
sonstwo einen Sekundanten auftreiben koennte. Der Rittmeister zeigte
eine ungemeine, spassige Froehlichkeit, meinte, es muesse sich ganz
herrlich ausnehmen, wenn so ein Herrchen vom Zivil eine Pistole
losbrenne; den uebrigen war es uebrigens nicht so ganz wohl zu Mut;
das schnelle Ende des Streites hatte aus allen Koepfen den
Champagnerdampf weggeblasen, man dachte doch ernstlich an die Affaere,
und manchen wollte es beduenken, dass sie doch im heillosen Uebermut
herbeigefuehrt worden sei. Man aeusserte dies auch unverhohlen gegen
Sporeneck, und auch er schien so etwas zu denken; doch versteckte er
diese Gedanken hinter lustigem Lachen und beauftragte Schulderoff,
sogleich zum Grafen zu gehen, um die Sache ins reine zu bringen.
Nach einer Viertelstunde kam dieser wieder sehr ernst zurueck und
sagte: "Sporeneck, morgen frueh acht Uhr, auf Pistolen."

Diese lakonische Meldung machte einen ganz eigenen Eindruck auf die
Gesellschaft; es war allen, als sei doch etwas Ungerechtes vorgefallen,
und keinem war es recht behaglich, an morgen zu denken. Man bestuermte
Schulderoff mit Fragen, wie der Graf es aufgenommen, und dergleichen;
er erzaehlte:

"Die beiden Fremden seien in ziemlich ruhigem Gespraech miteinander im
Zimmer auf- und abgegangen, als er eingetreten sei. Sie haben ihn sehr
hoeflich und zuvorkommend empfangen, er aber habe seinen Auftrag
ausgerichtet und den Grafen zuerst gefragt, ob er seine Beleidigung
zuruecknehmen wolle. Dieser habe ganz ruhig mit 'Nein' geantwortet,
worauf er ihn gefordert; sie seien auf Pistolen einig geworden und
haben die Wiese hinter dem Gottesacker zum Kampfplatz ausgewaehlt.
Fuer einen Sekundanten lasse er danken; der alte Herr, der bei ihm
sei, werde ihm sekundieren." Der Rittmeister schien vor Freude
ausser sich zu sein, dass er seinem Rivalen mit guter Manier eins
auf den Pelz brennen koenne; er wollte mit dem Champagner weiter
machen, die nuechtern gewordenen Kameraden liessen es aber nicht
zu, baten ihn, auf morgen recht fest auszuschlafen, und versprachen,
um sieben Uhr allesamt bei Schulderoff zu fruehstuecken.

       *       *       *       *       *




NOCH EINMAL ZIEHT ER VOR DES LIEBCHENS HAUS.

Als Ida am Morgen, der zu dem Duell festgesetzt war, kaum aufgestanden,
eben sich mit der Toilette beschaeftigte, hoerte sie Pferdegetrappel
gegenueber am Mond; sie trat ans Fenster und schob den Vorhang ein wenig
zurueck. Es standen drei Pferde vor dem Wirtshaus, wovon sie das eine
bestimmt fuer das von Martiniz erkannte. "Wo er nur hinreiten mag an
diesem kalten Tag, ob er--" der Gedanke an eine ploetzliche Abreise
ohne Abschied durchblitzte sie, dass ihr die hellen Perlen in den
zarten Wimpern hingen. Doch sie hatte ja darueber einen Trost, der
sie zugleich tief betruebte; die Graefin war ja noch hier, sie wusste
nichts von seiner Abreise; er konnte also doch nicht so schnell reisen.
Endlich glaubte sie Emils Stimme aus dem Torweg herauf zu hoeren:
"Adieu, Madame, adieu!" galt offenbar der Mondwirtin; o wie gerne
waere sie in diesem Augenblicke die Ehehaelfte des Mondwirts gewesen,
um ihn zu sehen und das freundliche Adieu von seinen Lippen zu hoeren!

Der alte Brktzwisl, die gute, treue Seele, sprang hervor, ergriff den
Zuegel von Martiniz' Pferd und stellte ihn zum Aufsitzen zurecht; jetzt
kam Mart-- nein, ein Offizier in fremder glaenzender Uniform. Jetzt kam
auch der alte Herr von Ladenstein, der sie gestern so trefflich
unterhalten hatte; wo blieb aber nur Emil? Der alte Herr, heute mit
vielen Orden behaengt, schwingt sich auf sein Pferd; jetzt auch der
Offizier. "Eine schoene, geschmackvolle Uniform;" dachte Ida; wenn
sie nicht irrte, eine polnische oder russische, vielleicht ein
Bekannter von Martiniz; aber die Gestalt kam ihr so bekannt vor; wie?
sollte etwa Em-- doch nein, er war ja nicht Soldat und trug auch keinen
Orden, und diesem glaenzte der Wladimir in Diamanten auf der Brust--wenn
er--eine kleine Neugierde ist ja verzeihlich--wenn er doch nur den
hohen Ulanen-Kalpak ein wenig hintersetzte, dass sie sein Gesicht sehen
koennte.

Jetzt war alles in Richtigkeit, der alte Herr schaute am Haus herauf und
stiess den Offizier an; er richtete das Haupt auf, er sah herauf--es war
Emil von Martiniz.

Wie schoen, wie goetterschoen war dieser Mann! Wie herrlich kleidete ihn
die Uniform! Wie hingegossen sass er auf seinem stolzen Ross; die
dunkeln Locken stahlen sich unter dem Sturmband des Tschapkas hervor und
beschatteten die blendend weisse Stirne; das dunkle Auge voll hohen
Ausdrucks hatte heut eine Bedeutung, die sie beinahe noch nie an
ihm gesehen; stolz und frei, als wollte es in einem Blick eine Welt
ermessen, schweifte es her und hin; er klopfte den zierlichen,
schlankgebogenen Hals des schoenen Tieres, das er ritt, er sah so
kampflustig, so mutig aus, als halte er an der Seite seiner Ulanen und
es werde in schmetternden Toenen Marsch, Marsch! geblasen; sie konnte
nicht mehr anders, sie dachte nicht mehr an ihr Neglige--sie oeffnete
das Fenster und sah heraus. Man konnte nichts Schoeneres sehen als das
Maedchen, wie es hier im Fenster stand. Die Aeuglein sahen so klar und
freundlich aus dem Koepfchen, die Baeckchen von der kalten Morgenluft
geroetet, das Maeulchen so suess und kusslich, um das feine, liebe
Gesichtchen ein zartes, reinliches Nachthaeubchen, der Hals frei und
dann ein Spenzerchen, so weiss wie frischgefallener Schnee, ueber
Nacken und Brust herab. Tausend Loeckchen und Straenge, die, vom
mutwilligen Morpheus entfesselt, unter dem Haeubchen sich
durchgestohlen hatten--das ganze Wunderkind sah aus wie ein suesser
Morgentraum--

Noch einmal sah der Graf nach diesem Engelsbild herauf: das in der
Glorie der jungfraeulichen Unschuld, mit der Wehmut gekraenkter und
doch verzeihender Liebe zu ihm herabsah--noch einmal, vielleicht das
letzte Mal hienieden, warf er einen seiner Feuerblicke zu ihr hinauf,
und eine Traene blitzte in seinem Auge; jetzt aber stiess er seinem
Pferde beide Sporen in den Leib, dass es wuterfuellt kerzengerade
aufstand; unwillkuerlich bog sich seine Hand nach dem Mund, er warf
ihr einen herzlichen Kuss zu: "_Adieu mon coeur_!" rief er, und dahin
flogen die Reiter; in einem Augenblicke war nichts mehr von ihnen zu
sehen.

 "Was war das? Wem galt das?" fragte sich Ida, als sie sich ein wenig von
ihrem Staunen erholt hatte. Er sah so zaertlich herauf--er warf einen Kuss
herauf--wem flog er zu? Ihr oder der Grae-- konnte diese nicht auch im
Fenster gestanden sein? Konnte er nicht ihr den Kuss zugeworfen--Sie musste
Gewissheit haben; sie schickte schnell hinab, zu fragen, ob die Graefin
schon aufgestanden sei.--Exzellenz lagen noch schuhtief in den Federn und
schliefen. "Also mir, mir,--" laechelte das stillselige Maedchen vor sich
hin, schaute hinaus und zehnmal wieder hinaus nach dem Fleckchen Erde, wo
er gehalten, wo er ihr seinen Gruss, seinen Kuss zugewinkt hatte. Aber wie,
konnte er nicht nach der Graefin Fenster gewinkt haben? Konnte er nicht ihr
seinen Kuss geschickt haben, nur um sie, die er doch gesehen haben musste,
zu kraenken? Doch nein; _ihr_ hatte ja sein Blick gegolten, sie hatte tief
in seine dunkeln Liebessterne hineingeschaut, nach ihrem Fenster hatte er
gegruesst, sie, sie war die Glueckliche; wie weit er sich auch verirrt
hatte, sie fuehlte, dass sein besserer Sinn ihn dennoch zu seiner Ida zog.

Jetzt versank sie in angenehme Traeume; sie wiederholte sich, wie
engelhuebsch er ausgesehen habe! Sie nahm sich vor, wenn sie wieder recht
gut miteinander waeren, ihn recht auszuschmaelen, dass er sich nie vor
ihr in der Kleidung hatte sehen lassen, die ihm so wunderschoen stand. So
traeumte sie, das liebliche braeutliche Maedchen; sie ahnte nicht, welchen
gefaehrlichen Gang der Geliebte ging und dass die Parze so schnell den
Faden ihres Gluecks zerreissen koenne, dass dann das Herz, an dem sie so
gerne ruhte, fuer immer ausgeschlagen haben wuerde, dass die kuehnen,
liebespruehenden Augen schnell sich zu jenem eisernen Schlummer
schliessen koennten, aus welchem auch die suesseste Stimme, das
zaertlichste Klagen der Liebe nicht aufweckt.

       *       *       *       *       *




DAS DUELL

Vor der Stadt hatten die drei Reiter ihre Pferde angehalten und liessen sie
jetzt im Schritt dem bestimmten Ort zugehen; sie schwiegen eine Zeitlang,
und jeder schien seinen besondern Gedanken nachzuhaengen. Emils Brust
erfuellte die Qual aller Zweifel an Ida. Es war ihm da einmal, als stehe
sie, wie er sie eben gesehen hatte, in blendend reiner Unschuld vor ihm
und fluesterte ihm mit sanfter Stimme Vorwuerfe zu, dass er auch nur einen
Augenblick habe an ihr zweifeln koennen; dann kamen wieder alle Qualen der
Eifersucht ueber ihn; er wiederholte sich alles, was er zwischen ihr und
Sporeneck bemerkt hatte, und das Billett von gestern--"Nein! _Sie ist
schuldig_," rief er laut und unmutig. Gestern abend naemlich, als
Schulderoff sie verlassen hatte, war Brktzwisl gekommen und hatte einen
kleinen Zettel gebracht, der wahrscheinlich dem Rittmeister entfallen
sein muesse. Er war offen, Emil konnte sich nicht enthalten, einen Blick
hineinzuwerfen, und ward weiss wie die Wand. Schweigend reichte er
Ladenstein das Billett, und dieser las:

"Du musst noch das Strumpfband haben, das Du mir letzthin mutwilligerweise
abgebunden hast; ich brauche es notwendig; ist Dir uebrigens an einem
Zeichen Deiner Dame gelegen, so kannst Du etwas anderes haben. Willst Du
eine Busenschleife? Willst Du ein Schnuerband von meinem Korsettchen?"

"Das ist freilich stark," hatte Ladenstein gesagt, nachdem er gelesen,
"kennst Du die Handschrift?"--"Von wem soll es sein als von ihr, die mich
um mein Lebensglueck betrogen? Haette ich den Wisch da um eine Stunde
frueher gehabt, ich haette den Rittmeister wahrhaftig nicht getadelt,
dass er von seinem zaertlichen Liebchen so ausdrucksvoll sprach!"

"Kennst du Idas Handschrift?" fragte der alte Herr noch einmal. "Es
kommt hiebei sehr viel darauf an, dass du sie genau kennst."

Emil musste gestehen, dass er noch nichts von Idas Hand gesehen; es
koenne es ja aber doch gar niemand anders geschrieben haben; denn die
Adresse lautete ja an Herrn von Sporeneck. Der alte Herr hatte den
Kopf dazu geschuettelt und gesagt, dass dieses Billett der ganzen
Sache eine andere Wendung geben koennte; jetzt sei er aber schon einmal
gefordert, und darum koenne vor Ausgang des Duells nicht mehr davon
gesprochen werden; nachher werde sich vielleicht manches aufklaeren.
Dieses Billett war nun auch auf dem Wege zum Kampfplatz Emil in den
Sinn gekommen und hatte ihm jenen lauten Ausruf: "Sie ist dennoch
schuldig," entlockt.

Der Alte reichte ihm die Hand hinueber und sagte freundlich ernst:
"Urteile nicht zu fruehe! Du gehst einen gefaehrlichen Weg, nimm nicht
die Schuld mit dir, ungehoert verdammt zu haben. Du bist der letzte
Martiniz. Schlaegt eine Kugel hier unter den Wladimir, so ist es vorbei
mit dir und dem Heldenstamm, dessen Namen du traegst. Du schlaegst dich
fuer die Ehre einer Dame; so lange du fuer sie kaempfst, darfst du
nicht an ihrer Tugend zweifeln, sonst ist deine Sache nicht gut. Denke
dir: das Maedchen, so hold und engelrein, wie du sie sahst, als wir zu
Pferde stiegen, wie du ihr, von ihrem heiligen Anblick uebermannt,
dein zaertliches Lebewohl zuriefst--und du wirst freudiger streiten."

Emil hoerte nur mit halbem Ohr; seine ganze Aufmerksamkeit war auf den
Platz gerichtet, dem sie sich nahten. Sie bogen um die Ecke der Mauer
des Gottesackers. Sein Gegner war schon auf dem Platz; er nahm sein
Ross zusammen und sprengte majestaetisch im kurzen Galopp an.

Sporeneck und sein Begleiter waren auf einem andern Weg herausgeritten und
hatten auf der Wiese den Grafen erwartet. Sie hatten ihre besten Uniformen
angezogen, alles gewichst und gebuerstet, als ginge es zur Hochzeit; denn
sie wollten dem Grafen und seinem Begleiter durch Glanz und militaerische
Wuerde imponieren. Wer beschreibt ihr Erstaunen, als sie den
strahlenblitzenden, in den schoensten Farben schimmernden Ulanen
ansprengen sahen? Sie trauten ihren Augen kaum, wie gewandt, wie flink
das zivile Graefchen vom Sattel sprang, mit welchem Anstand er die
Zuegel seinem Diener zuwarf, sich dann zu ihnen wandte und seine
Honneurs machte. Die Diamanten des Wladimir, der goldene, vom Vater
ererbte Ehrensaebel glaenzten im Morgenrot; der ganze Mann hatte
etwas Gewaltiges, Gebietendes, Koenigliches, das sie beinahe mit
Ehrfurcht bewunderten.

"Alle Teufel, wer haette das gedacht?" fluesterte Sporeneck. "Haette ich
das gewusst--weiss Gott, die Uniform der polnischen Garde, wo jeder
Rittmeister fuer einen Obersten in der Linie zieht! Nein, wenn ich
gewusst haette, dass er Soldat ist, dann waere es wohl etwas anderes
gewesen."

"Und alle Wetter," fuhr ein anderer fort, "sieh nur den alten Graukopf,
wie der behaengt ist, eins--zwei--drei--sieben Orden hat das Kerlchen
und noch obendrein einen Stern! Siehe, des Theresienkreuz--und weiss
Gott, den Kommandeur der Ehrenlegion! Das muss ein fixer Kerl sein."

Der alte bekreuzte und besternte Herr nahte sich Schulderoff, zog ganz
gelassen und kaltbluetig eine reich mit Brillanten besetzte Uhr heraus.
"Herr Kamerad," sprach er, "wenn's gefaellig ist!"

Dieser hatte sich von seinem Staunen kaum erholt. Er hatte die Aeusserung
des Rittmeisters gehoert, dass, wenn er gewusst haette, dass der Graf
Soldat waere, er die Sache vielleicht nicht so weit getrieben haette.
Er versuchte daher noch einmal mit dem alten Herrn zu parlamentieren.
Doch die Unterhandlungen zerschlugen sich an dem harten Sinn des Grafen;
man mass die Schritte ab, man schuettete frisches Pulver auf die
Pfannen--fertig!

Sporeneck hatte den ersten Schuss. "Nun, wenn es denn einmal sein muss,"
sagte er, drueckte ab und--den Kalpak riss es dem Grafen von dem Kopf;
mitten durch war die Kugel gegangen; er stand unverletzt. Ein
sonderbares Feuer spruehte aus seinem Auge, als er jetzt die Pistole
aufnahm. Es war ihm, als stehe Antonios blutende Gestalt vor dem
Rittmeister und wehre ihm ab; zweimal setzte er an, zweimal liess
er das Pistol wieder sinken. Da rief der Rittmeister mit bitterem
Lachen: "Wird's bald, Herr Kamerad?" Und in demselben Augenblicke
krachte es; Sporeneck schwankte und fiel.

Er hatte genug; gerade unter der Brust hatte die Kugel durchgeschlagen. Der
Regimentsarzt der Dragoner machte ein bedenkliches Gesicht und gab wenig
Hoffnung. Man brachte ihn in die Wohnung eines der Offiziere, der vor der
Stadt wohnte. In tiefem Ernst, schweigend ritt der Graf und sein Begleiter
zur Stadt zurueck.

       *       *       *       *       *




FINGERZEIG DES SCHICKSALS.

Die Dragoner waren seit der Entdeckung, dass der Graf Offizier sei, die
Artigkeit selbst. Alle Stunden kam einer, um zu rapportieren, wie der
Verwundete sich befinde. Aus ihren Reden, die sie hie und da ueber die
Geschichte fallen liessen, wurde man zwar nicht ganz klug; aber so viel
merkte Martiniz und der alte Herr, dass der Rittmeister, indem er sich
geheimer, von Ida erhaltener Beguenstigungen ruehmte, gewaltig gelogen
habe. Von dem Duell war uebrigens bis jetzt noch nirgends etwas bekannt
geworden. Den Reitknecht des Rittmeisters hielt man in dem Haus vor dem
Tore fest, dass nicht etwa durch ihn etwas auskaeme; die uebrigen
hatten sich das Ehrenwort gegeben, nichts zu verraten.

Mehr denn achtmal war die Kammerzofe der Graefin im Mond gewesen und hatte
heimlich nach dem Rittmeister gefragt und allemal den Bescheid erhalten,
er sei auf der Jagd. Endlich kam auch, wahrscheinlich auf der Graefin
Anstiften, ein Diener von Praesidents, um den Grafen zu bitten, nachmittags
hinueber zu kommen. Er schlug es ab; denn er war noch zu aufgeregt von dem
blutigen Morgen, als dass er mit der Graefin, die ohnehin ihn immer sehr
langweilte, haette konversieren moegen.

Endlich, als es schon Abend war, kam Schulderoff, der jetzt auch wie ein
umgekehrter Handschuh war, und brachte bessere Nachricht. Man hatte die
Kugel herausgenommen, die Aerzte behaupteten, es sei kein edlerer Teil
verletzt. Zugleich lud er den Grafen und Herrn von Ladenstein ein, mit
ihm zu gehen und den Kranken, dem es gewiss Freude machen wuerde, zu
besuchen. Sie gingen mit.

In einem der letzten Haeuser der Vorstadt lag der Rittmeister. Als die
beiden Fremden mit Schulderoff die Treppe hinaufkamen, gerieten die
uebrigen Offiziere augenscheinlich in einige Verlegenheit. Sie
fluesterten etwas mit Schulderoff, das ungefaehr lautete, als sei der
Kranke nicht recht bei sich und phantasiere allerhand verwirrtes Zeug,
das nicht wohl fuer einen Fremden geeignet sei. Leutnant Schulderoff
besann sich aber nicht lange. Er erklaerte, dass er es auf die Gefahr
hin, seinen Freund zu beleidigen, ueber sich nehmen wolle, die
Fremden einzufuehren, weil der Kranke es vor einer Stunde selbst
noch gewuenscht habe.

Sie traten ein. Der Rittmeister war sehr bleich, sonst aber nicht
entstellt, nur dass sein Auge unstet umherirrte. Sie hatten ausgemacht,
dass zuerst Ladenstein ans Bett treten solle, um zu probieren, ob ihn
der Kranke erkenne. Es geschah so. Sporeneck sah ihn lange an und
fasste dann hastig seine Hand: "Ach, sind Sie es, Herr Geheimrat
von Sorben?" rief er. "Was schreibt der Alte aus Polen? Darf der
Graf die Aarstein heiraten?"

Die Anwesenden waren alle hoechst betreten, als der Verwundete so aus
der Schule schwatzte. Schulderoff gab dem alten Herrn zu verstehen, es
moechte doch vielleicht besser sein, wenn er zu einer andern Zeit
wiederkaeme. Es scheine, der Kranke erhitze sich zu sehr. Der alte
Herr schien es aber nicht verstehen zu wollen. Sein Auge nahm einen
sonderbaren Ausdruck von forschendem Ernst an, der den Leutnant
unwillkuerlich zum Schweigen brachte. Der Kranke aber fuhr fort:
"Lass dich nicht von diesem da forttreiben, lieber Sorben, du kannst
mir jetzt einen grossen Dienst erweisen. In meinem Zimmer ist ein
Koffer, in diesem eine Kassette; lass dir von Schulderoff die
Schluessel geben und schliess auf! Dort findest du ein Strumpfband mit
goldenem Schloss--" er hielt inne, als ob er nachsaenne; der Graf aber
trat in der hoechsten Spannung naeher, um jedes Woertchen zu
verschlingen, das er sprechen wuerde,--"und richtig, _Honny soit qui
mal y pense_ ist drauf gestickt: Das bringst Du der Graefin, sie hat
den Kameraden dazu am linken Bein, und sagst, das sei das Band, um
welches sie mir geschrieben habe, ich koenne heute nicht selbst kommen.
Ja--und weiter sage ihr, mit der Ida sei es nichts, ich habe es satt,
dem sproeden Ding die Cour zu schneiden, nur um das Graefchen
eifersuechtig--ja, halt, bei dem Grafen faellt mir ein--sage
ihr, den Grafen soll sie mir in Ruhe lassen, er sei kein Ofenhocker,
sondern ein braver Soldat, und wenn sie ihm ferner noch was anhaben
wolle, so habe sie es mit mir zu tun."

Erschoepft sank er auf die Kissen zurueck, als er so gesprochen hatte.
Schulderoff stand in einer Ecke und schalt sich selbst aus, so toericht
gehandelt und die Fremden in diesem kritischen Momente zu dem Rittmeister
gefuehrt zu haben. Gern haette er in seinem Unmut den beiden etwas Hartes
gesagt; aber der Graf hatte ihm durch sein Betragen und seinen Stand, der
alte Herr durch seine vielen und bedeutenden Ordenszeichen so imponiert,
dass er nicht wagte, sich ihnen anders als mit der zuvorkommendsten
Hoeflichkeit zu nahen. Die uebrigen Dragoner waren aber von beiden ganz
entzueckt. In des Grafen Uniform verliebten sie sich ganz und gar, und wie
geehrt und gehoben fuehlten sie sich, dass ein Kommandeur der Ehrenlegion,
ein alter Ritter des Theresienordens, sie mit der groessten Freundlichkeit
"Herr Kamerad" titulierte.

Es dauerte aber keine fuenf Minuten, so war auch Schulderoff ganz von
dem Alten gewonnen. Dieser fuehrte ihn naemlich in eine Ecke und machte
ihm unter der Bedingung, dass er es nicht als Kraenkung aufnehme, die
Proposition, ob er nicht fuer den Rittmeister, der jetzt doch so
entfernt vom Haus sei, ein kleines Anlehen von ihm annehmen wolle.

"Lieber Gott," sagte er, "ich weiss, wie es in der Garnison ist, habe
auch lange gedient; mit dem besten Willen bringt man es selten so weit,
dass man immer einen grossen Notpfennig in Bereitschaft hat. Einer muss
immer dem andern aushelfen, und da ich jetzt gleichsam auch hier in
Garnison liege, Herr Kamerad--ich denke, wir koennten darueber einig
sein."

Der herzliche Ton, mit welchem dies Anerbieten gemacht wurde, ruehrte
den Leutnant zu Traenen; es konnte ihm nichts mehr zustatten kommen
als ein solches Anlehen; er hatte kein Geld, die Mama hatte kein Geld,
die Kameraden hatten auch kein Geld, und er waere am Ende genoetigt
gewesen, sich an die Graefin zu wenden, und doch war ihm diese in der
tiefsten Seele zuwider; lieber haette er sein Pferd verkauft--da kam
ihm nun das Anerbieten des alten Kameraden sehr erwuenscht; es war so
natuerlich und ehrenvoll angetragen, dass er ohne Bedenken einschlug,
und von dieser Stunde an waere er, und wenn ihn Frau Mama, Fraeulein
Sorben, die Graefin und alle Hoellengeister am Kollet gepackt haetten,
fuer die beiden Fremden durchs Feuer gegangen.

       *       *       *       *       *




LICHT IN DER FINSTERNIS.

"Nun, was sagst du zu dieser Geschichte?" sprach der alte Herr zu
Martiniz, als sie wieder in ihrem Zimmer waren. "Was sagst du zu der
schoenen Strumpfbandgeschichte?" "Nun, was werde ich dazu sagen!"
antwortete Emil nachdenklich--"dass er mit der Graefin in einem sehr
unanstaendigen Verhaeltnis steht. Aber erklaeren Sie mir nur, was
plauderte er nur von einem alten Sorben und von einem Grafen, der die
Graefin Aarstein heiraten solle?"

"Das will ich dir schwarz auf weiss zeigen," sagte jener und zog einen
Pack Briefe hervor, den er Emil zur Durchsicht gab. Es waren jene
Briefe, welche der alte Sorben an den aelteren Grafen Martiniz
geschrieben hatte, um womoeglich eine Heirat zwischen Emil und der
Aarstein zu bewirken. Immer eifriger las Emil, immer zorniger und
duesterer wurden seine Zuege; der alte Herr ging indessen auf und ab
und betrachtete den Lesenden. Endlich sprang dieser auf und rief: "Nein,
das ist zu arg! Das ist nicht auszuhalten! Mit mir ein solches Spiel
spielen zu wollen! Was sagen Sie zu diesen Briefen? Wie reimen Sie
dies alles zusammen?"

Der alte Herr setzte sich zu Emil nieder, legte seine Hand zutraulich
auf seine Schulter und sprach: "Ich habe dir letzthin gesagt, dass ich
sechzig Jahre habe und du zwanzig, dass ich also auch manches kaelter
betrachte und darum schaerfer als du. Schon damals ahnte ich manches;
jetzt durch die Irrereden des Rittmeisters ist mir auf einmal alles
klar. Dass dich in diesen Briefen die Graefin durch den schlechten
Kerl, den alten Sorben, zu angeln sucht, siehst du wohl ein; sie hoert
nun durch Kundschafter, oder wie es sonst gegangen sein mag, du seiest
hier, und, wie du nicht leugnen kannst, in einem zaertlichen
Verhaeltnis mit Ida; dass der Graefin daran lag, dich oder vielmehr
dein Vermoegen nicht hinauszulassen, kannst du dir denken. Daher kam
sie eilends hieher, um dich zu erobern; dazu gehoerte aber auch, dass
sie Ida von deinem Herzen losriss, und wie konnte dies besser sein als
durch den Rittmeister? Wie dieser mit der Graefin stand, wissen wir aus
dem Strumpfbandbillett, das also von _ihr_ ist; wie er aber mit Idchen,
dem keuschen, reinen Engel, stand--und hat er sein ganzes Leben hindurch
gelogen, so war er wenigstens in seinem Wundfieber wahr--erinnerst du
dich, dass er mir auftrug, der Graefin zu sagen, dass mit dem sproeden
Maedchen nichts anzufangen sei? Da hast du jetzt den ganzen Plan,
Freundchen; so und nicht anders verhalten sich die Sachen. Was sagst
du nun dazu?"

Ganz versunken in Schmerz und Wehmut sass der Graf neben ihm. Er hatte
sein Gesicht in das Taschentuch gedrueckt und weinte heftig. "O Ida,
wie tief habe ich dich beleidigt!" fluesterte er. "Was war ich fuer
ein Tor, wie war ich so stockblind, um nicht gleich alles einzusehen!
Wie war ich so grausam und konnte das gute, sanfte Engelskind, das
mir so gut war, das mich so lieb hatte, so tief kraenken und
beleidigen!"

Dem alten Herrn wurde angst und bange, Emil moechte, wenn die Reue sein
Gemuet zu sehr angreife, wieder in seinen Wahnsinn verfallen, aus welchem
ihn das Maedchen so wundervoll errettet hatte. "So lange man lebt, kann
man alles wieder gut machen," sagte er zu dem Weinenden, "und namentlich
ist nichts leichter zu schlichten als kleine Katzbalgereien unter
Liebenden. Sei darum getrost und glaube, es wird sich alles noch gut
machen!" Und nun setzte er dem Grafen auseinander, dass er sich so bald
als moeglich mit seinem Maedchen versoehnen muesse; aber dabei duerfte
er nicht stehen bleiben; er zeigte ihm, wie viel er diesem Maedchen
schuldig sei, wie sie ihn zuerst mit der Welt wieder ausgesoehnt habe,
wie sie nachher, erhaben ueber alle moegliche falsche Deutung, jenes
unglueckbringende Gespenst seiner Phantasie entfernt, wie sie mit
unendlicher Freundschaft allem aufgeboten habe, ihn zu zerstreuen und
zu erheitern. "Wahrlich," schloss er, "diesem Maedchen bist du mehr
schuldig, als dass du ihr den argen Verdacht mit dem Rittmeister
abbittest--du bist, ich sage es offen, du bist ihr deine Hand schuldig,
so sehr sich auch," setzte er schalkhaft laechelnd hinzu, "so sehr sich
auch dein Herz dagegen straeuben mag!"

Es hat selten ein geistlicher Witwentroester, wenn er auch noch mit
zehnmal groesserer Salbung sprach, mit so grossem Effekt sein "Amen,
gehe hin und tue also!" gesagt, als der alte Herr auf dem Sofa neben
dem Grafen. Die Traenen waren schnell getrocknet von den gluehenden
Strahlen, die aus dem dunkeln Auge spruehten; ein holdes Laecheln
spielte um seinen Mund, das ganze Gesicht war anmutig verklaert, er
sprang auf, er ergriff die Haende des guten Alten und presste sie an
sein lautpochendes Herz, an die gluehenden Lippen. "O, wie Herrliches
verheissen Sie mir! Sie, Sie muntern mich dazu auf, wozu mich mein
Herz schon lange zog; o, wie kann ich Ihnen danken, mein vaeterlichen
Freund, mein guter, teurer O--" doch halt, beinahe haetten wir das
Inkognito des Herrn von Ladenstein gebrochen und Namen genannt und
Dinge geplaudert, die jetzt noch verschwiegen werden muessen. Der
alte Herr schloss Emil in die Arme und ging dann an die Tuere:
"Brktzwisl, alter Kerl, komm herein und teile die Freude deines Herrn;
er will Hochzeit machen, und das so bald als moeglich!"

Der alte Diener machte ein sauersuesses Gesicht, als ob er ein
Rhabarbertraenklein im Mund haette und sollte es als den trefflichsten
Xeres loben. "So--o?" sagte er, "nun, da muss ich ja gra--tulieren!"
"Nun wie, alter Kauz," sagte Ladenstein, "du scheinst dich nicht recht
zu freuen? Gefaellt dir denn die Braut nicht, die sich dein Herr
erlesen?"

"Nun," antwortete Brktzwisl, "sie ist schoen, die Frau Graefin--"

"Wer spricht denn von der Graefin?" sagte sein Herr, "Fraeulein Ida
meinen wir!"

"Was?" rief der alte Diener und gebaerdete sich wie wahnsinnig; denn
jetzt hatte er wirklich suessen Xeres im Mund. "Das Wunderengelskind?
Also hat Gott Ihr Herz gelenkt zum Guten? Fraeulein Ida soll meine
Frau Exzellenz werden? Hurra, das ist einmal schoen!"

Man musste seinem Jubel Einhalt tun; er waere sonst spornstreichs durch
die Strassen gerannt und haette die Nachricht an allen Ecken verkuendigt.
Das helle Wasser der Freude stand der alten, treuen Seele in den Augen;
er kuesste dem alten Herrn und dem Grafen die Roecke, und beiden war es
ein neuer schoener Beweis, wie das Maedchen Wunderhold alle Herzen
bezauberte; hatte sie ja doch, die holde Fruehlingssonne, den alten,
eingeschnurrten, winterlichen Eisbaeren aufgeweicht und zum tollenden
Kinde gemacht.

       *       *       *       *       *




REUE UND LIEBE.

"Und nun noch eine Bitte," sagte der glueckliche Graf zu seinem Retter
und Ratgeber; "jetzt noch eine Bitte! Ich habe dem armen Kind diese Tage
her so wehe getan; ich sah es ihr an, wie ich ihr Herzchen gebrochen
habe,--lassen Sie es mich heute noch gut machen!"

Der alte Herr meinte zwar, es moechte heute schon zu spaet sein, und er
solle seine Ungeduld bis morgen zuegeln; aber der Graf bat immer
dringender. "Kann ich es dulden, dass sie noch eine Nacht mir boese ist,
dass sie auch nur noch eine Traene ueber mich weint? Nein, heute abend
noch bitte ich ihr ab, was ich gefrevelt habe; aber in dem Salon, wo
die Graefin, die an allem Unheil ganz allein schuldig ist, auf mich
lauert, macht sich eine solche Versoehnung nicht gut. Sie muessen mir
schon dazu helfen. Gehen Sie hinueber! Wenn ich nicht irre, hat Ida
versprochen, Ihnen ihre Zeichnungen zu zeigen. Ich schleiche nach, wenn
sie mit Ihnen hinaus geht, und vor Ihnen habe ich mich ja nicht zu
genieren."

"Will dir auch den Platz ganz und gar nicht versperren. Nun, in Gottes
Namen, komm!--wenn so ein Herzchen von vierundzwanzig Jahren siedet und
haemmert, da hilft es nichts mehr, zu raten und zu predigen. Das
Hammerwerk geht fort, ob so ein alter Meister Dietrich 'halt' sagt
oder nicht. Aber das sage ich dir: den fatalen Frack da ausgezogen
und dein Kollett an, den Familienehrensaebel umgehaengt, dass du auch
etwas gleichsiehst! darfst dich weiss Gott, vor Koenig und Kaiser
darin sehen lassen; darum tritt als Soldat auf, wenn du dein Maedchen
zum ersten Male ans Herz drueckst!"

"Zum erstenmal ist es nun nicht," lachte der Graf, indem er den goldenen
Saebel umschnallte; "aber leider war die erste Umarmung gleichsam das
unterbrochene Opferfest unserer Liebe; denn die Graefin kam dazwischen,
als ich schon den Mund zum ersten Kuesschen spitzte."

"Kamerad, das hast du schlecht gemacht," belehrte ihn schmunzelnd der alte
Theresienritter; "wenn man einmal so weit ist, so muss ausgekuesst werden,
und wenn eine Kartaetschenkugel zwischendurch fahren wollte; so stand es
wenigstens im Reglement zu meiner Zeit; denn es ist in der Natur nichts
Schaedlicheres und Fuerchterlicheres als ein unterbrochener Kuss."

Der Graf versprach, folgsam zu sein und sich ein andermal streng an das
Reglement des alten Herrn zu halten.

In Praesidents Haus war man beim Tee versammelt, als der alte Herr von
Ladenstein hinueber kam. Die Graefin wollte ihn sogleich ins Gebet
nehmen und schmaelen, wo denn die Herren heute alle bleiben; er aber
gab ihr kurz zur Antwort, dass die Bewohner des Mondes und einige
andere Herren auf der Jagd gewesen seien. Sie fragte sehr witzig, ob
man doch keinen Bock geschossen habe, und wollte sterben vor Lachen
ueber ihr eigenes Bonmot. Der Alte aber dachte: "Lache du nur immer
zu; wenn du wuesstest, wie nahe dich der Bock angeht, der geschossen
worden ist, du wuerdest nicht lachen; doch wer zuletzt lacht, lacht
am besten!"

Er erinnerte Ida an ihr Versprechen, ihm ihre Zeichnungen und Malereien
zu zeigen. Sie nickte freundlich ein Ja und flog vor ihm die Treppe hinan,
dass er kaum folgen konnte. Es sah etwas kunterbunt in dem Zimmer aus,
das sie, weil sie der Graefin Platz machen musste, einstweilen bewohnte.
Sie entschuldigte sich daher bei dem alten Herrn. "Machen Sie doch nur
keinen falschen Schluss auf meine Ordnungsliebe, lieber Ladenstein,"
sagte sie; "aber die Graefin hat uns aus aller Ordnung herausgejagt,
und besonders mir kam sie gar nicht sehr geschickt; denn sie hat mich
aus meinen vier Waenden, die ich so huebsch eingerichtet hatte,
herausgejagt und nicht eher geruht, bis ich hier heraufzog."

"So, das hat die Graefin gewollt?" sagte der Alte, dem es immer klarer
aufging, dass jene ein falsches Spiel spiele; er schrieb es sich _ad
notam_, um den Grafen noch mehr zu ueberzeugen. Sie schloss jetzt ihre
Mappe auf und breitete ihren Schatz vor ihm aus. Der Alte vergass auf
einige Augenblicke, dass er ja dies alles nur als Vorwand gebrauchen
wollte; er war Kenner und ein wenig streng gegen die gewoehnlichen
Dilettantinnen in der Kunst; er konnte es nicht ausstehen, wenn man
die grellsten, fehlerhaftesten Zeichnungen, wenn sie nur von einer
schoenen Hand waren, "wunderschoen und genial gedacht" fand; er hatte
hundertmal gegen diese Allgemeinheit der Kunst geeifert, wodurch sie
endlich so gemein wuerde, dass ein jeder Sudler ein Raphael oder jede
Dame, die den Baumschlag ein wenig nachmachen konnte, ein Claude
Lorrain wuerde. Aber hier bekam er Respekt; da war nichts uebersudelt
oder schon als Skizze weggeworfen; nein, es war alles mit einem
Fleiss behandelt, mit einer Sorgfalt ausgefuehrt, die man leider
heutzutage selten mehr findet und die man gerade an den groessten
Kunstwerken alter Meister so hoch schaetzen muss.

Des Maedchens traenenschwere Miene, die seit einiger Zeit sie selten
verliess, heiterte sich unwillkuerlich auf, als sie sich von einem so
tiefen Kenner, als welcher der alte Herr sich zeigte, belobt, sogar
bewundert fand; er stiess auf Kartons, zu denen sie sich als
Urheberin bekannte, und sie waren alle meisterhaft; er wandte das
letzte Blatt in der Mappe um und hielt ueberrascht inne; sie wollte
ihm die Zeichnung entreissen, sie bat, sie flehte--es half nichts;
es war ein zu bedeutendes Aktenstueck, als dass er es haette
unbetrachtet aus den Haenden gelassen. Es stellte eine ihm
unbekannte Kirche vor, am Altar stand eine hohe, erhabene Figur--bei
Gott, bis zum Sprechen aehnlich--Emil; der tiefe, wehmuetige Ernst,
der sonst in seinen Zuegen lag, war herrlich aufgefasst und
wiedergegeben. Man fuerchtete, wenn man in diese Zuege sah, ein
namenloses Unglueck zu erfahren, das auf den feinen Lippen schwebte:
zur Seite standen zwei Maenner, wovon er nur den einen kannte, es war
der alte Brktzwisl; auch in diesem, nichts weniger als malerischen
Gesicht war die ehrliche Gutmuetigkeit, die innige, ergebungsvolle
Teilnahme an dem Schicksal seines Herrn trefflich ausgedrueckt;
weiter im Hintergrund sah man zwei Figuren, die, weil sie im Schatten
standen, kaum fluechtig angedeutet waren; doch glaubte er in der einen
die Zeichnerin selbst zu erkennen. An dem Bilde war ausser der
Aehnlichkeit der Gesichter und der gelungenen Anordnung der Gruppen
auch die Verteilung des Lichtes hoechst genial ausgefuehrt; es war
naemlich Nacht in der Kirche, und die Helle ging nur von einer truebe
brennenden Laterne aus, so dass nun die wunderherrlichen Licht- und
Schattenpartien, das Verschweben der Helle im Dunkel auf ergreifende
Weise angegeben war.

Die Zeichnung an sich haette seine innigste Bewunderung erregt; aber er
kannte auch gar wohl den Moment, der hier dargestellt war; er kannte die
Gestalt, die sich so bescheiden ins Dunkel gestellt hatte; es war die
Retterin seines geliebten Juenglings; geruehrt sah er zu ihr herab; auch
sie war tief ergriffen. War es der furchtbare Moment des Wahnsinns, wie
sie ihn erlebt und gesehen hatte, war es der Gedanke, dass der, den sie
rettete, der nachher, aufgeloest von Dankbarkeit, nur ihr gehoert hatte,
dass dieser auf die ersten Lockungen einer Kokette sie verlassen hatte?
--Sie stand, das holde Amorettenkoepfchen tief gesenkt, voll Wehmut da;
Traene um Traene stahl sich aus ihren Augen und rieselte ueber die
Wangen herab.

Er sah sie einige Augenblicke an und teilte stillschweigend ihren Kummer.
Doch er konnte ja alles gut machen, er konnte die Traenen in Laecheln
verwandeln. "Seien Sie nur ruhig, gutes herziges Kind; der tolle Patron da,
den Sie so gut getroffen haben, der soll Ihnen abbitten, soll alles wieder
gut machen."--

Sie sah fragend an ihm hinauf und schuettelte dann wehmuetig laechelnd das
Koepfchen, als wollte sie sagen: "Das ist jetzt alles vorbei und hat ein
Ende." Er aber liess sich nicht aus seinem Konzept bringen. "Wetten wir
diese Zeichnung," sagte er, "der undankbare Junker Obenhinaus muss heran
und muss wieder brav und mild sein und seine Ida lieb--"

Das Maedchen ward feuerrot. "Herr von Ladenstein," sagte sie, zwischen
Wehmut und Unmut kaempfend, "ich haette nicht geglaubt, dass Sie--"

"Nun, wenn Sie nicht glauben, so muss ich Ihnen den Glauben in die
Haende geben." Damit schritt er zur Tuere und riss sie auf.

       *       *       *       *       *




VERSOEHNTE LIEBE.

Das Maedchen war sprachlos vor Staunen; es wusste nicht, wie ihm geschah,
und traute seinen Augen nicht. In glaenzender Uniform, schoen und
freundlich wie der Tag, ganz hingegossen in reuevoller Zaertlichkeit
lag Emil vor ihr auf den Knien, hatte ihr Haendchen gefasst und presste
heisse, gluehende Kuesse der Liebe darauf, Sie wollte die Hand
zurueckziehen, sie zog ihn mit herauf, und ehe sie sich es recht
versah--doch das konnte man doch nicht sagen--sie sah sich mit einem
blitzschnellen Viertelsseitenblickchen nach Ladenstein um; doch der
schien gar nicht auf sie beide zu achten; denn er schaute unverwandt
durch die Scheiben in die Nacht hinaus--also ehe sie sich kaum recht
versah, lag sie in des Grafen Armen, fuehlte sie seine Lippen auf
ihren Lippen und--"_Solch_ ein Kuss, das ist ein Kuss!"

Und nun bat der arme Suender um Verzeihung; er sagte ihr, wie ihn die
Graefin so eifersuechtig gemacht hatte, wie er geglaubt habe, der
Rittmeister mache aeltere Rechte geltend, wie er in der Verzweiflung
der Graefin die Cour gemacht, wie er--nun, er hatte sich stark
versuendigt, aber sie liess ihn nicht weiter reden; mit dem ersten
Wort seiner Reue war ja auch ihr Kummer verschwunden. Sie legte ihm das
weiche, zarte Flaumenhaendchen auf den Mund und wisperte ihm erroetend
zu, dass sie alles vergeben und vergessen wolle; und jetzt ging es
von neuem los. Da wollte er erstens ein kleines Kuesschen zum Zeichen
der Vergebung, dann den groesseren Versoehnungskuss, dann einen langen
dito, dass sie ihm nimmer boes sei, dann einen noch laengeren, dass sie
ganz gewiss nimmer zuerne, dann den ganz ellenlangen zur Erlaubnis,
dass er morgen zum Papa gehe und um sie anhalte.

"Aber Kinder, es wird spaet," sprach endlich schon zum drittenmal der
alte Herr und tippte Ida auf das Aermchen, das den reuevollen Geliebten
umschlungen hielt, dass sie erschrocken und ueber und ueber bepurpurt
aufsprang und nicht wusste, wohin sie sehen sollte; denn an diesen
Zeugen hatte sie in ihrer Seligkeit gar nicht mehr gedacht.--"Kinder,
es wird spaet, und die Bilder koennten alle schon zehnmal gezeigt sein;
wir muessen hinunter zur Gesellschaft."

"Nur ich nicht," bat Martiniz; "mir graut, vom Himmel, in dem ich war,
herabzusteigen in einen nuechternen irdischen Tee."

Es wurde ihm zugestanden, aber unter der Bedingung, dass er morgen recht
bald kommen solle. Ladenstein versprach, ihn selbst hinueber zu spedieren,
und trieb immer wieder zum Aufbruch. Nun, so unbarmherzig konnte er doch
nicht sein, den allereinzigen Gutenachtkuss musste er gestatten. Er
wuerde in zwoelf kleine Portionen verteilt und nach alter Vorschrift
eingegeben, und jetzt endlich trennte man sich.

Idchen war es ganz schwindlig zu Mut; tausend Gedanken stiegen in ihr auf
und nieder; sie hatten gar nicht alle recht Platz in dem Koepfchen und
draengten und trieben sich daher wirbelnd um und um. Nur _eines_ war ihr
recht klar und deutlich, dass sie recht gluecklich, unendlich glueckselig
sei, dass er sie gek-- Sie erroetete vor dem Gedanken, und dennoch
spitzte sie das Maeulchen und probierte es noch einmal im Geiste, wie
sie es gemacht hatten, dass es so wundersuess schmeckte.

Nein, so ging es nicht, sie musste sich zusammennehmen, ehe sie zur
Gesellschaft ging; es war ihr, als sollte sie allen Menschen um den Hals
fallen und ihnen ihr stilles Glueck verkuenden. So ging es nicht, da
musste man es gleich merken; sie stellte sich vor den deckenhohen
Spiegel und probierte recht ernsthafte oder gleichgueltige Gesichter;
aber sie mochte es machen, wie sie wollte, immer guckte wieder ein
lustige Koepfchen mit einem spitzigen Maeulchen aus dem reinen, hellen
Glas. Endlich schalt sie sich selbst recht aus, nannte sich einen
Kindskopf, einen Wildfang und alles moegliche, und siehe, da ging
es endlich; mit dem gleichgueltigsten Gesicht von der Welt trat sie
wieder ins Zimmer und behielt zu ihrer eigenen Verwunderung die
gleichgueltige Miene, bis man sich verabschiedete.

Doch nein, einmal waere sie beinahe herausgeplatzt, und sie hatte zu
beissen und zu schlucken, dass kein Kichern hervorkam.

Die Graefin beklagte sich noch einmal gegen die Sorben, die jetzt ihre
Gesellschaftsdame spielte, dass der Graf heute sich gar nicht habe sehen
lassen. "Das verzeihe ich ihm in den naechsten zwei Tagen nicht," setzte
sie prezioes hinzu, indem sie die arme Ida dabei fixierte und dachte: "Die
verberstet vor Neid," waehrend es nur unterdruecktes Lachen war, was dem
lustigen Amorettenkoepfchen um die Lippen zuckte,--"wenn er morgen frueh
mich zu besuchen kommt, wird er nicht angenommen, nachmittags--nicht
angenommen, und abends--nun, da will ich ihm ein so saures Gesicht
machen, dass er nicht mehr daran denkt, uns einen ganzen Tag zu
negligieren."

"Der arme Graf, wie ihn das mitnehmen wird!" laechelte Fraeulein von
Sorben mit einem schadenfrohen Blick auf Ida.

"Der arme Graf," dachte sie und lachte still in sich hinein; sie konnte
sich denken, wie arg dieser schreckliche Vorsatz ihn angreifen werde.

       *       *       *       *       *




DIE FREIWERBER

Schon seit einer langen halben Stunde hatte am andern Morgen Ida an ihrem
Fenster gelauscht. Um neun Uhr, ehe der Vater in die Session ginge, hatte
Martiniz kommen wollen, um mit ihm zu sprechen; es war ein Viertel, er kam
noch nicht. Dass der Vater ihn erwarten wuerde, wusste sie wohl; denn der
Graf hatte sich anmelden lassen; aber sie fuerchtete, der Praesident
moechte uebler Laune werden, wenn er so lange warten muesse. Ihr Herzchen
pochte so ungeduldig, alle Augenblicke wechselte das Rot auf ihren
Wangen, der braeutliche Busen flog auf und nieder voll banger Erwartung.
Es kann aber auch fuer ein Maedchen keine erwartungsvollere Stunde geben
als die, wenn der Geliebte zum Vater oder zur Mutter gehen will, um sein
Maedchen anzuhalten. Freude und Angst, Besorgnis und frohe Hoffnung
wechseln dann auf dem lieblichen Brautgesichtchen, ein tiefer Seufzer,
wohl auch ein leises Gebet entsteigt dann dem kindlichen Herzen, das zum
erstenmal geteilt ist zwischen der Anhaenglichkeit an die Eltern und der
Liebe zu dem, der sie zu seinem Frauchen machen will.

Zwar konnte Ida nicht zweifeln, dass der Vater diese Partie fuer sie sehr
anstaendig finden wuerde; aber sie kannte ihn, wie er alles nach den
Dienstverhaeltnissen abwog. Konnte er nicht aus Furcht vor der
allerhoechsten Ungnade nein sagen, weil man in der Residenz den Grafen
fuer eine andere bestimmt hatte? Und dann der Onkel des Grafen,--sie
hatte vom Hofrat gehoert, dass es einen solchen gebe, einen aeltlichen,
etwas graemlichen Mann, von dem der Graf sehr abhaengig sei; wird er
auch seine Einwilligung geben?--

Auch vor der Graefin war ihr bange. Zwar, es lag kein geringer Triumph
darin, die Gegnerin, die alle Hoellenkuenste aufgeboten hatte, Emils Herz
von ihr abzureissen, ueberwunden zu haben; aber sie scheute sich doch
beinahe ebenso sehr vor dem Zorn der Gewaltigen, als sie sich freute,
zu sehen, was sie fuer ein Gesicht machen werde, wenn man ihr es
ankuendige.

Endlich--ja, er war es; in seiner glaenzenden Uniform wie gestern trat er
heraus,--mit ihm Ladenstein; nein, wie aber dieser geputzt war! Sie hatte,
als sie sich bei Hof praesentieren liess, einmal einen ....schen Gesandten
gesehen, gerade so war er gekleidet; der Frack starrte von goldener
Stickerei, ein handbreites Ordensband ging ihm ueber die Brust quer herab,
auf der Brust--was tausend! Da hatte er ja sogar einen Stern! "Nun, das
muss doch ein vornehmer Herr sein, der Herr von Ladenstein," dachte Ida
und machte grosse Augen, "und sonst sieht er doch ganz schlicht aus."

Es kam die Treppe herauf, es pochte an ihrer Tuere; gewiss wollte Emil
noch einmal--nein, es war nur Ladenstein, aber auch dieser war ihr
willkommen. Aber so freundlich er laechelte, so war es ihr doch, als
koenne sie heute nicht so ungeniert sein als frueher. Sie machte einen
tiefen, tiefen Hof- Gala-Knix, als er so bebaendert, besternt und
uebergoldet zu ihr eintrat, und wusste nicht gleich recht, wie sie ihn
empfangen sollte; er aber lachte ihr gerade ins Gesicht: "Ich weiss
wohl, woran es liegt, dass mich Fraeulein Ida nicht empfaengt wie
einen alten Freund; die paar Ellen Band da! Ei, ei, das haette ich
doch nicht gedacht, dass sich eine junge Dame dadurch gleich so
einschuechtern liesse!" Sie sammelte sich und lachte sich jetzt selbst
recht aus, dass sie ihn so steif und foermlich wie eine ungeheure
Respektsperson empfangen habe; er zog sie zutraulich zu sich auf den
Divan und erzaehlte, dass Emil in diesem Augenblick mit seiner Werbung
vor dem Papa stehe und sie hoffentlich recht bald als Braeutchen
umfangen werde.--

Das Maedchen ward feuerflammrot; sie hatte sich noch von keinem Menschen
Braut nennen hoeren, es war ihr ein so ungewohntes Woertchen, und doch
kam es ihr selbst wieder vor, als sei es ihr recht braeutlich zu Mut.--

Er selbst, fuhr der freundliche Alte fort, sei als Reservebataillon und
Hinterhalt aufgestellt; er habe sich darum mit all seinem Flitterputz
angetan, um damit dem Herrn Papa-Praesidenten, wenn er etwa noch einiges
Bedenken tragen sollte, ueber den Hals zu fallen.

Ida ward recht nachdenklich, als sie aus Ladensteins Mund hoerte, dass es
denn doch fehlen koenne, und sagte: "Ach, vor meinem Vater ist mir nicht
so bange, der gibt am Ende schon nach, wenn ich ihn recht schoen bitte;
aber der Onkel--"--"Nun, was fuer ein Onkel ist denn das?" fragte
Ladenstein aufmerksam und neugierig.

"Emils Onkel, wissen Sie denn nichts von dem? Ach Gott! Das soll ein gar
boeser alter Herr sein,"--Ladensteins Gesicht zog sich immer mehr in die
Laenge bei diesen Nachrichten--"das hat mir Hofrat Berner, der den jungen
Grafen und seine Verhaeltnisse kennt, gesagt; von ihm haengt Emil ab; denn
er soll ihn so lieb haben wie seinen Vater, und der alte Herr soll auch
sehr viel an dem Neffen tun--"--es zuckte wie tiefe Ruehrung in
Ladensteins Gesicht--"wenn nun dieser die Sache erfaehrt," setzte sie
traurig hinzu, "wenn er dem Grafen eine Schoenere, eine Bessere
ausgesucht haette, wenn er _nein_ sagt--"

"O, er sagt nicht nein, er kann keine Bessere finden," unterbrach sie
der alte Herr voll wunderbarer Ruehrung.

"Eine Treuere wenigstens nicht, keine, die ihn mehr ehren wuerde; ach, wenn
man nur den erweichen koennte! Sehen Sie, Ladenstein," sagte sie unter
Traenen laechelnd, "ich habe mir eine kleine List ausgedacht, es ist zwar
eine Kriegslist, aber doch wohl eine erlaubte, und Sie habe ich dazu
ausersehen, dass Sie mir dabei helfen. Sie kennen die Szene aus der Kirche,
die ich Ihnen gestern zeigte; die habe ich nun ganz eigentlich fuer den
alten Martiniz entworfen. Sehen Sie, wenn er etwa zweifelt, dass ich seinem
Neffen so recht von Herzen gut bin, so--das tun Sie mir schon zu Gefallen,
und Sie kennen den alten Herrn gewiss--so zeigen Sie ihm die Gruppe da,
sagen Sie ihm, ich sei es gewesen, die seinen Emil von dem schrecklichen
Wahn befreite; wollen Sie?"

Der alte Herr nickte ihr stumm seine Einwilligung zu, die hellen Traenen
rollten ihm durch die gefurchten Wangen, er war so tief geruehrt, dass er
nicht sprechen konnte; er fasste ihre Hand und zog sie an seine Lippen.
Endlich fasste er sich doch wieder; er wischte die Traenen hinweg, er war
freundlich wie zuvor und fand auch die Sprache wieder.

"Ich will es ihm geben, dem alten Gesellen," sagte er laechelnd, "ich kenne
ihn so gut wie mich selbst und darf sagen, dass ich sein innigster--bester
Freund bin; haben Sie keine Sorgen, Toechterchen, der Alte schlaegt mit
Freuden ein; aber das Bild da soll er haben, und wie ich ihn kenne, wird er
es hoch anschlagen, es wird sein bestes Kabinettsstueck sein."

       *       *       *       *       *




FORTSETZUNG DER FREIER.

Sie wurden von Emil unterbrochen, der in stuermischer Eile Ladenstein
zum Praesidenten hinabrief. Dieser ging und liess die beiden allein.
Emil sagte seinem Maedchen, dass der Papa durchaus nicht abgeneigt
scheine; nur habe er bange, was der Hof dazu sagen werde. Er fuer
seinen Teil koenne diese Bedenklichkeiten nicht begreifen; denn offenbar
gehe es den Hof nicht im mindesten etwas an, wen er heiraten wolle. Ida
konnte wohl ahnen, was ihr Vater unter diesen Bedenklichkeiten wegen
des Hofes verstand; aber sie scheute sich, den Geliebten darueber zu
belehren. Es waere aber auch Suende gewesen, ihn in seinem Glueck zu
stoeren. Er sass so selig neben dem braeutlichen Maedchen, er war so
trunken von Wonne und Glueck, dass er nichts anderes mehr zu hoeren und
zu denken schien als sie.

Man konnte aber auch nichts Holderes, Lieblicheres sehen als das Maedchen.
Ihr Auge glaenzte voll Liebe und Seligkeit, auf den Wangen lag das heilige
Fruehrot der braeutlichen Scham, um den Mund spielte ein reizendes Laecheln,
das bald Verlegenheit ueber den ihr so ungewohnten Stand einer Braut, bald
Wonne und Freude verriet.

"Mein holdes, einziges, mein braeutliches Maedchen," rief der glueckliche
Martiniz, nachdem er sie lange mit seinen trunkenen Blicken angeschaut
hatte. "Mein lieber, guter Emil," lispelte sie und sank in seine Arme und
barg ihr tief erroetendes Koepfchen an seiner Brust. Aber obgleich es ihm
Freude machte, das Engelskind so an sein treues Herz geschmiegt zu sehen,
das schoene Haar mit seinen Ringelloeckchen zu betrachten und in den
herrlich gewoelbten Nacken, so rein und weiss, so glaenzend wie
aus Wachs geformt, niederzublicken, so machte ihm doch die
Kehrseite mehr Freude. Er fasste das Engelskoepfchen an dem
sanften Kinn und hob es aufwaerts. Wie mild, wie treu blickten
ihn diese Augen an, wie wuerzig woelbten sich die Purpurlippen ihm
entgegen! Er schlang den Arm um den schlanken Leib, er presste sie an
sich und sog in langen, langen Kuessen das suesseste Leben in sich ein.

Nein, wahrhaftig, so sonderbar war ihr in ihrem ganzen Leben nicht zu Mut
gewesen wie in diesen Augenblicken. Es prickelte und zuckte ihr durch alle
Nerven, durch alle Glieder und Gliedchen, bis hinaus in die Fingerspitzen,
bis hinab in den grossen Zehen. Es war ihr so wohl, so wonnig zu Mut, als
sollte sie, aufgeloest in innige Liebe, vergehen. Sie wollte ihn ansehen
und hatte doch das Herz nicht dazu, sie wollte sich schaemen und schalt
sich wieder aus ueber die Torheit; denn es war ja ihr Braeutig--; nein,
das fiel ihr eben siedendheiss ein, es war noch nicht ihr Braeutigam,
Papa hatte ihm seine Einwilligung noch nicht zugesagt--es schickte
sich doch nicht so recht; sie wand sich verschaemt aus seinen Armen
und wollte eben sagen, dass er doch ein wenig einhalten--

Da ging die Tuere auf und mit freudestrahlendem Gesicht, den laechelnden
Praesidenten an der Hand, schritt Ladenstein herein. "Ich gratuliere,"
rief er, "der Herr Papa willigt ein." Ida flog an den Hals ihres
Vaters. Sie weinte, sie lachte in einem Atem, sie streichelte seine
Wangen und kuesste ihn und war ein so munteres, woehliges Kind, als
habe er ihr eine huebsche Puppe zum Weihnachten oder als
Geburtstagsangebinde geschenkt.

Auch Emil war aufgestanden und zum Praesidenten getreten. Er fragte ihn
voll Freude, ob es ihm erlaubt sei, ihn Vater zu nennen.

Der Praesident laechelte und zeigte auf Ladenstein. "Nach dem, was Seine
Exzellenz, Ihr Herr O--" ein Wink des alten Herrn machte, dass er sich
schnell korrigierte--"was Herr von Ladenstein mir sagte, ist durchaus
kein Zweifel mehr in mir, der dieser Verbindung entgegen waere."

Die Gluecklichen sanken sich in die Arme, sie umarmten sich, den Vater,
den guten Ladenstein, ja, es schien fast, als moechten sie noch mehr
Zeugen ihres Glueckes. Und nun ging es an ein Akkordieren wegen der
Hochzeit; der Graf wollte lieber heut als morgen und haette gerne
sein liebes Braeutchen nur so im Hauskleidchen, wie sie dastand, ins
Muenster gefuehrt. Aber dagegen straeubte sie sich selbst. Sie sah gar
zu naiv aus, als sie so ernsthaft sagte--"Nein, wenn es einmal sein
muss, so muss es auch recht sein. Im Hausueberroeckchen traut man kein
reputierliches Fraeulein." Der Praesident stimmte bei; er sagte: "Sie
haben ja noch gar nichts, wo sie nur ihr Haupt hinlegen koennten,
keine Wohnung, keinen Stuhl, kein Bette!"

Aber dagegen protestierte wieder Ladenstein feierlich: "Ein Vierteljahr
ist viel zu lang, und was den Ort betrifft, wo sie ihr Haupt hinlegen
koennten, da habe ich ein so anstaendiges Plaetzchen ausersehen, wie
man es nur wuenschen kann. Da ist--" er zog eine grosse Schreibtafel
hervor, nahm mehrere Papiere heraus und entfaltete sie--"da ist ein
gerichtlich ausgefertigter Kaufbrief von Schloss und Herrschaft
Gross-Lanzau, drei Viertelstunden von hier, angekauft fuer den Herrn
Grafen Emil von Martiniz, wenn Sie ihn kennen, und ihm von seinem Oheim
zur Morgengabe uebermacht, kann heute schon bezogen werden, wenn es ihm
gefaellig ist."

Die drei machten grosse Augen. Emil stuerzte dem alten Herrn an den
Hals. "Mein teurer vaeterlicher--"

"Still, still, ist schon gut," unterbrach ihn der alte Herr, indem er ihm
die Hand auf den Mund legte, "bedenke dein Versprechen. Ich habe hier nur
den Geschaeftstraeger gemacht, danke deinem Onkel, wenn er einmal da
ist!"--"Ach, wo ist er denn, der gute Onkel," rief Ida, "dass ich ihm
danken kann fuer seine unendliche Guete?"

"Wird auch kommen zu seiner Zeit," antwortete Ladenstein, indem ihm eine
Traene der Ruehrung im Auge blinkte, "er wird schon kommen und eine Freude
an seinem holden Toechterchen haben; einstweilen soll ich Idchen in seinem
Namen kuessen." Er gab ihr einen recht vaeterlichen Kuss auf die schoene
Stirne.

Der Praesident hatte indessen die Papiere durchgesehen. Je laenger er
las, desto groesser und staunender wurden seine Augen. Ehrfurchtsvoll
faltete er die Papiere zusammen und sagte: "Nein, das ist zu arg, das
ist zu viel; bedenket, Kinderchen, nicht nur das herrliche Gross-Lanzau
mit dem schoenen, neuen Schloss, ganz durch und durch elegant
ausmoebliert, mit Stallung und Pferden, mit Scheunen und Knechten, mit
Waeldern und Feldern, weiss Gott, seine zweimalhunderttausend Taler
unter Bruedern wert, nein, bedenkt auch noch--"

"Still, alter Herr," unterbrach ihn Ladenstein. "Macht kein solches Wesen
von dem Zeug! Ihr wisst, der alte Martiniz kann es geben und gibt es
gern. Da ist auch noch etwas in den Papieren fuer das liebe Braeutchen,
naemlich ein kleines Schloesschen, hart am Fluss, ein Stuendchen von
hier. Man hat mir gesagt, dass Idchen immer gerne an jenem Plaetzchen
gewesen sei, und deswegen hat es der Herr Onkel seiner lieben Nichte
erb- und eigentuemlich zum Brautgeschenk uebermacht."

Voll freudigen Schreckens schlug das Maedchen die Haende zusammen. "Doch
nicht mein liebes Blauenstein?" rief sie. "Ebendasselbe," antwortete
Ladenstein und ueberreichte ihr die Schenkungsakte.

Sie konnte es nicht fassen, sie tanzte mit dem grossen Brief im Zimmer
umher wie naerrisch und rief immer: "Mein Blauenstein, mein liebes,
herziges Blauenstein!" dass die drei unwillkuerlich ueber die
possierliche Freude des Maedchens lachen mussten.

Es ist aber auch wahr, man kann nichts Schoeneres sehen als dieses
Blauenstein. Ein allerliebstes Schloesschen mit fuenf bis sechs elegant
eingerichteten Zimmern und einem Salon, auf drei Seiten von einem
schoenen Wald umgeben und die vierte Seite, die Fassade des
Schloesschens, gegen den schoenen Fluss geoeffnet, und eine
paradiesische Aussicht hinueber in Taeler und Berge--und dieses
lauschige, liebliche Plaetzchen ihr ganz eigen, ihr, dem froehlichen
Braeutchen, und dort zu wohnen als Frauchen mit ihrem Emil--gewiss,
ein solcher Gedanke haette manche andere tanzen gemacht!

 Und jetzt hatte der Praesident auch nicht das geringste mehr
 einzuwenden, und die Hochzeit wurde vor den Ohren des erroetenden
 Maedchens auf die naechste Woche festgesetzt. Heute abend aber
 wollte Papa Praesident grosse Gesellschaft geben und dort das
 junge Paar als Braut und Braeutigam praesentieren.

       *       *       *       *       *




DIE SOIREE.

"Was aber der Praesident Sanden dick tut!" sagten die Freilinger, als
jetzt die Lakaien in der Stadt umherflogen und zum Souper einluden.
Die meisten dachten, es geschehe der Graefin Aarstein zu Ehren, bei
welcher er sich auf alle moegliche Weise zu insinuieren suche, um
spaeter einmal Minister zu werden.

Als man aber abends in den Salon des Praesidenten trat, wurde man noch
mehr von diesem "Dicketun" ueberzeugt. Ausser den prachtvollen
Luestres, die gewoehnlich bei Gesellschaften angezuendet wurden, war
eine ganze Galerie der geschmackvollsten Wandleuchter von Bronze
angebracht, und Walratlichter, so durchsichtig und klar wie Glas,
eine ganz nagelneue Erscheinung fuer Freilingen, strahlten ein
Feuermeer von sich. Die Waende waren mit Festons von Blumen und
gruenen Zweigen geschmueckt, die sich in den deckenhohen Spiegeln zu
einem ganzen Wald von Kraenzen und Girlanden vervielfaeltigten. Ein
ganzer Hausrat der praechtigsten Kristalls, Vasen, Teller, Becher,
Platten, Schuesseln, Bouteillen blinkte mit seinen geschliffenen
Figuren in tausend vielfarbigen Lichtern. Das schwerste Silber an
Bestecken und Leuchtern ward heute aufgesetzt, und jedermaenniglich
war erstaunt ueber diese Pracht.

Einige aber, die feinere Nasen hatten als die uebrigen, legten die
Finger daran und kluegelten hin und her, was dies alles zu bedeuten
habe; denn man wusste so ziemlich allgemein, dass der alte Sanden ohne
Not und wichtige Ursache nicht so viele Umstaende mache. Doch aus
seinem Gesicht konnte man nicht recht vernehmen, was er in petto habe,
Er empfing seine Gaeste hoechst freundlich, aber zeremonioes, sprach
mit keinem sehr viel und lange, sondern teilte sich ueberall und allen
mit. Die Graefin--nun, die kam endlich, sah aber nicht danach aus, als
ob ihr das Fest gehoere; denn sie war wie gewoehnlich prachtvoll, aber
nicht gerade festlich gekleidet.

Die einzigen von allen Gaesten, die mit ihren Erwartungen so ziemlich
am naechsten ans Ziel trafen, waren wohl Leutnant Schulderoff und seine
Kameraden. Sie waren seit der Duellgeschichte die eifrigsten Freunde des
Polen geworden und hatten ihre geheime Schadenfreude daran, dass der
Goldfisch wahrscheinlich der Aarstein, welche die Garnisonoffiziere sehr
ueber die Achsel angesehen und ganz obenhin behandelt hatte,
entschluepfen wuerde. "Wenn die Ida doch keinem von uns gehoeren soll,"
hatte Schulderoff geaeussert, "so goenne ich sie am liebsten dem
Martiniz; er ist Soldat und, das muss man ihm lassen, brav wie der
Teufel; stand er doch da, als die blaue Bohne auf ihn zusurrte, als
waere es ein Schneegloeckchen; so kalt und fest habe ich in meinem Leben
keinen sich schiessen sehen. Und am Ende hatte er doch recht; denn
Sporeneck raesonierte doch ueber die Ida, dass es mir selbst das Herz
im Leibe hat zerreissen wollen. Das kommt aber von niemand her als von
der Aarstein, die den guten Jungen, den Sporeneck, zum Teufel
modelliert hat, und nebenbei kommt es auch von meiner Frau Mama mit
ihrer ewigen Planmacherei, mich unter die Haube zu bringen, und
nebenbei auch von der falschen Katze, der Sorben, die gegen jedermann
ergrimmt ist, der nicht von ihren Reizen hingerissen wird."

So urteilte der Leutnant und mit ihm seine Kameraden, so sehr hatte die
Uniform und der Orden auf Martiniz' Brust die ganze Sache veraendert.

Endlich war die ganze Gesellschaft beisammen. Man konversierte in dem
festonierten Saal, ehe man zu den Spieltischen ging, und die Graefin
hatte den groessten Hof um sich; denn man dachte nicht anders, als sie
muesse doch vielleicht die Koenigin des Festes sein. Es fehlte niemand
mehr; doch ja, Martiniz und Ladenstein fehlten noch; die Graefin suchte
vergebens mit ihren rastlosen Blicken nach dem ersteren. Sie hatte eine
tuechtige Schelte einstudiert, um ihn fuer seine Vernachlaessigung zu
strafen; ueberhaupt hatten sich ihr heute so sonderbare Gedanken
aufgedraengt--der Graf, der sich doch sonst an sie angeschlossen, dem
sie so merklich als moeglich ihre Neigung zu ihm gezeigt hatte, war
zwei Tage gar nicht fuer sie sichtbar; sie wusste, dass er heute im
Haus gewesen, und doch hatte er sie nicht besucht; der Rittmeister--der
war ihr nun ganz unbegreiflich, und sie war bitterboese auf ihn. Im
ganzen war er ihr gleichgueltig; denn ihre Neigungen waren sehr
fluechtiger Natur; auch war ihr der Graf jetzt bei weitem
interessanter, und sie gestand es sich selbst, sie haette ein
Wohlwollen zu ihm, das beinahe Liebe war,--aber dennoch sollte der
Rittmeister noch immer der _Cavaliere servente_ sein, und dennoch
konnte er es wagen, zwei Tage sich nicht mit einem Blick sehen zu
lassen. Wenn er auf die Jagd geritten war, wie die uebrigen Offiziere
aeusserten, so haette er wenigstens ein Billett an sie hinterlassen
koennen--aber sie wollte es ihm entgelten.

Der Arme! er lag gerade jetzt auf seinem Schmerzenslager und fluchte die
fuerchterlichsten Flueche, dass er sich jemals in die Dienste dieser
Sirene begeben habe.

       *       *       *       *       *




DIE BRAUT.

Auch Ida fehlte noch in der Gesellschaft; nun, sie hatte wahrscheinlich
noch manches fuer die Bewirtung zu sorgen und zu ruesten. Endlich--der
Praesident hatte sich heimlicherweise weggeschlichen--endlich ging die
Tuere auf, ein allgemeines Fluestern der Erwartung rauschte durch den
Saal--herein trat ein grosser, aeltlicher Herr in reicher, praechtiger
Kleidung, mit Sternen und Orden besaet--wir kennen ihn schon--, an
seinem Arm ein holder; verschaemter Engel voll Huld und Anmut,
demuetig und doch voll wunderbarer Majestaet--Ida.

Aber wie _das_ Maedchen heute geputzt war, das Blondenkleid--man hatte
noch nichts so Feines, Zartes, Geschmackvolles gesehen. Um den
Schwanenhals ein Perlenschmuck, der--es waren scharfe Kenner in dem
Saal, aber sie schwuren hoch und teuer, mit den fuerchterlichsten
Fluechen, er sei unschaetzbar und nicht in diesem Lande gekauft! Im
zierlich geordneten Haar einen Solitaer--die Graefin haette heulen
moegen, dass sie den ihrigen hatte in der Residenz lassen muessen--er
war in Kost und Logis bei Salomon Moses Soehnen und doch haette er
gegen _dieses_ Wasser, gegen die funkenspruehende Kraft _dieses_
Steins verbleichen muessen!

Hatten die Gaeste schon dieses Paar mit weit aufgerissenen Augen
angestarrt, so riskierten sie jetzt, vor Verwunderung den schwarzen
Star zu bekommen; denn jetzt trat der Praesident ein, an der Hand
fuehrte er einen Juengling, hoch und schlank, in prachtvoller,
pompoeser Uniform, den Diamantorden auf der stolz gewoelbten Brust,
an der Seite einen mit flunkernden Steinen uebersaeeten Saebel, in
der Hand seinen Kalpak, woran die Agraffe, ein Familienstueck, von
Kennern auf zweimalhunderttausend Taler geschaetzt wurde; der
Praesident mit seinem strahlenden Juengling trat naeher, es war Emil.

Der Kreis der erstaunten Gaeste oeffnete sich--der Praesident empfing
aus Ladensteins Hand sein Idchen; so trat er mit dem Paerchen in den
Kreis--die Graefin mochte ahnen, was vorging; denn sie schoss wuetende
Blicke auf die drei, ihr Busen flog auf und nieder; tief und bescheiden
neigte sich Ida, das Engelskind, und erroetete ueber und ueber; der
Graf aber schaute froehlich, stolz mit seinem siegenden Glutblick im
Kreise umher, der Praesident verbeugte sich und begann: "Verehrte
Freunde, ich habe Sie eingeladen, ein glueckliches Ereignis meines
Hauses mit mir zu begehen--meine Ida hat sich heute verlobt mit dem
Grafen Emil von Martiniz." Von Anfang tiefe, tiefe Stille; man haette
eine Muecke koennen trappen hoeren--unwillkuerlich flogen die Blicke
der erstaunten Gaeste nach der Graefin; denn _sie_, _sie_ musste ja
nach ihren Kalkuelen die Braut sein; dann oeffneten sich die Schleusen
der Beredsamkeit, ein ungeheurer Strom von Gratulationen, gegenseitigen
Lobpreisungen brach ueber die Dame herein; man hoerte sein eigenes Wort
nicht, so gingen wie in einer Windmuehle, wenn der Nordost blaest, die
Maeuler und Maeulchen.

Endlich fand auch die Graefin Worte; sie hatte, das uebersah sie mit
_einem_ Blick, das Schlachtfeld verloren; jetzt galt es, sich geordnet
zurueckzuziehen und dem Feind, wo sie eine Bloesse erspaehen koennte,
noch eine tuechtige Schlappe zu geben. Sie hatte schnell gefunden, was
sie wollte. Sie eilte auf Ida zu, umarmte sie herzlich und wuenschte ihr
Glueck zu ihrer Verbindung. "Aber dennoch, Kinderchen," setzte sie hinzu
und wollte freundlich aussehen, obgleich ihr das gruene Neidfeuer aus
den Augen spruehte und ihr Mund krampfhaft zuckte, "dennoch weiss ich
nicht, ob ihr ganz klug getan habt. Idas Mutter war, soviel ich weiss,
aus keinem alten Haus, und Sie selbst, Graf, muessen wissen, wie Ihr
Oheim; der Minister, darueber denkt; wenigstens so viel ich mir von
ihm habe sagen lassen, wird er diese Verbindung nun und nimmermehr
zugeben."

Ida war ganz bleich geworden; sie dachte im Augenblick nicht daran, dass
nur boeslicher Wille und Neid die Graefin so sprechen lasse; das Wasser
schoss ihr in die Augen, sie warf einen bittenden, hilfesuchenden Blick
auf Ladenstein und Martiniz. Jener stand auf der Seite und sah ernst,
beinahe hoehnisch, der Graefin zu; Emil aber sagte ganz kalt und
gelassen: "Wissen Sie das so gewiss, gnaedige Frau?" Diese Gleichmut
reizte sie noch mehr; eine hohe Roete flog ueber ihr Gesicht, die Augen
strahlten noch tueckischer. "Ja, ja, das weiss ich gewiss," rief sie,
"ein Freund Ihres Herrn Onkels, der Geheimrat von Sorben, hat mir ueber
diese Sache hinlaenglich Licht gegeben, dass ich weiss, dass er diese
Mesalliance nie genehmigen wird; Sie werden es sehen!"

"Und dennoch hat er sie genehmigt," antwortete eine tiefe, feste Stimme
hinter ihr. Erschrocken sah sie sich um; es war der alte Ladenstein, der
sie mit einem hoehnischen, sprechenden Blicke ansah; sie konnte seinen
Blick nicht aushalten und mass ihn daher mit stolzem Laecheln, hinter
das sie ihre Wut verbarg, von oben bis unten. "Das muesste doch sehr
schnell gegangen sein," sagte sie und schlug eine gellende Lache auf,
"noch vor fuenf Tagen lauteten die Nachrichten hierueber ganz anders;
der Herr von Sorben sagt mir--"

"Er hat Sie belogen," entgegnete der alte Herr ganz ruhig.

"Nein, das wird mir zu stark," rief die hohe Dame gereizt, "von einem
Mann wie Herr von Sorben bitte ich in andern Ausdruecken zu sprechen;
wie koennen _Sie_ wissen, was der alte Herr von Martiniz--"

"Er steht vor Ihnen, gnaedige Graefin," sagte der alte Herr und beugte
sich tief, "ich heisse--mit Ihrer Erlaubnis--Dagobert, Graf von
Ladenstein-Martiniz."

Ehe er noch ausgesprochen hatte, lag Ida an der besternten Brust des
Oheims, vergoss Traenen der Freude und der Wonne und suchte vergeblich
nach Worten, ihr Entzuecken auszusprechen. Die Graefin stand da, wie
zu einer Saeule versteinert; doch hatte sie, sobald Sie wieder Atem
hatte, auch Fassung genug zu sprechen; so freundlich und herablassend
als moeglich wandte sie sich an das junge Paar: "Nun, da wuensche ich
doppelt Glueck, dass ich mich geirrt habe. Haette es Sr. Exzellenz
frueher gefallen, seine Maske abzunehmen, so wuerde ich Ihr Glueck
auch nicht auf einen Augenblick gestoert haben."

Sie ging, von aussen ein Engel, im Herzen eine Furie; sie wuenschte in
ihrem wutkochenden Herzen alles Unglueck auf das Haupt der unschuldigen
Ida. Wuetend kam sie zu der Sorben, die mit Frau von Schulderoff in
einer Fenstervertiefung bei einem Glas Punsch sich von dem Schrecken
erholte, der ihr in alle Glieder gefahren war. "An allem Unheil ist
Ihr sauberer Herr Onkel schuld, Fraeulein Sorben," rief die Wuetende,
"warum hat er uns mit falschen Nachrichten bedient? Warum hat er uns
nicht gesagt, dass der alte Narr hier herumspukt unter falschem Namen?
O, ich moechte--" Der orangefarbene Teint von Fraeulein Sorben war ins
Erdfahle uebergegangen; sie hatte die stille Wut und machte sich hie
und da nur durch ein unartikuliertes Kichern Luft, indem ihr das helle
Traenenwasser in den Augen stand.

"Und keine Hufe Landes sollen sie mir kaufen, das Polenpack, solange mein
Oheim noch Herr im Land ist; nach ihrem Polen moegen sie ziehen, und das
Affengesicht, den naseweisen, duerren Backfisch, moegen sie mitnehmen und
dort meinetwegen fuer Geld sehen lassen!"

"Ach, das ist ja gerade das Unglueck," seufzte Frau von Schulderoff,
"dass wir sie in der Nachbarschaft behalten; denken sich Exzellenz, wie
der alte Narr sein Geld zum Fenster hinauswirft; zum Hochzeitgeschenk,
erfahre ich soeben, hat er ihnen Gross-Lanzau und das freundliche,
nette Blauenstein gekauft!"

"Gekauft?" presste die Graefin zwischen den Zaehnen, die sie ganz
verbissen hatte, heraus, "gek--"

"Denken Sie sich, gekauft um dreimalhunderttausend Taler und ihnen
geschenkt; ob man etwas Tolleres hoeren kann!"

"Das fehlte noch!" knirschte die Graefin und rauschte weiter.

       *       *       *       *       *




PRAELIMINARIEN.

Indessen war Ida gluecklich, selig zwischen dem Geliebten und dem Oheim.
Dieser Oheim, sie hatte sich ihn als einen graemlichen, alten Herrn
vorgestellt, dieser war es, der hie und da in Gedanken ihr Glueck noch
gestoert hatte. Sie wusste ja, wie Emil an ihm hing, wie es ihn
betrueben wuerde, wenn jener sein Verhaeltnis zu Ida unguenstig
ausnaehme. Und jetzt-- nein, sie wusste sich nicht zu fassen vor lauter
Seligkeit! Der freundliche, guetige Ladenstein hatte sich wie durch
einen Zauberschlag in die gestrenge Exzellenz den Minister Grafen von
Martiniz verwandelt, und doch blieb er so freundlich, vaeterlich,
traulich wie zuvor; sie wusste nicht, wem von beiden sie das nette,
lustige Amorettenkoepfchen zuwenden sollte. Sie lachte und tollte, gab
verkehrte Antworten und schnepperte, wie ihr das Schnaebelchen
gewachsen war. Es war das glueckseligste Kind, die holdeste,
vollendetste Jungfrau und das lieblichste, anmutigste Braeutchen unter
der Sonne in _einer_ Person.

Einer der Gluecklichsten im Saal war aber Hofrat Berner. Heute abend erst
war er zurueckgekommen, hatte sich nur schnell in die Toilette geworfen
und schnurstracks zu Praesidents, und das erste war, als er in den Salon
trat, dass er hoerte, wie der Praesident seine Kinder praesentierte; er
haette moegen aus der Haut fahren vor teilnehmendem Jubel seines alten
treuen Herzens. "Das ist _mein_ Werk," laechelte er vor sich hin, "ganz
allein mein Werk; es konnte nicht anders gehen, nachdem es einmal
eingefaedelt war." Aber wie riss er die Augen auf, als er von einer
Graefin Aarstein, von einem alten Grafen Martiniz, welche auch hier
seien, hoerte. "Nun, da muss es was Tuechtiges gesetzt haben," dachte
er; "das beste wird sein, ich frage Idchen selbst."

Das Brautpaar empfing ihn mit Jubel, und Martiniz stellte ihn sogleich
dem alten Grafen vor; denn er hatte ihm viel von diesem alten Freund und
Ratgeber ihrer Liebe erzaehlt. Ida gestand ihm, dass sie ihn oft
schmerzlich vermisst habe; auch Martiniz aeusserte dies und versprach,
ihm alles so bald als moeglich zu erzaehlen.

"Lassen wir die Brautleutchen, alter Freund," unterbrach Graf Martiniz
seinen Neffen, indem er den Hofrat am Arm nahm und mit sich fortzog;
"lassen wir sie! Uns Alten liegt es ob, fuer das Glueck der Jungen zu
sorgen. Man hat mir gesagt, dass Sie, lieber Hofrat, sich so trefflich
darauf verstuenden, ein Festchen zu arrangieren. Ich war in frueheren
Jahren einmal Oberhofmeister; das fuegt sich nun ganz vortrefflich. Da
wollen wir nun, wir zwei, beide miteinander etwas zusammenschustern,
wie man es hierzulande noch nicht sah."

Der Hofrat war es zufrieden, und der Graf machte ihm jetzt seine
Vorschlaege. Morgens sollten sie getraut werden. "Nicht zu Haus, das kann
ich fuer meinen Tod nicht leiden; die Hauskopulationen reissen jetzt so
ein, dass sie fast zur Mode werden, als waere eine vornehme Ehe nicht
dieselbe wie eine geringe, als waere der Altar Gottes nicht fuer alle
und jeden; aber der Fluch kommt gewoehnlich bald nach. Hat man sich
in den gewoehnlichen Zimmern, wo man sonst tollte und lachte, wo man,
sobald der Altar weggeraeumt ist, tafelt und tanzt, hat man sich da
trauen lassen, so kommt einem auch das neue Verhaeltnis so ganz
gewoehnlich vor, dass man bald davor keine Ehrfurcht mehr hat."--Also
in der Kirche; nachher sollten die Gaeste hinausfahren nach Blauenstein.

Der Hofrat machte grosse Augen, und als er hoerte, dass dies die neue
Besitzung des lieben Paerchens sei und dass Gross-Lanzau auch noch dazu
gehoere, er haette, wenn es sich nur halbwegs geschickt haette, ein paar
Kapriolen in die Luft gemacht--nach Blauenstein, dort musste das Schloss
festlich geschmueckt sein und zum Essen, was man nur Feines und Gutes
haben kann! Nachher--die beiden Alten sahen sich an und beiden zuckte
der kleine, sarkastische Schelm um den Mund; denn beiden fiel ein,
dass sie noch Junggesellen seien--"Nun, nachher," fuhr der Graf fort,
"muss das Brautpaar eine kleine Reise machen, und wir beide gehen als
_garde de dame_ auch mit, bestellen die Pferde auf den Stationen, dass
die jungen Eheleutchen in ihrem Landau nicht inkommodiert werden, wir
beide aber spiegeln und erfreuen uns an dem Glueck, das wir, ich und
Sie, lieber Hofrat, zusammen gemacht haben."

Dem Hofrat, obgleich er laecheln wollte, stand doch eine Traene der
Ruehrung im Auge; er drueckte dem edelmuetigen Polen die Hand und
erklaerte sich bereit, mit ihm selbst um die Erde zu reisen. "Und
wann soll die Hoch--"

"Ueber acht Tage soll die Hochzeit sein," rief der alte Herr; und der
Praesident, der gerade hinzugetreten war, rief es nach und lud
saemtliche versammelte Gaeste dazu ein.

       *       *       *       *       *




ZURUESTUNGEN.

Es war ein sonderbarer Anblick, den des Praesidenten Haus in diesen
Tagen gewaehrte. Das Rennen und Laufen der Schneider und Schneiderinnen,
Naeherinnen, Schuster, Schreiner, Schlosser, Kuester, Baecker,
Fleischer, Koeche, Kaufleute usw. wollte gar kein Ende nehmen. Beinahe
in jedem Zimmer sah man, auf jeder Treppe stiess man auf einen
Handwerker, und alle taten, als ob von ihrer Nadel oder Pfriemen die
ganze Hochzeit abhinge.

Machten aber diese schon wichtige Gesichter--hu! da grauste einem
ordentlich, es lief wie eine dicke Gaensehaut ueber den Koerper, wenn
man den Hofrat sah. Er war in diesen Tagen der Vorbereitung viel
magerer und bleicher geworden, seine Augen lagen tief und entzuendet,
ein Zeichen, dass er viel bei Nacht wachte; und es war auch so; bei
Tag lief er sich beinahe die Fuesse ab wie die Huendin des Herrn von
Muenchhausen aufschneiderischen Angedenkens; da war zu bestellen und
zu besorgen, er lief hin und her in alle Ecken und Enden der Stadt;
ja, man will ihn an mehreren Orten zugleich gesehen haben.

Bei Nacht--nein, es war ein Wunder, dass der Mann nicht schon laengst tot
war! Nachdem er sich muede gelaufen, muede gesorgt, muede gesehen, muede
geschwatzt, muede gescholten, muede erzaehlt hatte, kam erst kein Schlaf
ueber ihn.

Er streckte sich ins Bett, liess zwei Wachskerzen und einigen Gluehwein
auf den Nachttisch setzen, in einem grossen Korbe standen vor ihm
Buecher, ein ganzer Schatz von Festen. Da war das seltene Werk:
"Wahrhafte und akkurate Beschreibung des solennesten Festins am Hofe
Ludwigs XIV." Ferner: "Der allzeitfertige _Maitre de plaisir_, fuer
Hofleute, vornehme Festlichkeiten und anderen Kurzweil." "Der galante
Junker, oder wie Taenze, Schmaeuse, Hochzeiten, Kindtaufen usw. am
schoensten zu arrangieren." Sogar das Festbuechlein von Krummacher
hatte er sich aus dem Buchladen kommen lassen; denn er dachte nicht
anders, als es muessen darin allerhand neue und nie gesehene
Festivitaeten erzaehlt sein. Er soll sich uebrigens sehr geaergert
haben, als dem nicht also war.

Aus dieser Festbibliothek nun, die er Stueck fuer Stueck mit der
groessten Geduld und Aufmerksamkeit durchlas, machte er sich Randglossen
und Auszuege; er kam aber dadurch am Ende selbst mit sich in Streit;
denn das sah er ein, wenn man alle die schoenen Sachen, die er sich
aufnotiert hatte, ausfuehren wollte, so musste man vierzehn Tage lang
Hochzeit halten, und doch konnte er nicht mit sich einig werden, was er
weglassen sollte. So lebte er in einem ewigen Zappel; ja, es war
ordentlich ruehrend anzusehen, wenn er hie und da bei Ida, bis zum
Tode ermuedet, in einen Sofa sank, den brechenden Blick auf sie heftete,
als wollte er sagen: "Sieh, fuer dich opfere ich mein Leben auf."

Und Ida? Habt ihr, meine schoenen Leserinnen, je ein geliebtes
Braeutchen gesehen, oder waret ihr es einmal, oder--nun, wenn ihr
es selbst noch seid, gratuliere ich von Herzen--nun, wenn ihr ein
solches suesses Engelskind kennt mit dem braeutlichen Erroeten auf
den Wangen, mit dem verstohlenen Laecheln des kusslichen Mundes, der
sich umsonst bemueht, sich in ehrbare Matronenfalten zusammenzuziehen,
mit der suessen, namenlosen Sehnsucht in dem feuchten, liebetrunkenen
Auge, wenn ihr sie gesehen habt in jenen Augenblicken, wo sie dem
geliebten Mann, dem sie nun bald ganz, ganz angehoeren soll,
verstohlen die Hand drueckt, ihm die Wange streichelt, wenn sie den
weichen Arm vertrauungsvoll um seine Huefte schlingt wie um eine
Saeule, an der sie sich anschmiegen, hinaufranken, gegen die Stuerme des
Lebens Schutz suchen will, wenn sie mit unaussprechlichem Liebreiz die
seidenen Wimpern aufschlaegt und mit einem langen Blick voll Ergebenheit,
voll Treue, voll Liebe an ihm haengt, wenn die Schneehuegel des wogenden
Busens sich hoeher und hoeher heben, das kleine, liebewarme Herzchen
sich ungeduldig dem Herzen des Geliebten entgegendraengt--kennet ihr
ein solches Maedchen, so wisst ihr, wie Ida aussah. Kennet aber ihr
ein solches Engelskind, ihr Tausende, die ihr einsam unter dem Namen
Junggesellen ueber die Erde hinschleicht, ohne wahre Freude in der
Jugend, ohne Genossin eures Glueckes, wenn ihr Maenner seid, ohne
Stuetze im Alter--wisst ihr eine solche frische Hebebluete und ein
froehliches Amorettenkoepfchen, das etwa auch so warme Kuesschen, auch
so liebevolle Blicke spenden koennte wie Ida, o, so bekehret euch,
solange es Tag ist, wenn sie sich euch vertrauungsvoll im Arme
schmiegt, wenn sie das Lockenkoepfchen an eure Brust legt, aus milden
Taubenaugen zu euch aufblickt, mit dem weichen Sammetpatschchen die
Falten von der Stirne streichelt,--ihr werdet mir danken, euch den Rat
gegeben zu haben.

Und Emil? Nun, ich ueberlasse es meinen Leserinnen, sich einen recht
bildschoenen Mann aus ihrer Bekanntschaft zu denken, zu denken, wie er
den Arm um sie schlingt, ihnen recht sinnig ins Auge blickt und sie
kue--

Nun, erschrecken Sie nur nicht! Es tut nicht weh; Sie haben sich einen
gedacht?--Ja?--Nun, gerade _so_ sah Emil von Martiniz als Braeutigam
aus.

So sah ihn auch die Graefin; das Herz wollte ihr beinahe bersten, dass
der herrliche Mann nicht ihr gehoeren sollte. Eines Morgens, ehe man
sich's versah, sagte sie adieu, liess packen und---weg war sie.

       *       *       *       *       *




HOCHZEIT.

Und endlich war der schoene Tag gekommen.

Was nur halbwegs laufen konnte, war heute in Freilingen auf den Beinen,
und der polnische Graf und Fraeulein Ida von Sanden waren in aller Mund.
Vor der Kirchtuere schlugen und draengten sich die Leute als wie vor
einem Baeckerladen in der Hungersnot. Alle Stuehle in der Kirche waren
besetzt, und von Minute zu Minute wuchs der Andrang.

Aber zum Hauptportal, den Gang hinauf bis an den Altar durfte kein
Mensch, das hatte sich ein Mann ausgewirkt, der heute stille, aber tief
an dem Glueck des Brautpaares teilnahm; dieser Mann war der Kuester.
Er haette viel darum gegeben, wenn er der versammelten Menge haette
sagen duerfen: "Sehet, der Herr Braeutigam, es war just nicht ganz
recht richtig mit ihm; er hatte allerhand Affaeren mit Herrn Urian,
der ihn allnaechtlich hieher in die Muensterkirche trieb; da herein
konnte er aber nicht; und ich, der Kuester von Freilingen, habe ihm
allnaechtlich zu seiner Freistatt verholfen, war auch dabei, wie das
Wunderkind, das jetzt seine Braut ist, ihn erloeset hat von dem
Uebel, das mir, nebenbei gesagt, alle Tage einen harten Taler
einbrachte; habe ich es nicht gleich damals zu dem alten Polacken
gesagt, dass die beiden Liebesleutchen noch einmal in meine Kirche
und vor meinen Altar kommen wuerden?"

So haette er gerne zu den Freilingern gesprochen; es juckte ihn und wollte
ihm beinahe das Herz abdruecken, dass er sich nicht also in seiner Glorie
zeigen durfte; aber--er tat sich doch auch wieder nicht wenig darauf zugut,
dass er, was nicht jeder kann, so gut das Maul halten koenne. Aber seine
Attention hatte er dem Paerchen bewiesen, dass es eine Freude war. Vom
Portal bis zum Altar waren Blumen gestreut, er hatte es sich etwas
kosten lassen und keine kleine Hatz deswegen mit seiner Liebsten
gehabt; aber diesmal hatte er doch durchgedrungen und seinen eigenen
Willen gehabt.

Jetzt kam Gerassel die Strasse herauf; dem alten Kuester schlug das Herz,
jetzt--ja, sie mussten es sein,--der grosse Glaswagen des Praesidenten
fuhr vor; darin sassen der Praesident und Emil. "Ach, der schoene
Offizier!" schrien die Freilinger und machten lange Haelse. "Wie
praechtig, wie wunderhuebsch!" fluesterten die Maedchen, denen das
Herz unter dem Mieder lauter pochte; aber man konnte auch nichts
Schoeneres sehen.

Er hatte die Staatsuniform angelegt; sie schloss sich um den herrlichen,
schlanken, heldenkraeftigen Koerper, wie wenn er damit geboren worden
waere; das sonst so bleiche, ernste Gesicht war heut leicht geroetet
und verherrlicht durch einen Schimmer von holder Freundlichkeit; sein
stolzes, glaenzendes Auge durchlief den Kreis, es traf den Kuester, der
in einem fort Bueckling ueber Bueckling machte; geruehrt und freundlich
reichte er ihm die Hand und stellte sich neben ihn unter das Portal.

Jetzt rasselte es wieder die Strasse herauf. Ein Wagen, noch glaenzender,
geschmackvoller als der erste; er gehoerte zu der neuen Remise des Grafen
und war heute von Blauenstein hereingefahren worden. Der alte Brktzwisl,
der in hoechster Gala mit noch einem Kameraden hintendrauf stand, sprang
ab, riss die Glastuere auf, schlug klirrend den Tritt herab--jetzt regt
sich kein Atem mehr in der ganzen grossen Menge; jedes Auge
erwartungsvoll auf die geoeffnete Tuere geheftet. Der alte Graf, angetan
mit all seinen Orden, der Hofrat mit dem himmlischen Ehrenzeichen der
Freundschaft auf dem Gesichte, stiegen aus und postierten sich an den
Schlag. Jetzt wurden ein Paar glacierte Handschuhe sichtbar, jetzt ein
Fuesschen, es war nicht moeglich, etwas Kleineres, Niedlicheres zu sehen
als die winzigen weissseidenen Schuhe--jetzt--ein Lockenkoepfchen, ein
Paar selig glaenzende Augen, ein Paar ueberpurpurte Wangen, ein
laechelnder Mund--huebsch stand das Braeutchen zwischen den alten
Herren. Ein Kleid von schwerem, weissem Seidenzeug schlang sich um
den jugendlich-frischen Koerper; wie darueber hingehaucht war ein
Oberkleid vom feinsten Spitzengrund, ein Geschenk des Oheims, und mit
der reichen Blondengarnierung, in welche es endigte, mit der
Diamantenschnalle und dem aus Venezianerketten geflochtenen Guertel,
welcher den wunderniedlichen Blusenleib zusammenhielt, wenigstens 
seine achttausend Taler wert, und die Bracelets mit den grossen
Steinen und das Diadem, um das sich der Myrtenkranz schlang! Nein, wer
sich auch nur ein wenig auf Steine verstand, dem musste hier der Mund
waessern; aber war nicht alles dies im Grund unbedeutende Fasson, um
den herrlichsten Edelstein, das Wunderkind selbst, einzufassen?

Sie traten in die Kirche; das in Seligkeit schwimmende Braeutchen
vergass nicht, im Voruebergehen dem Kuester einen recht freundlichen
Gruss zuzuwinken, dass ihn die Menge ehrfurchtsvoll angaffte und nicht
begreifen konnte, wie der alte Schnapsbruder zu so hoher Bekanntschaft
gelangt sei. Ernster und ernster wurden die Zuege Idas, als sie sich dem
wohlbekannten Altar naeherte. Ihr Auge begegnete dem Auge Emils, des
Grafen und des Hofrats, die mit Blicken des Dankes und der Ruehrung an
ihr hingen. Hier war ja ihr Siegesplatz, wo das mutige Maedchen mit
hingebender Liebe gegen den boesen Feind der Schwermut und des
Truebsinnes gekaempft und gesiegt hatte.

Muehsam rang sie nach Fassung, die Freude, dass sich alles so schoen
gefuegt hatte, wurde zur heiligen Ruehrung in ihr; noch einmal durchflog
sie die Erinnerung an den ersten Blick des Grafen bis hieher zu dieser
Staette, und ihr Auge wurde feucht von Entzuecken. Als aber die Trauung
begann, als der wuerdige Diener der Kirche, dem man das Geheimnis
anvertraut hatte, in einer kurzen, aber gehaltvollen Rede von den
wunderbaren Fuegungen Gottes sprach, der oft aus Tausenden sein
Werkzeug zur Beglueckung vieler waehle, da stroemten ihre Traenen
ueber. "Ja," dachte sie bei sich selbst, "es ist erfuellt, was
damals ahnungsvoll meine Seele fuellte: _der Zug des Herzens ist
Gottes, ist des Schicksals Stimme_." Und viele Traenen flossen; denn
auch die Augen derer, die einst den Jammer des edlen Juenglings gesehen
hatten, gingen ueber.

Wie ein Engel Gottes kam sie dem alten Oheim vor, als sie am Altar ihre
Hand in die seines Neffen legte, wie ein Engel, der mit freundlichem
Blick, mit treuer Hand den Menschen aus der dunkeln Irre des Lebens zu
einem schoenen, lichten Ziele fuehrte.

       *       *       *       *       *




DER SCHMAUS.

Schnurstracks von der Kirche ging es hinaus nach Blauenstein. Eine ganze
Karawane von Wagen und Reitern zog dem wohlbekannten Landau, in welchem
die neugebackenen Eheleute sassen, nach. Der Hofrat war vorangeeilt,
um alles zu leiten. Sechs Boeller riefen ihnen Freudengruesse
entgegen, als sie in die Grenze ihres Eigentums einfuhren. Ein
donnerschlagaehnliches Wirbeln von Pauken und Trompeten empfing sie am
Portal des schoenen Schlosses, und als alle Wagen aufgefahren waren,
als Emil sein Weibchen auf den Balkon herausfuehrte, um die herrliche
Gegend zu uebersehen, da gab der Hofrat das Zeichen, und ein
schrankenloses Vivat, Hurra und Hallo erfuellte die Luft.

Paar und Paar zog man jetzt durch das Schloss, um alles in Augenschein
zu nehmen. Es wandelte die Gaeste beinahe ein Grauen an vor dem
Hexenmeister, dem alten Martiniz. Das Schloss--es war zwar niedlich,
geschmackvoll, bequem gebaut, lag wunderschoen und hatte Gaerten und
Felder, wie man sie selten sah; aber vor vierzehn Tagen war dies alles
noch leer gestanden, Tapeten waren abgerissen herabgehangen, im Saal
war Hafer ausgeschuettet gewesen, kurz, man hatte gesehen, dass es eine
gute Weile nicht bewohnt war, und mancher Kaeufer haette nicht
geglaubt, innerhalb eines halben Jahres mit der Restauration fertig
werden zu koennen. Und jetzt, die behaglichste Eleganz, die man sich
denken konnte; diese Trumeaus--ein Gardist mit sieben Fuss haette sich,
und haette er noch einen ellenlangen Federbusch auf dem Hut gehabt,
perfekt am ganzen Leib von der Zehenspitze bis zum aeussersten
Federchen darin sehen koennen. Diese breitarmigen Luestres, diese
Kristallampen, diese geschmackvollen Sofas, Teetische, Toiletten;
Etageren, diese Pracht von Porzellan, Beinglas, Kristall, Silber an
Servicen, Leuchtern, Vasen, an allem, was nur die feinste Modedame
sich wuenschen kann; gar nichts war vergessen! Die Freilinger
wandelten wie in einem Feenpalast umher, und die Maedchen und die
Frauen--Ida wandelte zwar wie eine Koenigin in dieser Herrlichkeit,
als haette sie von Jugend auf darin gelebt; aber man hoerte doch so
manches Spruechlein vom blinden Glueck und Zufall, die einen im
Schlafe heimsuchen.

Jetzt riefen die Trompeten zur Tafel, und da war es, wo Hofrat Berner
seine Lorbeeren erntete. Die neue Dienerschaft des jungen graeflichen
Paares hatte er schon so instruiert, dass alles wie am Schnuerchen ging,
und zwar alles auf dem hoechsten Fuss; denn wenn einer der Gaeste nur
vom silbernen Teller ein wenig aufsah oder mit seinem Nachbar
konversierte, husch! war der Teller gewechselt, und eine neue Speise
dampfte ihm entgegen. Aber auch in der Kueche hatte er gewaltet; und
es haette wenig gefehlt, so haette er aus lauterem Eifer, alles recht
delikat zu machen, sich selbst zu einem Ragout oder Hachee
verarbeiten oder zu einer Gallerte einsieden, wenn nicht gar mit einer
Zutat von Zucker zu einer Marmelade oder Gelee einkochen lassen. Auch
ihn hielten die Damen fuer einen zweiten Oberon, der eine ewig
reichbesetzte Tafel aus dem Boden zaubern kann. Denn solche Speisen
zu dieser Jahreszeit, und alles so fein und delikat gekocht!

Da war:

Schildkroetensuppe.
Coulissuppe von Fasanen mit Reis.

_Hors d'oeuvres_.

Pastetchen von Briesslein mit Salpicon.
Kabeljau mit Kartoffeln und _Sauce hollandaise_.
_Du boeuf au naturel_.
Englischer Braten mit _Sauce espagnole_.

 _Gemuese_.

Spargeln mit _Sauce au beurre_.
Gruene Erbsen mit geroesteten Briesslein.

_Entrees_.

Junge Huehner mit _Sauce aux fines herbes_.
Financiere mit Kloessen.
Schinken _a la broche au vin de Malaga_.
Feldhuehnersalmy.
Kalbskopf _a la tortue_.
_Fricandeau a la Provencale_.

_Braten_.

Kalbsschlegel.
Rehbraten.
Feldhuehnerbraten.
Kapaunenbraten.
_Dindon a la Perigord_.

_Salat vielerlei_.

_Suesse Speisen_.

Sulz von Malaga.
Creme von Erdbeeren.
_Compote melee_.
_Creme panachee melee_.
Punschtorte mit Fruechten.
_Tartelettes d'abricots_.
_Tourte de chocolat montee_.
Gusstorte.

_Dessert_.

Punsch _a la glace_.
_Creme de Vanille_.

       *       *       *       *       *




SCHLUSS.

Als das Dessert aufgetragen wurde, entschluepfte, unbemerkt von den
bechampagnerten Gaesten, die junge Frau. Sie warf den schweren
Hochzeitstaat ab und erwaehlte unter der reichen Garderobe ein
allerliebstes Reisekleidchen; denn nach der Tafel sollte gleich
eingesessen und ein wenig in die Welt hinausgefahren werden; so
wollte es der alte Graf.

Sie erschrak selbst, als sie in den Spiegel sah, nein, so
wundergrazienhuebsch hatte sie noch nie ausgesehen; das Ueberroeckchen
schloss so eng und passend, das Reisehaeubchen, die hervorquellenden
Loeckchen gaben dem Koepfchen einen wundervollen Reiz. Die Baeckchen
waren so rosig, die Aeuglein glaenzten so hell und klar im Widerschein
ihres braeutlichen Glueckes, kleine, kleine Schelmchen sassen in ben
Gruebchen der Wangen und schienen allerlei wunderbare Geheimnisse zu
fluestern von Sehnsucht und Erwartung; das Maeulchen so spitzig wie
zum Kuessen zeigte immer wieder die Perlen, die hinter dem Purpur
verborgen waren.

Die sechs Kammerjungfern, Lisette, Babette, Trinette, Philette,
Minette, und wie sie alle hiessen, schlugen vor Verwunderung ueber ihre
wunderniedliche gnaedige Frau die Haende zusammen. "Diese herrliche,
jugendliche Frische! Dieser Alabasterbusen, der alle Nestel des
Korsettchens zu zersprengen droht!" sagte Minette. "Diese weissen
Arme!" fluesterte Philette. "Diese Fuesschen," dachte Trinette weiter,
"diese Waed--"

"Der Herr Graf wird ganz selig sein," wisperte Lisette der Babette zu,
doch nicht so leise, dass es den Ohren der jungen Graefin entging. Sie
wollte tun, als haette sie nichts gemerkt, aber ward feuerflammrot von
der Stirne bis herab in das Halstuch, und als vollends Babette, die
das schneeweisse Nachtzeug in die Vache packte, mit einer hoechst
naiven Frage in die Quere kam, da hielt sie es nicht mehr aus; ganz
dunkel ueberpurpurt entschluepfte sie den sechs dienstbaren Geistern
und lief wie ein gescheuchtes Reh in den Speisesaal.

Allgemeiner Jubel empfing die holde Reisende. Alles war darin
einverstanden, dass ihr diese Tracht noch besser stehe als der
Brautstaat; kein Wunder! es war ja das Pilgerkleid, in welchem sie ins
gelobte Land der Ehe reiste.

"Warum bist du nur so ueber und ueber rot?" fragte Emil sein holdes
Weibchen, indem er sie naeher an seine Seite zog. "Hat dir jemand
etwas getan?"

Sie wollte lange nicht heraus. "Die Babette," fluesterte sie endlich und
erroetete von neuem, "die Babette hatte so dumm gefragt."

"Nun, was denn?" fragte der neugierige Herr Gemahl. Aber da stockte es
wieder; zehnmal setzte sie an; sie wollte gerne eine Luege erfinden;
aber das schickte sich denn doch nicht am Hochzeittag, und doch--es
ging nicht; er musste bitten, flehen, drohen, betteln sogar; endlich,
nachdem er hatte versprechen muessen, die Augen recht fest zuzumachen,
fluesterte sie ihm ins Ohr: "Sie hat mein Nachtzeug eingepackt, und da
hat sie gefragt, ob sie das deinige auch dazu packen soll." Selig
schloss der Graf sein Engelsweibchen in die Arme; er wollte antworten,
aber seine Antwort verhallte im Geraeusch der aufbrechenden Gaeste.

Die Wagen waren vorgefahren, man verabschiedete sich. Der Graf nahm sein
Idchen um den Leib und trug sie schnell hinab in den Wagen; denn dort
beschloss er, ihr zu antworten.

Auf dem Balkon draengten sich die Gaeste, die Champagnerglaeser in den
Haenden; sie riefen, vermischt mit den neuen Untertanen des Grafen, ein
tausendstimmiges Vivat in den Wagen hinab. Ida drueckte ihr Koepfchen an
die Brust des Geliebten. Er winkte, die Pferde zogen an, und dahin fuhr
Emil und seine glueckliche Ida.

       *       *       *       *       *




NACHSCHRIFT.

Es ist ein schoener Brauch unter guten Menschen, die sich lieben und
getrennt sind, dass sie gewisse Tage des Jahres festsetzen, an welchen
sie sich von nahen und entfernten Orten her sammeln, sich wiedersehen
und die Strahlen ihrer Liebe von neuem an der allgemeinen Flamme
anzuenden. So halte ich es seit langen Jahren mit meinen Freunden,
die das Schicksal nach Ost und nach West verschlagen. Auch heuer war
ich hingereist an den Ort, den wir zu unserem Rendezvous bestimmt
hatten. Als ich an dem stattlichen Weissen Hirsch in B. vorfuhr,
lagen schon manche Fenster voll, und wie wohl tut da das freundliche,
jubelnde: "Er ist's, er ist's," das von schoenen Lippen herab dem
Freunde entgegentoent!

Ich traf sie alle, alle meine Lieben; da war meine holde, sinnige
Doralice und ihr Stern, da war die lose, naive Vally und ihr geheimer
Kriegsrat, da war Graf Law und seine Clementine, da war meine suesse
Mimili, da war Herr von Estavayer mit seiner Elsi, da war mein
russisches Lisli; selbst Sponseri, mein lieber Sponseri, ich hiess
ihn nur immer den Gruenmantel, hatte sich aus Venedig eingefunden und
Emilie Mellinger mitgebracht; da war auch Fanny und ihr Graf, der
Generalbevollmaechtigte, Kilian mit Julchen. Da war Molly und ihr
Justizrat, da war die herzige Pina und ihr Gatte, Agnes und Rose,
Rosamunde und der Graf Oliva, das liebe Dijon-Roeschen, Klotilde
und ihr Sekretaer.--Meine Freude war unaussprechlich, ich flog wie
ein Ball von einem Arm in den andern, und das Kuessen wollte gar kein
Ende nehmen.

Endlich fasste man sich, dass es doch zu einem vernuenftigen Gespraech
kam. Freilich truebte der Tod unsrer Magdalis und ihres treuen
Willibald, die uns im Leben so nahe standen und auch nach ihrem Tode
so innig verschwistert mit uns fortleben, die ersten Augenblicke des
Wiedersehens; aber nachdem wir ihnen das Totenopfer inniger Traenen
geweiht, kehrte die holde Freude wieder bei uns ein.

Wir tollten, lachten und schaekerten, der Weisse Hirsch fasste kaum so
viel Gaeste, und manches Paerchen musste sich mit _einem_ Bettchen
behelfen.

So lebten wir schon seit zwei Tagen in Saus und Braus und brachen dem
Weissen Hirschwirt beinahe das Haus ab; da--wir sassen gerade beim
Kaffee--da fuhren Wagen vor; wir draengten uns alle an die Fenster und
schlugen den fremden Menschenkindern ein Schnippchen; denn--gut Essen
und Trinken konnten sie wohl bekommen, aber Betten,--Logis,--ohne
unsere Bewilligung kein Fleckchen, und landfremde Leute mochten wir
gerade nicht gerne unter uns haben. In einem praechtigen Landau, mit
vier Postpferden bespannt, sass ein Herr und eine junge Dame; sie hoben
die Koepfe in die Hoehe--

"Mein Gott, das ist ja Graf Martiniz," rief ich, und zugleich rief Vally:
"Ei der Tausend, das ist ja Ida Sanden!" Ich sprang gleich hinab, um sie
heraufzufuehren; sie folgten willig nebst noch drei andern aeltlichen
Herren, welche der zweite Wagen entladen hatte. Ida und Vally flogen
einander in die Arme; sie hatten sich in der Residenz, wo Vally lebt,
kennen gelernt und liebten einander innig. Der Graf zog mich zu den
beiden jungen Damen, um welche die uebrigen schon einen dichten Kreis
geschlossen hatten. "Sehen Sie," sagte er zu mir, "das ist seit gestern
mein liebes Frauchen."

Da fanden sich also alte Bekannte zusammen. Ich hatte den Grafen in
Hamburg kennen gelernt. Damals fasste ich tiefe Zuneigung zu ihm, sie
wurde zur Freundschaft, und er gestand mir seine schrecklichen Leiden.
So wenig ich an solche Visionen glaubte, so war ich doch der Meinung,
dass ihn Liebe zu einem guten, reinen Maedchen zerstreuen, retten
koennte; und wie herrlich hatte sich dieses gemacht! Er war froehlich,
selig, war durch die Liebe dieses Engels der Menschheit wiedergeschenkt.

Auch in den drei andern Gaesten--der Leser wird unschwer den alten
Martiniz, den Praesidenten und den Hofrat in ihnen erkannt haben--lernte
ich wackere, liebenswuerdige Maenner kennen. Schon den ersten Abend war
es uns allen, als haetten wir das holde Paerchen schon jahrelang
gekannt, so trefflich passten sie zu unserem Sinn, zu unserem ganzen
Wesen. Der junge Graf erzaehlte uns seine Geschichte, und wenn wir
bedachten, wie zufaellig er nach Freilingen, wie zufaellig er auf jenen
Ball, wo er Ida fand, gekommen war, wie ebenso zufaellig der alte Oheim
auf einer Geschaeftsreise diese Gegenden beruehrt, dem Neffen eine
Ueberraschung bereiten wollte und als _Deus ex machina_ mitwirkte und
die Raenke der boesen Aarstein vereiteln half--wahrlich, wir mussten
diese Fuegungen bewundern und fanden den alten Spruch bestaetigt:

_"Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme."_

Noch zwei Tage blieb das junge Paar unter uns und reiste dann, als auch
wir alle uns wieder nach Ost und nach West zerstreuten, weiter.

Noch in der letzten Stunde erlaubte mir Emil, seine Geschichte der Welt
zu erzaehlen.

Es soll mich innig freuen, wenn ihre innige, treue Liebe Beifall findet,
sie sind es wert; alle, die sie kennen, lieben sie, und ich darf sagen,
sie sind _ein_ Herz, _eine_ Seele mit mir; sie sind auch wieder durch
den Zug des Herzens ganz die Meinigen geworden.

H. Clauren.



     *     *     *     *     *     *     *     *     *     *     *



KONTROVERS-PREDIGT

ueber

H. CLAUREN UND DEN MANN IM MOND

gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827

von

WILHELM HAUFF




Text: Ev. Matth. VIII, 31-32



Allen Verehrern der CLAURENSCHEN MUSE widmet diese Blaetter
in bekannter Hochachtung

DER VERFASSER



EHRWUERDIGE VERSAMMLUNG, ANDAECHTIGE ZUHOERER!

Die Apostel, besonders der heilige Paulus, als er zu Rom predigte,
verschmaeheten es nicht, auch haeusliche, buergerliche Angelegenheiten der
Gemeinde zu Gegenstaenden ihrer Betrachtungen zu machen. Es laesst sich
zwar mit vieler Wahrscheinlichkeit annehmen, dass sie belletristische
Gegenstaende nicht beruehrt haben, dass sie literarische Streitigkeiten
nicht, wie man zu sagen pflegt, auf die Kanzel brachten; denn sie hatten
Wichtigeres zu tun; nichtsdestoweniger aber geschah dies einige
Jahrhunderte spaeter, und man trifft in den Kirchenvaetern nicht
undeutliche Spuren, dass sie ueber allerhand literarische Subtilitaeten,
sogar ueber die Tendenz und den Stil ihrer Gegner auf dem kirchlichen
Rednerstuhl gesprochen haben.

Beruehmte Kanzelredner neuerer Zeit haben oft und viel zum Beispiel ueber
das Theater gepredigt oder ueber das Tanzen am Sonntag oder ueber das
Singen unzuechtiger Lieder, andere wieder ueber das Spielen, namentlich das
Kartenspielen, und einen habe ich gehoert, der in einer Vesperpredigt das
Schachspiel in Schutz nahm und nur bedauerte, dass es ein Heide erfunden.

Und wenn es die Pflicht des Redners ist, meine Freunde, der Gemeinde
darzutun, welchen Irrtuemern sie sich hingebe, welche boesen Gewohnheiten
unter ihr herrschen, wenn es die Natur der Sache erfordert, bei einer
solchen Aufdeckung von Irrtuemern und boeslichen Gewohnheiten bis ins
einzelne und kleinste zu gehen, weil oft gerade dort, recht ins Auge
fallend, der Teufel nachgewiesen werden kann, der darin sein Spiel treibt,
so kann es niemand befremden, wenn wir nach Anleitung der Textesworte mit
einander eine Betrachtung anstellen ueber:

DEN MANN IM MOND

von

H. Clauren;

und zwar betrachten wir:

 I. Wer und was ist dieser Mann im Mond? Oder--was ist sein Zweck auf
    dieser Welt?

II. Wie hat er diesen Zweck verfolgt? und wie erging es ihm auf dieser
    Welt?



I.

_Andaechtige Zuhoerer_! Kontroverspredigern, namentlich solchen, die vor
einer so grossen Versammlung reden, kommt es zu, den Gegenstand ihrer
Betrachtung so klar und deutlich als moeglich vor das Auge zu stellen,
damit jeder, wenn ihn auch der Herr nicht mit besonderer Einsicht gesegnet
hat, die Sache, wie sie ist, sogleich begreife und einsehe. Es hat in
unserer Literatur nie an sogenannten _Volksmaennern_ gefehlt, das heisst an
solchen, die fuer ein grosses Publikum schrieben, das, je allgemeiner es
war, desto weniger auf wahre Bildung Anspruch machen konnte und wollte.
Solche Volksmaenner waren jene, die sich in den Grad der Bildung ihres
Publikums schmiegten, die eingingen in den Ideenkreis ihrer Zuhoerer und
Leser und sich, wie der Prediger Abraham a Sancta Clara, wohl hueteten,
jemals sich hoeher zu versteigen, weil sie sonst ihr Publikum verloren
haetten. Diese Leute handelten bei den groessten Geistern der Nation,
welche dem Volke zu hoch waren, Gedanken und Wendungen ein, machten sie
nach ihrem Geschmack zurecht und gaben sie wiederum ihren Leuten preis, die
solche mit Jubel und Herzenslust verschlangen. Diese Volksmaenner sind die
Zwischenhaendler geworden und sind anzusehen wie die Unternehmer von
Gassenwirtshaeusern und Winkelschenken. Sie nehmen ihren Wein von den
grossen Handlungen, wo er ihnen echt und lauter gegeben wird; sie mischen
ihn, weil er dem Volke anders nicht munden will, mit einigem gebrannten
Wasser und Zucker, faerben ihn mit roten Beeren, dass er lieblich
anzuschauen ist, und verzapfen ihn ihren Kunden unter irgend einem
bedeutungsvollen Namen.

Diese Gassenwirte oder Volksmaenner treiben aber eine schaendliche und
schaedliche Wirtschaft. Sie fuehlen selbst, dass ihr Gebraeu sich nicht
halten wuerde, dass es den Ruf von Wein auf die Dauer nicht behalten
koennte, wenn er nicht auch _berausche_. Daher nehmen sie Tollkirschen und
allerlei dergleichen, was den Leuten die Sinne schwindelnd macht; oder, um
die Sache anders auszudruecken, sie bauen ihre Dichtungen auf eine gewisse
Sinnlichkeit, die sie, wie es unter einem gewissen Teil von Frauenspersonen
Sitte ist, kuenstlich verhuellen, um durch den Schleier, den sie darueber
gezogen haben, das luesterne Auge desto mehr zu reizen. Sie kleiden ihr
Gewerbe in einen angenehmen Stil, der die Einbildungskraft leicht anregt,
ohne den Kopf mit ueberfluessigen Gedanken zu beschweren; sie geben sich
das Ansehen von heiterem, sorglosem Wesen, von einer gewissen gutmuetigen
Natuerlichkeit, die lebt und leben laesst; sie sind arglose Leute, die ja
nichts wollen, als ihrem Nebenmenschen seine "oft trueben Stunden
erheitern" und ihn auf eine natuerliche, unschuldige Weise ergoetzen. Aber
gerade dies sind die Woelfe in Schafskleidern, das ist der Teufel in der
Kutte, und die Krallen kommen fruehe genug ans Tageslicht.

Wem unter euch, meine Andaechtigen, sollte bei dieser Schilderung nicht vor
allem _jener_ beifallen, der alljaehrlich im Gewande eines unschuldigen
Blumenmaedchens auf die Messe zieht und "Vergissmeinnicht" feilbietet. Ich
weiss wohl, dass dort drueben auf der Emporkirche, dass da unten in den
Kirchstuehlen manche Seele sitzt, die ihm zugetan ist, ich weiss wohl, dass
er bei euch der Morgen- und Abendsegen geworden ist, ihr Naehermaedchen,
ihr Putzjungfern, selbst auch ihr sonst so zuechtigen Buergerstoechterlein,
ich weiss, dass ihr ihn heimlich im Herzen traget, ihr, die ihr auf etwas
Hoeheres von Bildung und Geschmack Anspruch machen wollet, ihr Fraeulein
mit und ohne Von, ihr gnaedigen Frauen und andere Mesdames! Ich weiss, dass
er das A und das O eurer Literatur geworden ist, ihr Schreiber und
Ladendiener, dass ihr ihn bestaendig bei euch fuehrt, und wenn der
Prinzipal ein wenig beiseite geht, ihn schnell aus der Tasche holt, um eure
magere Phantasie durch einige Ballgeschichten, Champagnertreffen und
Austernschmaeuse anzufeuchten; ich weiss, dass er bei euch allen der Mann
des Tages geworden ist; aber nichtsdestoweniger, ja, gerade darum und eben
deswegen will ich seinen Namen aussprechen, er nennt sich CLAUREN.
_Anathema sit!_

Vor zwoelf Jahren laset ihr, was eurem Geschmack gerade keine Ehre machte,
Spiess und Cramer, mitunter die koestlichen Schriften ueber Erziehung von
Lafontaine; wenn ihr von Meissner etwas anderes gelesen als einige
Kriminalgeschichten &c., so habt ihr euch wohl gehuetet, es in guter
Gesellschaft wiederzusagen; einige aber von euch waren auf gutem Wege; denn
Schiller fing an, ein grosses Publikum zu bekommen. Gewinn fuer ihn und
fuer sein Jahrhundert, wenn er, wie ihr zu sagen pflegt, in die Mode
gekommen waere; dazu war er aber auch zu gross, zu stark. Ihr wolltet euch
die Muehe nicht geben, seinen erhabenen Gedanken ganz zu folgen. Er wollte
euch losreissen aus eurer Spiessbuergerlichkeit, er wollte euch aufruetteln
aus eurem Hinbrueten mit jener ehernen Stimme, die er mit den
Silberklaengen seiner Saiten mischte; er sprach von Freiheit, von
Menschenwuerde, von jener erhabenen Empfindung, die in der menschlichen
Brust geweckt werden kann,--gemeine Seelen! Euch langweilten seine
herrlichsten Tragoedien, er war euch nicht allgemein genug. Was soll ich
von Goethe reden? Kaum, dass ihr es ueber euch vermoegen konntet, seine
Wahlverwandtschaften zu lesen, weil man euch sagte, es finden sich dort
einige sogenannte pikante Stellen,--ihr konntet ihm keinen Geschmack
abgewinnen, er war euch zu vornehm.

Da war eines Tages in den Buchladen ausgehaengt: "Mimili, eine
Schweizergeschichte." Man las, man staunte. Siehe da, eine neue Manier zu
erzaehlen, _so angenehm, so natuerlich, so ruehrend_ und _so reizend_! Und
in diesen vier Worten habt ihr in der Tat die Vorzuege und den Gehalt jenes
Buches ausgesprochen. Man wuerde luegen, wollte man nicht auf den ersten
Anblick diese Manier _angenehm_ finden. Es ist ein laendliches Gemaelde,
dem die Anmut nicht fehlt; es ist eine wohltoenende, leichte Sprache, die
Sprache der Gesellschaft, die sich zum Gesetz macht, keine Saite zu stark
anzuschlagen, nie zu tief einzugehen, den Gedankenflug nie hoeher zu nehmen
als bis an den Plafond des Teezimmers. Es ist wirklich angenehm zu lesen,
wie eine Musik angenehm zu hoeren ist, die dem Ohr durch sanfte Toene
schmeichelt, welche in einzelne wohllautende Akkorde gesammelt sind. Sie
darf keinen Charakter haben, diese Musik, sie darf keinen eigentlichen
Gedanken, keine tiefere Empfindung ausdruecken; sonst wuerde die arme Seele
unverstaendlich werden oder die Gedanken zu sehr affizeren. Eine angenehme
Musik, so zwischen Schlafen und Wachen, die uns einwiegt und in suesse
Traeume hinueberlullt. Siehe, so die Sprache, so die Form jener neuen
Manier, die euch entzueckte!

Das _Zweite_, was euch gefiel, haengt mit diesem ersteren sehr genau
zusammen: diese Manier war so _natuerlich_. Es ist etwas Schoenes,
Erhabenes um die Natur, besonders um die Natur in den Alpen. Schiller ist
auch einmal dort eingekehrt, ich meine, mit Wilhelm Tell. Sein Drama ist so
erhaben als die Natur der Schweizerlande; es bietet Aussichten, so
koestlich und gross wie die von der Tellskapelle ueber den See hin; aber
nicht wahr, ihr lieben Seelen, der ist euch doch nicht natuerlich genug? Zu
was auch die Seele anfuellen mit unnuetzen Erinnerungen an die Taten einer
grossen Vorzeit? Zu was Weiber schildern wie eine Gertrude Stauffacher oder
eine Bertha, oder Maenner wie einen Tell oder einen Melchthal? Da weiss es
Clauren viel besser, viel natuerlicher zu machen! Statt grossartige
Charaktere zu malen, fuer welche er freilich in seinem Kasten keine Farben
finden mag, malt er euch einen Hintergrund von Schneebergen, gruenen
Waldwiesen mit allerlei Vieh; das ist _pro primo_ die Schweiz. Dann einen
Krieger neuerer Zeit mit schlanker Taille von acht Zollen, etwas bleich (er
hat den Freiheitskrieg mitgemacht), das eiserne Kreuz im Knopfloch &c. Das
ist der Held des Stueckes. Eine interessante Figur! Naemlich _Figur_ als
wirklicher Koerper genommen, mit Armen, Taille, Beinen &c., und
_interessant_, nicht wegen des Charakters, sondern weil er etwas bleich
ist, ein eisernes Kreuz traegt und so ein Ding von einem preussischen
Husaren war. Neben diesen Helden kommt ein frisches, rundes "Dingelchen" zu
stehen mit kurzem Roeckchen, schoenen Zwickelstruempfen usw. Kurz, das
Inventarium ihres Koerpers und ihres Anzuges koennt ihr selbst nachlesen
oder habt es leider im Kopfe. Das Schweizerkind, die Mimili, ist nun so
natuerlich als moeglich; d. h. sie geniert sich nicht, in Gegenwart des
Kriegers das Busentuch zu lueften und ihn den Schnee und dergleichen sehen
zu lassen, dass ihm "angst und bange" wird. Einiger Schweizerdialekt ist
auch eingemischt, der nun freilich im Munde Claurens etwas unnatuerlich
klingt. Kurz, es ist nichts vergessen, die Natur ist nicht nur nachgeahmt,
sondern foermlich kopiert und getreulich abgeschrieben. Aber leider ist es
nur die Natur, so wie man sie mittelst einer _Camera obscura_ abzeichnen
kann. Der warme Odem Gottes, der Geist, der in der Natur lebt, ist
weggeblieben, weil man nur das Kostuem der Natur kopierte. Zeichnet die
naechste beste Schweizer Milchmagd ab, so habt ihr eine Mimili, und
freilich alles so natuerlich als moeglich.

Das _Dritte_, was euch so gut mundete an dieser Geschichte war--das
_Ruehrende_. Wann und wo war der Kummer der Liebe nicht ruehrend? Es ist
ein Motiv, das jedem Roman als Wuerze beigegeben wird wie bittere Mandeln
einem suessen Kuchen, um das Suesse durch die Vorkost des Bitteren desto
angenehmer und erfreulicher zu machen. Ihr selbst, meine jungen
Zuhoererinnen, und ich habe dies zu oefteren Malen an euch geruegt,
versetzt euch gar zu gerne in ein solches Liebesverhaeltnis, wenn nicht dem
Koerper, doch dem Geiste nach. Wenn ihr so dasitzet und naehet oder
stricket und ueber eure Nachbarn gehoerig geklatscht habt, kommt gar leicht
in eurer Phantasie das Kapitel der Liebe an die Reihe, und ihr traeumet und
traeumet und vergesset die Welt und die Maschen an eurem Strickstrumpf.
Wenn man nachts durch den Wald geht, so denkt man gerne an arge
Schauergeschichten von Mord und Totschlag. Gerade so machet ihr es. Je
greulicher der Schmerz eines Liebespaares ist, von welchem ihr leset, desto
angenehmer fuehlet ihr euch angeregt. Da wollet ihr keine Natuerlichkeit,
da soll es recht arg und tuerkisch zugehen, und wie den spanischen
Inquisitoren, so ist euch ein solches Autodafe ein Freudenfest. Je laenger
die Liebenden am langsamen Feuer des Kummers braten, je mehr man ihnen mit
der Zange des Schicksals die Glieder verrenkt, desto, ruehrender koemmt es
euch vor, und doch habt ihr dabei immer noch den Trost _in petto_, dass der
Autor, der diesen Jammer arrangiert, zugleich Chirurg ist und die
verrenkten Glieder wieder einrichtet, zugleich Notar, um den
Heiratskontrakt schnell zu fertigen, zugleich auch Pfarrer, um die guten
Leutchen zusammenzugeben. Ihr habt recht, ihr guten Seelen! Ihr wollet
nicht geruehrt sein durch tiefere Empfindungen, man darf bei euch nicht
jene Mollakkorde anschlagen, die durch die Seele zittern. Wer wollte auch
mit einer Aeolsharfe auf einer Kirchweihe aufspielen! Da ist der
schnarrende Konterbass Meister, und je graesslicher es zugeht, desto
ruehrender ist es.

Ich komme aber auf den _vierten_ Punkt der Mimilis-Manier, naemlich auf
--das _Reizende_. Die drei andern Punkte waren das Schafskleid; das ist
aber die Kralle, an der ihr den Wolf erkennet, der im Kleide steckt; jenes
war die Kutte, unter welcher er unschuldig wie der heilige Franziskus sich
bei euch einfuehrt; aber siehe da, das ist der Pferdefuss, und an seinen
Spuren wirst du ihn erkennen. Und was ist dieses Reizende? Das ist die
Sinnlichkeit, die er aufregt, das sind jene reizenden, verfuehrerischen,
lockenden Bilder, die eurem Auge angenehm erscheinen. Es freut mich zu
sehen, dass ihr da unten die Augen nicht aufschlagen koennet. Es freut mich
zu sehen, dass hin und wieder auf mancher Wange die Roete der Beschaemung
aufsteigt. Es freut mich, dass Sie nicht zu lachen wagen, meine Herren;
wenn ich diesen Punkt beruehre. Ich sehe, ihr alle verstehet nur allzu
wohl, was ich meine.

Ein Lessing, ein Klopstock, ein Schiller und Jean Paul, ein Novalis, ein
Herder waren doch wahrhaftig grosse Dichter, und habt ihr je gesehen, dass
sie in diese schmutzigen Winkel der Sinnlichkeit herabsteigen mussten, um
sich ein Publikum zu machen? Oder wie? Sollte es wirklich wahr sein, dass
jene edleren Geister nur fuer wenige Menschen ihre hehren Worte
aussprachen, dass die grosse Menge nur immer dem Marktschreier folgt, weil
er koestliche Zoten spricht und sein Bajazzo possierliche Spruenge macht?
Armseliges Maennervolk, dass du keinen hoeheren geistigen Genuss kennst,
als die koerperlichen Reize eines Weibes gedruckt zu lesen, zu lesen von
einem Marmorbusen, von huepfenden Schneehuegeln, von schoenen Hueften; von
weissen Knien, von wohlgeformten Waden und von dergleichen Schoenheiten
einer Venus Vulgivaga. Armseliges Geschlecht der Weiber, die ihr aus
Clauren Bildung schoepfen wollet! Erroetet ihr nicht vor Unmut, wenn ihr
leset, dass man nur eurem Koerper huldigt, dass man die Reize bewundert,
die ihr in der raschen Bewegung eines Walzers entfaltet, dass der Wind, der
mit euren Gewaendern spielt, das luesterne Auge eures Geliebten mehr
entzueckt als die heilige Flamme reiner Liebe, die in eurem Auge glueht,
als die Goetterfunken des Witzes, der Laune, welche die Liebe eurem Geiste
entlockt? Verlorene Wesen, wenn es euch nicht kraenkt, euer Geschlecht so
tief, so unendlich tief erniedrigt zu sehen, geputzte Puppen, die ihr euren
jungfraeulichen Sinn schon mit den Kinderschuhen zertreten habt, leset
immer von andern geputzten Puppen, bepflanzet immer eure Phantasie mit
jenen Vergissmeinnichtbluemchen, die am Sumpfe wachsen, ihr verdienet keine
andere als sinnliche Liebe, die mit den Flitterwochen dahin ist!

Siehe da die Anmut, die Natuerlichkeit, das Ruehrende und den hohen Reiz
der Mimilis-Manier! Lasset uns weiter die Fortschritte betrachten, die ihr
Erfinder machte! Wie das Unkraut ueppig sich ausbreitet, so ging es auch
mit dieser Giftpflanze in der deutschen Literatur. Die Mimili-Manier wurde
zur Mimili-Manie, wurde zur Mode. Was war natuerlicher, als dass Clauren
eine Fabrik dieses koestlichen Zeuges anlegte und zwar nach den vier
Grundgesetzen, nach jenen vier Kardinaltugenden, die wir in seiner Mimili
fanden? Bei jener Klasse von Menschen, fuer welche er schreibt, liegt
gewoehnlich an der _Feinheit des Stoffes_ wenig. Wenn nur die Farben recht
grell und schreiend sind! Mochte er nun selbst diese Bemerkung gemacht
haben, oder konnte er vielleicht selbst keine feineren Faeden spinnen,
keine zarteren Nueancen der Farben geben, sein Stoff ist gewoehnlich so
unkuenstlerisch und grob als moeglich angelegt; ein fadengerades
Heiratsgeschichtchen, so breit und lang als moeglich ausgedehnt; von
tieferer Charakterzeichnung ist natuerlich keine Rede; Kommerzienraete,
Husarenmajors, alte Tanten, Ladenjuenglinge _comme il faut, etc_. Die Dame
des Stueckes ist und bleibt immer dasselbe Holz- und Gliederpueppchen, die
nach Verhaeltnissen kostuemiert wird, heisse sie nun Mimili oder Vally,
Magdalis oder Doralice, spreche sie Schweizerisch oder Hochdeutsch, habe
sie Geld oder keines, es bleibt dieselbe. Ist nun die Historie nach diesem
geringen Massstabe angelegt, so kommen die _Ingredienzien_.

Bei den _Ingredienzien_ wird, wie billig, zuerst Ruecksicht genommen
auf das Frauenvolk, das die Geschichte lesen wird. Erstens einige artige
Kupfer mit schoenen "_Engelskoepfchen_", angetan nach der
"_allernagelfunkelneuesten_" Mode. Diese werden natuerlich in der Fabrik
immer zuvor entworfen, gemalt und gestochen und nachher der resp. Namen
unten hingeschrieben. Suendigerweise benuetzt der gute Mann auch die
Portraets schoener fuerstlicher Damen, die er als Quasi-Aushaengeschild vor
den Titel pappt. So hat es uns in der Seele wehe getan, dass die
Grossfuerstin Helena von Russland, eine durch hohe Geistesgaben,
natuerliche Anmut und Koerperschoenheit ausgezeichnete Dame, bei dem
Tornister-Lieschen (im Vergissmeinnicht 1826) gleichsam zu Gevatter stehen
musste.

Zweitens, ein noch bei weitem lockenderes Ingredienz ist die Toilette, die
er trotz den ersten Modehaendlerinnen zu machen versteht. Wer wollte es
Virgil uebel nehmen, wenn er den Schild seines Helden beschreibt? Wer
lauscht nicht gerne auf die kriegerischen Worte eines Tasso, wenn er die
glaenzenden Waffen seines Rinaldo oder Tankred besingt? Es sind Maenner,
die von Maennern, es sind edle Saenger, die von Helden singen. Ueberwiegt
aber nicht der Ekel noch das Laecherliche, wenn man einen preussischen
Geheimen Hofrat hoert, wie er den Putz einer Dame vom Kopf bis zu den
Zehenspitzen beschreibt? Es kommt freilich sehr viel darauf an, ob auf dem
hohlen Schaedel seiner Mimilis ein italienischer Strohhut oder eine Toque
von Seide sitzt, ob die Federn, die solche schmuecken, Marabout- oder
Straussfedern oder gar Paradiesvoegel sind; und dann die niedlichen
"Saechelchen" von Ohrgeschmeide, Halsbaendern, Bracelets _et cetera_, dass
"einem das Herz puppert," und dann die Bruesseler Kanten um die wogende
Schwanenbrust und das gestickte Ballkleid und die durchbrochenen Struempfe
und die seidenen Pariser Ballschuhe oder ein Neglige, wie aus dem
leichtesten Schnee gewoben, und dieses Ueberroeckchen und jenes Maentelchen
und dieses Spitzenhaeubchen, aus dem sich die goldenen Ringelloeckchen
hervorstehlen. _O sancta simplicitas_! Und ihr kneipt, um mich seiner
Sprache zu bedienen, ihr kneipt die Knie nicht zusammen, meine Damen, und
wollet euch nicht halb zu Tode lachen ueber den koestlichen Spass, dass ein
preussischer Geheimer Hofrat eurer Zofe ins Handwerk greift und euch
vorrechnet, was man im Putzladen der Madame Prellini haben kann? Leider,
ihr lachet nicht! ihr leset den allerliebsten Modebericht mit grosser
Andacht, ihr sprechet: das ist doch einmal eine Lektuere von Geschmack;
nichts Ueberirdisches, Romantisches, _tout comme chez nous_, bis aufs Hemde
hat er uns beschrieben, der delizioese Mann, der Clauren!

Ein drittes Ingredienz fuer Maedchen sind die magnifiken Baelle, die er
alljaehrlich gibt. Hu! wie da getanzt wird, dass das Herzchen "im
Vierundsechzigstel-Takt pulsiert!" Wie schoen! Vornehme Damen, die bei
Praesidents A., bei Geheimrats B., bei dem Bankier C. oder gar bei Hofe
Zutritt haben, finden alles "haarklein" beschrieben von der Polonaese bis
zum Kotillon. Arme Landfraeulein, die nur in das naechste Staedtchen auf
den Kasinoball kommen koennen, lesen ihren Clauren nach; ihre Phantasie
traegt sie auf den herrlichen Ball bei Hof, und "der Himmel haengt ihnen
voll Geigen." Putzjungfern, welche Ballkleider verfertigen, ohne sich
selbst darin zeigen zu koennen, Kammermaedchen, die ihre Dame zu dem Ball
"aufgedonnert" haben, nehmen beim Scheine der Lampe ihren Clauren zur Hand,
treten unter dem Tische mit den tanzlustigen Fuessen den Takt eines
Schnellwalzers und traeumen sich in die glaenzenden Reihen eines
Fastnachtballes! Treffliches Surrogat fuer tanzlustige Seelen, koestliche
Stallfuetterung fuer Schafe, die nicht auf der Weide huepfen koennen!

Als ein viertes treffliches Hauptingredienz fuer liebevolle weibliche
Seelen ist das vollendete Bild eines Mannes, wie er sein soll, zu rechnen,
das Clauren zu geben versteht. In der Regel zeichnen sich diese Leute nicht
sehr durch hohe Verstandesgaben aus; doch wir wollen diesen Fehler an
Clauren nicht ruegen; wo nichts ist, sagt ein altes Sprichwort, da hat der
Kaiser das Recht verloren. Statt des Verstandes haben die
Vergissmeinnichtmaenner herrliche Rabenlocken, einen etwas
schwindsuechtigen Teint, der sie aber schmachtend und interessant macht,
unter fuenf Fuss sechs Zoll darf keiner messen; kraeftige, maennliche
Formen, sprechende Augen, die Haende und Fuesse aber wie andere Menschen.
Sie sind gerade so eingerichtet, dass man sich ohne weiteres auf den ersten
Augenblick in sie verlieben muss. Dabei sind sie meistens arm, aber edel,
stolz, grossmuetig und heiraten gewoehnlich im fuenften Akt. Auf welche
edle weibliche Seele sollte ein solcher Held neuerer Zeit nicht den
wohltuendsten Eindruck machen, wenn sie von ihm liest? Sie schnitzelt das
Bild des Obergesellen oder Jagdschreibers oder Apothekergehilfen, das sie
im Herzen traegt, so lange zurecht, bis er ungefaehr gerade so aussieht wie
der Allerschoenste im allerneuesten Jahrgange des allerliebsten
Vergissmeinnicht.

Fuenftens: von schimmernden Luesters, von deckenhohen Trumeaus, von
herrlichen Sofas, von feengleicher Einrichtung, von Sepiamalerei und
dergleichen waere hier noch viel zu reden, wenn es die Muehe lohnte.

Gehen wir, andaechtige Versammlung, ueber zu den Ingredienzien und Zutaten
fuer _Maenner_, so koennen wir hier leicht zwei Klassen machen: 1) Zutaten,
die das Auge reizen, 2) Zutaten, die den Gaumen kitzeln.

Unter Nro. 1 ist vor allem zu rechnen die Art, wie Clauren seine Maedchen
beschreibt. Um zuerst von ihrem geistigen Wert zu sprechen, so gilt hier
dasselbe, was von den Maennern gesagt wurde; eine tiefe, edle,
jungfraeuliche Seele weiss kein Clauren zu schildern, und wenn er es
wuesste, so hat er ganz recht, dass er nie eine Thekla, eine Klotilde. oder
ein Wesen, das etwa ein Titan oder Horion lieben koennte, unter seiner
Affenfamilie mittanzen laesst. Was das Aeussere betrifft, so macht er es
wie jener griechische Kuenstler, der aus sieben schoenen Maedchen sich eine
Venus bilden wollte. Aber er vergisst den hohen Sinn, der in der Sage von
dem Kuenstler liegt. Sechs zogen vorueber und zeigten dem entzueckten Auge
stolz die entfesselten Reize ihrer Jugend. Die siebente, als die Gewaender
fallen sollten, erroetete und verhuellte sich, und der Kuenstler liess jene
sechs voruebergehen und bildete nach diesem Vorbild jungfraeulicher Hoheit
seine Goettin. Nicht also Clauren; die sechs hat er wohl aufgenommen, der
siebenten, als sie verschaemt, verhuellt, erroetend nahte, hat er die Tuere
verschlossen.

Und jetzt, meine Herren, setzet euch her, macht es euch bequem! Der grosse
Meister gibt ja das Panorama aller weiblichen Reize. Siehe die entfesselten
Locken, die auf den Alabaster der Schultern niederfallen, siehe--doch wie?
Soll ich alle jene erhabenen, ausgesuchten Epitheta wiedergeben, die sich
mit Schnee, mit Elfenbein, mit Rosen gatten? Ich bin ein Mann und erroete,
erroete darueber, dass ein Mann aus der sogenannten guten Gesellschaft die
sittenlose Frechheit hat, alljaehrlich ein ausfuehrliches Verzeichnis von
den Reizen drucken zu lassen, die er bei seinem Weibe fand!

Als Tasso jene Strophen dichtete, worin die Gesandten Gottfrieds am Palast
der neuen Circe die Nymphen im See sich baden sehen, glaubet ihr, seine
reiche, gluehende Phantasie haette ihm nicht noch lockendere Bilder,
reizendere Wendungen einhauchen koennen als einem Clauren? Doch er dachte
an sich, er dachte an die hohe, reine Jungfrau, fuer die er seine Gesaenge
dichtete, er dachte an seinen unbefleckten Ruhm bei Mit- und Nachwelt, und
siehe, die reichen Locken fallen herab und stroemen um die Nymphen und
rollen in das Wasser, und der See verhuellt ihre Glieder. Aber, _si parva
licet componere magnis_, was soll man zu jener skandaloesen Geschichte
sagen, die H. Clauren in einem frueheren Jahrgang des Freimuetigen, eines
Blattes, das in so manchem haeuslichen Zirkel einheimisch ist, erzaehlt?

Rechne man es nicht _uns_ zur Schuld, wenn wir Schaendlichkeiten aufdecken,
die jahrelang _gedruckt_ zu lesen sind. Eine junge Dame koemmt eines Tages
auf Claurens Zimmer. Sie klagt ihm nach einigen Vorreden, dass sie zwar
seit vierzehn _Tagen_ verheiratet, und gluecklich _verheiratet_, aber durch
einen kleinen Ehebruch von einer Krankheit angesteckt worden sei, die ihr
Mann nicht ahnen duerfe. H. Clauren erzaehlt uns, dass er der engelschoenen
Dame gesagt, sie sei nicht zu heilen, wenn sie ihm nicht den Grad der
Krankheit _et cetera_ zeige. Die Dame entschliesst sich zu der Prozedur.
Ich daechte, das Bisherige ist so ziemlich der hoechste Grad der
Schaendlichkeit, zum mindesten ein hoher Grad von Frechheit, dergleichen in
einem belletristischen Blatt zur Sprache zu bringen. Eine Dame,
_gluecklich_ verheiratet, seit vierzehn Tagen ein glueckliches Weib und
Ehebrecherin! Aber nein! Der Faun hat hieran nicht genug; er ladet uns zu
der Prozedur selbst ein; er rueckt den Sessel ans Fenster, er setzt die
Dame in Positur, er beschreibt uns von der Zehenspitze aufwaerts seine
Beobachtungen!!!

Ich wiederhole es, man kann von einem solchen Frevel nur zu sprechen wagen,
wenn er offenkundig geworden ist, wenn man die Absicht hat, ihn zu ruegen.
Warum in einem oeffentlichen Blatte etwas _erzaehlen_, was man in guter
Gesellschaft nicht _erwaehnen_ darf? Aber das ist H. Clauren, der geliebte,
verehrte, geachtete Schriftsteller, der Mann des Volkes. Schande genug fuer
ein Publikum, das sich Schaendlichkeiten dieser Art ungestraft erzaehlen
laesst!

In die eben erwaehnte Kategorie von _berechnetem_ Augenreiz fuer Maenner
gehoeren auch die Situationen, in welchen wir oft die Heldinnen finden.
Bald wird uns ausfuehrlich beschrieben, wie Magdalis aussah, als sie zu
Bette gebracht wurde, bald weidet man sich mit Herrn Stern an Doralicens
Angst, zu _zwei_ schlafen zu muessen, bald hoert man Vally im Bade
plaetschern und moechte ihrer naiven Einladung dahin folgen, bald sieht man
ein Kammermaedchen im Hemde, das kichernd um Pardon bittet; der gluehenden,
durch alle Nerven zitternden Kuesse, der Blicke beim Tanze abwaerts auf die
Wellenlinien der Taenzerinnen u. dgl. nicht zu gedenken; Honigworte fuer
Leute, die nichts Hoeheres kennen als Sinnlichkeit, koestlich kandierte
Zoten fuer einen verwoehnten Gaumen, treffliches Hausmittel fuer junge
Wuestlinge und alte Gecken, die mit ihrer moralischen und physischen Kraft
zu Rande sind, um dem Restchen Leben durch diese Reizmittel aufzuhelfen!

Ein _zweites_ Reizmittel fuer Maenner sind jene Zutaten, die den Gaumen
kitzeln. "Heda, Kellner, hieher sechs Flaschen des bruesselnden
Schaumweins! Ha, wie der Kork knallend an die Decke faehrt! Eingeschenkt,
lasst ihn nicht verrauchen! Jetzt fuer jeden zwei, drei Dutzend Austern
draufgesetzt!" Ist diese Sprache nicht herrlich? Wird man nicht an Homer
erinnert, der immer so redlich angibt, was seine Helden verspeisten;
freilich gab er ihnen nur gewoehnliches "Schweinefleisch", und die
Weinsorten ruehmt er auch nicht besonders; aber ein Clauren ist denn doch
auch etwas anderes als Homer; wer wollte es uebel nehmen, wenn er die Korke
fliegen laesst und Austern schmaust, fuenfhundert Stueck zum ersten Anfang?

Ich kannte einen jener bedauernswuerdigen Menschen, die man in glaenzendem
Gewand, mit zufriedener Miene auf den Promenaden umherschlendern sieht. Ihr
haltet sie fuer das gluecklichste Geschlecht der Menschen, diese
Pflastertreter; sie haben nichts zu tun und vollauf zu leben. Ihr taeuschet
euch; oft hat ein solcher Herr nicht so viel kleine Muenze, um eine
einfache Mittagskost zu bezahlen, und was er an grossem Gelde bei sich
traegt, kann man nicht wohl wechseln. Einen solchen nun fragte ich eines
Tages: "Freund, wo speiset Ihr zu Mittag? Ich sehe Euch immer nach der
Tafelzeit mit zufriedener Miene die Strasse herabkommen, mit der Zunge
schnalzend oder in den Zaehnen stochernd; bei welchem beruehmten Restaurant
speiset Ihr?"

"Bei Clauren," gab er mir zur Antwort.

"Bei Clauren?" rief ich verwundert. "Erinnere ich mich doch nicht, einen
Strassenwirt oder Garkoch dieses Namens in hiesiger Stadt gesehen zu
haben."

"Da habt Ihr recht," entgegnete er; "es ist aber auch kein hiesiger,
sondern der Berliner, H. Clauren--"

"Wie, und dieser schickt Euch kalte Kueche bis hieher?"

"Kalte und warme Kueche nebst etzlichem Getraenke. Doch ich will Euch das
Raetsel loesen," fuhr er fort; "ich bin arm, und was ich habe, nimmt
jaehrlich gerade das Schneiderkonto und die Rechnung fuer Zuckerwasser im
Kaffeehause weg; nun bin ich aber gewoehnt, gute Tafel zu halten; was fange
ich in diesen Zeiten an, wo niemand borgt und vorstreckt? Ich kaufe mir
alle Jahre von ersparten Groschen das herrliche Vergissmeinnicht von H.
Clauren, und ich versichere Euch, das ist mir Speisekammer, Keller,
Fischmarkt, Konditorei, Weinhandlung, alles in allem. Ihr muesst wissen,
dass in solchem Buechlein auf zwanzig Seiten immer eine oder zwei, wie ich
sie nenne, Tafelseiten kommen. Ich sehe mich mittags mit einem Stueck Brot,
zu welchem an Festtagen Butter koemmt, nebst einem Glase Wasser oder
duennem Biere an den Tisch, speise vornehm und langsam, und waehrend ich
kaue, lese ich im 'Vergissmeinnicht' oder in 'Scherz und Ernst.' Seine
Tafelseiten werden mir nun zu delikaten Suppentafeln; denn mein Teller ist
nicht mehr mit schlechtem Brot besetzt, meine Zaehne malmen nicht mehr
dieses magere Gebaeck, nein, ich esse mit Clauren, und der Mann versteht,
was gute Kueche ist. Was da an Fasanen, Gaenseleberpasteten, Trueffeln, an
seltenen Fischen, an--"

"Genug!" fiel ich ihm ein; "und Eure Phantasie laesst Euch satt werden?
Aber koenntet Ihr hiezu nicht das naechste beste Kochbuch nehmen? Ihr
haettet zum mindesten mehr Abwechslung."

"Ei, da ist noch ein grosser Unterschied! Sehet, das versteht Ihr nicht
recht; in den Kochbuechern wird nur beschrieben, wie etwas gekocht wird;
aber ganz anders im Vergissmeinnicht; da kann man lesen, wie es schmeckt.
Clauren ist nicht nur Mundkoch und Vorschneider, sondern er kaut auch jede
Schuessel vor und erzaehlt: so schmeckte es; und wie natuerlich ist es,
wenn er oft beschreibt, wie diesem die Sauce ueber den Bart
herabgetraeufelt sei, oder wie jener vor Vergnuegen ueber die
Trueffelpastete die Augen geschlossen! UEberdies hat man dabei den
herrlichsten Flaschenkeller gleich bei der Hand, und wenn ich das Glas mit
Duennbier zum Munde fuehre, schiebt er mir immer im Geiste Trimadera,
Bordeaux oder Champagner unter."

So sprach der junge Mann und ging weiter, um auf sein grosses Claurensches
Traktement der Verdauung wegen zu promenieren.

Was ist Rumford gegen einen solchen Mann? sprach ich zu mir. Jener bereitet
aus alten Knochen kraeftige Suppen fuer Arme und Kranke; ist aber hier
nicht mehr als Rumford und andere? Speist und traenkt er nicht durch eine
einzige Auflage des "Vergissmeinnicht" fuenftausend Mann? Wenn nur die
Phantasie des gemeinen Mannes etwas hoeher ginge, wie wohlfeil koennte man
Spitaeler, ja sogar Armeen verproviantieren! Der Spitalvater oder der
respektive Leutnant naehme das "Vergissmeinnicht" zur Hand, liesse seine
Kompanie Hungernder antreten, liesse sie trockenes Kommisbrot speisen und
wuerde ihnen einige Tafelseiten aus Clauren vorlesen.

Doch von solchen Torheiten sollte man nicht im Scherz sprechen; sie
verdienen es nicht; denn wahrer, bitterer Ernst ist es, dass solche
Niedertraechtigkeit, solche Wirtshauspoesie, solche Dichtungen _a la
carte_, wenn sie ungeruegt jede Messe wiederkehren duerfen, wenn man den
gebildeten Poebel in seinem Wahn laesst, als waere dies das Manna, so in
der Wueste vom Himmel faellt, die Wuerde unserer Literatur vor uns selbst
und dem Auslande, vor Mit- und Nachwelt schaenden!

Doch ich komme, meine verehrten Zuhoerer, noch auf einen andern Punkt, den
man weniger Ingredienz oder Zutat, sondern _Sauce piquante_ nennen koennte;
das ist die _Sprache_. Man wirft nicht mit Unrecht den Schwaben und
Schweizern vor, dass sie nicht sprechen, wie sie schreiben; aber
wahrhaftig, es gereicht H. Clauren zu noch groesserem Vorwurf, dass er so
gemein schreibt, wie er gemein und unedel zu sprechen und zu denken
scheint. Man hat in neuerer Zeit manches verschrobene und verschraenkte
Deutsch lesen muessen; waren es Wendungen aus dem fuenfzehnten Jahrhundert,
waren es Saetze aus einer spanischen Novelle, es wollte sich in unserer
reichen, herrlichen Sprache nicht recht schicken. Ohrzerreissend waren auch
die Kompositionen, die Voss nach Analogie Homer's vornahm; aber man kann
Maenner dieser Art hoechstens wegen ihres schlechten Geschmacks bedauern,
anklagen niemals; denn es lag dennoch ein schoener Zweck ihrem wunderlichen
Handhaben der Sprache zugrunde. Was soll man aber von der geflissentlichen
Gemeinheit sagen, womit der Erfinder der Mimilismanier seine Produkte
einkleidet! Koenig Salomo, wenn er noch lebte, wuerde diesen Menschen mit
einem Freudenmaedchen vergleichen. Sie geht einher im Halbdunkel, angetan
mit koestlichen Kleidern, mit allerlei Flimmer und Federputz auf dem
Haupte. Du redest sie an mit Ehrfurcht; denn du verehrst in ihr eine
wohlerzogene Frau aus gutem Hause; aber sie antwortet dir mit wieherndem
Gelaechter, sie gesteht, sie muesse lachen, dass "_sie der Bock stoesst_";
sie spricht in Worten, wie man sie nur in Schenken und auf blauen
Montagstaenzen hoeren konnte; sie enthuellt sich, ohne zu erroeten, vor
deinen Augen und spricht Zoten und Zoetchen dazu. Wehe deinem Geschmack,
wehe dir selbst und deinem sittlichen Wert, wenn dir nicht klar wird, dass
die, welche du fuer eine anstaendige Frau gehalten, eine feile Dirne ist,
bestimmt zum niedrigsten Vergnuegen einer verworfenen Klasse!

Wozu ein langes Verzeichnis dieser Sprachsuenden hieher setzen, da ja das
Buch, ueber welches wir sprechen, der "Mann im Monde", ein lebendiges
Verzeichnis, ein vollstaendiger Katalog seiner Worte, Wendungen, Farben und
Bilder ist? Es ist die Sauce, womit er seine widerlichen Frikasseen
anfeuchtet, und je mehr er ihr jenen echten Wildbretgeschmack zu geben
weiss, der schon auf einer Art von Faeulnis und Moder beruht, desto mehr
sagt sie dem verwoehnten Gaumen seines Publikums zu.

Noch ist endlich ein Zutaetchen und Ingredienzchen anzufuehren, das er aber
selten anwendet, vielleicht weil er weiss, wie laecherlich er sich dabei
ausnimmt; ich meine jene ruehrenden, erbaulichen Redensarten, die als auf
ein frommes Gemuet, auf christlichen Trost und Hoffnung gebaut erscheinen
sollen. Als uns der Fastnachtsball und das erbauliche Ende der Dame
Magdalis unter die Augen kam, da gedachten wir jenes Sprichworts: "Junge
H...n, alte Betschwestern"; wir glaubten, der gute Mann habe sich in der
braunen Stube selbst bekehrt, sehe seine Suenden mit Zerknirschung ein und
werde mit Pater Willibald selig entschlafen. Das Tornister-Lieschen,
Vielliebchen und dergleichen ueberzeugten uns freilich eines andern, und
wir sahen, dass er nur _per anachronismum_ den Aschermittwoch _vor_ der
Fastnacht gefeiert hatte. Wie aber im Munde des Unheiligen selbst das Gebet
zur Suende wird, so geht es auch hier; er schaendet die Religion nicht
weniger, als er sonst die Sittlichkeit schaendet, und diese heiligen,
ruehrenden Szenen sind nichts anderes als ein wohlueberlegter Kunstgriff,
durch Ruehrung zu wirken; etwa wie jene Bettelweiber in den Strassen von
London, die alle Vierteljahre kleine Kinder kaufen oder stehlen und mit den
ungluecklichen Zwillingen seit zehn Jahren weinend an der Ecke sitzen.

Zum Schlusse dieses Abschnittes will ich euch noch eine kleine Geschichte
erzaehlen. Es kam einst ein fremder Mensch in eine Stadt, der sich Zutritt
in die gute Gesellschaft zu verschaffen wusste. Dieser Mensch betrug sich
von Anfang etwas linkisch, doch so, dass man manche seiner Manieren
uebersehen und zurechtlegen konnte. Er hielt sich gewoehnlich zu den Frauen
und Maedchen, weil ihm das Gespraech der Maenner zu ernst war, und jene
lauschten gerne auf seine Rede, weil er ihnen Angenehmes sagte. Nach und
nach aber fand es sich, dass dieser Mensch seiner gemeineren Natur in
dieser Gesellschaft wohl nur Zwang angetan hatte; er sprach freier, er
schwatzte den Ohren unschuldiger Maedchen Dinge vor, worueber selbst die
aelteren haetten erroeten muessen. Wie es aber zu gehen pflegt: das
Luesterne reizt bei weitem mehr als das Ernste, Sittliche; zwar mit
niedergeschlagenen Augen, aber offnem Ohr lauschten sie auf seine Rede, und
selbst manche Zote, die fuer eine Bierschenke derb genug gewesen waere,
bewahrten sie in feinem Herzen. Der fremde Mann wuerde der Liebling dieses
Zirkels. Es fiel aber den Maennern nach und nach auf, dass ihre Frauen
ueber manche Verhaeltnisse freier dachten als zuvor, dass selbst ihre
Maedchen ueber Dinge sprachen, die sonst einem unbescholtenen Kinde von
fuenfzehn bis sechzehn Jahren fremd sein muessen. Sie staunten, sie
forschten nach dem Ursprung dieser schlechten Sitten, und siehe, die Frauen
gestanden ihnen unumwunden: "Es ist der liebenswuerdige, angenehme Herr,
der uns dieses gesagt hat." Viele der Maenner versuchten es mit Ernst und
Warnung, ihn zum Schweigen zu bringen; umsonst, er schuettelte die Pfeile
ab und plauderte fort. Die Maenner wussten nicht, was sie tun sollten; denn
es ist ja gegen die Sitte der guten Gesellschaft, selbst einen verworfenen
Menschen die Treppe hinabzuwerfen. Da versuchte einer einen andern Weg. Er
setzte sich unter die Frauen und lauschte mit ihnen auf die Rede des Mannes
und merkte sich alle seine Worte, Wendungen, selbst seine Stimme. Und eines
Abends kam er, angetan wie jener Verderber, setzte sich an seine Seite,
liess ihn nicht zum Worte kommen, sondern erzaehlte den Frauen nach
derselben Manier, mit nachgeahmter Stimme, wie es jener Mann zu tun
pflegte. Da fanden die Vernuenftigeren wenigstens, wie laecherlich und
unsittlich dies alles sei. Sie schaemten sich, und als jener Mensch dennoch
in seinem alten Ton fortfahren wollte, wandten sie sich von ihm ab; er aber
stand beinahe allein und zog beschaemt von dannen.

"Wo Ernst nicht hilft, da nimm den Spott zur Hilfe," dachte jener, und wohl
ihm, wenn es ihm gelang, den Wolf im Schafskleide zu verjagen!

Meine Freunde! Dasselbe, was in dieser Geschichte erzaehlt ist, dasselbe
wollte auch der "Mann im Mond", und das war ja unsere erste Frage: er
wollte den Erfinder der Mimili-Manier zu Nutz und Frommen der Literatur und
des Publikums, zur Ehre der Vernunft und Sitte laecherlich machen.

Wie er diesen Zweck verfolgte, ob es ihm gelingen _konnte_, ist der
Gegenstand der folgenden Fragen.



II.

Haben wir bisher nachgewiesen und darueber gesprochen, welchen Zweck der
"Mann im Monde" zu verfolgen hatte, indem wir den Gegenstand, gegen welchen
er gerichtet war, nach allen Teilen auseinandersetzten, so kommt es uns zu,
andaechtig miteinander zu betrachten, wie er diesen Zweck verfolgte.

Es gibt verschiedene Wege, wie schon in der Parabel vom angenehmen Mann
angedeutet ist, verschiedene Wege, um ein Laster, eine boese Gewohnheit
oder unsittliche Ansichten aus der sittlichen Gesellschaft zu verbannen.
Das erste und natuerlichste bleibt immer, einen solchen Gegenstand mit
Ernst, mit Gruenden anzugreifen, seine Anhaenger von ihrem Irrtum zu
ueberfuehren, seine Bloesse offen vor das Auge zu bringen. Diesen Weg hat
man auch mit dem Claurenschen Unfug zu wiederholten Malen eingeschlagen.
Ihr alle, meine Zuhoerer, kennet hinlaenglich jene oeffentlichen Gerichte
der Literatur, wo die Richter zwar, wie bei der heiligen Feme, verhuellt
und ohne Namen zu Gericht sitzen, aber unverhuellt und unumwunden Recht
sprechen; ich meine die Journale, die sich mit der Literatur beschaeftigen.
Wie es in aller Welt bestechliche Richter gibt, so auch hier. Es gab einige
freilich an Obskurantismus laborierende Blaetter, welche jedes Jahr eine
Fanfare bliesen zu Gunsten und Ehren Claurens und seines Neugeborenen. Dem
Vater wie dem Kindlein wurde gebuehrendes Lob gespendet und das Publikum
eingeladen, einige Taler als Patengeschenk zu spendieren. Doch zur Ehre der
deutschen Literatur sei es gesagt, es waren und sind dies nur einige
Winkelblaetter, die nur mit Modeartikeln zu tun haben.

Bessere Blaetter, bessere Maenner als jene, die um Geld lobten, scheuten
sich nicht, so oft Claurens Muse in die Wochen kam, das Produkt nach allen
Seiten zu untersuchen und der Welt zu sagen, was davon zu halten sei. Sie
steigerten ihre Stimme, sie erhoehten ihren Tadel, je mehr die Lust an
jenen Produkten unter euch ueberhand nahm; sie bewiesen mit triftigen
Gruenden, wie schaendlich eine solche Lektuere, wie entwuerdigend ein
solcher Geschmack sei, wie entnervend er schon zu wirken anfange. Manch
herrliches Wort wurde da ueber die Wuerde der Literatur, ueber wahren Adel
der Poesie und ueber euch gesprochen, die ihr nicht erroetet, ihm zu
huldigen, die ihr so verstockt seid, das Haessliche _schoen_, das Unsaubere
_rein_, das Kleinliche _erhaben_, das Laecherliche _ruehrend_ zu finden.
Woran lag es aber, dass jene Worte wie in den Wind gesprochen scheinen,
dass, so oft sich auch Maenner von wahrem Wert _dagegen_ erklaerten, die
Menge immer mehr Partei _dafuer_ nahm? Man muesste glauben, der Herr habe
ihre Herzen verstockt, wenn sich nicht noch ein anderer Grund faende.

Jene Institute fuer Literatur, die kein Volk der Erde so allgemein, so
gruendlich aufzuweisen hat wie wir, jene Journale, wo auch das Kleinste zur
Sprache kommt und nach Gesetzen beurteilt wird, die sich auf Vernunft und
wahren Wert der Kunst und Wissenschaft gruenden,--sie sind leider nur fuer
wenige geschrieben! Wer liest sie? Der Gelehrte, der Buerger von wahrer
Bildung, hin und wieder eine Frau, die sich ueber das Gebiet der
Leihbibliothek erhoben hat. Ob aber Clauren fuer _diese_ schreibt? Ob seine
Manier _diesen_ schaedlich wird? Ob sie ihn nur lesen? Und wenn sie ihn
lesen, wird ihnen die Stufe von Bildung, auf welcher sie stehen, nicht von
selbst den Takt verleihen, um das Verwerfliche einzusehen? Und wenn unter
hundert Menschen, welche lesen, sogar zehn waeren, die sich aus jenen
Instituten unterrichten, verhallt nicht eine solche Stimme bei neunzig
andern?

So kam es, dass Clauren zu wiederholten Malen angegriffen, getadelt,
gescholten, verhoehnt, bis in den Staub erniedrigt wurde; er--schuettelte
den Staub ab, antwortete nicht, ging singend und wohlgemut seine Strasse.
Wusste er doch, dass ihm ein grosses, ansehnliches Publikum geblieben, zu
dessen Ohren jene Stimmen nie drangen; wusste er doch, dass, wenn ihn der
ernste Vater mit Verachtung vor die Tuere geworfen wie einen raeudigen
Hund, der seine Schwelle nicht verunreinigen soll, das Toechterlein oder
die Hausfrau eine Hintertuere willig oeffnen werde, um auf die Honigworte
des angenehmen Mannes zu lauschen, der Ernst und Scherz so lieblich zu
verbinden weiss, und ihm von den ersparten Milchpfennigen ein Straeusschen
Vergissmeinnicht abzukaufen.

Man koennte sich dies gefallen lassen, wenn es sich um eine gewoehnliche
Erscheinung der Literatur handelte, die in Blaettern oeffentlich getadelt
wird, weil sie von den gewoehnlichen Formen abweicht oder unreif ist oder
nach Form und Inhalt den aesthetischen Gesetzen nicht entspricht. Hier kann
hoechstens die Zeit, die man der Lektuere einer Gespenstergeschichte oder
eines ehrlichen Ritterromans widmete, uebel angewendet scheinen, oder der
Geschmack kann darunter leiden. Solange fuer die jugendliche Phantasie,
fuer Sittlichkeit keine Gefahr sich zeigt, moegen immer die Richter der
Literatur den Verfasser zurechtweisen, wie er es verdient; das allgemeine
Publikum wird freilich wenig Notiz davon nehmen. Wenn aber nachgewiesen
werden kann, dass eine Art von Lektuere die groesstmoegliche Verbreitung
gewinnt, wenn sie diese gewinnt durch Unsittlichkeit, durch Luesternheit,
die das Auge reizt und dem Ohr schmeichelt durch Gemeinheit und unreines
Wesen, so ist sie ein Gift, das um so gefaehrlicher wirkt, als es nicht
schnell und offen zu wirken pflegt, sondern allmaehlich die Phantasie
erhitzt, die Kraft der Seele entnervt, den Glauben an das wahrhaft Schoene
und Edle, Reine und Erhabene schwaecht und ein Verderben bereitet, das
bedauerungswuerdiger ist als eine koerperliche Seuche, welche die Bluete
der Laender wegrafft.

Ich habe euch vorhin ein Bild entworfen von dem Wesen und der Tendenz
dieses Clauren, nach allen Teilen habe ich ihn enthuellt, und wer unter
euch kann leugnen, dass er ein solches Gift verbreite? Wer es kann, der
trete auf und beschuldige mich einer Luege! Maenner meines Volkes, die ihr
den wahren Wert einer schoenen, kraeftigen Nation nicht verkennt, Maenner,
die ihr die Phantasie eurer Juenglinge mit erhabenen Bildern schmuecken
wollt, Maenner, die ihr den keuschen Sinn einer Jungfrau fuer ein hohes Gut
erachtet, ihr, ich weiss es, fuehlet mit mir. Aber ihr muesst auch
gefuehlt, gesehen haben, dass jene oeffentlichen Stimmen, die den
Marktschreier ruegten, der den Verblendeten Gift verkauft, nicht selten in
eure Haeuser gedrungen sind. Ich habe gefuehlt wie ihr, und der Ausspruch
jenes alten Arztes fiel mir bei: _"Gegen Gift hilft nur wieder Gift."_ Ich
dachte nach ueber Ursache und Wirkung jener Mimili-Manier, ich betrachtete
genau die Symptome, die sie hervorbrachte, und ich erfand ein Mittel,
worauf ich Hoffnung setzte. Aus denselben Stoffen, sprach ich zu mir, musst
du einen Teig kneten, musst ihn wuerzen mit derselben Wuerze, nur
reichlicher ueberall, nur noch pikanter; an diesem Backwerk sollen sie mir
kauen, und wenn es ihnen auch dann nicht widersteht, wenn es ihnen auch
dann nicht wehe macht, wenn sie an _dieser_ "Trueffelpaste", an _diesem_
"Austernschmaus" keinen Ekel fassen, so sind sie nicht mehr zu kurieren,
oder--es war nichts an ihnen verloren.

Zu diesem Zweck scheute ich nicht die Muehe, die reiche Bibliothek von
"Scherz und Ernst", die ueppig wuchernde Sumpfpflanze "Vergissmeinnicht"
nach allen ihren Teilen zu studieren. Je weiter ich las, desto mehr wuchs
mein Grimm ueber diese nichtige Erbaermlichkeit. Es war eine schreckliche
Arbeit; alle seine Kunstworte (_termini technici_), alle seine Wendungen,
alle seine Schnoerkel und Arabesken, jene Kostuems, worein er seine
Pueppchen huellt, alle Nueancen der Sinnlichkeit und Luesternheit, jenen
feinen, durchsichtigen Schleier, womit er dem Auge mehr _zeigt_ als
_verhuellt_, alle Schattierungen seines Stils, jenes kokettierende
Abbrechen, jenes Hindeuten auf Gegenstaende, die man verschweigen will,
dies alles und so vieles andere musste ich suchen, mir zu eigen zu machen.
Ich musste einkehren auf seinen Baellen, bei seinen Schmaeusen, ich musste
einkehren in seiner Garkueche und die rauchenden Pasteten, den dampfenden
Braten, den schmorenden Fisch beriechen, alle Sorten seiner Weine musst'
ich kosten, musste den Kork zur Decke springen lassen, musste die
"_bruesselnden Blaeschen im Lilienkelchglas auf- und niedertanzen_" sehen
--und dann erst konnte ich sagen, ich habe den Clauren studiert.

Dann erfand ich eine Art von Novelle in der Manier, wie Clauren sie
gewoehnlich gibt, etwas mager, nicht sehr gehaltvoll und dennoch zu zwei
Teilen lang genug. Notwendiges Requisit war nach den oben angedeuteten
Gesetzen 1. ein junger, schmaechtiger, etwas bleicher, rabengelockter Mann,
ungluecklich, aber steinreich; 2. die Heldin des Stuecks, ein tanzendes,
plauderndes, naives, schoenes, luesternes, mitleidiges "Dingelchen", dem
das Herzchen alsbald vor Liebe "puppert", dem die Liebe alles Blut aus dem
Herzen in die Wangen "pumpt". (Welch gemeines Bild, von einem Weinfass
entlehnt, eines Kuefers wuerdig!) 3. ein _Spiritus familiaris_, wie wir ihn
beinahe in allen Claurenschen Geschichten treffen, ein altes, freundliches
"Kerlchen", das den Liebenden mit Rat und Tat beisteht; 4. ein neutraler
Vater, der zum wenigsten Praesident sein muss; 5. ein paar Furien von
Weibern, die das boese, eingreifende Schicksal vorstellen; 6. einige
Husarenleutnants und Dragoneroffiziere, nach seinen Modellen abkonterfeit;
7. ein alter Onkel, der mit Geld alles ausgleicht; 8. Bediente, Wirte _et
cetera_. So waren die Personen arrangiert, das Stueck zu Faden geschlagen,
und jetzt musste gewoben werden. Hier musste nun hauptsaechlich Ruecksicht
darauf genommen werden, dass man sein Dessein immer im Auge behielt, dass
man immer daran dachte, wie wuerde er, der grosse Meister, dies weben? Das
Gewebe musste locker und leicht sein, keiner der Charaktere zu sehr
herausgehoben und schattiert. Es waere z. B. ein leichtes gewesen, aus Ida
eine ganz honette, wuerdige Figur zu machen; der Charakter des Hofrat
Berner haette mit wenigen Strichen mehr hervorgehoben werden koennen; man
haette aus der ganzen Novelle ein mehr gerundetes, wuerdiges Ganze machen
koennen! Aber dann--war der Zweck verfehlt. So flach als moeglich mussten
die verschiedenen Charaktere auf der Leinwand stehen, steif in ihren
Bewegungen, uebertrieben in ihrem Herzeleid, grell in ihren Leidenschaften,
sinnlich, _sinnlich_ in der Liebe. Jene Novelle an sich hat keinen Wert,
und dennoch hat es mich oft in der Seele geschmerzt, wenn ich eines oder
das andere der gesammelten "Zutaetchen" einstreuen, wenn ich von keuschem
Marmorbusen, stolzer Schwanenbrust, jungfraeulichen Schneehuegeln,
Alabasterformen _et cetera_ sprechen musste, wenn ich nach seinem Vorgange
von schoenen von suessen "Kue--" (was nicht _Kueche_ bedeutet), von
wolluestigen Traeumen schreiben sollte, wenn die Liebesglut zur Sprache
kam, die dem "jungfraeulichen Kind" wie gluehendes Eisen durch alle Adern
rinnt, dass sie alle andern Tuecher wegwirft und die leichte Bettdecke
herabschieben muss! Ich habe gelacht, wenn ich nach Anleitung seines
_Gradus ad Parnassum_ als Beiwort zu den Haaren "kohlrabenschwarz" oder
"Flachsperuecke" setzen musste, wenn man statt der Augen "Feuerraeder" oder
"Liebessterne" hat, "Korallenlippen", "Perlenschnuere" statt der Zaehne,
Schwanenhaelse samt _dito_ Brust, Knie, die man zusammen "kneipt", weil man
vor Lachen "bersten" moechte; Waed--und Fuesschen zum Kue--und
dergleichen laecherlich gemeine Worte. Nachdem gehoerig _getollt, gejodelt,
getanzt, geweint, abgehaermt_ war, nachdem, wie natuerlich, das Laster
besiegt und die Tugend in einem herrlichen Schleppkleide, mit Bruesseler
Kanten, Blumen im Haare, auf die Buehne gefuehrt war, wurden als Morgengabe
mehrere Millionen Taler, einige Schloesser, Parks, Gruende _et cetera_
aufnotiert und Hochzeit gehalten. Da gab es nun ein "erschreckliches Hallo,
dass man nicht wusste, wo einem der Kopf stand"; es wurde trefflich
gespeist und getrunken und das selige Liebespaar beinahe bis in die
Brautkammer befoerdert.

Das ist der Ur- und Grundstoff, wie zu jedem Claurenschen Roman, so auch
zum "_Mann im Mond_"; auf diese Art suchte er seinen Zweck zu erreichen,
durch Uebersaettigung Ekel an dieser Manier hervorzubringen; die Satire
sollte ihm Gang und Stimme nachahmen, um ihn vor seinen andaechtigen
Zuhoerern laecherlich zu machen. Mit Vergnuegen haben wir da und dort
bemerkt, dass der "Mann im Mond" diesen Zweck erreichte. Jeder
vernuenftige, unparteiische Leser erkannte seine Absicht, und, Gott sei es
gedankt, es gab noch Maenner, es gab noch edle Frauen, die diese
oeffentliche Ruege der Mimili-Manier gerecht und in der Ordnung fanden.

OEffentliche Blaetter, deren ernster, wuerdiger Charakter seit einer Reihe
von Jahren sich gleich blieb, haben sich darueber ausgesprochen, haben
gefunden, dass es an der Zeit sei, dieses geschmacklose, unsittliche,
verderbliche Wesen an den Pranger zu stellen. Tadle mich keiner,
ehrwuerdige Versammlung, dass ich, ein junger Mann ohne Verdienste, ohne
Ansprueche auf Sitz und Stimme in der Literatur, es wagte, den
Hochberuehmten anzugreifen. Steht doch jedem Leser das Recht zu, seine
Meinung ueber das Gelesene, auf welche Art es sei, oeffentlich zu machen;
steht doch jedem Mann in der buergerlichen Gesellschaft das Recht zu, ueber
Erscheinungen, die auf die Bildung seiner Zeitgenossen von einigem Einfluss
sind, zu sprechen.

Ich bin weit entfernt, mich mit dem grossen juedischen Koenig und
Harfenisten _David_ vergleichen zu wollen; aber hat nicht der Sohn Isais,
obgleich er jung und ohne Namen im Lager war, dem Riesen Goliath ein
steinernes _Vergissmeinnicht_ an die freche Stirne geworfen, ihm in
_Scherz_ und _Ernst_ den Kopf abgehauen und solchen als _Lustspiel_ vor
sich hertragen lassen? Mir freilich haben die Jungfrauen nicht gesungen:
"Er hat Zehntausend geschlagen" (worunter man die Zahl seiner Anhaenger
verstehen koennte); denn die Jungfrauen sind heutzutage auf der Seite des
Philisters; natuerlich, er hat ja, wie Asmus sagt,

  "--Federn auf dem Hut
   und einen Klunker dran."

Selbst die juedischen Rezensenten haben sich undankbarerweise gegen mich
erklaert. Leider hat ihre Stimme wenig zu bedeuten in Israel.

Gehen wir aber, in Betrachtung, wie es dem Mondmann auf der Erde erging,
weiter, so stossen wir auf einen ganz sonderbaren Vorfall. Als dieses Buch,
dem neben der Weise und Sprache des Erfinders der Mimili-Manier auch sein
angenommener Name nicht fehlen durfte, in alle vier Himmelsgegenden des
Landes ausgegeben wurde, erwarteten wir nicht anders, als Clauren werde
"geharnischt bis an die Zaehne" auf dem Kampfplatz der Kritik erscheinen,
uns mit Schwert und Lanze anfallen, seine Knappen und dienenden Reisigen
zur Seite. Wir freuten uns auf diesen Kampf; wir hatten ja fuer eine gute
Sache den Handschuh ausgeworfen. Vergebens warte ten wir. Zwar erklaerte
er, was schon auf den ersten Anblick jeder wusste, dieser "Mann im Mond"
sei nicht sein Kind; aber statt, wie es einem beruehmten Literator, einem
namhaften Belletristen geziemt haette, wie es sogar seine Ehre gegenueber
von seinen Anbetern und Freunden verlangte, oeffentlich vor dem
Richterstuhl literarischer Kritik, nach aesthetischen Gesetzen sich zu
verteidigen, begnuegte er sich, als Gegengewicht das "Tornister-Lieschen"
auf die Wagschale zu legen, und ging hin, vor den _buergerlichen Gerichten
zu klagen, man habe seinen Namen gemissbraucht. Hatte man denn die paar
Buchstaben _H. Clauren_ angegriffen? War es nicht vielmehr seine heillose
Manier, seine sittenlosen Geschichten, sein ganzes unreines Wesen, was man
anfocht? Konnten Schoeppen und Beisitzer eines buergerlichen Gerichts ihn
rein machen von den literarischen Suenden, die er begangen? Konnten sie mit
der Flut von Tinte, die bei diesem Vorfall verschwendet wurde, ihn
reinwaschen von jedem Fleck, der an ihm klebte? Konnten sie ihm, indem sie
ihm ihr buergerliches Recht zusprachen, eine Achtung vor der Nation
verschaffen, die er laengst in den Augen der Gutgesinnten verloren? Konnten
sie, indem sie genugsam Sand auf das Geschriebene streuten, das, was er
geschrieben, weniger schluepfrig machen?

Wenn aber, andaechtige Versammlung, der Gerichtshof H. Clauren als wirklich
vorhanden angenommen hat, so hat er damit nur erklaert, dass man Claurens
Namen nicht fuehren duerfe, dass es unrechtmaessigerweise geschehen sei,
dass man die acht Buchstaben, die das _non ens_ bezeichneten, H. C. l. a.
u. r. e. n., in derselben Reihenfolge auch auf ein anderes Werk gesetzt
habe. In einer andern Reihenfolge waere es also durchaus nicht unrecht
gewesen, und wie viele Anagramme sind nicht aus jenen mystischen acht
Buchstaben zu bilden! z. B. _Hurenlac_ oder _Harnceul_. Der Geheime Hofrat
Carl Heun bezeugt eine ausserordentliche Freude ueber diesen Spruch und
glaubt, somit sei die ganze Sache abgetan und _er habe_ recht. Wie taeuscht
sich dieser gute Mann! War denn jene Satire, "der Mann im Mond", gegen
seinen angenommenen Namen gerichtet?--Namen, Herr, tun nichts zur Sache;
der Geist ist's, auf den es abgesehen war. Und die Richter vom Esslinger
Gerichtshof konnten und wollten _diese_ entscheiden, ob die Tendenz, die
Sprache, das ganze Wesen von Seiner Wohlgeboren Schriften sittlich oder
unsittlich sei, ob sie Probe halten vor dem Auge, das nach kritischen
Gesetzen urteilt und nach den Vorschriften der Aesthetik, in welches Gebiet
doch die Schriften eines Clauren gehoeren? Der _Name_, nicht die _Sache_
konnte nach buergerlichen Gesetzen unrecht sein; aber versuche er einmal,
nachdem er mit Glueck seinen _Namen_ verfochten, auch seine _Sache_, den
Geist und die Sprache seiner Schriften zu verteidigen!--Bedenke:

  "Auch das Schoene muss sterben, das Menschen und Goetter entzueckte;
   Doch das Gemeine steigt lautlos zum Orkus hinab."

Wohl dem Namen Clauren, wenn er dann trotz so manchem Vergissmeinnicht
_vergessen_ sein wird; denn nach wenigen Jahrzehnten verschwindet der
_Scherz_, und _ernst_ richtet die Nachwelt. Da wird man fragen, von welchem
Einfluss war dieser Name aus seine Mitwelt? Was hat er fuer die Wuerde
seiner Nation, fuer den Geist seines Volkes getan? Und--man wird nach
Werken, nicht nach Worten richten.

Bei den alten Aegyptern war es Sitte, wenn man die Koenige der Erde
wiedergab, Gericht zu halten ueber ihre Taten. Man hat in unseren Tagen
diese schoene Sitte erneuert, so oft einer unter den Dichtern, den Koenigen
der Phantasie, hinuebergegangen war. Ueber Jean Paul vernahmen wir das
schoene merkwuerdige Wort. "Gute Buecher sind gute Taten!" Wird man von
Clauren dasselbe sagen?

Doch genug davon! Noch hat weder Clauren, noch ein Gerichtshof der Erde den
"Mann im Mond" nach seinem innern Wesen widerlegt; wir sind begierig, ob
und wie es geschehen werde.

Und nun zum Schlusse noch ein Wort an euch, verehrte Zuhoerer! Habt ihr bis
hierher mir aufmerksam zugehoert, so danke ich euch herzlich; denn ihr
wisset jetzt, was ich gewollt habe. Schmerzen wuerde es mich uebrigens,
wenn ihr mich dennoch nicht verstaendet, nicht recht verstaendet. Es
moechte vielleicht mancher mit unzufriedener Miene von mir gehen und
denken: der Tor predigt in der Wueste; sollen wir denn jeglichem heiteren
Geistesgenuss entsagen, sollen wir so ganz asketisch, leben, dass unsere
Taschenlektuere Klopstocks Messias werden soll?

Mitnichten! und es waere Torheit, es zu verlangen; als der Schoepfer dem
Sterblichen Witz und Laune, Humor und Empfaenglichkeit fuer Freude in die
Seele goss, da wollte er nicht, dass seine Menschen trauernd und stumm
ueber seine schoene Erde wandelten. Es hat zu allen Zeiten grosse Geister
gegeben, die es nicht fuer zu gering hielten, durch die Gaben, die ihnen
die Natur verlieh, die Welt um sich her aufzuheitern. Nein, gerade weil sie
den tiefen Ernst des Lebens und seine hohe Bedeutung kannten, gerade
deswegen suchten sie von diesem Ernste--trueben Sinn und jene Traurigkeit
zu verbannen, die alles, auch das Unschuldigste, mit Bitterkeit mustert.
Wirkliche Tiefe mit Humor, Wahrheit mit Scherz, das Edle und Grosse mit dem
heiteren Gewand der Laune zu verbinden, moechte auf den ersten Anblick
schwer erscheinen. Aber England und Deutschland haben uns seit
Jahrhunderten so glaenzende Resultate gegeben, dass wir glauben duerfen,
wenn nur der Geschmack der Menge besser waere, der Geister, die sie wuerdig
und angenehm zu unterhalten wuessten, wuerden immer mehrere auftauchen.
Welchen Mann, der nicht allen Sinn fuer Scherz und muntere Laune hinter
sich geworfen hat, welchen Mann ergoetzt nicht die Schilderung eines
sonderbaren, verschrobenen Charakters? Wer erfreut sich nicht an heiteren
Szenen, wo nicht der _Verfasser_ lacht, sondern die Figuren, die er uns
gezeichnet? Wem, wenn er auch jahrelang nicht gelaechelt haette, muessten
nicht Jean Pauls Pruegelszenen ein Laecheln abgewinnen? Auf der
Stufenleiter seines Humors steigt er herab bis in das unterste, gemeinste
Leben; aber sehet ihr ihn jemals gemein werden, wie Clauren auf jeder Seite
ist? Walter Scott, der Mann des Tages, der aus manchem Herzen selbst die
Wurzel des "Vergissmeinnicht" gerissen hat, Walter Scott treibt sich in den
gemeinsten Schenken des Landes, in den schmutzigsten Hoehlen von Alsatia
umher; aber sehet ihr ihn jemals gemein werden? Weiss er nicht, wie jene
niederlaendischen Kuenstler, sogar das Unsauberste zu malen, ohne dennoch
selbst unreinlich und schluepfrig zu sein? Koennet ihr nicht seine
Schilderungen, selbst an das Gefaehrliche streifende Situationen, jedem
Maedchen von Zucht und Sitte vorlesen, ohne sie dennoch erroeten zu machen?

Solche Maenner kommen mir vor wie anstaendige Leute, die durch eine
schmutzige Strasse in gute Gesellschaft gehen sollen. Sie treten leise auf,
sie wissen mit sicherem Fusse die breiten Steine herauszufinden und treten
reinlich in den Hausflur, waehrend Menschen wie Clauren, wilden Jungen oder
Schweinen gleich, durch dick und duenn laufen und, nicht zufrieden, sich
selbst beschmutzt zu haben, die Voruebergehenden besudeln und mit Kot
bespritzen.

Noch gibt es, Gott sei es gedankt, solcher reinlichen Leute genug in
unserer Literatur, gibt es der Maenner viele, die mit Wahrheit und Wuerde
jene Anmut, jene Laune verbinden, die euch in trueben Stunden freundlich zu
Hilfe kommt. Oder solltet ihr vergessen haben, dass uns ein Goethe, ein
Jean Paul, ein Tieck, ein Hoffmann Erzaehlungen gaben, die sich mit jeder
Dichtung des Auslandes messen koennen? Hat euch der Vergissmeinnicht-Mann
so gaenzlich gefesselt, dass ihr die schoenen Blueten zahlreicher anderer
Erzaehler nicht einmal vom Hoerensagen kennt? Freilich, diese Maenner
verschmaehten es, ihre Blumen am Sumpf zu brechen oder ihre Farben mit dem
Wasser einer Pfuetze zu mischen; sie fuehlten, dass der Entwurf ihrer
Gemaelde anziehend und interessant, dass die Stellung der Gruppen nach
natuerlichen Gesetzen zu ordnen sei, dass selbst das Neue, Ueberraschende
angenehm fuer das Auge sein muesse. Zeichnung der Landschaft, nicht der
Spiegel und Sofas, Schilderung der Charaktere, nicht der Huete und
Gewaender, der Geist einer Jungfrau, nicht der ueppige Bau ihrer Glieder
war ihnen die Hauptsache. Und darum koennen wir auch ihre Bilder, wie jedes
gute Buch, alle Jahre mit erneuertem Vergnuegen lesen, waehrend uns der
_Beruehmte_ schon nach der ersten Viertelstunde anekelt.

Man hat in neuerer Zeit in Frankreich und England angefangen, unsere
Literatur hochzuschaetzen. Die Englaender fanden einen Ernst, eine Tiefe,
die ihnen bewunderungswuerdig schien. Die Franzosen fanden eine Anmut, eine
Natuerlichkeit in gewissen Schilderungen und Gemaelden, die sie selbst bei
ihren ersten Geistern selten fanden. Faust, Goetz und so manche herrliche
Dichtung Goethes sind ins Englische uebertragen worden, seine Memoiren
entzuecken die Pariser, Tiecks und Hofsmanns Novellen fanden hohe Achtung
ueber dem Kanal, und Talma ruestet sich, Schillers tragische Helden seiner
Nation vor das Auge zu fuehren. Wir Deutschen handelten bisher von jenen
Laendern ein, ohne unsere Produkte dagegen ausfuehren zu koennen. Mit Stolz
duerfen wir sagen, dass die Zeit dieses einseitigen Handels vorueber ist.

Aber muessen wir nicht erroeten, wenn es endlich einem ihrer Uebersetzer,
aufmerksam gemacht durch den Ruhm des Mannes, einfaellt, ein
"Vergissmeinnichtchen" ueber ein Baendchen von "Scherz und Ernst" zu
uebertragen? Mit Recht koennt' er in einer pompoesen Anzeige sagen: "Das
ist jetzt der Mann des Tages in Deutschland, er macht Furor, _den_ muesst
ihr lesen!" Meinet ihr etwa, man sei dort auch so nachsichtig gegen
Laecherlichkeit und Gemeinheit, um diese Geschichtchen nur ertraeglich zu
finden? Welchen Begriff werden gebildete Nationen von unserem soliden
Geschmack bekommen, wenn sie den ganzen Apparat einer Tafel oder ein
Maedchen mit eigentuemlichen Kunstausdruecken anatomisch beschrieben
fanden? Oder, wenn der Uebersetzer in unserem Namen erroetet, wenn er alle
jene obszoenen Beiworte, alle jene kleinlichen Schnoerkel streicht und nur
die interessante Novelle gibt, wie Herr N. die Demoiselle N. N. heiratet,
was wird dann uebrig sein?

Schneidet einmal dieser Puppe ihre kohlrabenschwarzen Ringelloeckchen ab,
presst ihr die funkelnden Liebessterne aus dem Kopfe, reisst ihr die
Perlenzaehne aus, schnallet den Schwanenhals nebst Marmorbusen ab, leget
Schals, Huete, Federn, Unter- und Oberroeckchen, Korsettchen _et cetera_ in
den Kasten, so habt ihr dem lieben, herrlichen Kinde die _Seele_ genommen,
und es bleibt euch nichts als ein hoelzerner Kadaver, das Knochengerippe
von Freund Heun!

Und wenn ihr euch nicht vor fremden Nationen schaemet, wenn ihr ueber das
deutsche Publikum nicht erroeten koennet, so erroetet vor euch selbst!
Schaemet euch, ihr Maenner, wenn ihr eure Langweile nicht anders toeten
koennet als mit Hilfe dieses Clauren! Schaemet euch, ihr Frauen, wenn ihr
Gefallen finden koennet an dieser niedrigsten Darstellung eures
Geschlechtes! Schaemet euch, ihr Juenglinge, wenn ihr wahre Liebe in diesem
Handbuche der Sinnlichkeit wiederfinden wollet! Erroetet, wenn ihr es in
seiner Schule nicht verlernt habt, erroetet vor euch selbst, ihr
Jungfrauen, eure Phantasie mit diesen luesternen Bildern zu schmuecken! Es
gibt eine moralische Keuschheit, eine holde, erhabene Jungfraeulichkeit der
Seele. Man darf darauf rechnen, dass ein Maedchen sie verloren hat, wenn
sie Claurens Erzaehlungen gelesen.

Ueberlasset seine Schilderungen Dirnen, an welchen nichts mehr zu verlieren
ist. Man wird es ihnen so wenig uebelnehmen, wenn sie ihn lesen, als den
Handwerksburschen, wenn sie auf der Strasse unzuechtige Lieder singen.

Meine Zuhoerer! Ich habe also vor euch gesprochen, weil ich nicht anders
konnte. Ich habe nicht auf Dank, nicht auf Lob gerechnet. Die Menge ist
vielleicht so tief gesunken, dass sie nicht mehr an solche Worte glaubt;
meine Stimme verhallt vielleicht in dem tausendstimmigen Hurra, womit man
in diesem Augenblick einen frischen Strauss "Vergissmeinnicht" empfaengt.

Doch, wenn meine Worte auch nur auf einem Antlitz jene Roete der Scham
aufjagten, die wie die Morgenroete der Bote eines schoeneren Lichtes ist,
wenn auch nur zwei, drei Herzen entruestet sich von ihm abwenden, so habe
ich fuer mein Bewusstsein genug getan! Weiss ich doch, dass es in diesen
Landen noch Maenner gibt, die mir im Geiste danken, die mir die Hand
druecken und sagen: "Du hast gedacht wie wir!" Amen.



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Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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